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Eingliederung der Natur in die Zivilisation in "Der Waldbrunnen" und "Katzensilber" von Adalbert Stifter

Hausarbeit 2013 14 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Juliana oder das „wilde Mädchen“ in der Waldbrunnen
2.1 Darstellung und Charakterisierung
2.2 Julianas Beziehungen in der Waldbrunnen

3. Das „braune Mädchen“ in Katzensilber
3.1 Darstellung und Charakterisierung
3.2 Die Beziehungen des „braunen Mädchens“

4. Zivilisation vs. Natur

5. Fazit

Literatur

1. Einleitung

Liest man sich die sechs Erzählungen aus der Sammlung Bunte Steine von Adalbert Stifter durch, so fallen einem beim Lesen einige Gemeinsamkeiten auf. Zum einen ist Stifters Stil auffallend. Er neigt dazu alltägliche Situationen bis ins kleinste Detail zu beschreiben:

„Der arme Pfarrer sah mir zu, wie ich meine Vorrichtungen auseinander packte. Er betrachtete die kleinen blechernen Tellerchen, deren mehrere in eine unbedeutende flache Scheibe zusammen zu packen waren. Ich stellte die Tellerchen auf den Tisch. Dazu tat ich von meinem Fache Messer und Gabeln. Dann schnitt ich Scheibchen von kaltem Braten und Käse. Das breitete ich auf den Tellern aus[...]“ (Stifter, Kalkstein 73)

Bei diesem Ausschnitt aus der Erzählung Kalkstein fällt auf, dass Stifter jeden Schritt des „Essenauspackens“ mit einem Satz würdigt. In seiner Vorrede zu den Bunten Steinen versucht er diesen detaillierten Stil zu rechtfertigen, für den er auch seinerzeit häufig kritisiert worden war:

„[Das] halte ich für groß: [...] Die Kraft, welche die Milch im Töpfchen der armen Frau empor schwellen und übergehen macht, ist es auch, die die Lava in dem feuerspeienden Berge empor treibt, und auf den Flächen der Berge hinab gleiten läßt. Nur augenfälliger sind diese [letzteren] Erscheinungen, und reißen den Blick des Unkundigen und Unaufmerksamen mehr an sich[...]“ (Stifter, Vorrede 8)

Stifter möchte also in seinem Schreiben auf das „Kleine“ in Relation zum „Großen“ aufmerksam machen. Jedoch scheint für Stifter der Bezug zu den Naturgesetzen und zur Natur im Allgemeinen noch viel wichtiger zu sein. In vielen seiner Erzählungen in Bunte Steine gibt es immer wieder Situationen in denen die Natur dem Fortschritt bzw. dem Menschen gegenübergestellt wird, oder Erzählungen die sogar gänzlich von diesem Thema bestimmt sind. Es hat oft den Anschein als ob Natur und Fortschritt einen Kampf austrügen, in dem es nur einen Sieger geben kann. So auch in den Erzählungen Katzensilber und der Waldbrunnen (stammt nicht aus Bunte Steine). Die beiden Geschichten handeln jeweils von einem „wilden oder braunen Mädchen“, das in die Zivilisation eingegliedert werden soll. Beide Mädchen haben eine starke Beziehung zur Natur. Somit entsteht ein Konflikt und eine Frage wird unweigerlich aufgeworfen: Kann man die Natur in eine moderne Zivilisation einbinden?

In diesem Papier soll diese Frage für beide Erzählungen geklärt werden. Zunächst werden die „wilden Mädchen“ in Stifters Erzählungen beschrieben und charakterisiert. Anschließend werden die Beziehungen der Mädchen zu den übrigen Figuren geklärt und analysiert. Abschließend werden die erarbeiteten Informationen miteinander verglichen, sodass eine Antwort auf die o.g. Frage zustande kommt.

