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Die Bedeutung des "Feindbilds Sowjetunion" für die Theorie des demokratischen Friedens

Seminararbeit 2014 30 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Russland, Länder der ehemal. Sowjetunion

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Selbstbild und Rollenverständnis westlicher Demokratien

3 Das Feindbild Sowjetunion

4 Erklärungsansätze für das Verhalten der westlichen Demokratien
4.1 Unterschiedliche Werte und Normen
4.2 Potentielle Bedrohung für die eigene Sicherheit
4.3 Konkurrent um Einflusssphären

5 Fazit

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: The Red Iceberg

Abbildung 2: Bewertung politischer Handlungen der USA und der UdSSR

Abbildung 3: Time Magazine Titelbilder aus dem Kalten Krieg

1 Einleitung

Die zwei zentralen Befunde bezüglich des „demokratischen Friedens“ sind zum einen, dass Demokratien gegeneinander keine Kriege führen (abgesehen von wenigen Ausnahmen), sowie zum anderen, dass sie in ihrem außenpolitischen Verhalten gegenüber nicht-demokratischen Staaten genauso oft zu Gewalt und Krieg neigen, wie autokratische Regime (Schrader 2006, S. 34). Rauch spricht von einer „Zone des Friedens“ zwischen Demokratien sowie von einer „Zone des Unfriedens“ zwischen Demokratien und Nicht-Demokratien (Rauch 2005, S. 24). Als Grundvoraussetzung für Frieden zwischen demokratischen Staaten nennt Schrader ihr gegenseitiges Anerkennen als liberal (Schrader 2006, S. 150). Das Bewusstsein zur Gruppe liberaler Demokratien zu gehören, kann jedoch zu selbstgefälligem und ignorantem Verhalten im Umgang mit nicht-demokratischen Staaten führen (Schrader 2006, S. 19). Aus deren Sicht besteht nämlich ein Mangel an moralischer Legitimation nicht-demokratischer Staaten (Schrader 2006, S. 159), die daher als moralisch „minderwertig“ gelten (Müller 2002, S. 392). Die „andersartige“ Wertebasis autoritärer Staaten und ihr Abweichen vom demokratischen Ideal scheinen fast zwangsläufig zu diskreditierendem Verhalten der Demokratien gegenüber ebendiesen zu führen.

International scheint vor allem das politische System der USA das demokratische Ideal der „freien Welt“ zu verkörpern (Schrader 2006, S. 211), wohingegen kommunistische Staaten wie die SU nie „unter Verdacht“ standen zur Gemeinschaft demokratischer Staaten zu gehören. Während des Kalten Krieges war die SU in der Wahrnehmung der westlichen Welt sogar genau das Gegenteil einer Demokratie. Das Fremdbild der UdSSR reichte von eher pointierten Begriffen wie vom „Bösen Ivan“ bis hin zur Dämonisierung der sowjetischen Ideologie, beispielsweise durch Ronald Reagan, der von einem „Reich des Bösen“ sprach. Doch nicht nur die USA betrieben eine antikommunistische Kampagne. Auch ihre westlichen Verbündeten wie die BRD wirkten tatkräftig mit. So ist Wippermann der Ansicht, dass der Antikommunismus in der BRD sowohl die Außen- und Innenpolitik prägte (Wippermann 2012, S. 121). Anscheinend ging es im Ost-West-Konflikt um mehr, als nur um ein Wettrüsten, sondern auch „[…] um den ‚way of life‘ zwischen westlicher Demokratie und Kommunismus […]“ (Czempiel, zitiert nach Meyer 2011, S. 82; Hervorhebung i.O.). „Der Osten (der Kommunismus) und seine Akteure […] [wurden; der Verf.] hauptsächlich negativ bewertet (Unfreiheit, Diktatur), der Westen positiv (Freiheit, Demokratie)“ (Sommer 2004, S. 310). Hier scheint vor allem die Konstruktion liberaler Welt- und Feindbilder ein vielversprechender Erklärungsansatz zu sein, denn Demokratien kämpfen nicht nur für die „gute Sache“, sondern auch gegen etwas, nämlich „[…] gegen die bedrohlichen ››Anderen‹‹ der westlichen Zivilisation“ (Geis et al. 2007, S. 33; Hervorhebung i.O.). Einen als fremdartig wahrgenommenen Staat wie die Sowjetunion durch ein Feindbildkonstrukt als einen zu verabscheuenden „Anderen“ zu brandmarken, der die Werte der westlichen Welt mit Füßen tritt, kann als Rechtfertigung liberaler Aggressivität dienen (vgl. Risse-Kappen, zitiert nach Geis et al. 2007, S. 83 f.).

