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Selfies. Zwischen ahnungsloser Inszenierung und inszenierter Ahnungslosigkeit

Impression Management in sozialen Netzwerken

Bachelorarbeit 2014 65 Seiten

Medien / Kommunikation - Public Relations, Werbung, Marketing, Social Media

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Fragestellung und Hypothesen
2.1. Methodik
2.2. Datenbasis

3. Literatur und Stand der Forschung
3.1. Geschichte der Selbstinszenierung in Malerei und Fotografie
3.1.1. Das (Selbst-)Porträt in der Malerei
3.1.2. Das (Selbst-)Porträt in der Fotografie
3.2. Selbstinszenierung im Alltag und Impression Management
3.2.1. Selbstdarstellung im Alltag nach Erving Goffman
3.2.2. Impression Management
3.3. Visuelle Wende in Social Media im Kontext der Ästhetisierung des gesellschaftlichen Lebens

4. Bildanalyse
4.1. Visuelle Selbstinszenierung prominenter Persönlichkeiten in sozialen Medien
4.1.1. Die Euphorischen
4.1.2. Das kontextvergessene Selfie
4.1.3. Das Prominenten-Spiegel-Selfie
4.1.4. Das PR-Selfie
4.2. Visuelle Selbstinszenierung junger Menschen im Alltagskontext in sozialen Medien
4.2.1. Die Facetten des Spiegel-Selfies
4.2.2. Das On-The-Top-Of-Selfie
4.2.3. Das ethisch fragliche Selfie

5. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Quellen der Abbildungen

Zusammenfassung

Selfie ist der neue Begriff für ein altes und seit vielen Jahrhunderten prak- tiziertes Phänomen, das Selbstporträt. Von Beginn an diente die Porträtie- rung der eigenen Person einem bestimmten Zweck, der Inszenierung des Selbst, einhergehend mit der Demonstration von Macht und dem Wunsch zu Imponieren. Dieses Bestreben reicht bis in die heutige Zeit und kann auch auf dem Selfies beobachtet werden. Bei genauerer Betrachtung gibt es aber bei weitem mehr zu entdecken und die Motivation zur Erstellung dieser Bilder ist weitaus vielfältiger. Selfies erlauben den Menschen sich kreativ zu betätigen und mit der eigenen Identität auseinander zu setzen. Die visuelle Inszenierung erfolgt hier anhand gesellschaftlicher und kultu- reller Normvorstellungen im Sinne einer Idealisierung. Solche Normen und Wertvorstellungen gelten auch im Bezug auf ethische Prinzipien, welche jedoch für das Selfie nicht zwangsläufig einen Rahmen bilden. Aktuelle Erkenntnisse hinsichtlich der Deutung und Analyse von Bildern eröffnen neue Perspektiven und Interpretationsmöglichkeiten. Die folgende Arbeit ist eine theoretische Abhandlung, welche das Phänomen des Selfies in bereits länger diskutierte Themengebiete wie die Selbstdarstellung im All- tag, das Impression Management, aber auch die philosophischen Theori- en zur ästhetischen Wahrnehmung einordnet.

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Albrecht Dürer, Selbstbildnis im Pelzrock, 1500

Abbildung 2: Gemälde eines unbekannten Malers im Stadtmuseum Lüdenscheid, das die Feiern zum `Tag von Potsdam´ 1933 in Lüdenscheid darstellt

Abbildung 3: Fritz Erler, Porträt des Führers, 1939

Abbildung 4: Robert Cornelius, Selbstporträt, 1839

Abbildung 5: Hippolyte Bayard, Selbstportrait als ertrunkener Mann, 1840

Abbildung 6: Anastasia Nikolajewna Romanowa, Selbstporträt, 1913

Abbildung 7: Stefan Moses, Selbstbildnis Theodor W. Adorno "Selbst im Spiegel", 1963

Abbildung 8: Cindy Sherman, Untitled Film Still, #3, 1977

Abbildung 9: Lukas Podolski, The Chancellor and me after the victory , Selfie

Abbildung 10: Barack Obama knipst Selfie mit dem britischen Premier David Cameron und der dänischen Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt

