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Der Kampf um Anerkennung in den französischen Vorstädten. Die Riots von 2005

Hausarbeit 2014 18 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Axel Honneth - Der Kampf um Anerkennung

3 Eskalation in den französischen Vorstädten
3.1 Die Enstehung der Banlieues
3.2 Die Krawalle der französischen Vorstädten

4 Diskriminierung und Stigmatisierung
4.1 Entrechtung und Ausschließung: Die soziale Lage der Aufständischen
4.2 Entwürdigung und Beleidigung: Die Polizei als Provokateur

5 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Schon zu Beginn der 1980er Jahre kam es in unregelmäßigen, zeitlichen Abständen immer wieder zu gewalttätigen Ausschreitungen innerhalb französischer Vorstädte. Auslöser waren meist der Tod eines Mitbürgers mit Migrationshintergrund der in Folge eines Konflikts mit der Polizei verursacht wurde. Diese Krawalle bzw. Riots überdauerten zum Großteil nicht mehr als drei Tage, zudem fanden sie meist nur innerhalb der Vorstadt (Banlieue) statt, innerhalb dessen das Opfer gelebt hatte. Im Jahre 2005 kam es nochmals zu solchen Riots die jedoch einen neuen Maßstab in ihrem Ausmaß setzten, insofern, dass sie über 20 Tage andauerten und sich weiter von ihrem Ursprungsort über ganz Frankreich ausbreiteten.1

Die Besonderheit war, dass die Aufstände im jeden Vorort unabhängig voneinander der gleichen Struktur folgten: Beschädigung von staatlichen Institutionen, vor allem Polizeistationen und Schulen.2

Die Öffentlichkeit sah die Auslöser der Krawalle in den 80er und 90er Jahren in einer Vielzahl von Gründen. Darunter fielen strukturelle Defizite der Wohngegenden oder auch die negative Berichterstattung der Medien über die Banlieues und deren Einwohner. Die Riots von 2005 wurden unter den gleichen Aspekten betrachtet und öfters auch von der Öffentlichkeit als stumpfsinnige Zerstörungswut eingeordnet die aus reiner Willkür entstanden sein sollten.3 Im allgemeinen Bestand die Annahme, dass eben diese Unruhen aus einer fortschreitenden Verschlechterung der Lebensverhältnisse und einer zunehmenden sozialen Exklusion der Vorstadtjugendlichen enstanden sind. Innerhalb der - von den Krawallen betroffenen Vorstädte - waren diese Faktoren zwar ein Teil des sozialen Hintergrunds der Aufständischen, jedoch lässt sich bezweifeln, dass diese Art der emotionalen Entladung einzig und allein auf strukturelle Faktoren zurückzuführen ist oder nicht vielleicht eher eine ubiqitäre soziale Ausgrenzung, Diskriminierung und Stigmatisierung sowie das fehlen einer gesellschaftlichen Anerkennung im Lebensalltag der Vorstadtjugendlichen ausschlaggebend für diese Ausschreitungen war.4

Unter Berücksichtigung der gesellschaftlichen Bedingungen und der Anerkennungstheorie von Axel Honneth stellt sich folgende Forschungsfrage: Welche Faktoren bedingten das Entstehen und das Ausmaß der Riots und können diese auf das Fehlen einer gesellschaftlichen und sozialen Anerkennung zurückgeführt werden?

Zur Beantwortung dieser Forschungsfrage ergibt sich folgende methodische Vorgehensweise: Zunächst soll die für diese Arbeit elementare Theorie 'Kampf um Anerkennung' von Axel Honneth in ihrer Grundstruktur erläutert werden (Kapitel 2). Anschließend werden die sozialen Problematiken innerhalb der Vorstädte dargestellt sowie der Verlauf der 2005er Riots (Kapitel 3). Im letzten Kapitel (4) werden die den Riots vorangegangenen Mechanismen der erfahrenen Missachtung erläutert, um schlussfolgernd diese im Kontext zu Honneths Anerkennungstheorie zu betrachten und die vorangegangene Forschungsfrage zu beantworten.

2 Axel Honneth - Der Kampf um Anerkennung

Im folgenden Teil werden die essentiellen Charakteristika Honneths Anerkennungstheorie illustriert. Diese sollen als Grundlage zur Analyse der sozialen Bedingungen der 2005er Aufstände herangezogen werden.