Anhand dieser Haltung der demokratischen Staatengemeinschaft scheint sich der oben genannte zweite Befund des „demokratischen Friedens“ hier zu bestätigen. Dies führt zur zentralen Fragestellung meiner Hausarbeit: Welche Erklärungsansätze lassen sich aus dem „Feindbild Sowjetunion“ für den Befund, dass sich Demokratien gegenüber nicht-demokratischen Staaten genauso aggressiv und gewaltbereit verhalten wie autoritäre Regime, ableiten? Die Intention der Hausarbeit besteht somit darin, aus dem Verhalten der westlichen Demokratien gegenüber der Sowjetunion, Erklärungsansätze für das außenpolitisch konfliktträchtige Gebaren der Demokratien gegenüber autoritären Staaten zu finden.

Ich werde in den weiteren Kapiteln das Selbstbild der westlichen Demokratien darstellen (Kapitel 2), das „Feindbild Sowjetunion“ anhand von politischen Reden, Meinungen und Medienberichten erläutern (Kapitel 3), Erklärungsansätze für das konfliktträchtige Verhalten des Westens aufbereiten (Kapitel 4) und letztlich im Fazit (Kapitel 5) die Erkenntnisse dieser Arbeit zur Beantwortung meiner zentralen Fragestellung zusammentragen.

2 Selbstbild und Rollenverständnis westlicher Demokratien

Wie nehmen sich die westlichen Demokratien selbst wahr? Was sind konstituierende Elemente der „westlichen Wertegemeinschaft“? Worin sahen die demokratischen Staaten den großen Unterschied zu autoritären Staaten wie der Sowjetunion? Wie verstehen sie ihre politische Rolle in der internationalen Staatengemeinschaft? Zunächst sei auf die Problematik verwiesen, dass es keinen Konsens in der Forschung gibt, was unter einer Demokratie zu verstehen ist (Schrader 2006, S. 81). Es gibt aber durchaus Merkmale, die man als selbstverständlich für einen demokratischen Staat voraussetzen kann. Für Sontheimer gehören zu den demokratischen Merkmalen die politische Meinungs- und Organisationsfreiheit der Bürger, das Recht auf Bildung von Parteien sowie auf Opposition, demokratische Wahlen in festgelegten Abständen, eine rechtsstaatliche Ordnung und rechtsstaatliche Verfahren, deren höchster Wert die Achtung der Würde des Menschen ist (vgl. Sontheimer, zitiert nach Rauch 2005, S. 25). Des Weiteren werden in liberalen Gesellschaften bestimmte Eigenschaften von Individuen wie Geschlecht, Rasse, Glaube etc. aus den öffentlichen Sphären des Rechts, der Politik und des Marktes ausgegliedert (vgl. Preuß, zitiert nach Lohauß 1999, S. 70). Sie spielen keine Rolle für die Bewertung eines Menschen in einer modernen Demokratie westlicher Prägung. Für Winkler sind die westlichen Werte das Ergebnis der transatlantischen Beziehung und Zusammenarbeit (Winkler 2007). Grundlegend für eine Demokratie westlicher Prägung sind die Existenz einer pluralistischen Zivilgesellschaft, die Anerkennung der unveräußerlichen Menschenrechte sowie das Konzept der rule of law (Winkler 2007). Ein Staat, der diesen Anforderungen nicht gerecht wird, schafft es kaum als demokratisch wahrgenommen zu werden, geschweige denn, zur westlichen Wertegemeinschaft hinzugerechnet zu werden.