Abbildung 11: Kim Kardashian, Spiegel-Selfie

Abbildung 12: Ellen DeGeneres, Oscar 2014 Selfie

Abbildung 13: Spiegel-Selfie - Junge Frau inszeniert sich vor einem Spiegel

Abbildung 14: Spiegel-Selfie - Junger Mann inszeniert sich vor einem Spiegel

Abbildung 15: Spiegel-Selfie, Junge Frau inszeniert sich in einer Umkleidekabine

Abbildung 16: On The Top Of Jesus, Selfie

Abbildung 17: Princess Breanna, Auschwitz-Selfie

1. Einleitung

Jeder kennt es und fast jeder hat es schon einmal getan. Manch einer macht es gelegentlich, ein anderer tut es täglich und Kim Kardashian veröffentlicht nun auch noch ein Buch darüber1, das Selfie. Doch was ist ein Selfie eigentlich? Das Oxford Dictionary kürte im Jahr 2013 das Wort Selfie zum englischen Wort des Jahres und definiert es wie folgt:

„ A photograph that one has taken of oneself, typically one taken with a smartphone or webcam and shared via social media. “

Ein Selfie ist also ein mit einem Smartphone, Tablet oder einer Webcam aufgenommenes Selbstporträt, das dazu bestimmt ist, über soziale Netz- werke geteilt zu werden. Diese Definition erweckt den Eindruck, als wären Selfies etwas vollkommen Neues, ein Phänomen der jungen Generation, der Digital Natives, doch ganz im Gegenteil. Eine Vielzahl bedeutender Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft, sowie Kunst, Kultur oder Sport inszenieren sich seit Jahrhunderten in Form von Selbst- porträts in der Malerei und Fotografie. Bedingt durch aktuelle technische Entwicklungen, wie moderne Smartphones und schnelle Internetverbin- dungen, ist es heutzutage fast jeder beliebigen Person zu jedem beliebi- gen Zeitpunkt von überall auf der Welt möglich, Selfies zu generieren und in soziale Netzwerke zu laden. Nach Goffman sind Menschen im Alltag kontinuierlich bewusst, wie auch unbewusst damit beschäftigt, sich selbst zu inszenieren.2 Doch nicht nur im Alltag stellen sich Menschen selbst dar, auch in der Geschäftswelt wird es für den Einzelnen, aber auch für Unter- nehmen immer wichtiger ein gezieltes Impression Management zu betrei- ben, um einen gewünschten Eindruck in der öffentlichen Meinung zu hin- terlassen.3 Das Selfie dient in diesem Zusammenhang als Werkzeug einer visuellen und individuellen, aber auch kreativen und besonders eindrücklichen Form der Selbstdarstellung in sozialen Netzwerken.

Die vorliegende Bachelor-Thesis nimmt sich dieser grundlegenden Thematik an und untersucht das zeitgenössische Phänomen des Selfies als visuelles Instrument der Eindruckssteuerung rückblickend auf die Tradition visueller Selbstdarstellung. Dabei stehen im Besonderen Aspekte wie Ethik, Prominenz der Darsteller und der Zusammenhang mit den zunehmenden Visualisierungstendenzen in Social Media im Fokus der Betrachtung. Des Weiteren verspricht sie neue Erkenntnisse hinsichtlich der Auswirkungen von Selfies auf das persönliche Impression Management einer jeden Person, die Selfies erstellt und verbreitet.

Im ersten Teil der Abhandlung werden die konkrete Forschungsfrage und die unterschiedlichen in dieser Arbeit zu untersuchenden Hypothesen vorgestellt. Überdies erhält der Leser wichtige Informationen zur Datenbasis und der Methodik, mit welcher es gilt, die Ergebnisse zu generieren, um die Forschungsfragestellung beantworten zu können.

Das dritte Kapitel stellt die gegenwärtige wissenschaftliche Literatur und die damit verbundenen theoretischen Grundlagen, sowie die aktuellen Forschungsstände der für diese Arbeit relevanten wissenschaftlichen Bereiche vor. Dazu gehören die Einführung in die Selbstdarstellung in Malerei und Fotografie, die Selbstinszenierung im Alltag, Einblicke in die Theorie des Impression Management, sowie eine Einführung in das Thema des visuellen Umbruchs in Social Media und der damit einhergehenden Ästhetisierung des gesellschaftlichen Lebens.

