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Individualisierung bei Georg Simmel und Emile Durkheim

Hausarbeit 2012 16 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Individualisierung bei Durkheim
2.2. Von der mechanischen zur organischen Solidarität
2.3. Die krankhafte Entwicklung der Individualisierung
2.4. Fazit: Erziehung zum moralischen Individualismus

3. Individualisierung bei Simmel
3.1. Das Individuum und die Gesellschaft
3.2. Die Motoren der Individualisierung: Geld und Großstadt
3.3. Fazit: Synthese von quantitativem und qualitativem Individualismus

4. Kontrastierung der beiden Theorien
4.1 Gemeinsamkeiten
4.1.1 Gründe der Individualisierung
4.1.2. Veränderung der sozialen Beziehungen
4.1.3. Individualisierung als Emanzipation
4.1.4. Individualisierung als Ohnmacht
4.2 Unterschiede
4.2.1. Optimismus und Ambivalenz
4.2.2. Zwei Arten des Individualismus
4.2.3. Lösungsansatz
4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Individualisierung als Schlagwort begegnet einem längst nicht mehr in vorwiegend soziologischen Kontexten. Es dient in den verschiedensten Bereichen als ein positiv konnotierter Begriff für Konzepte, die den Fokus auf die Persönlichkeit des einzelnen Menschen legen. Damit ist die inhaltliche Präzisierung von Individualisierung im aktuellen Sprachgebrauch scheinbar schon erschöpft. Individualisierung kann sowohl als Leitbild für sonderpädagogische Einrichtungen, als Mittel zur Kundenbindung oder zur Steigerung des Lernerfolgs bei Schülern und als Arbeitsteilungsmodell herangezogen werden, um nur einige Beispiele zu nennen.[1]

Doch auch in der wissenschaftlichen Diskussion ist der Begriffsgebrauch undurchsichtig und mehrdeutig. Besonders in den Teilbereichen der Soziologie ist eine uneinheitliche Definition dieses Konzepts, wenn denn eine geliefert wird, zu bemerken. (Schroer 2001: 9, Kippele 1998: 13) Ob der beliebige Sprachgebrauch schon jeher festzustellen ist, oder erst mit dem ‚Individualisierungsboom‘ in den 80er Jahren Einzug hielt wird durchaus kontrovers diskutiert. Fest steht aber: Wissenschaft, die soziale Phänomene mit Individualisierung erklären will, sollte diesen Begriff vorher klar umreißen. Mit einem nicht definierten Begriff büßt die Theorie ihren Erklärungsgehalt ein. (Müller 2009: 6, Schroer 2001: 10f)

Grundsätzlich können in der Individualisierungsdebatte drei Richtungen ausgemacht werden. Erstens kann Individualisierung gebraucht werden, um einen genuss- und nutzenorientierten Lebensstil zu erklären, der sich zu Lasten von sozialen Gemeinschaften ausbreitet. Zweitens wird Individualisierung als ein Prozess der Herauslösung aus traditionalen Gemeinschaften beschrieben, der dem Individuum mehr Freiheiten und Selbstbestimmung verschafft. Drittens kann Individualisierung als Übergang zu gesellschaftlichen Strukturen interpretiert werden, denen der Einzelne hilflos ausgeliefert ist. (Schroer 2001: 10)

Diese drei Perspektiven sind nicht erst in der Gegenwartsliteratur zu finden, sondern schon bei den soziologischen Klassikern, die sich mit Individualisierung auseinandersetzen. In dieser Arbeit gehe ich deshalb der Frage nach, was in der soziologischen Theorietradition unter Individualisierung verstanden wird. Hierfür vergleiche ich die Individualisierungstheorien von Emile Durkheim und Georg Simmel. Zuerst stelle ich in Kürze ihr Grundannahmen zu Individualisierung vor. Anschließend greife ich Gemeinsamkeiten und Unterschiede ihrer Theorien heraus, um wichtige Aspekte ihrer Werke zu verdeutlichen und sie voneinander abzugrenzen. Damit soll weder der Begriffsvielfalt abgeholfen werden, noch eine tiefgreifende Interpretation der beiden theoretischen Werke vorgenommen, sondern das Verständnis der beiden Soziologen von Individualisierung herausgearbeitet werden.

2. Individualisierung bei Durkheim

2.2. Von der mechanischen zur organischen Solidarität

Durkheims Soziologie sowie seine Überlegungen zu Individualisierung basieren auf der Annahme, dass Gesellschaften eine evolutionistische Entwicklung von einfachen Gesellschaftsformen hin zu höher entwickelten Gesellschaften durchlaufen. Am Anfang dieser Entwicklung stehen traditionale Gesellschaften, die sich in kleinere Segmente wie Stämme oder Familien unterteilen. Es existieren also mehrere kleine Gesellschaften nebeneinander. Eine wichtige Frage, die Durkheim stets im Blick auf menschliches Zusammenleben beschäftigte, war, welche Bindungen zwischen Menschen eine Gesellschaft zusammenhalten. Für einfache Gesellschaften sieht er den Schlüssel hierfür in der sogenannten mechanischen Solidarität; sie ist das Bindeglied zwischen den Gesellschaftsmitgliedern. Diese Form der Solidarität ist anzutreffen, wenn die Gruppe ein ausgeprägtes Kollektivbewusstsein hat, das sie von anderen Gruppen abgrenzt. Durkheim denkt hier an verschiedene Stämme, die sich weitgehend autark versorgen und so kaum Kontakt untereinander haben.

