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Wie und warum haben sich Aufgabenspektrum und Verhältnis von Hausvater und Hausmutter im Verlauf des 18. Jh. verändert?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 20 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Neuere Geschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Hausväterliteratur und ihre Einordnung in den geschichtlichen Kontext

3. Das Werk des Franz Philipp Pfalzgraf bei Rhein bzw. Francisci Philippi Florinus
3.1 DieAutoren
3.2 Das Aufgabenspektrum von Hausvater und Hausmutter und ihre Beziehungen innerhalb der Hausgemeinschaft

4. Die Werke Christian Friedrich Germershausens
4.1 DerAutor
4.2 Das Aufgabenspektrum der „Hausmutter in allen ihren Geschäften“ und des „Hausvater in systematischer Ordnung“
4.3 Die Beziehungen innerhalb der Hausgemeinschaft

5. Gegenüberstellung der Ergebnisse und Fazit

Quellen und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wer hätte es vor fünfzig Jahren glauben sollen, da ß auch der Naturforscher von Profession sich darauf legen, und bis zum Wetteifer darauf sinnen würde, die Natur= und Wirthschaftsstunde so zu verschwistern, da ß die erste der anderen die Hand bieten, und zum Wegweise dienen sollte, die Erzeugnisse der Natur mit immer mehrerer Sicherheit und Leichtigkeit zu gewinnen und zu veredeln, hierdurch aber Nationalwohlstand so wohl zu erhalten, als immer steigender zu machen?.1

Dieses Zitat kann stellvertretend für die Volksaufklärung stehen. Es handelte sich um eine Zeit der Veränderungen und Umbrüche, jedoch nicht in Form von Revolutionen. Die Volksaufklärung fand in jedem einzelnen Beteiligten statt. Sie hatte einen emanzipativen Charakter und entwickelte sich aus einer Selbstinitiative. Ein entscheidender Entwicklungsschritt in die Richtung einer aufgeklärten und selbst denkenden Gesellschaft erfolgt um die 70er Jahre des 18. Jahrhunderts.2 In den Jahrzehnten zuvor hatten sich ausschließlich Gelehrte um die Ökonomik und die Anwendbarkeit der Naturwissenschaften auf die Landwirtschaft bemüht.3 Doch dann erfolgte ein Umschwung mit dem Einsehen, dass das allgemeine Volk ebenso bildungsfähig ist und der Erkenntnis, dass in jungen Jahren investierte Erziehungsarbeit im Erwachsenenalter weniger Überzeugungsarbeit und weniger Aberglaube erfordert. Die Volksaufklärung meint nicht nur ein Aufklären im Sinne der Kenntniserweiterung, sondern eine grundlegende Mentalitätsveränderung. Es findet eine „Abkehr von der ungeprüften Übernahme von Tradiertem“4 und einer Abkehr vom Aberglauben statt. Ebenso rückt der bisher ignorierte Bauernstand in den Mittelpunkt der Aufklärung. So erklärt sich auch die allgemeine Bezeichnung Volksaufklärung. Ein Teilbereich der Volksaufklärung stellt das Hauswirtschaften und die damit im Zusammenhang stehende, sich ausbreitende Literatur dar. Zu Beginn der volksaufklärerischen Schriften galten vor allem Adlige, Gutsbesitzer und Großbauern als Adressaten der immer zahlreicheren und umfangreicheren Werke. Entsprechend ihrer Aufgabe, erhielten sie später die Bezeichnung Hausväterliteratur. Diese Literaturgattung entwickelte sich nach lateinischen Vorläufern im Mittelalter, im 16. Jahrhundert aus der antiken Ökonomik, der römischen Agrarlehre und den konfessionellen Ehe- und Hauslehren und bildete bis ins 19. Jahrhundert ein erfolgreiches literarisches Corpus.5 Bedeutende Vertreter dieser Literaturgattung sind Johannes Coler6, Johann Joachim Becher7, Julius Bernhard von Rohr8, Otto von Münchhausen9 oder die hier betrachteten Francisci Philippi Florinus und Christian Friedrich Germershausen.