Mittels einer ausführlichen Analyse in Form einer Case Study werden im vierten Kapitel ausgewählte Selfies unterschiedlicher selbst erarbeiteter Kategorien untersucht, um Normen und Gesetzmäßigkeiten hinsichtlich der visuellen Selbstdarstellung zu dokumentieren, die auf Selfies desselben Genres übertragbar sind.

Im fünften Kapitel werden die bis zu diesem Zeitpunkt gewonnenen Er- gebnisse hinsichtlich der in Kapitel 2 genannten Hypothesen noch einmal zusammengefasst. Im Zuge dessen wird auch die Forschungsfragestel- lung beantwortet. Im Anschluss zieht der Autor ein persönliches Fazit und gibt einen Ausblick auf weitere mögliche Forschungen zu diesem Thema.

2. Fragestellung und Hypothesen

Die konkrete Forschungsfragestellung dieser Arbeit lautet:

Wie ist das zeitgenössische Phänomen des Selfies als visuelles In strument der Eindruckssteuerung zu bewerten, im Rückblick auf die Tradition der visuellen Selbstdarstellung und hinsichtlich Prominenz, ethischer Faktoren und des Kontexts von Social Media?

Des Weiteren gilt es folgende Hypothesen zu untersuchen:

- Selfies sind kein neues Phänomen des digitalen Zeitalters, sondern haben ihren Ursprung weit in der Vergangenheit.
- Selfies sind ein visuelles Instrument zur Selbstdarstellung und die- nen dem Impression Management in sozialen Medien.
- Personen, die in der Öffentlichkeit stehen, inszenieren sich auf Sel- fies strategisch vorausschauender als andere, um das Risiko mög- licher negativer Folgen, wie beispielsweise Imageschäden, die aus der Inszenierung entstehen könnten, im Vorfeld zu minimieren.
- Unterschiede zwischen prominenten und nicht prominenten Per- sönlichkeiten bestehen auch darin, dass Prominente sich eher ge- meinsam mit anderen namhaften Personen ablichten, um zu zei- gen, im Umfeld welcher wichtigen und bedeutenden Leute sie ver- kehren.
- Prominente Persönlichkeiten inszenieren sich gern auf exklusiven Veranstaltungen zu denen weniger berühmte Personen keinen Zugang genießen, um Status und Prestige hervorzuheben.
- Nicht-Prominente kopieren die Inszenierungen ihrer berühmten Vorbilder.
- Ob prominent oder nicht, oft entstehen Selfies spontan und ethi- sche Aspekte werden im Zuge der Inszenierung ignoriert.

2.1. Methodik

Die vorliegende Arbeit bedient sich der Methodik einer theoretischen Vorgehensweise, indem Thesen auf Basis vorhandener Literatur entwickelt und überprüft werden.

Herangezogen werden dazu die philosophischen Theorien zur Neuenäs- thetik von Gernot Böhme. Daraus lassen sich mögliche Empfindungen des Betrachters, sowie bestimmte Absichten des Produzenten ableiten. Des Weiteren erfolgt eine Untersuchung der Bilder auf wesentliche Charakteri- stika des Impression Management. Hier wird größtenteils auf die Literatur von Manfred Piwinger und Karl Nessmann zu dieser Thematik zurückge- griffen. An dieser Stelle lässt sich schlussfolgern, inwiefern Selfies durch geschaffene Atmosphären eine Stimmung erzeugen, welche der Selbst- darstellung und dem Impression Management dienlich ist. Verschränkt mit diesen Ausführungen ist die Untersuchung unterschiedlicher Selfies mit Hilfe einer visuellen Analyse, welcher die Semiotik als Instrument zugrun- de liegt. Nun lassen sich eventuell weitere Rückschlüsse auf die Mecha- nismen von Selbstdarstellung und Impression Management ziehen. Über- dies ist es dadurch möglich, das sehr neue Thema der Selfies in bereits länger diskutierte Themenbereiche einzuordnen.

