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Metaphern in der deutschen und chinesischen Börsenfachsprache

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 45 Seiten

Deutsch - Deutsch als Fremdsprache / Zweitsprache

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Einleitung

2. Metaphern in der Börsenfachsprache
2.1. Metaphern als Fachtermini
2.2.Die Fachlichkeit der Börsensprache - am Beispiel der Börsenberichte

3. Analyse von Metaphern im Sprachvergleich in Bezug auf Quelledomäne und konzeptuelle Übertragungen
3.1. Entlehnungen aus der englischen Sprache
3.2. Konzeptuelle Übertragungen aus der Fach- und Gemeinsprache
3.2.1. Bewegungsmetaphern
3.2.2. Meteorologische Metaphern
3.2.3. Tier- und Farbenmetaphern
3.2.4. Der Niederschlag der kulturellen Besonderheiten in Metaphern
3.3. Ergebnis des Metaphern-Vergleichs

4. Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

1. Einleitung

Seit über Sprache nachgedacht wird, hat die Metapher große Aufmerksamkeit auf sich gezogen (vgl. Kurz 2004: S. 7). Als ein wichtiges Sprachinstrument spielt die Metapher nicht nur in der alltäglichen sondern auch in der fachlichen Kommunikation eine unersetzbare Rolle. Heutzutage gehört sie zum festen Bestandteil vieler Fachsprachen und ist ein häufig behandeltes und diskutiertes Thema in der Fachsprachforschung.

Die Fachsprache des Börsenwesens, eine konkrete Erscheinungsform von Wirtschaftsfachsprache, bleibt wegen der Häufung von Termini und Metaphern für die Personen ohne ausreichende Wissensvorräte unzugänglich. Als ein typisches Sprachphänomen in der Börsenfachsprache stammen die meisten Metaphern aus anderen Fachbereichen und ihnen wird dann im Börsenwesen eine neue Bedeutung beigemessen. Sowohl in der chinesischen als auch in der deutschen Börsenfachsprache sind zahlreiche metaphorische Ausdrucksweisen vorhanden. Allerdings unterscheiden sie sich angesichts der kulturellen Unterschiede in der konkreten sprachlichen Verwendung und in der Quellendomäne, was als eine Ursache von Fachkommunikationsproblemen betrachtet wird. Die vorliegende Arbeit konzentriert sich auf den Vergleich der Metaphern in der deutschen und chinesischen Börsenfachsprache, um ihre Gemeinsamkeiten und die jeweiligen Besonderheiten mithilfe eines Korpus kontrastiv zu analysieren.

Zuerst werden der Status der Metaphern in Wissenschaft, die Fachlichkeit der Börsenberichte und ihre Zielgruppen erläutert. Im Anschluss daran werden die Metaphern in beiden Börsenfachsprachen im Rahmen der Quellendomäne und konzeptuellen Übertragung aus anderen Fachbereichen sowie Gemeinsprache verglichen, um ihre Gemeinsamkeiten und Besonderheiten bei der konkreten Verwendung herauszufinden und zu erklären. Das Vergleichsergebnis wird dann in Kapitel 3.3 dargestellt. Das Ziel der Arbeit liegt darin, ein paar mögliche Anregungen für weitere Forschungen anzubieten.

2. Metaphern in der Börsenfachsprache

In diesem Teil beschäftige ich mich mit dem Niederschlag der Metaphern in Wissenschaft bzw. in der Börsenfachsprache, was dann als Grundlage die folgende Analyse stützt.

2.1. Metaphern als Fachtermini

Die Forschung über Metaphern lässt sich auf Aristoteles zurückführen; ihm zufolge wird die Metapher als „eine der wichtigsten Figuren zur rhetorischen und poetischen Ausschmückung der Rede“ (Eitze, 2012, S. 27) verstanden. Allerdings begrenzt er ihren Gebrauch auf die Bereiche der Poetik sowie Rhetorik und betrachtet die Verwendung der Metapher in anderen wissenschaftlichen Texten als problematisch (vgl. Nieraad 1977: S. 85f). Der Streit über den Status der Metapher in der Wissenschaftssprache endet nie und die Auffassungen von Fachexperten weichen stark voneinander ab.