Demokratische Rollenbilder legen kein bestimmtes Handeln genau fest, sie begrenzen jedoch die Handlungsoptionen und schließen andere aus (Geis et al. 2007, S. 84). In der Außenpolitik scheint ein „demokratisches Merkmal“, die Bereitschaft und der Wille mit anderen Staaten zu kooperieren zu sein. „Demokratien schließen sich bereitwilliger und häufiger in internationalen Organisationen zusammen, um Handel zu treiben und wirtschaftlich zu kooperieren“ (Schrader 2006, S. 105). Diese erhöhte Kooperationsbereitschaft ist aber nicht uneingeschränkt positiv zu bewerten. Wenn sich Demokratien durch geteilte Werte miteinander verbunden fühlen, dann kann eine „Allianztreue“ einen Wert an sich darstellen, der auch das Mittragen von Kriegsentscheidungen eines Partnerstaates beinhaltet (Geis et al. 2007, S. 78). Eine weitere Schattenseite interdemokratischer Arrangements ist das Herausbilden eines starken „Wir-Gefühls“, das eine schärfere Differenzierung zwischen demokratischen in-groups und nicht-demokratischen out-groups nach sich zieht (Dembinski et al. 2007, S. 135). Dies kann sich als folgenreich erweisen, denn:

„Die Grenzziehung zwischen ingroup und outgroup verschafft den Gemeinsamkeiten, die ‚uns‘ von den ‚anderen‘ unterscheiden, besondere Bedeutung. Diese kollektive Identität wird umso einflußreicher sein, je umfassender solche Gemeinsamkeiten die ingroup von vielen anderen outgroups abgrenzen […]“ (Weller 1999, S. 254; Hervorhebung i.O.).

Diese Grenzziehung zwischen demokratischer in-group und nicht-demokratischer out-group war besonders intensiv zur Zeit des Kalten Krieges und brachte die Menschheit mehrfach an den Rand eines atomaren Vernichtungskrieges. Man könnte zwar auf die Idee kommen, es sei deshalb nicht zu einem echten Krieg gekommen, weil sich die generelle demokratische Friedfertigkeit im Außenverhalten durchgesetzt habe. Dieser monadische Erklärungsansatz spielt hier meiner Ansicht nach keine Rolle für das Ausbleiben eines Krieges, sondern viel mehr der nukleare „Abschreckungsfrieden“. Da sich demokratische Normen anscheinend nur in rein demokratischen Dyaden durchsetzen, und ansonsten die nicht-demokratischen Normen das außenpolitische Verhalten dominieren (Rauch 2005, S. 40), erscheint mir der Erklärungsansatz des „Abschreckungsfriedens“ hier plausibel zu sein.

Was das Verhältnis der Demokratien untereinander angeht, so scheint die geteilte Wertebasis ein Garant für Frieden zu sein. Die zentrale These von Thomas Risse-Kappen lautet, „[…] dass das Verhalten eines demokratischen Staates gegenüber einem anderen Staat […] davon abhängt, ob dieser den eigenen Werten und Normen gegenüber als zustimmend oder ablehnend wahrgenommen wird […]“ (Risse-Kappen, zitiert nach Schrader 2006, S. 195). Die Grundvoraussetzung für Frieden zwischen demokratischen Staaten scheint also ihr gegenseitiges Wahrnehmen als liberale Demokratien zu sein (Schrader 2006, S. 150). Aber was macht Staaten zu liberalen Demokratien?

„Welche Staaten in der Wahrnehmung als ‚demokratisch‘ gelten, hängt maßgeblich von der Interessenlage der etablierten Demokratien ab und davon, inwieweit das politische Regime des anderen Staates dem eigenen Herrschaftssystem ähnelt“ (Oren, zitiert nach Schrader 2006, S. 171; Hervorhebung i.O.).