2. Juliana oder das „wilde Mädchen“ in der Waldbrunnen

Der Waldbrunnen handelt von einem Großvater, der mit seinen beiden Enkelkindern, deren Eltern früh gestorben sind, für die Sommerzeit aufs Land zieht. In den kalten Wintermonaten fahren sie wieder zurück in die Stadt. Der Großvater ist sehr an Bildung interessiert und lernt in der ländlichen Schule das „wilde Mädchen“ kennen. Sie heißt Juliana. Die Erzählung erstreckt sich über mehrere Jahre hinweg und ist, im Großen und Ganzen, zeitraffend erzählt. Über den erzählten Zeitraum entwickelt sich eine innige Beziehung zwischen Juliana, dem Großvater und dessen Enkelkindern, bis sie schließlich am Ende der Geschichte den Enkel heiratet und somit vollständig in die Familie integriert wird.

2.1 Darstellung und Charakterisierung

Juliana ist braunhäutig und hat schwarze Haare. Ihre dunkle Haut sieht so aus, „als [wäre] sie aus Erz gegossen.“ (Stifter, Der Waldbrunnen / Der Kuß von Sentze 19) Von der Figur her ist sie groß und schlank.

„Das wilde Mädchen trug gar keinen Schmuck, sein Rock war auch grün und zerrissen, sein Latz war blau, und sein Hemd [...] hatte frische Risse.“ (Stifter, Der Waldbrunnen / Der Kuß von Sentze 15)

Juliana macht zunächst einen armen Eindruck mit ihrer lumpenhaften Kleidung. Jedoch fühlt sie sich scheinbar nicht davon gestört. Weiter wird von ihr gesagt, dass sie mit „tiefer Stimme [...] in fremdartiger Aussprache[...]“ spricht. (Stifter, Der Waldbrunnen / Der Kuß von Sentze 14)

Des Weiteren wird sie mit einer Katze verglichen:

„Da saß unter der Tür, in welche die helle Sonne schien, ein altes Weib und zog einen groben Faden aus der Spindel, und hinter dem alten Weibe hockte auf einer Tonne, aus dem Dunkel des winzigen Holzbaues über das alte Weib heraus blickend, wie eine Katze, das wilde Mädchen.“ (Stifter, Der Waldbrunnen / Der Kuß von Sentze 15)

Am Anfang der Geschichte bekommt man zunächst ein eher schlechtes Bild von Juliana durch ihren Lehrer. Er sagt, dass sie ihre Zähne zeigt und hässliche Augen habe.

„[Lehrer: wenn ich] liebreich zu ihm[dem Mädchen] rede, zeigt es die Zähne und schaut mich mit häßlichen Augen an, und sagt gar nichts. [...] Auf der Gasse stößt und schlägt es die andern Kinder [...]“ (Stifter, Der Waldbrunnen / Der Kuß von Sentze 12)

Letztere Aussage des Lehrers soll sich im weiteren Verlauf der Geschichte sogar als Lüge herausstellen:

„Er[der Großvater] sah nie, daß das wilde Mädchen andere Kinder stieß oder schlug, sondern es ging seines Weges fort.“ (Stifter, Der Waldbrunnen / Der Kuß von Sentze 14)

Somit ist direkt klar, dass das Mädchen und auch dessen Familie beim Lehrer wohl unbeliebt ist. Möglicherweise verhält es sich mit dem Rest der Gemeinde nicht anders, jedoch erfährt man davon nichts in der Erzählung.

Die einzige Wahrheit an den Äußerungen des Lehrers ist, dass das Mädchen nicht spricht. Jedoch tut sie dies nicht aus Boshaftigkeit, sondern aus Scheu.

„Es saß auf dem zweiten Platze der zweiten Bank und sah den alten Mann [den Großvater] mit schreckhaft großen pechschwarzen Augen an. Sonst saß es ruhig und still da.“ (Stifter, Der Waldbrunnen / Der Kuß von Sentze 13)

Trotz ihrer anfänglichen Schreckhaftigkeit und Scheu ist sie aber sehr interessiert und lernwillig und auch –fähig, da sie beim Unterricht in der Schule anwesend ist und später sogar aktiv daran teilnimmt. Im weiteren Verlauf der Geschichte taut Juliana immer mehr auf. Sie wird dem Großvater und seinen Enkeln gegenüber immer zutraulicher. Nur fremden Menschen gegenüber ist sie noch scheu: „Nur wenn fremde Leute bei Stephan[dem Großvater] waren, kam es niemals.“ (Stifter, Der Waldbrunnen / Der Kuß von Sentze 24)

Insgesamt scheint sie durchaus ein fröhliches und auch kreatives Kind zu sein. Im gesamten Verlauf der Geschichte wird davon gesprochen, dass Juliana kleine Reime und Gedichte erfindet, die zu Beginn noch keinen Sinn ergeben und sich gegen Ende hin zu Poesie entwickeln. Die poetische Qualität ihrer Gedichte wächst mit ihrem Bildungsstand, der wiederum von dem Großvater und seinen Enkeln, anfangs spielerisch, später aktiv, gefördert wird.