2.2. Datenbasis

Es werden zwei grundlegende Arten von Selfies untersucht, zum einen Selfies von prominenten Persönlichkeiten, zum anderen solche, wie sie täglich in großem Maße von Menschen unterschiedlichen Alters und ver- schiedener sozialer Schichten im Alltagskontext entstehen und über sozia- le Netzwerke verbreitet werden. Innerhalb dieser beiden Gruppen wurden im Laufe der Untersuchung verschiedene Kategorien erarbeitet, welche die typischen Aspekte des jeweiligen Genres herausstellen und veran- schaulichen. Jede Kategorie basiert auf der Sichtung von 20 - 100 Selfies, welche allesamt dem Internet entstammen und dort in sozialen Netzwer- ken wie Twitter, Instagram oder Facebook, auf Nachrichten- und Single- Portalen, auf Blogs oder anderen speziellen Webseiten gefunden wurden.

Die im vierten Kapitel aufgeführten Beispiele sind repräsentativ für die jeweilige Kategorie und die herausgearbeiteten Aspekte lassen sich auf Selfies desselben Genres übertragen.

3. Literatur und Stand der Forschung

Im zweiten Kapitel stehen die theoretischen Grundlagen aus der aktuellen wissenschaftlichen Literatur im Mittelpunkt. Es werden gegenwärtige Forschungsstände der in dieser Arbeit herangezogenen unterschiedlichen wissenschaftlichen Bereiche beleuchtet und vorgestellt.

Zunächst wird dem Leser ein Einblick in die Geschichte der Selbstdarstellung in Malerei und Fotografie gewährt. Danach folgt ein Überblick zum Thema Selbstinszenierung im Alltag, sowie die Theorie des Impression Management. Zum Schluss wird auf die visuelle Wende in sozialen Netzwerken und die damit einhergehende Ästhetisierung in unterschiedlichen Lebensbereichen und in der Wirtschaft eingegangen.

3.1. Geschichte der Selbstinszenierung in Malerei und Fo- tografie

Die Darstellung von Menschen in Form von Illustrationen reicht bis in die Steinzeit zurück. Der Wunsch und der innere Antrieb zur Illustration des Ichs ist so alt, wie die Menschheit selbst. Betrachtet man die frühen Höh- lenmalereien, so zeugen diese vom menschlichen Bemühen Dinge zu verstehen, zu verewigen und für kommende Generationen festzuhalten. Die damaligen Malereien an Höhlenwänden waren selbstverständlich weit entfernt vom Porträt nach aktuellem Verständnis, welches der Duden als bildliche Darstellung, Bildnis oder Bild (besonders Brustbild eines Menschen) definiert und erst recht vom heutigen Selfie, doch sie legten den Grundstein für die weitere Entwicklung.4

Es folgt nun ein geschichtlicher Abriss der Entstehung des (Selbst- )Porträts und der damit verbundenen Inszenierung in Malerei und Fotogra- fie, um deutlich zu machen, dass die Selbstinszenierung auf Selfies kein Phänomen des digitalen Zeitalters ist, sondern der eigentliche Ursprung bereits weit in der Vergangenheit liegt. Um diese These zu untermauern werden die nun kommenden Beispiele angeführt, erläutert und analysiert.

3.1.1. Das (Selbst-)Porträt in der Malerei

Der Ursprung der Porträtmalerei liegt laut Beyer in der Antike und in der Legende um den griechischen Töpfer Butades, der einen an die Wand geworfenen Schattenriss seiner Tochter mit Ton auffüllte und das daraus entstandene Relief brannte. Zur damaligen Zeit dienten Porträts lediglich dem Zweck, die Erinnerungen an die Toten zu bewahren, sowie zeitliche und räumliche Distanzen zu überwinden.5

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten.

Abbildung 1: Albrecht Dürer, Selbstbildnis im Pelzrock, 1500

Quelle: Norbert Schneider, Porträtmalerei: Hauptwerke europäischer Bildniskunst 1420 - 1670

Mit der Spätantike verlor die individualisierende und realitätsnahe Darstel- lung gesellschaftlich geachteter Persönlichkeiten in der Kunst für viele Jahrhunderte an Bedeutsamkeit und gewann erst mit dem späten Mittelal- ter wieder zunehmend an Relevanz. Fürsten, Adlige und Kleriker, später auch Kaufleute, Gelehrte und Künstler ließen sich fortan in Form von Por- träts darstellen und verschafften sich auf die Weise Renommee.6 Bekann- te Künstler wie beispielsweise Albrecht Dürer, Nicolas Poussin oder Rem- brandt begannen auch sich selbst zu porträtieren. Eines der bekanntesten Werke dieser Zeit ist das Selbstbildnis im Pelzrock (Abbildung 1) von Al- brecht Dürer (Abbildung 1) aus dem Jahr 1500, auf dem er sich christus- gleich inszeniert.7