Auf der internationalen Ebene gibt es eine Reihe etablierter Demokratien, allen voran die USA, die einen „demokratischen Maßstab“ darstellen (Schrader 2006, S. 211). Das Selbstbild der USA ist das des Führers der freien demokratischen Welt und des Hüters der liberalen Weltordnung, der sich antidemokratischen Schurkenstaaten gegenüber sieht (Becker et al. 2007, S. 243). Hartmann charakterisiert die USA passend dazu als „Weltsheriff“ (Hartmann 2009, S. 94 f.). Dieses Selbstbild basiert auf den historischen Erfahrungen der Amerikaner, angefangen vom Unabhängigkeitskrieg über zwei Weltkriege bis hin zum Kalten Krieg (Becker et al. 2007, S. 243). Aber auch andere demokratische Staaten haben ähnliche Ambitionen wie die USA. Frankreich als frühere Kolonialmacht sieht sich selbst in der Pflicht, weltweit für friedliche und stabile Verhältnisse zu sorgen (Becker et al. 2007, S. 245). Ein Grund für dieses Selbstbild ist sicherlich die Rolle als Veto-Macht im UN-Sicherheitsrat (Becker et al. 2007, S. 245). Auch im Sicherheitsdenken Frankreichs findet sich die Differenzierung zwischen Demokratien und Nicht-Demokratien, wenn auch weniger explizit als im Fall der USA (Becker et al. 2007, S. 246). Vergleichbar mit diesen Ambitionen und Selbstbildern ist hier auch Großbritannien. „Die britische ›› Grand Strategy ‹‹ schließt die Verbreitung liberaler Werte wie Demokratie, Recht und freien Handel ein“ (Clarke, zitiert nach Becker et al. 2007, S. 248; Hervorhebung i.O.). Etwas anders stellt sich die Situation Deutschlands dar. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde Deutschland nur durch das Wohlwollen der Sieger in die westliche Staatengemeinschaft aufgenommen (Becker et al. 2007, S. 251). Aufgrund der nationalsozialistischen Vergangenheit verboten sich Feindbilder und es lässt sich daher auch kein „Schurkenstaat-Denken“ vorfinden (Becker et al. 2007, S. 251).

Welche Folgen ergeben sich aber aus dem Bewusstsein zur Gruppe demokratischer Staaten dazu zugehören? Es kann zu Überlegenheitsgefühlen gegenüber nicht-demokratischen Staaten kommen und damit verbunden zur Ansicht, dass ein Erzwingungshandeln durchaus legitim oder sogar verpflichtend ist (Müller 2002, S. 376). Müller ist der Ansicht, dass eine große normative Distanz zwischen Demokratien und Nicht-Demokratien ein konfliktträchtiges Verhalten hervorbringen kann (Müller 2002, S. 376). Demokratien sehen sich oftmals in der Pflicht autoritäre Staaten auf den rechten Weg zu leiten, um andere Staaten vor solchen Regimen zu schützen, und um die Bevölkerung von der Diktatur zu erlösen (Galtung 2001, S. 468). Johan Galtung bringt dieses Verhalten polemisch zum Ausdruck:

„Demokratien führen also Krieg gegen bösartige Diktaturen und projizieren auf diese ihre eigene Repressivität und ihren eigenen Expansionismus, so wie das wahrhaft Selbstgerechte immer tun“ (Galtung 2001, S. 468 f.).

Zur liberalen Ideologie gehört also auch dem „nicht-demokratischen Anderen“ das Handwerk zu legen, und damit die unterworfene Bevölkerung zu befreien (Müller 2007, S. 289). Dies erscheint für Demokratien sogar ein verpflichtendes Gebot zu sein (Müller 2007, S. 289). Denn in einem internationalen Umfeld mit Staaten, die die eigenen Werte teilen, liegt ein wesentlich geringeres Risiko für die eigene Sicherheit, als in einem internationalen Umfeld mit Staaten, die diese Werte eben nicht teilen (Hartmann 2009, S. 86).