2.2 Julianas Beziehungen in der Waldbrunnen

Die wichtigste Person in Julianas Leben stellt wohl die Großmutter da. Das Mädchen hat sich aus ihrer Hauptunterkunft, dem Haus ihrer Mutter und ihrer Tante, ausquartiert und lebt bei ihrer Großmutter. Dort schläft sie auf einem „Häuflein Bettzeug in einer Ecke[...]“ (Stifter, Der Waldbrunnen / Der Kuß von Sentze 21) Sie kümmert sich fürsorglich um ihre Großmutter und ist immer für sie da. Deshalb schlägt sie auch zunächst das Angebot von Stephan, mit ihnen in die Stadt zu kommen, aus:

„Siehst du,’ antwortete das Mädchen, ‚ich bin die Mutter der Großmutter, ich bin ihre Schwester, ich bin ihre Obrigkeit, ich bin ihre Magd, ich muß bei ihr bleiben.“ (Stifter, Der Waldbrunnen / Der Kuß von Sentze 28)

Sie ehrt ihre Großmutter regelrecht in einer Art rituellem Schmücken, das sehr oft in der Erzählung erwähnt wird. Sogar jedes Mal, wenn Juliana Geschenke von Stephan und den Enkelkindern erhält, werden diese Geschenke zum Schmücken der Großmutter benutzt:

„Stephan brachte keine andern Geschenke für das wilde Mädchen als eine Reihe von verschiedenfarbigen Muscheln [...] Als er mit den Kindern wieder einmal in den Holzbau kam, waren unter dem andern Zierat auch die Muscheln verteilt. Die schönsten trug die Großmutter um den Hals.“ (Stifter, Der Waldbrunnen / Der Kuß von Sentze 24)

Nach dem Tod der Großmutter willigt sie schließlich ein mit Stephan und den Kindern in die Stadt zu gehen.

Von ihren nächsten Verwandten hat sich Juliana gelöst. Ihre Mutter und ihre Tante leben zwar direkt neben der Großmutter und hätten sogar noch Platz in ihrem Haus für beide, aber die Großmutter und ihre Enkelin pflegen weiterhin ihr Dasein in dem Holzbau. Der Vater von Juliana ist schon sehr früh gestorben.

Zu den Enkelkindern und ganz besonders zu Stephan entwickelt sie ein familiäres Verhältnis. Während sie zu Stephan relativ schnell eine väterliche und innige Beziehung aufbaut, ist sie den Kindern gegenüber zunächst distanziert:

„Das wilde Mädchen hatte wieder, ehe er in den Wagen stieg, die Arme um seinen Nacken geschlungen und seinen weißen Stutzbart geküßt. Von den Kindern hatte es durch Drücken der Hände und durch Schütteln derselben Abschied genommen.“ (Stifter, Der Waldbrunnen / Der Kuß von Sentze 24)

Bei Stephans Enkelkindern gehen die Meinungen über das „wilde Mädchen“ am Anfang in zwei verschiedene Richtungen. Während Franz von Anfang an von Juliana begeistert ist, findet Katharina „das kleine Mädchen recht häßlich.“ (Stifter, Der Waldbrunnen / Der Kuß von Sentze 16)

Stephan aber findet in ihr seinen erfüllten Lebenstraum. Er möchte wegen seiner selbst geliebt werden.

[...]

Details

Seiten
14
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656818267
ISBN (Buch)
9783656818250
Dateigröße
641 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v282395
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
2,3
Schlagworte
Adalbert Stifter Der Waldbrunnen Katzensilber

Autor

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Titel: Eingliederung der Natur in die Zivilisation in  "Der Waldbrunnen" und "Katzensilber" von Adalbert Stifter