Schneider bezeichnet die Zeit vom Spätmittelalter bis zum 17. Jahrhundert als Die gro ß e Zeit des Porträts. Ebenso wie die Bedeutung des Porträts an sich, entwickelte sich auch die Form der Darstellung weiter. Ging es anfangs noch um die exakte und originalgetreue Abbildung des Darge- stellten, so öffnete sich die Kunst bereits Ende des 15. Jahrhunderts einer gewissen Psychologisierung, welche sich in einer Art Inszenierung und in der „Darstellung seelischer Befindlichkeiten, Mitteilung von Stimmungen, gedanklichen Haltungen und moralischen Einstellungen“8 widerspiegelte.9 Auch verlangte Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770 - 1831) in seiner Auffassung von Ästhetik nach schöntuenden Darstellungen und dem Her- auskehren des geistigen Charakters. Dies war seiner Ansicht nach ober- ste Prämisse und rangierte somit vor dem Ähnlichkeitsanspruch. Solche Begehren waren charakteristisch für die Identitätsauffassung des deut- schen Idealismus im 19. Jahrhundert, lassen sich jedoch nicht formal auf die Frühgeschichte der Porträtmalerei übertragen, die durch übertriebene Ähnlichkeit in der Darstellung geprägt war. Zum Ende des 15. Jahrhun- derts jedoch entwickelten sich frühe Normvorstellungen im Sinne einer Idealisierung, die der italienische Künstler Giovanni Paolo Lomazzo (1538 - 1600) in einer Abhandlung zur Malerei konkretisiert,10 „der Maler (müs- se) im Porträt stets die Würde und Größe des Menschen herausarbeiten, die Unvollkommenheit der Natur unterdrücken“11. Dies waren die ersten Ansätze einer Inszenierung und damit einhergehenden Akzentuierung menschlicher Attribute, die auch beim heutigen Selfie zu beobachten ist.

Verallgemeinernd lassen sich dem Porträt des Spätmittelalters bis in die frühe Neuzeit unterschiedliche Funktionen zuordnen, dazu gehören die Vertretungs-, Repräsentations- und Memorialfunktion. Alle Bildnisse die- nen der Demonstration von Macht und sollen imponieren, was sich ganz besonders im inszenierten Herrscherporträt manifestiert.12 Diese Tatsache spiegelt sich selbst im 20. Jahrhundert noch in den Führerporträts zur Zeit des Nationalsozialismus wieder. So ließ sich Adolf Hitler beispielsweise zu Beginn seines Regimes besonders gern als „heilbringende Lichtgestalt und Erlöser“13 darstellen. Dies gelang mit Hilfe der Symbolik von Licht und Feuer, welche durch lange christliche Tradition mit mächtiger Bedeutung aufgeladen war. Adolf Hitler erwuchs somit zum Führer aus der Dunkelheit und befriedigte damit die zu dieser Zeit vorherrschende und durch den verlorenen Ersten Weltkrieg bedingte Sehnsucht der Deutschen nach ei- nem Erretter.14 Ein von einem unbekannten Künstler gezeichnetes Ge- mälde im Stadtmuseum von Lüdenscheid (Abbildung 2) veranschaulicht eben diesen Sachverhalt und zeigt die Feierlichkeiten zum Tag von Pots- dam, wie diese im Jahr 1933 in Lüdenscheid begangen wurden. Eine in NS-Uniform gekleidete Menschenmenge, den Arm zum Deutschen Gru ß erhoben, steht vor einer mächtigen Säule, deren Haupt ein gigantisches Feuer krönt. Die lodernden Flammen erstrecken sich tief in den nacht- schwarzen Himmel hinein, während die Zuschauer ihrem Führer Adolf Hit- ler ewige Treue schwören.15 Der Turm und die Flammen versinnbildlichen Adolf Hitler, den angebeteten Führer, der sich hier in Form eines gewalti- gen Lichts vor seinem Volk erhebt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten.