Da die Hausväterliteratur einen entscheidenden Meilenstein der Volksaufklärung kennzeichnet, sollen einige stellvertretende Werke und ihre Bedeutung näher betrachtet werden. Im Folgenden wird der Frage nachgegangen, wie und warum sich das Aufgabenspektrum und das Verhältnis von Hausvater und Hausmutter im Verlauf des 18. Jahrhunderts verändert haben. Zur Beantwortung der Fragestellung werden die Werke Oeconomvs Prvdens Et Legalis. Oder Allgemeiner Klug- und Rechts- verständiger Haus-Vatter 10 von Florinus und die beiden sehr umfangreichen Werke Germershausens Die Hausmutter in allen ihren Geschäften 11 und Der Hausvater in systematischer Ordnung 12 herangezogen. Die genannten Titel stehen stellvertretend für das Aufkommen und Aussterben der Hausväterliteratur. Denn Florinus leitete diese besondere Textgattung mit seinem in mehreren Bänden erschienen Titel ein, wohingegen Der Hausvater in systematischer Ordnung das letzte verfasste Werk dieser Art ist. „Germershausen ist der letzte Repräsentant der eigentlichen Hausväterliteratur in Deutschland.“13 Alle nachfolgenden Werke legen das Augenmerk auf die Volksnähe und beschäftigen sich ausführlich mit der Aufklärung des Volkes bzw. des folgenden Analyse das Hauswirtschaften typischer Gutsherren und Gutsbesitzer betrachtet, da sich hier die Anfänge aufklärerischer Schriften finden lassen. Im Unterschied zum Bauern und seiner Haushaltsführung, ist der Haushalt des Gutsbesitzers um die Pflege und Kontrolle des Gesindes zu erweitern. Außerdem umfasst die Hausgemeinschaft einen größeren Personenkreis.14

Unterstützend werden der Kluger Haus-Vater, verständige Haus-Mutter, vollkommener Land-Medicus: wie auch wohlerfahrner Ross- und Viehe-Artzt von Becher und Der Hausvater von Münchhausen herangezogen. Als wichtigste Informationsquelle zur Aufklärung dienen Böning/Siegert15, Böning/Schmitt/Siegert16 und die Sammelbände „Volksaufklärung. Ausgewählte Schriften“.

2. Die Hausväterliteratur und ihre Einordnung in den geschichtlichen Kontext

Die Hausväterliteratur stellte eine besondere Textgattung dar, welche ausschließlich im deutschen Sprachraum während der Zeit der (Volks-)Aufklärung vertreten war. Die Ursprünge der Hausväterliteratur begründeten sich auf der griechischen Ökonomie und der römischen Agrarlehre.17 Die unter dieser Rubrik verfassten und veröffentlichten Werke stellten eine Art Ratgeberliteratur für das alltägliche und praktische Leben dar. In ihnen fanden sich zahlreiche Anweisungen zu Haustugenden, religiösen Aufgaben des Hausvaters, häuslichen Sozialbeziehungen, sozialen Aufgaben von Hausvater und Hausmutter, hauswirtschaftlichen, landwirtschaftlichen und gewerblichen Techniken, juristischen Kenntnissen und Kenntnissen für die Gründung eines Haushaltes. Die Hausherrschaft erfreute sich eines so großen Interesses, da sie im Kleinen stellvertretend für sämtliche andere Herrschaftsverhältnisse in Staat und Gesellschaft stand.18 Die Hausväterliteratur verstand sich damit als Wegweiser für die umfänglichen Aufgaben innerhalb des ,ganzen Hauses‘ und hatten einen Handbuchcharakter. Die Literaturgattung ist dadurch gekennzeichnet, dass sie sich durch ihren Detailreichtum an Laien und durch ihren Umfang an erfahrene Leser richtet. Das Ziel dieser Werke war die Festigung christlicher Normenvorstellungen und die ideologische Formierung und Festigung des Familienbandes. Vor allem die anfänglich verfassten Werke trugen diese Merkmale. In späteren Büchern der Hausväterliteratur, wie bei Germershausen oder Becher, treten christlich-religiöse Werte etwas in den Hintergrund und dem praktisch- nützlichen Aspekt wird mehr Beachtung geschenkt. So werden die Formulierungen sachlicher und auf das Wesentliche beschränkt, aber auch alltagsnahe Beispiele herangezogen. Der moralische und sittliche Appell bleibt allerdings weitestgehend erhalten. Ebenso wie die Inhalte, veränderte sich auch der Personenkreis, an welchen die Ratgeber adressiert wurden. Zu Beginn galten Adlige, Beamte, Gutsherren und Gutsbesitzer zum bevorzugten Leserkreis19, spätere Werke richten sich auch an die ungelehrte Landbevölkerung und Bauern. Verfasser oder Mitverfasser der Hausväterliteratur sind häufig Angehörige der Kirche. Sie werden damit zu den wichtigsten Vermittlern volksaufklärerischen Gedankengutes, da sie es nicht nur vorlesen und damit verbreiten, sondern maßgeblich an den Inhalten beteiligt sind. Ab Mitte des 18. Jahrhunderts „widerfuhr dem Landmann großes Interesse, wodurch Hausväterliteratur und Predigten über den christlichen Hausstand an Bedeutung verloren.“20 Mit der wachsenden Einsicht, dass sich nur ein beschränkter Adressatenkreis erreichen lässt und eine ständige Aktualisierung des Kenntnisstandes schwer möglich ist, trat die Hausväterliteratur mehr und mehr in den Hintergrund. Verdrängt wurde sie schließlich durch kleinere Schriften und Zeitungen.21