3 Das Feindbild Sowjetunion

Bevor ich das „Feindbild Sowjetunion“ rekonstruiere, gilt es erst mal zu klären, was ein Feindbild überhaupt ist. Feindbilder sind negative Vorurteile, die sich auf Gruppen, Völker, Ethnien, Staaten oder Ideologien beziehen und dabei oftmals mit Bedrohungsängsten und dem Wunsch nach Vernichtung des Feindes verbunden sind (Sommer 2004, S. 303). Feindbilder können wahrheitsgemäße Inhalte aufweisen, deren Bewertung jedoch extrem negativ dargestellt wird (Sommer 2004, S. 303). „Allein die Nennung des ‚Feind‘-Namens (z.B. Sowjetunion, Juden, Muslime) führt zu einem Bündel negativer Bewertungen und Gefühle“ (Sommer 2004, S. 304; Hervorhebung i.O.). Krell bezeichnet daher Feindbilder nicht unschlüssig als totalisierend (Krell 2009, S. 401). In ihrer Funktion dienen Feindbilder dem positiven Selbstbild der „Guten“ (Stärkung des Selbstwerts), der Rechtfertigung von Gewaltanwendung, der gezielten Meinungsmanipulation, der Stärkung der Rolle des Militärs als „Schutzherr“ vor einem externen Aggressor, der damit verbundenen Rechtfertigung von Rüstungsausgaben, der Einigung der Gesellschaft durch einen gemeinsamen Feind sowie der Simplifizierung internationaler Probleme (Sommer 2004, S. 310 ff.). Feindbildkonstruktionen bauen auf Identitätsbildungsprozessen auf (Schrader 2006, S. 251). Der basale Befund der Identitätsforschung lautet, dass Angehörige einer Gruppe dazu neigen, andere Gruppen, ob intendiert oder nicht, zu kategorisieren (Schrader 2006, S. 251). Dabei passiert die Ausprägung von Selbst- und Fremdbildern, von „uns“ und „denen“, gleichsam automatisch (Schrader 2006, S. 251).

Die Relevanz der Sowjetunion als repräsentatives Beispiel zur Ableitung von Erklärungsansätzen allgemeiner Natur für den zweiten Befund des „demokratischen Friedens“ ergibt sich aus dem „Charakter“ des Kalten Krieges. Die UdSSR kann für die Entwicklung von Erklärungsansätzen deshalb herangezogen werden, weil es sich bei dem damaligen Konflikt nicht primär um einen Konflikt über strittige Territorien gehandelt hat oder um einen Wettstreit über wirtschaftliche Ressourcen. All diese Punkte spielten nur eine untergeordnete Rolle. Es ging um unterschiedliche Weltbilder, Wertvorstellungen und Gesellschaftsordnungen, also um all das Jenseits materieller Güter, was Thomas Risse-Kappen als wichtig für das Verhalten eines demokratischen Staates gegenüber einem anderen Staat erachtet (siehe Kapitel 2, S. 4). Damit handelte es sich bei dem Kalten Krieg primär um einen ideologischen Konflikt um Werte und Normen und nicht um substanzielle Dinge. Somit hat die SU hier deswegen „repräsentativen Charakter“, weil sie vordergründig ein Gegner um Wertvorstellungen und ideologische Einflusssphären war, und primär kein Kontrahent um „Besitztümer“ wie Rohstoffe oder Territorien, was ja auch unter demokratischen Staaten zu Konflikten führen kann.