Abbildung 2: Gemälde eines unbekannten Malers im Stadtmuseum Lüdenscheid, das die Feiern zum `Tag von Potsdam´ 1933 in Lüdenscheid darstellt

Quelle: Tobias Ronge, Das Bild des Herrschers in Malerei und Grafik des Nationalsozia- lismus: Eine Untersuchung zur Ikonografie von Führer- und Funktionärsbildern im Dritten Reich

Hitler präsentierte sich jedoch auch gern als Künstler, war ihm selbst ein Leben als solcher nicht vergönnt, denn früh scheiterten seine Bemühun- gen und Gehversuche in diese Richtung. Diese Darstellung entsprach deutlich seinem Selbstverständnis und war gekoppelt an den Gedanken vom Führer-Genie.16 „Der Künstler gilt als das Genie par excellence, da sich seine geistigen Fähigkeiten in äußeren Werken manifestieren und so für jedermann sichtbar sind.“17 Um das zu verbildlichen entstanden Por- träts von Hitler, die ihn in Verbindung mit Kunstwerken zeigen. Zu den be- kanntesten Werken zählt das Porträt des Führers (Abbildung 3) aus dem Jahr 1939 von Fritz Erler. Es zeigt Adolf Hitler überlebensgroß vor einer heroischen Statue, die einen heldenhaften Krieger mit einem Schwert in der einen und einem aufsitzenden Adler in der anderen Hand darstellt. Im Hintergrund des Porträts ist die Fassade des Hauses der Deutschen Kunst angedeutet, wodurch zwei Interpretationen zugelassen werden, zum einen die Versinnbildlichung von Kraft, Tugend und Kampfeswillen des von Hitler aus dem Nichts hervorgebrachten Dritten Reiches, zum an- deren die Wiedergeburt der deutschen Kunst.18 „Die rechts neben Hitler abgebildeten Steinmetzwerkzeuge - Hammer und Meißel - verweisen in allegorischem Sinne auf den von Hitler geleisteten kreativen Schaffensprozess.“19 Am Ende also noch einmal der eindeutige Verweis auf den Künstler, als den sich Hitler selbst sieht.

Abbildung 3: Fritz Erler, Porträt des Führers, 1939 Quelle: Studyblue

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten.

Auf der Großen Deutschen Kunstausstellung (1937 - 1944) in München wurden über Jahre ähnliche Bilder von Hitler und seiner Gefolgschaft in- szeniert, die die Vorstellung Hitlers von Macht und Herrschaft ausdrücken. Hitler selbst, seine Funktionäre und sein System werden auf diesen Bil- dern so dargestellt, wie er wollte, dass sie gesehen werden.20 Hier lassen sich bereits Parallelen zum Selfie erkennen. Der Tatsache sich auf Bildern so zu präsentieren, wie man wahrgenommen werden möchte, ist ein Aspekt, der auch dem Selfie zugeschrieben wird.

3.1.2. Das (Selbst-)Porträt in der Fotografie

Zwar rückte das gemalte Porträt mit der Erfindung und Ausbreitung der Fotografie im 19. Jahrhundert ein wenig in den Hintergrund, verlor jedoch nicht vollständig an Bedeutung. Geschuldet war dieser Interessenschwund dem Tatbestand der schnelleren und genaueren Reproduzierbarkeit von Bildnissen mit Hilfe dieses neuen technischen Verfahrens. Zudem ent- standen wesentlich geringere Kosten und zeitraubendes Modellsitzen ent- fiel fortan.21

Im Jahr 1839 entwickelte der Franzose Louis Daguerre die nach ihm be- nannte Technik Daguerreotypie, die es fortan ermöglichte, Bilder mit Hilfe einer Kamera einzufangen und festzuhalten. Kurze Zeit später erlebte die Porträtfotografie einen gewaltigen Aufschwung, was sich in der Eröffnung zahlreicher Porträtstudios überall in Europa und auch den USA ausdrück- te.22

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten.

Abbildung 4: Robert Cornelius, Selbstporträt, 1839 Quelle: The Guardian

Das wohl erste fotografische Selbstporträt der Welt entstand jedoch noch im Jahr 1839 und zeigt den Amerikaner Robert Cornelius (Abbildung 4), der mit der neuen Technik experimentierte. Das Selbstbildnis zeigt ihn leicht seitlich versetzt und misstrauisch in die Kamera blickend, in Erwar- tung auf das fotografische Ergebnis. Cornelius setzte damit frühe Stan- dards in der Porträtfotografie.23 Von einer bewussten Inszenierung der eigenen Person kann hier noch keine Rede sein, wusste Cornelius doch selbst nicht, welche Ergebnisse seine Versuche am Ende bringen. Trotz- dem darf man sagen, dass es sich hierbei um das erste Selfie im weite- sten Sinne handelt.