Der wissenschaftliche Status von Metapher wurde anfangs von manchen Forschern nicht anerkannt. Ihren Meinungen nach bleibt die Bedeutung der Metapher immer vage, wodurch „sich die Metapher von einem wissenschaftlichen Begriff unterscheidet, der sich durch einen klar definierten Bedeutungsinhalt auszeichnet. Aus diesem Grund schreibt man dem wissenschaftlichen Terminus als Begriffsform Eindeutigkeit zu, während die Metapher durch Polysemie gekennzeichnet ist“ (Stoschus, 2005, S. 13). Andere Formulierungen gehen in dieselbe Richtung. Demnach seien die Metaphern bis zur völligen Einbürgerung mit störenden „Nebenassoziationen“ verbunden, was zur Verschlechterung der Kommunikationsbedingungen führen kann (vgl. Störel 1997: S. 41).

Die wissenschaftlichen Arbeiten sind durch Objektivität gekennzeichnet und ein bildloser Schreibstil „gilt als ungeschriebenes Gesetz, als implizite Norm fachlicher Kommunikation“ (Störel, 1997, S. 41). Als eine Ausdrucksvariation erfüllt die Metapher folglich die Anforderungen einer wissenschaftlichen Arbeit - das Fehlen von Bildhaftigkeit - leider nicht. In dieser Hinsicht wird die Metapher als „Verdunklungs- und Verschleierungstechnik“ (Störel, 1997, S. 42) betrachtet, was die fachliche

Kommunikation aufhält und behindert. Aber mit der Tatsache, dass sogar explizite Metapherngegner die Metapher in ihren Schriften nicht vermeiden können (vgl. Stoschus 2005: S. 14), scheinen ihre Argumente, die Metaphern aus dem Wissenschaftsbereich verbannen zu müssen, unzureichend überzeugend zu sein.

Im Vergleich zu oben dargestellten traditionellen Auffassungen wird die wissenschaftliche Stellung der Metapher jetzt von vielen Wissenschaftlern anerkannt. Oksaar (1988) hat darauf hingewiesen, dass „man ohne Metaphern nicht auskommt, auch in der Wissenschaft nicht - von der Sprache der Kernphysik bis zur grammatischen Terminologie“ (S. 91). Obwohl von einem grundlegenden Paradigmenwechsel noch keine Rede ist, hat sich das Bild der metaphernfeindlichen Fachkommunikation im Laufe der Zeit stark verändert (vgl. Störel 1997: S. 42). Dieser Auffassungswandel ist einer neuen Einstellung über Wissenschaftlichkeit zu verdanken: „Die Wissenschaft sollte nicht nur auf logisch-rationales […] Wissen bauen, sondern andere Erkenntnisquellen und Vermittlungswerkzeuge als gleichberechtigt mit einbeziehen.“ (Geist, 1992, S. 264) In diesem Zusammenhang sollen die Schlagworte wie „Vagheit“ oder „Mehrdeutigkeit“ nicht mehr von Wissenschaftlern auf die Seite gestellt werden. Dementsprechend zeigt sich, dass die Metapher angesichts ihrer kognitiven Funktion immer mehr an Bedeutung gewinnt.

In Bezug auf den Gebrauch von Metaphern soll man zwischen der lexikalisierten und theoriekreativen Metapher unterscheiden. Erstere dient dazu, lexikalische Lücken auf theoretischer Ebene zu füllen und bestimmte Gegenstände kognitiv zugänglicher zu machen. Darüber hinaus trägt sie zur Darstellung der schon begründeten, anerkannten Theorien bei und kann gewissermaßen von wörtlichen Erklärungen ersetzt werden. „Das wird besonders deutlich in den Fachsprachen verschiedener gesellschaftlicher Bereiche, in denen es vornehmlich darum geht, relevante Gegenstände und Phänomene eindeutig zu bezeichnen.“ (Skirl & Schwarz-Friesel, 2007, S. 41) Beispielsweise sind im Börsenwesen die Bezeichnungen wie Finanzströme, Geldströme, Liquiditätsspritzen herauszufinden, wobei das Geldwesen in der Börse in Analogie zu Flüssigkeit bzw. Wasserbewegungen dargestellt wird (vgl. Skirl & Schwarz-Friesel 2007: S. 41).