3. Das Werk des Franz Philipp Pfalzgraf bei Rhein bzw. Francisci Philippi Florinus

3.1 Die Autoren

Streng genommen ist Franz Philipp Pfalzgraf bei Rhein (1630-1703) nur ein Mitautor, denn neben ungenannten Autoren zog er noch den namentlich genannten juristischen Mitverfasser und Rechtsgelehrten Johann Christoph Donauer (1669-1718)22 für die Erstellung des Werkes heran.23 Dieser war Konsulent der Reichsstadt Nördlingen24 und Rechtsgelehrter. Als entscheidener Mitautor und -verleger wird der Theologe Francisci Philippi Florinus (1649-1699) vermutet, der Bibliothekar am Hof von Franz Philipp Pfalzgraf bei Rhein.25 Der Theologe Francisci Philippi Florinus - vormals Vikar und Rektor, später auch Pfarrer - qualifizierte sich durch seine praktischen Erfahrungen als Landwirt in Verbindung mit „ jener eines herzoglichen Bibliothekars [...] als Herausgeber und teilweise auch Autor des [...] Hausväterwerks26. Unter dessen Namen erreichten die neun Bände des Oeconomvs Prvdens Et Legalis. Oder Allgemeiner Klug- und Rechts-verständiger Haus-Vatter auch ihre Bekanntheit und werden in der Allgemeinheit der Florinus genannt.27

Festzuhalten ist, dass nur der erste Band unter der Mitarbeit Florinus entstanden ist. Alle weiteren Bände erschienen erst längere Zeit nach seinem Tod und wie der erste Band, durch die gemeinsame Arbeit verschiedener Autoren. Die Folgebände erschienen alle gleichsam unter dem Namen Florinus und werden deshalb auch dem Erstwerk „ Oeconomvs Prvdens Et Legalis. Oder Allgemeiner Klug- und Rechts-verständiger Haus-Vatter “ zugeordnet. Das Werk ist für die Deutschen geschrieben und dementsprechend mit Beispielen , inner des Reichs Gräntzen28 versehen.

[...]


1 Germershausen, Christian Friedrich: Die Hausmutter in allen ihren Geschäften. Erster Band, Leipzig 1782, Vorrede S. 1.

2 Vgl. Böning, Holger; Siegert, Reinhardt: Volksaufklärung. Biobibliographisches Handbuch zur Popularisierung aufklärerischen Denkens im deutschen Sprachraum von den Anfängen bis 1850. Stuttgart-Bad Cannstatt 2001, S. XXVI.

3 Vgl. Böning, Holger; Schmitt, Hanno; Siegert, Reinhart (Hg.): Volksaufklärung. Eine praktische Reformbewegung des 18. und 19. Jahrhunderts, Bremen 2007, S. 16.