In seiner Theorie 'Kampf um Anerkennung' kristisiert Honneth, dass die Theorien zur Erklärung sozialer Konflikte nur darwinistischer und utilitaristischer Natur sind und das Konzept der Anerkennung komplett außen vor lassen.5 Die Kritik setzt an den Motiven eines sozialen Kampfes an die im bisherigen soziologischen Diskurs auf einem Kampf um Interessen beruhten, basierend auf der Verteilung von materiellen Lebenschancen. Nach Honneth kann aber ein sozialer Kampf nicht nur durch vorgegebene Interessenslagen der jeweiligen Teilnehmer motiviert sein, sondern auch durch die Empfindung moralischer und sozialer Missachtung. Die Voraussetzung einen Kampf als sozial zu charakterisieren ist erst dann gegeben, wenn die individuellen Beweggründe der Teilnehmer sich auf ein Kollektiv übertragen lassen bzw. von diesem vertreten werden. Hierbei unterscheidet Honneth in drei elementaren Anerkennungsformen deren Missachtung als Auslöser eines sozialen Kampfes fundamental sind: Liebe, Recht und soziale Wertschätzung.6 Die Bildung dieser drei Sphären ist das Ergebnis eines Ausdifferenzierungsprozesses der mit dem historischen Wandel der Gesellschaft von einer stratifikatorisch orientierten Form zu einer funktional differenzierten Form einhergeht. Spezifischer wird der Wechsel von der vormodernen Ständegesellschaft zu einer bürgerlich - kapitalistischen Gesellschaftsform als ausschlaggebend für die Entstehung der differenzierten Anerkennungsebenen gesehen. Die Sphären des Rechts und der sozialen Wertschätzung entstanden nach Honneth durch die Aufspaltung der vormodernen ständischen Ehre. Auch die Ebene der Liebe bildete sich, mit der Einordnung der Kindheit als schutzbedürftige Lebensphase und der sich parallel entwickelnden Liebesheirat im 18. Jahrhundert.7 Die Ausbildung einer persönlichen Identität setzt eine intersubjektive Anerkennung durch die eigenen Mitmenschen voraus, dabei sind wiederum die drei Ebenen der Anerkennung für die Ausprägung dieser Identität ausschlaggebend und lassen sich demnach wie folgt definieren: 1. Liebe als Anerkennungsform innerhalb einer zwischenmenschlichen Primärbeziehung die der Ausbildung des eigenen Selbstvertrauens dient; 2. Anerkennung durch Achtung im rechtlichen Sinne zur Ausbildung einer persönlichen Selbstachtung und 3. Anerkennung im Sinne der Wertschätzung der individuellen Eigenschaften eines Jeden innerhalb einer Wertegemeinschaft, die der Ausbildung des Selbstwertgefühls dient.8

Die Form der Liebe kann im Bezug auf einen sozialen Kampf nicht als Beweggrund gelten, da die in dieser Beziehung geteilten Interessen sich nicht auf die Gesamtheit eines Kollektivs verallgemeinern lassen können. Jedoch sind die anderen beiden Formen des Rechts und der sozialen Wertschätzung eher für die Erklärung der Entstehung sozialer Konflikte geeignet, da sie in ihrer Funktion auf allgemeinen sozialen Kriterien aufbauen. Somit kann die individuelle Erfahrung der Missachtung dieser Sphären durch gesellschaftliche Akteure, und die damit verbundene Frustration durch eine Basis kollektiver Wertvorstellungen von anderen Individuen verstanden und ebenfalls als Missachtung ihrer eigenen Intergrität empfunden werden, was wiederum eine Solidarisierung mit dem jeweiligen Opfer zur Folge hat. Durch diese geteilten Moral- und Wertvorstellungen lassen sich die Formen des Rechts und der sozialen Wertschätzung prinzipiell in ihrer individuellen Zielsetzung auf ein Kollektiv übertragen.9 Komplementär zu jeder Anerkennungsform entwirft Honneth zusätzlich drei Formen der Missachtung und deren Folgen für das Individuum: 1. Verlust des Selbstvertrauens und Verletzung der physischen Intergrität durch Misshandlung und Vergewaltigung; 2. Gefährdung der Selbstachtung durch Entrechtung und Ausschließung, was die soziale Integrität verletzt und 3. Entwürdigung und Beleidigung, welche das individuelle Ehrgefühl bzw. das Selbstwertgefühl - welche mit einem bestimmten Habitus einhergehen - destruieren.10

Daraus lassen sich die Beweggründe für einen sozialen Kampf herauskristallisieren:

"Es handelt sich dabei um den praktischen Prozess, in dem individuelle Erfahrungen von Missachtung in einerWeise als typische Schlüsselerlebnisse einer ganzen Gruppe gedeutet werden, dass sie als handlungsleitendeMotive in die kollektive Forderung nach erweiterten Anerkennungsbeziehungen einfließen können."11

Die Voraussetzung hierfür ist jedoch, dass eine semantische Verbindung zwischen den Zielen einer sozialen Bewegung und dem individuellen Missachtungserfahrungen der Mitglieder bestehen muss, um die Entwicklung einer gemeinsamen Identität zu gewährleisten. Der Unterschied zu utilitaristischen Erklärungsmodellen ist, die Motivation zur Entstehung eines sozialen Kampfes eben aus der Missachtung von Anerkennungserwartungen entstehen. Honneth sieht diese Erwartungen als essentielle Voraussetzung der individuellen Identitätsbildung als so stark miteinander verknüpft, dass sie die Anerkennunsgmuster der Gesellschaft festlegen unter denen das Individuum sich innerhalb dieser als geachtet und als anerkanntes Subjekt sehen kann. Werden diese Erwartungshaltungen durch gesellschaftliche Akteure enttäuscht, löst dies das mit der Missachtung einhergende Gefühl beim Individuum aus. Diese Art der gefühlten Missachtung wird aber nur dann zur Grundlage eines sozialen Kampfes, wenn die individuell erfaheren Missachtung innerhalb eines moralischen Deutungsrahmens auf eine Gesamtheit von Individuen übertragen werden kann.12