Neben der lexikalisierten Metapher spielt die theoriekreative Metapher, die in einem systematischen Zusammenhang steht, in der Wissenschaft eine grundlegend-konstitutive Rolle und findet weitere Anwendung in jungen Disziplinen1. Sie wird als „disziplinäre Matrix“ betrachtet und schafft die Grundlage für die Theorie sowie den Rahmen, innerhalb dessen dann die konkrete Forschungsarbeit abläuft (vgl. Debatin 1995: S. 144). Kittay hat ihre Funktionen so vorgestellt:

Sie können zum einen zu Dingen, über die wir bereits etwas wissen, einen neuen Zugang verschaffen, indem sie neue Aspekte des Gegenstandes beleuchten; zum anderen kann die metaphorische Beschreibung aber auch zur Entdeckung eines ganz neuen Phänomens oder Gegenstandes führen. Wenn dieser Prozeß systematisch für Innovationsprozesse in der Wissenschaft ausgebeutet wird, dann kann die Metapher zum „Hypothesengenerator“ werden. (Debatin, 1995, S. 149)

Dieses Zitat hat die besondere Rolle der theoriekonsititutiven Metaphern deutlich formuliert. Aber gleichzeitig soll man ihre Limitierung in der Wissenschaft nicht außer Acht lassen: Nicht alle Theorien basieren auf den theoriekreativen Metaphern, daher erweisen sie sich nicht in allen Fachbereichen als anwendbar. In diesem Zusammenhang kann von der traditionellen Auffassung über Metaphern, nämlich „eine gewisse Enthaltsamkeit in der Metaphorik“ (Weinrich, 2006, S. 214), wieder eine Rede sein.

2.2.Die Fachlichkeit der Börsensprache - am Beispiel der Börsenberichte

Angesichts der wirtschaftlichen und finanziellen Internationalisierung gewinnt die Wirtschaftsfachsprache an zunehmender Bedeutung. Seit langem haben die Experten versucht, eine umfassende und präzise Definition der Wirtschaftsfachsprache zu geben. Leider unterliegen sie wegen der Heterogenität der Wirtschaftssprache Enttäuschungen (vgl. Nycz 2009: S. 74). Eine mögliche Klassifizierung von Wirtschaftssprache wird von Buhlmann erhoben. Gemäß diesem umfasst die Wirtschaftsfachsprache die Sprache der Wirtschaftswissenschaft und -politik, der Börse und Werbung sowie den Sprachgebrauch in Industrie und Handel (vgl. Buhlmann & Fearns 1987: S. 306). In der folgenden Arbeit wird nur die Börsenfachsprache behandelt, die durch hochverdichtete Termini und einen großen Anteil an Metaphern gekennzeichnet ist.

Bevor ich auf die Börsenfachsprache eingehe, werden zuerst die Beziehungen zwischen Fachsprachen und der Gemeinsprache kurz erläutert. Nach Hoffmann bedeuten die Fachsprachen:

Die Gesamtheit aller sprachlichen Mittel, die in einem fachlich begrenzbaren Kommunikationsbereich verwendet werden, um die Verständigung zwischen den in diesem Bereich tätigen Menschen zu gewährleisten. (Hoffmann, 1988, S. 116)