4 Böning, Holger; Siegert, Reinhart: Volksaufklärung. Biobibliographisches Handbuch zur

Popularisierung aufklärerischen Denkens im deutschen Sprachraum von den Anfängen bis 1850, Stuttgart-Bad Cannstatt 2001, S. X.

5 Vgl. Münch, Paul: Lebensformen in der Frühen Neuzeit 1500 bis 1800, Frankfurt am Main und Berlin 1996, S. 193.

6 Johannes Coler (1566-1639) „Oeconomia ruralis et domestica“, erschienen in insgesamt vierzehn Auflagen.

7 Becher, Johann Joachim: Kluger Haus-Vater, verständige Haus-Mutter, vollkommener Land-Medicus: wie auch wohlerfahrner Ross- und Viehe-Artzt. Leipzig 1755.

8 Rohr, Julius Bernhard von: Vollständiges Haußwirthschaffts-Buch, Leipzig 1722.

9 Münchhausen, Otto von: Der Hausvater, Hannover 1765.

10 Florini, Francisci Philippi: Oeconomvs Prvdens Et Legalis. Oder Allgemeiner Klug- und Rechtsverständiger Haus-Vatter, Nürnberg, Frankfurt und Leipzig 1705.

11 Germershausen, Christian Friedrich: Die Hausmutter in allen ihren Geschäften, 4 Bände, Leipzig 1777-1781.

12 Germershausen, Christian Friedrich: Der Hausvater in systematischer Ordnung, 5 Bände, Leipzig 1783-1786.

13 Stolberg-Wernigerode, Otto zu: Neue deutsche Biographie, Bd. 6, Berlin 1964, S. 311. Bauernstandes. Die Auswahl kann nur exemplarisch stattfinden, deshalb wird bei der

14 Hausgemeinschaft = Lebensgemeinschaft, bestehend aus Hausbesitzer mit Frau und leiblichen Kindern, Stiefkinder, auch unehelich geborene, Anverwandte, Gesinde, Inleute wie Altenteiler

15 Böning, Holger; Siegert, Reinhart: Volksaufklärung. Biobibliographisches Handbuch zur Popularisierung aufklärerischen Denkens im deutschen Sprachraum von den Anfängen bis 1850, Stuttgart-Bad Cannstatt 2001.

16 Vgl. Böning, Holger; Schmitt, Hanno; Siegert, Reinhart (Hg.): Volksaufklärung. Eine praktische Reformbewegung des 18. und 19. Jahrhunderts, Bremen 2007.

17 Münch, Paul: Lebensformen in der Frühen Neuzeit 1500 bis 1800, Frankfurt am Main und Berlin 1996, S. 193.

18 Münch, Paul: Lebensformen in der Frühen Neuzeit 1500 bis 1800, Frankfurt am Main und Berlin 1996, S. 191.

19 Vgl. Böning, Holger; Siegert, Reinhart: Volksaufklärung. Biobibliographisches Handbuch zur Popularisierung aufklärerischen Denkens im deutschen Sprachraum von den Anfängen bis 1850, Stuttgart-Bad Cannstatt 2001, S. 93.

20 Ebd.

21 Vgl. Böning, Holger: Idee von einem christlichen Dorf und andere Texte zur frühen Volksaufklärung. Stuttgart-Bad Cannstatt 2002, S.8.

22 Stolberg-Wernigerode, Otto zu: Neue deutsche Biographie, Bd. 5, Berlin 1961, S. 255.

23 Florini, Francisci Philippi: Oeconomvs Prvdens Et Legalis. Oder Allgemeiner Klug- und Rechtsverständiger Haus-Vatter, Nürnberg, Frankfurt und Leipzig 1705, Vorrede S. 1f.

24 Stolberg-Wernigerode, Otto zu: Neue deutsche Biographie, Bd. 5, Berlin 1961, S. 255.

25 Ebd.

26 Ebd.

27 Ebd.

28 Ebd.

Details

Seiten
20
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656818175
ISBN (Buch)
9783656818168
Dateigröße
1.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v282768
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Geschichte
Note
2,0
Schlagworte
aufgabenspektrum verhältnis hausvater hausmutter verlauf

Autor

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Titel: Wie und warum haben sich Aufgabenspektrum und Verhältnis von Hausvater und Hausmutter im Verlauf des 18. Jh. verändert?