Solchen Gruppen sind gekennzeichnet durch eine ausgeprägte Ähnlichkeit ihrer Mitglieder und eine kaum vorhandene Arbeitsteilung. Der Einzelne ist ein Teil des Ganzen und wird nicht als Individuum wahrgenommen. Die Mitglieder gehen restlos im Kollektiv auf. Das Kollektivbewusstsein setzt sich aus Wissensvorräten über geteilte Standards und Normen zusammen. Die Personen führen ein gleichförmiges Leben, ihre Bewegungen, Reaktionen und Handlungen laufen beinahe mechanisch ab – gesteuert durch die kollektive Moral. Durkheim erklärt:

„Die sozialen Moleküle, die nur auf diese einzige Art zusammenhalten können, könnten sich in ihrer Gesamtheit somit nur in dem Maß bewegen, in dem sie keine Eigenbewegung haben, so wie es bei den Molekülen der anorganischen Körper der Fall ist.“ (1988: 182)

Die Ähnlichkeit der Gruppenmitglieder ist die Basis der Sozialordnung, welche durch starke soziale Kontrolle und durch ein repressives Recht, das abweichendes Verhalten bestraft, aufrecht erhalten wird. Dem Einzelnen bleibt kein Raum zur Entfaltung der eigenen Persönlichkeit. Anders als Simmel sieht Durkheim darin allerdings keine Unterdrückung der Individualität. Er geht vielmehr davon aus, dass in diesem Gesellschaftsstadium noch gar kein Bedürfnis nach Individualität bei den Akteuren vorhanden ist. (Schroer 2001: 141ff)

Im Laufe der Zeit verändern sich die Gesellschaften zum einen durch starkes Bevölkerungswachstum und zum anderen durch die Entstehung von Städten. Mit zunehmender Größe und Dichte bildet sich ein System funktional differenzierter Organe heraus, das jedem Akteur eine Sonderrolle mit einer speziellen Aufgabe zuweist. Die Integration innerhalb der Gruppe basiert nun nicht mehr auf dem Kollektivbewusstsein, sondern auf dem Zusammenwirken verschiedener spezialisierter Funktionen – auf Arbeitsteilung. Die Mitglieder der Gesellschaft geraten mehr und mehr in Abhängigkeit zueinander, da sie sich in ihrer partiellen Rolle nicht mehr selbst versorgen können. Durkheim wertet diese Abhängigkeit als die neue Kraft, die die Gesellschaft zusammenhält. Da er in dieser Sozialform eine Analogie zum Tierreich sieht, nennt er sie organische Solidarität. In derart organisierten Gesellschaften beruht das Rechtssystem nicht mehr auf Strafe sondern auf Wiederherstellungsmaßnahmen zugunsten des Geschädigten. (Schroer 2001: 144ff)

Die Ausdifferenzierung der Gesellschaft bringt für das Individuum mehr Freiheiten mit sich. Allgemeingültige Normen und Inhalte innerhalb der Gesellschaft gehen zurück und erlauben dem Einzelnen individuelle Meinungsbildung, Ausdrucksweisen und Vorlieben. Jeder Mensch stellt durch seine individuellen Eigenschaften etwas Einzigartiges dar und ist nun nicht mehr bloßer Vertreter seiner Gattung. Diese Autonomie erlegt dem Menschen jedoch auch die Plicht auf, sich zu spezialisieren, sein eigenes Betätigungsfeld zu finden und seine Persönlichkeit auszubilden. Ein größerer Handlungsspielraum bedeutet zugleich eine größere Verantwortung für das eigene Handeln. Dieser Spielraum ist wiederum nicht unbegrenzt, sondern wird vom Handlungsraum der anderen Mitglieder begrenzt. Die arbeitsteilige Struktur hat für Durkheim durchaus eine regulierende, moralische Funktion – wenn auch in sehr abgeschwächter Weise. (Kippele 1998: 97)

Der einzige gemeinsame Wert in der Gesellschaft ist der Kult des Individuums (Kippele 1998: 98), der als allgemeines, umfassendes moralisches Band zwischen den Menschen Allgemeinmenschlichkeit und Nächstenliebe postuliert. Die Spezialisierung (als disziplinierende Seite der Moral) bewirkt einerseits die Hervorhebung von Unterschieden zwischen den Menschen, während der Kult des Individuums (als inhaltliche Seite der Moral) die Gleichheit aller betont. Durkheim sieht in diesen fortschreitenden Entwicklungstendenzen jedoch keinen Wiederspruch. Im Gegenteil: „Beide Tendenzen gehen Hand in Hand mit einer Vergrösserung (sic!), Rationalisierung und Universalisierung der (europäischen) Gesellschaft.“ (Kippele 1998: 99)

[...]


[1] Schlagwort „Individualisierung“ bei aktuellen Publikationen

Details

Seiten
16
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656818939
ISBN (Buch)
9783656818946
Dateigröße
431 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v282548
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
1,3
Schlagworte
Individualisierung Georg Simmel Emile Durkheim

Autor

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Titel: Individualisierung bei Georg Simmel und Emile Durkheim