Aus dieser Definition lässt sich feststellen, dass sich die Fachsprachen auf einen Fachbereich beziehen und die Fachkommunikationen bedienen. Und „die Besonderheiten der Fachsprachen gegenüber der Gemeinsprache sind vor allem in Bereich der Lexik, der Terminologiesysteme“ (Morgenroth, 1993, S. 47). Jedoch kann man anhand dieser einen Definition nicht die Fachsprachen von der Gemeinsprache genauer unterscheiden, weil auch die Gemeinsprache in der auf dem ausreichenden Vorwissen basierten Fachkommunikationen erforderlich ist. In dieser Hinsicht sollen die beiden Sprachsysteme nicht einfach gegenübergestellt, sondern miteinander unter Berücksichtigung der gegenseitigen Durchdringung untersucht werden. So hat beispielsweise Fluck die Einflüsse der Fachsprachen auf die Gemeinsprache explizit genannt:

Der fachsprachliche Einfluss auf die Gemeinsprache ist hinsichtlich ihrer Lexik, ihrer Syntax und ihrer Denkformen durch grundlegende Veränderungen im kommunikativen Bereich in einer ständigen [...] Zunahme begriffen [...]. (Fluck, 1996, S. 160)

Umgekehrt spielt die Gemeinsprache auch eine wichtige Rolle bei der Fachsprachforschung, denn sie „liefert die lexikalische Basis und das grammatikalische Gerüst für die Fachsprachen“ (Fluck, 1996, S. 175). Das gilt besonders für die Börsenfachsprache, weil sie durch „ein hochfrequenter Gebrauch von terminologisierten Einheiten, die auf dem Wege entweder der metonymischen […] oder metaphorischen Bezeichnungsübertragung […] entstanden sind“ (Nycz, 2009, S. 161), gekennzeichnet ist. Wie z.B. das Wort „heiter“, das zu Fachterminus des Börsenwesens geworden ist, um das Börsenklima zu beschreiben.

Was die Fachsprachforschung angeht, müssen immer die kommunikationsbetreffenden Personen berücksichtigt werden. Aufgrund der Einteilung der Wirtschaftsfachsprache nach Bolten (s. 1991) lassen sich die Börsenberichte in Bezug auf die Empfänger in drei Gruppen aufteilen: Fachleute bzw. professionelle Anleger oder Dienstleistungen, die mit der Börse vertraute, anspruchsvolle Leser und die Personen mit nur geringem Vorwissen über die Börse. Theoretisch gesehen soll ein unterschiedlicher Anteil von Termini in Berichten aufgrund der unterschiedlichen Empfängergruppen verzeichnet werden, leider hat sich diese Hypothese als unrecht erwiesen. Als Beleg zu nennen ist die Untersuchung von Nycz. Er hat versucht, das Verhältnis zwischen dem Anteil der Termini in Berichten und den Empfängergruppen herauszufinden, indem er die Börsenberichte jeweils aus Börsen-Online, die als eine Plattform den Fachleuten neueste Informationen über Börse anbietet, aus der FAZ, die für die anspruchsvollere Leser gedacht ist, und aus einer regionalen Tageszeitung LVZ, die an die dritte Empfängergruppe gerichtet ist, sammelte. Nach Analyse und Vergleich schlussfolgert er, dass die an drei Gruppen gerichteten Berichte „durch eine ähnlich hohe Frequenz von Termini gekennzeichnet“ sind, „die sich in jedem Fall auf ca. 30% der autosemantischen Wörter beläuft“ (Nycz, 2009, S. 90). Man geht davon aus, dass die Sprachen in Börsenberichten angesichts ihrer Verdichtung von Fachtermini sehr fachspezifisch und nur für Eingeweihte oder Börsianer zugänglich sind (vgl. Fluck 1996: S. 61).

Eine andere wissenschaftliche Untersuchung über Börsenberichte, die von Arnold durchgeführt worden sind, weist zudem darauf hin, dass die Fachkommunikationen im Börsenwesen eine „Einschränkung […] auf eine bestimmte soziale Gruppe (Wirtschaftsfachleute), ein Kommunikationsmedium (Zeitung) und einen Gegenstandsbereich (Wirtschaft)“ darstellt, was die „Ausbildung einer stark normierten Fachsprache zur Folge“ hat (Arnold, 1973, S. 108).