Ein Jahr darauf entstanden drei bizarre Bilder, „bei denen es sich um Va- riationen ein und derselben Pose handelte“24, des Franzosen Hippolyte Bayard. Dieser gilt als Erfinder des Direktpositiv-Verfahrens, dem jedoch zur damaligen Zeit wenig Beachtung geschenkt wurde. Um seinem Unmut und der Enttäuschung darüber Ausdruck zu verleihen, schoss er das wohl erste bewusst inszenierte Selbstporträt. Dies gilt heute als Vorfahr der theatralischen Selbstinszenierung und trug den Titel Selbstportrait als er- trunkener Mann (Abbildung 5). Auf diesem stellte er seinen eigenen Tod dar.25 „Bayard wurde sozusagen von seinem Konkurrenten ertränkt.“26 Der Kopf und der Oberkörper sind behutsam gegen eine Wand gelehnt, um zum einen den Anschein eines toten Mannes zu erwecken und zum ande- ren die Aufnahme zu erleichtern und größere Unschärfen zu vermeiden. So erforderte dieses Bild nach eigenen Angaben Bayards eine Belich- tungszeit von 18 Minuten.27

Selbst in den Anfangszeiten der Fotografie nutze man also diese frühe Form des Selfies, um intime Empfindungen zu kommunizieren und diese zu offenbaren. Außerdem diente es auch zur damaligen Zeit bereits als Werkzeug, mit dem es möglich war, politisch Kritik zu üben.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten.

Abbildung 5: Hippolyte Bayard, Selbstportrait als ertrunkener Mann, 1840 Quelle: museenkoeln

Im Jahr 1913 entstand ein Selbstporträt der russischen Zarentochter Ana- stasia Nikolajewna Romanowa (Abbildung 6).28 Es zeigt diese, wie sie sich mit neugierigem Gesichtsausdruck auf einem Stuhl zentral vor einem Spiegel positioniert. Sie trägt ein langes weißes Kleid und ihre schwarzen Haare fallen zum Zopf gebunden über die rechte Schulter nach vorn hin- unter. Die Kamera hält sie dabei mit beiden Händen fest und stellt diese auf der Stuhllehne ab. Aufgrund der zu dieser Zeit noch üblichen eher län- geren Belichtungszeiten und daraus entstehenden Verwacklungen ist das Bild nicht gestochen scharf. Im Hintergrund steht ein Esstisch, um wel- chen weitere Stühle stehen. Es wirkt, als wäre das Bild in einer Küche aufgenommen worden. Das Licht ist eher düster und der Hintergrund ver- wischt im Unscharfen und im Schatten. Hinter der Zarentochter links im Bild befindet sich ein großer weißer Schatten. Was dies darstellen soll, ist nicht eindeutig zu erkennen. Es wirkt fast, als würde sich dort eine weitere Person befinden, deren Kopf durch schnelle Bewegung und lange Belich- tungszeit stark verschwimmt. Bei diesem Bild handelt es sich wohl um ei- ne frühe Inszenierung, die dem heutigen Genre des Spiegel-Selfies zu zuordnen ist. Die im Fokus stehende Person hat sich hier bereits in einem gewissen Maße bewusst inszeniert, die Umgebung wird jedoch im Kontext der Inszenierung stark vernachlässigt. Der sehr starre und erwartungsvolle Blick, sowie der leicht geöffnete Mund erwirken beim Betrachter ebenfalls Neugierde und erzeugen eine gewisse Spannung, so als würde er erwarten, dass gleich noch einmal der Auslöser betätigt wird.

Die hier deutlich werdenden Aspekte, wie die Positionierung vor einem Spiegel und der unbedacht inszenierte Hintergrund, werden im späteren Verlauf der Arbeit noch weiter diskutiert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten.