Die Frage, die sich nun zunächst stellt ist, warum es zu einer solch abgrundtiefen Feindschaft zwischen der Sowjetunion und den westlichen Staaten kam. Eine Rede Josef Stalins vom 9. Februar 1946, in der er mit marxistischen Thesen das kapitalistische System scharf attackierte wurde im amerikanischen Außenministerium als direkter Angriff auf die USA gewertet und vom Bundesrichter William O. Douglas gar als „Erklärung zum dritten Weltkrieg“ angesehen (Steininger 2011, S. 8). Am 22. Februar beschrieb der US-Diplomat George F. Kennan in einem Telegramm die sowjetische Außenpolitik als militant und expansionistisch (Steininger 2011, S. 8). Aus seiner Sicht strebte die Sowjetunion einen globalen Sieg des Kommunismus an, und somit konnte es auch keinen modus vivendi mit der UdSSR geben (Steininger 2011, S.8). In einem Dokument, das vom Sonderberater von US-Präsident Truman Clark M. Clifford verfasst wurde, hieß es, die Sowjetunion sei eine reale Bedrohung für die freie Welt, auf deren möglichen Angriff man bereit sein müsste mit Atomwaffen zu antworten (Steininger 2011, S. 9 f.). Auch der damalige britische Außenminister Ernest Bevin äußerte sich in einem Schreiben an den Premierminister Attlee ganz ähnlich, in dem er auf den militanten und chauvinistischen Charakter der sowjetischen Politik aufmerksam macht und diese als Bedrohung für Großbritannien versteht (Steininger 2011, S. 13). Die Sowjetunion war für Bevin eine „Diktatur der schlimmsten Art“ (Steininger 2011, S. 16). Die USA und ihre Verbündeten sahen sich als Verteidiger von Freiheit und Demokratie gegenüber den expansionistischen Herrschaftsgelüsten der Sowjets (Emmerich 2011, S. 12). Die Rede von US-Präsident Truman vor dem US-Kongress im März 1947, die später auch als Truman-Doktrin bezeichnet wurde, akzentuierte die „missionarische Pflicht“ der USA gegenüber der kommunistischen Bedrohung (Emmerich 2011, S. 34 f.) und sollte Ausgangspunkt einer inoffiziellen Kriegserklärung bezüglich des Kalten Kriegs sein. Die Truman-Doktrin waren der Anfang der US-Eindämmungspolitik (Containment Policy) gegenüber der Sowjetunion, die später mit dem Ansatz der Befreiungspolitik (Liberation) zu einer Strategie zusammengefasst wurde und den Ost-West-Konflikt dominierte (Emmerich 2011, S. 35). Die sowjetische Antwort darauf war die „Zwei-Lager-Theorie“, die den Westen als imperialistisch und antidemokratisch brandmarkte und den Osten als antiimperialistisch und demokratisch hervorhob (Emmerich 2011, S. 35). „Damit war der Kalte Krieg von beiden Seiten offiziell erklärt worden“ (Emmerich 2011, S. 36). Durch die Gründung der NATO im April 1949 sollte dieser Konflikt schließlich institutionalisiert werden (Steininger 2011, S. 23).

Befunde der sozialen Kognitionsforschung zur sprachlichen Repräsentation der eigenen und fremden Gruppe lassen sich im Prinzip auch auf die Außenpolitik übertragen, vor allem der sogenannte Linguistic Intergroup Bias (Fiedler 2004, S. 112). Fiedler vermutet, dass der LIB auch für Feindbilder, die für außenpolitische Konflikte verantwortlich sind, eine wichtige Rolle spielt (Fiedler 2004, S. 113). Somit lässt sich das „Feindbild Sowjetunion“ gut an den Reden und Meinungen damaliger Staatsmänner darstellen. Am bekanntesten dürfte sicher die Meinung von Ronald Reagan zu diesem Thema sein, der die Sowjetunion als „Reich des Bösen“ (Engl. Evil Empire) an den Pranger stellte. Er bezeichnete die Ideologie der Sowjetunion, nämlich den Kommunismus, als etwas „Abnormales“, das keiner Lebensweise normaler Menschen entsprechen könne (Sommer 2004, S. 305). Dean Acheson, ehemaliger Außenminister der USA, betonte die Gegensätze, in dem er erklärte, die USA stünden für Demokratie und Freiheit und seien im Prinzip das genaue Gegenteil der Sowjetunion, die für Diktatur und Anpassung stehe (Steininger 2011, S. 17 f.). Die Aufgabe der USA sah er darin, die freien Völker im Kampf gegen die kommunistische Bedrohung zu unterstützen (Steininger 2011, S. 18). In seiner berühmten Rede in West-Berlin 1963 („Ich bin ein Berliner“) hatte John F. Kennedy gesagt, es gebe Menschen, die glaubten, man könne mit den Kommunisten zusammenarbeiten, denen er empfahl „ Let them come to Berlin “, um sich davon zu überzeugen, dass mit den Kommunisten die Gestaltung eines friedlichen modus vivendi nicht möglich sei (americanrhetoric.com). Sein Vorgänger Dwight D. Eisenhower hatte noch viel drastischere Worte gefunden, um zu bekunden, was er von den Sowjets hielt: „Für Eisenhower war Russland eine Hure […]. Die USA würden sie von ihrem jetzigen Strich wieder in den Hinterhof treiben“ (Steininger 2011, S. 27). Neben US-amerikanischen Politikern äußerten auch andere westliche Staatsleute ihre Abneigung gegenüber der SU, so auch Margaret Thatcher, die die bedrohlichen Absichten und die gewaltbereite Gangart der Sowjets betonte:

„The Russians are bent on world dominance, and they are rapidly acquiring the means to become the most powerful imperial nation the world has seen. The men in the Soviet Politburo do not have to worry about the ebb and flow of public opinion. They put guns before butter, while we put just about everything before guns” (margaretthatcher.org).

Aber auch die westliche Presse ließ am mitunter brutalen und rücksichtslosen Vorgehen der Russen kein gutes Haar. So bezeichnete die New York Times die Niederschlagung des ungarischen Volksaufstandes durch sowjetische Truppen im Jahr 1956 als „hinterlistigsten Verrat in der Menschheitsgeschichte“ sowie als „monströses Verbrechen“ (Steininger 2011, S. 30). Der deutsche Zeitungsverleger Axel Springer sah die Welt geteilt zwischen Freien und Sklaven, und bezeichnete die Sowjetunion als die „gefährlichste Macht auf dieser Welt“ (Sommer 2004, S. 305). Vor allem aber in der US-amerikanischen Medien- und Presselandschaft wurde die antikommunistische Propaganda äußerst intensive betrieben. Im September 1950 wurde beispielsweise in einer Zeitungsanzeige der Galveston Daily News für den Beitritt zum „Kreuzzug für die Freiheit“ geworben, wobei als Schlagzeile der Erzbischof von New York zitiert wurde mit den Worten „If Communism Triumphs, Democracy Will Die!“ (coldwarradios.blogspot.de). In den USA gab es auch zahlreiche antisowjetische Comics, die bereits die Jugend auf den antikommunistischen Kurs bringen sollten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: The Red Iceberg

(Quelle: http://artinpropaganda.blogspot.de/2009/12/cold-war-propaganda.html)

Ebenfalls diskreditiert wurde der Friedensnobelpreis 1985 für die IPPNW, deren Ziele die beiderseitige Abrüstung im Kalten Krieg war, aber auch der Abbau von Feindbildern (Sommer 2004, S. 311). Da der Co-Präsident der IPPNW Sowjet war, unterstellte man der Organisation, sie sei „sowjetisch gesteuert“ (Sommer 2004, S. 312). Die deutsche Tageszeitung Die Welt titelte gar „Ein Geheimagent im weißen Kittel“ (Sommer 2004, S. 312).

Ein wissenschaftlicher Beleg für das negative Fremdbild der Sowjetunion in den USA wurde von Oskamp 1965 erbracht. Seine Untersuchung mit US-amerikanischen Studenten brachte folgendes Ergebnis:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Bewertung politischer Handlungen der USA und der UdSSR (Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Sommer 2004, S. 307; vgl. Oskamp 1965)

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Details

Seiten
30
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656820710
ISBN (Buch)
9783656821083
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v282343
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – Politikwissenschaft
Note
2,0
Schlagworte
Sowjetunion Demokratischer Frieden Kalter Krieg

Autor

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Titel: Die Bedeutung des "Feindbilds Sowjetunion" für die Theorie des demokratischen Friedens