Betrachtet man den Fachlichkeitsgrad der Börsenberichte anhand der von Hoffmann (s. 1987) entwickelten fünf Abstraktionsstufen in Bezug auf Fachsprachenkommunikationen, kommt man zu dem Ergebnis, dass die Börsenberichte zu den ersten zwei Stufen mit hohem Abstraktionsgrad gehören, wobei die Kommunikation auf niedrigster Stufe nur in der alltäglichen Konsumtion zu beobachten ist. Arnold bestätigt die Fachlichkeit der Börsenberichte im Werk und meint:

Die Börsenberichte sind geprägt durch eine starke Anhäufung von Fachtermini im engeren Sinne, deren Verständnis erhebliche Sachkenntnis erfordert […]. Fachsprache im weiteren Sinne ist fast der gesamte Sprachgebrauch der Börsennachrichten, denn nahezu sämtliche Sprachelemente sind Formeln mit einem bestimmten Sinn fixiert. (Arnold, 1973, S. 104)

Neben der hohen Verdichtung von Fachtermini liegt die Fachlichkeit der Börsenberichte auch darin, dass sich in Berichten ein hoher Anteil an Abkürzungen und Zahlen nachweisen lässt, was einen hohen Anspruch an die Leser stellt. Das heißt, dass beim Lesen bestimmte Fachkenntnisse von den Rezipienten vorausgesetzt werden, damit sie die in Zahlen verschlüsselten Informationen verstehen können (vgl. Nycz 2009: S. 160f).

Die Fachlichkeit der Börsenberichte besteht zudem in der Anhäufung von Metaphern. Im Vergleich zu anderen Fachbereichen werden jeder Zeit die aktuellsten Informationen über die Börse durch Übertragungskanäle, vor allem überregionale Zeitungen, dem Publikum weitergegeben. Um die fachlichen Inhalte zugänglicher zu machen, wurden viele durch konzeptuelle Übertragung entstehende Metaphern in die Berichte eingesetzt, was dann im Laufe der Zeit zu einer der wichtigsten Charakteristiken der Börsenfachsprache geworden ist. Nach Fluck (1996) vermitteln „die meisten dieser metaphorischen Termini den Eindruck von Bewegung und Dynamik, der durch den Gebrauch von Tätigkeits- und Vorgangsverben noch erhöht wird.“ (S. 62). Diesbezüglich sind die Umterminologisierung, nämlich die Übernahme der Fachtermini aus anderen Fachbereichen, und die Terminologisierung des allgemeinen Wortschatzes von großer Bedeutung. Denn die Mehrzahl der bewegungsbeschreibenden Begriffe stammt aus Gemeinsprache und dem Sportbereich. Darüber hinaus spielen die Metaphern anderer Kategorisierungen in Börsenberichten auch eine unersetzbare Rolle, wie z.B. Container-Metaphern oder Farbenmetaphern. Im Großen und Ganzen besteht aber kein Zweifel, dass „im Kontext der Börsenberichte“ die Metaphern insoweit wichtig sind, weil sie „in anderen Fachsprachen, wie z.B. in der Sprache der Wirtschaftstheorie, kaum vorstellbar wären“ (Nycz, 2009, S. 161).

3. Analyse von Metaphern im Sprachvergleich in Bezug auf Quelledomäne und konzeptuelle Übertragungen

Die Börse ist ein neu entwickelter Ort. Um eine schnelle Integration ins Alltagsleben zu verwirklichen, hat die Börsenfachsprache viele Termini aus bereits den Menschen vertrauten Bereichen übernommen. Das Phänomen zeichnet sich durch die an der Börse verwendeten metaphorischen Ausdrücke besonders aus. Im diesem Kapitel wird intensiv darüber diskutiert, aus welchen Bereichen die Metaphern stammen und wie sie sich in beiden Börsenfachsprachen auswirken.