Abbildung 6: Anastasia Nikolajewna Romanowa, Selbstporträt, 1913 Quelle: Daily Mail

Der bekannte Fotograf Stefan Moses ließ in den 1960er Jahren bei einem fotografischen Experiment die Grenzen zwischen Porträt und Selbstporträt verschwimmen. Er lud die später (Selbst-)Porträtierten zu einer Porträtsit- zung ein und platzierte diese auf einem Suhl vor einem großen Gardero- benspiegel. Hinter dem Darzustellenden baute er die Kamera auf einem Stativ auf und überreichte dem Modellsitzenden einen Drahtfernauslöser. Diesem war es nun selbst überlassen sich nach Belieben vor dem Spiegel zu inszenieren und im für ihn passenden Augenblick den Auslöser zu be- tätigen.29

[...]


1 Vgl. o.V., http://www.n24.de/n24/Nachrichten/Panorama/d/5206142/kim-kardashian- plant-selfie-buch.html, abgerufen am 9. September 2014.

2 In seinem 1959 veröffentlichten Buch The Presentation Of Self In Everyday Life

beschreibt der Sozialwissenschaftler Erving Goffman, wie sich jeder Mensch im Alltag, ob bewusst oder unbewusst, selbst inszeniert sobald sich dieser im sozialen Kontakt mit anderen befindet.

3 Vgl. Piwinger, M. & Bazil, V., Impression Management: Identitätskonzepte und Selbstdarstellung in der Wirtschaft, Wiesbaden, 2014, S. 471.

4 Faulstich, W., Medienwissenschaft, Paderborn, 2004, S. 52.

5 Vgl. Beyer, A., Das Porträt in der Malerei, München, 2002, S. 17.

6 Vgl. Schneider, N., Porträtmalerei: Hauptwerke europäischer Bildniskunst 1420 - 1670, Köln, 1994, S. 6ff.

7 Vgl. Schneider, N., 1994, S. 104ff.

8 Schneider, N., 1994, S. 6.

9 Vgl. Schneider, N., 1994, S. 6ff.

10 Vgl. Schneider, N., 1994, S. 15ff.

11 Schneider, N., 1994, S. 18.

12 Vgl. Schneider, N., 1994, S. 26ff.

13 Ronge, T., Das Bild des Herrschers in Malerei und Grafik des Nationalsozialismus: Eine Untersuchung zur Ikonografie von Führer- und Funktionärsbildern im Dritten Reich, Münster, 2010, S. 77.

14 Vgl. Ronge, T., 2010, S. 77f.

15 Vgl. Freitag, W., Das Dritte Reich im Fest: Führermythos, Feierlaune und Verweigerung in Westfalen 1933 - 1945, Bielefeld, 1997, S. 28ff.

16 Vgl. Ronge, T., 2010, S. 86ff.

17 Ronge, T., 2010, S. 87.

18 Vgl. Ronge, T., 2010, S. 88f.

19 Ronge, T., 2010, S. 89.

20 Vgl. Ronge, T., 2010, S. 306.

21 Vgl. Schneider, N., 1994, S. 10.

22 Vgl. Angier, R., Schärfe deinen Blick: außergewöhnliche Portraitfotografie, München, 2008, S. 13.

23 Vgl. Hannavy, J., Encyclopedia Of Nineteenth-Century Photography, Danvers, 2013, S. 339.

24 Angier, R., 2008, S. 13.

25 Vgl. Angier, R., 2008, S. 13ff.

26 Angier, R., 2008, S. 13.

27 Vgl. Angier, R., 2008, S. 15.

28 Vgl. o.V., http://www.dailymail.co.uk/femail/article-2514069/Russian-Grand-Duchess- Anastasia-seen-capturing-reflection-1913-Russia.html, abgerufen am 2. August 2014.

29 Vgl. Stiegler, B. & Thürlemann, F., Meisterwerke der Fotografie, Stuttgart, 2011, S. 263.

Details

Seiten
65
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656769521
ISBN (Buch)
9783656769293
Dateigröße
1.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v282465
Institution / Hochschule
BSP Business School Berlin (ehem. Potsdam)
Note
1,7
Schlagworte
selfies zwischen inszenierung ahnungslosigkeit impression management netzwerken

Autor

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Titel: Selfies. Zwischen ahnungsloser Inszenierung und inszenierter Ahnungslosigkeit