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"Das Buch eines Tages" von Piotr Szewc

Essay 2014 6 Seiten

Kulturwissenschaften - Osteuropa

Leseprobe

Piotr Szewc

Das Buch eines Tages

Zamość, Juli 1934

Der Titel des Romans gibt bereits in Gänze seinen Inhalt wieder. Nicht mehr und nicht weniger als ein heißer Sommertag des Julis im Jahre 1934 wird minutiös von Sonnen Auf- bis Untergang beschrieben.

Der polnische Schriftsteller, Dichter und Essayist Piotr Szewc brachte 1987 sein zweites und bis dato bekanntestes Werk heraus. In der polnischen Erstausgabe noch unter Zagłada, 1993 in der deutschen Ausgabe dementsprechend unter Vernichtung firmierend, trifft der Titel der Wiederauflage von 2o11 die Handlung um ein Vielfaches treffender. Dahingestellt sei jedoch, ob dies der ursprünglichen Intention des Verfassers genügend Rechnung trägt. Der heute in Warschau lebende, als Redakteur der Literaturzeitung Nowe Książki arbeitende und für renommierte literarische und kulturelle Zeitungen schreibende Szewc wurde im Jahre 1961 in Zamość geboren, dem Ort der Romanhandlung. Ein beschauliches Städtchen im Südosten Polens, eine Autostunde entfernt von der polnisch-ukrainischen Staatsgrenze.

Erbaut wurde es ab dem Jahre 1578 von dem venezianischen Baumeister Bernardo Morando im Stile der Renaissance, was ihm den Namen Padua des Nordens einbrachte. Zur Zeit des Zweiten Weltkriegs und unter der Besetzung deutscher Truppen im sogenannten Generalgouvernement blieb Zamość größtenteils von Zerstörungen verschont und musste lediglich seinen Namen kurzzeitig in Himmlerstadt umändern. Nicht nur wegen der Geschichte der Stadt, sondern auch durch die Trägheit der Mittagshitze wähnt man sich während des Lesens des Öfteren eher in einem italienischen Villaggio als in einem polnischen Provinzstädtchen.

Diese Trägheit ist eine der Konstanten, die sich durch den geschilderten Tag ziehen. Gleich zu Beginn werden die Leser vom Autor mit ins Geschehen einbezogen. Er nimmt sie an die Hand, um mit ihm durch ein Fotoalbum die Erinnerungen an diesen Tag noch einmal zu erleben. Ein Tag, der mit belangloser Regelmäßigkeit ohne besondere Vorkommnisse beginnt, an dem bereits am frühen Morgen der jüdische Tuchhändler Herze Baum sich für sein Tagesgeschäft bereit macht und dabei noch die Muße hat, seine Tauben in Ruhe zu beobachten. Der Leser lernt den Advokaten Walenty Danilowski kennen, die beiden Ortspolizisten Wrzosek und Romanowicz, den Wirt der Gaststätte am Marktplatz, Rosenzweig, sowie Kazimiere M., eine junge Frau, die derart liebevoll und detailliert dargestellt wird, dass es beinahe schwer fällt, ihre Profession - Hure - zu nennen. Da passt eher das von Julian Stryjkowski in seinem Vorwort zur deutschen Erstausgabe verwendete, schmeichelnde Kleinstadtkurtisane. Zu diesen Hauptfiguren gesellen sich noch ein paar weitere am Rande, wie die Zigeunerin Roza, der Kesselflicker Wolf oder die geheimnisvollen Chassidim. Sie alle werden mehr oder weniger facettenreich beschrieben. Auf irgendeine Art und Weise sind sämtliche Personen miteinander verbunden bzw. in Abhängigkeit voneinander, was Szewc hervorragend herausarbeitet. Ebenso verwoben wie die zwischenmenschlichen Verbindungen der dargestellten Personen ist die stetig wechselnde Szenerie. Der Autor nimmt den Leser mit auf eine Reise, einem Schmetterling gleich, der mal hier, mal dort vorbeiflattert, einmal die Nahpersektive aufzeigt, das andere Mal sich hoch hinaufschwingt über die Dächer der Stadt, um einen Überblick der Umgebung zu gewinnen, um im nächsten Moment schon wieder auf der Theke des Tuchhändlers Baum zu verweilen und ihm bei seiner Abrechnung zuzuschauen. Jedoch nur für einen Augenblick, denn schon verfolgt er die sonderbaren Chassidim auf ihrem Weg zum Friedhof am Rande der Stadt. Wie von einem Windstoß und der Stärke des Flügelschlages bestimmt ändert Szewc die Geschwindigkeit seiner Erzählung. Werden manche Szenerien nur kurz, gar beiläufig erwähnt, geht er auf andere äußerst detailliert ein. Diese Wechsel des Erzähltempos können mitunter etwas langatmig erscheinen. So wie dem Wirt Rosenzweig, der sich beständig fragt, ob denn dieser Tag nie zu Ende gehe, wird es dem Leser jedoch nicht ergehen, denn er erhält neben dem Offensichtlichen Einblick in die Gefühlswelten und Gedanken einzelner Protagonisten. Beispielsweise in die Kindheitserinnerungen des Advokaten Danilowski, die ein um das andere Mal sehr ausführlich geraten. Vielleicht Rückblenden an seine eigenen Kinderjahre?

In welchem Maße persönliche Erlebnisse in das Werk Einfluss gefunden haben, ist bislang nicht bekannt. Fest steht jedoch, dass die Vertrautheit mit den Örtlichkeiten einen Großteil zur realistischen Darstellung des Städtchens Zamość beiträgt, einem der damals noch zahlreichen, heute so gut wie nicht mehr existierenden Schtetl. Besagte Darstellung ist einer der Grundpfeiler des vielgelobten Erstlingsromans. Der andere ist die detaillierte, realistische und präzise Beschreibung der Geschehnisse, das Eindringliche, die Genauigkeit und die Fülle der Wahrnehmungen, die, wie von einigen Kritikern bemerkt, über die konkrete Wirklichkeit hinausgeht. Die Schilderung ist größtenteils so facettenreich wie das Auge eines Schmetterlings, um bei der bereits verwendeten Metapher zu bleiben. Diese ungewöhnliche Art des Schreibens lässt darüber hinaus zunächst nicht auffallen, dass wichtige Aspekte wie das Vorhandensein von Dialogen teilweise, Psychologisierungen, eine Fabel oder ein Held, eine greifbare Handlung gar, gänzlich fehlen. Trotzdem erscheinen alle Personen lebendig, haben ihre Beschäftigungen und Vorlieben.

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Details

Seiten
6
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656820062
Dateigröße
402 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v282537
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen – Institut für Slavistik
Note
1,0
Schlagworte
Holocaust Piotr Szewc Polen Das Buch eines Tages

Autor

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Titel: "Das Buch eines Tages" von Piotr Szewc