3.1. Entlehnungen aus der englischen Sprache

In Bezug auf Quellendomäne ist zuerst der Einfluss des Englischen zu nennen. Nach dem zweiten Weltkrieg haben die USA die führende Position in der Wissenschaft übernommen, was dazu geführt hat, dass das Englische als Lingua Franca weltweit verwendet wurde und die Rolle des Deutschen in der Wissenschaft ersetzt hat. Neben der aktiven Expansion der englischen Sprache hat Martin Lehnert die Übernahmebereitschaft anderer Länder hervorgehoben und auf deren Ursachen hingewiesen, dass „der Gebrauch von Anglizismen die internationale Kommunikation erleichtert, weil man nicht in jeder Sprache eine Bezeichnung für den gleichen Begriff zu erfinden braucht, welche auch für Ausländer verständlich wäre“ (Lehnert, 1990, S. 25).

In der deutschen Börsenfachsprache sind die englischen Metaphern häufig zu finden. Ein gutes Beispiel dafür ist das Wort „Rallye“. Eigentlich bedeutet es „ein Wettbewerb für serienmäßig hergestellte Kraftfahrzeuge in einer oder mehreren Etappen mit verschiedenen Sonderprüfungen“, doch an der Börse wird ihm ein neuer Sinn beigemessen: „Ein kurzer, starker Anstieg des Kurses“ (www.duden.de). Der Begriff wird im Börsenwesen verbreitet verwendet und hat in Verbindung mit anderen deutschen Morphemen neue Nomina gebildet:

B1: Die Preisrallye auf dem Ölmarkt ist nach Ansicht von Händlern und Analysten noch lange nicht zu Ende. (Börsen-Online, zitiert nach Nycz 2009: S. 151)

B2: Hoffnungen auf eine Belebung der amerikanischen Konjunktur nach einer Reihe von besser als erwartet ausgefallenen Unternehmensbilanzen haben nach Händlerangaben am Donnerstag eine Kursrally an der Wall Street ausgelöst. (FAZ, zitiert nach Nycz 2009: S. 151)

Darüber hinaus sind andere angloamerikanische lexikalische Einheiten wie z.B. „Blue Chip“ und „Cash-flow“ durch die hohen Gebrauchsfrequenzen gekennzeichnet (vgl. Nycz 2009: S. 151ff). Der vordere stammt aus der Spielbank und bezeichnet in der Börse die umsatzstarken Aktien großer Unternehmen; „Cash-flow“ weist auf die konzeptuelle Kupplung zwischen Wasserbereich und Börse hin und steht für die Gewinnkennzahl, die

die gesunde finanzielle Basis - soweit vorhanden - ermittelt (vgl.

http://boersenlexikon.faz.net/cashflow.htm).

Die Börse hat ihren Ursprung in den westlichen Ländern und wurde später auch in China eingeführt. Aufgrund ihrer ausländischen Herkunft steht die chinesische Börsenfachsprache unvermeidlich unter dem Einfluss der ausländischen bzw. englischen Sprache. Eine Menge an Metaphern wird durch wörtliche Übersetzung direkt in die Börsensprache aufgenommen, wobei die metaphorischen Besonderheiten der Fremdsprache beibehalten werden. Dafür sprechen z.B. die zwei für die Börse grundlegenden Begriffe: 牛市2 (niu shi: bull market) und 熊市3 (xiong shi: bear market). Die beiden stehen jeweils für eine optimistische und eine pessimistische Kursentwicklung der Börse (vgl. Mross 2000: S. 112). Darüber hinaus hat die chinesische Börsensprache auch viele kursbeschreibende Metaphern aus dem Englischen übernommen. Zu nennen sind 人行道式区间波动4 (sideway movement), 颈线5 (neck line), 岛形转向6 (island reserval). Solche Termini stellen durch Metaphorik die Bewegung des Kurses lebhaft dar, was zur Verständigung dient. Daher neigen die Fachleute bei der Einführung solcher englischen Ausdrücke dazu, ihren metaphorischen Charakter beizubehalten.