Werden die individuellen Missachtungserfahrungen zu einer kollektiven Erfahrung, entwickelt sich ein neuer moralischer Deutungshorizont, innerhalb dessen die individuellen Missachtungsgefühle als Fundament für einen kollektiven Kampf um Anerkennung werden können. Der Kampf dient dabei als Mittel, um die erwartete Anerkennung offziell von der Gesellschaft einzufordern. Zudem hat der Konflikt die Funktion die Teilnehmer aus der eigenen Ohnmacht der Missachtung zu verhelfen, womit eine gemeinsame kollektive Identität geschaffen wird. Durch die gemeinsame Artikulation von Anerkennungsansprüchen, werden die Individuen in der Gruppe anhand ihrer Wertvorstellungen die sie verteidigen bestärkt und in der Richtigkeit ihrer Bestrebungen bestätigt. Der gemeinsame Kampf und das Auftreten in der Öffentlichkeit schenkt dem Individuum einen Teil seiner diskreditierten Selbstachtung und Identität wieder. Verstärkt wird dies zudem, durch die gemeinsame Anerkennung innerhalb der eigenen Gruppe.13 Die Kollektive tragen den Kampf zwar gemeinsam aus, jedoch ist es bei Honneths Theorie nich von großer Bedeutung ob diese Individuuen über die gemeinsam erfahrene Missachtung noch eine zusammenhängende kulturelle Identität besitzen oder nicht. Die Beseitigung der Missachtung und der Diskriminierung liegt im Interesse jedes Einzelnen, nicht aufgrund seiner Gruppenzugehörigkeit, sondern aufgrund seines persönlichen Interesses der Selbstentfaltung.14

Es soll betont werden, dass Honneth nicht grundlegend davon ausgeht, dass soziale Kämpfe nur aus der Missachtung von Anerkennung resultieren. Diese können auch aus ökonomischen oder individuellen Interessen motivert sein. Sie werden dann zu einem kollektiven Interesse, wenn sich verschiedene Personen in der Similarität ihrer sozialen Lage bewusst werden und daraus ein gemeinsamer Aktionshorizont zur Änderung dieser Lage entsteht. Ebenso können sich die handlungsleitenden Motive einer Gruppe schon im Voraus in einem festen moralischen Horizont konstituieren, innerhalb dessen normative Ansprüche auf Anerkennung eingebettet sind. Dies ist zum Beispiel immer dort der Fall, wo die Verfügung über bestimmte Güter mit der sozialen Wertschätzung direkt zusammenhängt und nur der Erwerb dieser Güter zur gewünschten Anerkennung führt.15

Nach Honneths Theorie können Menschen erst dann zu einer positiven Einstellung gegenüber sich selbst kommen, wenn die sozialen Bedingungen durch die drei Anerkennungsformen gegeben sind. Denn nur durch die Erfahrung dieser Formen kann ein Mensch lernen sich selbst wertzuschätzen und als autonomes Wesen zu verstehen, welches sich mit eigenen Wünschen und Zielen identifiziert. Grundlegend für die Entstehung eines Anerkennungsanspruches bzw. dem Wunsch nach Anerkennung ist der Lernprozess der gesellschaftlich vermittelten Werte und deren Inkorporation im Individuum selbst.16

3 Eskalation in den französischen Vorstädten

Im folgenden Teil soll zunächst die Entstehung der Banlieues beschrieben werden, um grundlegend zu verdeutlichen, inwiefern diese Vororte als Ausgangspunkt der Riots zu sehen sind. Anschließend werden die Aufstände in Frankreich von dargestellt.

[...]


1 Vgl. Fabien 2009, S. 235

2 Vgl. Lapeyronnie 2006, S. 67f

3 Vgl. Ottersbach 2011, S. 126f

4 Vgl. Dubet/ Lapeyronnie 1994, S. 163

5 Vgl. Honneth 1992, S. 256

6 Vgl. Honneth 1992, S. 258ff

7 Vgl. Ranke 2005, S. 171

8 Vgl. Ranke 2005, S. 168

9 Vgl. Honneth 1992, S. 259f

10 Vgl. Ranke 2005, S. 169

11 Honneth 1992, S. 260

12 Vgl. Honneth 1992, S. 261f

13 Vgl. Honneth 1992, S. 262f

14 Vgl. Ranke 2005, S. 178

15 Vgl. Honneth 1992, S. 264ff

16 Vgl. Honneth 1992, S. 271f 2005 in ihrem Ausmaß

Details

Seiten
18
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656817178
ISBN (Buch)
9783656807254
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v282507
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
1.0
Schlagworte
kampf anerkennung vorstädten riots

Autor

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Titel: Der Kampf um Anerkennung in den französischen Vorstädten. Die Riots von 2005