Chen(2004) hat in seinem Werk darauf hingewiesen, dass bei der kulturellen Verbreitung ein selektives Muster von Bedeutung ist und nur die Faktoren, die sich an die Kultur des

Ziellandes anpassen und die menschlichen Bedürfnisse befriedigen, von Menschen anerkannt werden können7 (vgl. Chen 2004: S. 188). Diese Regel findet ihren Niederschlag auch in dem Entlehnungsphänomen der Börsensprache: Manche englische Termini, die in der Herkunftssprache keine Metaphern darstellen, werden je nach Sitten und Gebräuchen sinngemäß und metaphorisch ins Chinesische übersetzt. Das lässt sich bei den zwei Beispielen, „liquidation“ und „opening transaction“, leicht erkennen. In der Börse bedeutet „liquidation“ Ausverkauf von allen vorhanden Aktien eines Anlegers und unter „opening transaction“ versteht man den Aufbau des Aktienfonds. Im Englischen sind diese beiden Termini keine Metaphern, während sie bei der Entlehnung jeweils ins 清仓 (qing cang) und ins 建仓 (jian cang) übersetzt werden. „仓(cang)“ bedeutet in der chinesischen Gemeinsprache einen Raum, wo man Getreide speichern kann. An der Börse versteht man darunter ein Konto, wo die Broker die Aktien bei der Bank aufbewahren kann8. (vgl. Wang 2008: S. 55) Das Börsenwesen wird anhand des Wortes „仓(cang)“ als ein Raum dargestellt und den übernommenen englischen Termini wird eine metaphorische Konnotation beigemessen, wobei die Denotation der Termini unverändert bleibt.

Diese Entlehnungsart findet in vielen chinesischen Fachbereichen Anwendung. Im Gegensatz dazu läuft der Übernahmeprozess in der deutschen Börsenfachsprache jedoch anders: Die meisten Anglizismen werden hinsichtlich der Sprachverwandtschaft direkt aufgenommen und sind dann entweder eingedeutscht worden oder als Fremdwörter zu einem Bestandteil des deutschen Wortschatzes geworden. Ein besonderer Charakter der aufgenommenen Metaphern im Deutschen besteht in ihrer produktiven Fähigkeit:

Die meisten angeführten Anglizismen weisen die Fähigkeit weiterer Wortbildung auf. […] Sie gehen vielfache Verbindungen mit dem deutschen Wortgut ein, wodurch hybride Bildungen entstehen. Die Anglizismen treten dabei sowohl in der Funktion des Bestimmungswortes (Crash-Gefahr) wie auch der Basis (Kursrallye, Aktiencrash usw.) auf. (Nycz, 2009, S. 155f)

Diese Unterschiede in Bezug auf den Übernahmeprozess der Metaphern in beiden Börsenfachsprachen lassen sich anhand der sprachlichen Charaktere erklären:

[...]


1 Ein Beispiel aus der Geschichte der Sprachwissenschaft ist die theoriekreative Analogie von entwicklungsgeschichtlichen Relationen zwischen Sprachen und biologischen Verwandtschaftsbeziehungen im Sinne der Darwinschen Abstammungslehre, die in der historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft zur „Stammbautheorie“ geführt hat. (S. Pielenz 1993)

2 牛(niu) bedeutet Bulle und 市(shi) bedeutet Markt.

3 熊(xiong) bedeutet Bär und 市(shi) bedeutet Markt.

4 人行道式区间 wird als eine Einheit betrachtet und bedeutet „sideway“; 波动 steht für „movement“.

5 颈 entspricht „neck“ und 线 steht für „line“.

6 Gleich wie oben stehende Beispiele steht 岛形 für „island“ und 转向 für „reserval“.

7 陈建宪先生在《文化学教程》中谈到,文化传播具有选择性,只有适应当地民众的需要,与当地文 化传统相容的事物,才能被广泛接受。(Nach eigener Übersetzung)

8 “仓”字的本意是贮藏谷物的地方,而在中国股市中加以引申,虚指股民贮存所购股票的地方。(Nach eigener Übersetzung)

Details

Seiten
45
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656827795
ISBN (Buch)
9783656828426
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v282554
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für Deutsch als Fremdsprache
Note
1.0
Schlagworte
deutsch chinesisch Metaphern Börse Börsenfachsprache

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Titel: Metaphern in der deutschen und chinesischen Börsenfachsprache