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Selbstverletzendes Verhalten bei Jugendlichen

Psychoanalytische Erklärungsversuche

Facharbeit (Schule) 2014 18 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Selbstverletzendes Verhalten bei Jugendlichen
2.1 Begrifflichkeiten und Klassifikation der Erscheinungsformen
2.2 Definition von selbstverletzendem Verhalten
2.3 Zahlen und Fakten

3 Psychoanalytische Erklärungsversuche
3.1 Grundüberlegung
3.2 Hintergründe
3.2.1 Störungen in der Kindheit
3.2.1.1 Deprivation
3.2.1.2 Traumata
3.2.2 Dissoziation als Bewältigungsmechanismus
3.2.3 Auswirkungen auf das Ich-Ideal und die Persönlichkeitsstruktur
3.3 Funktionen von selbstverletzendem Verhalten für Betroffene und ihre Psyche
3.3.1 „Wendung gegen das Selbst“
3.3.2 Suizidprophylaxe
3.3.3 Selbstfürsorge
3.3.5 Verhinderung der Desintegration

4 Fazit und Ausblick

Glossar

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Ein kleiner Versuch mich ins Licht zu rücken An den Tag zu denken Die Wand vergessen, an meinem Rücken Mein Leben zu kontrollieren, meinen Hass zu lenken

Doch ich habe Angst und lasse mich allein Schließe die Tür Und denke, es muss so sein Einen Augenblick nach dem Schmerz frage ich mich, wofür?

Muss ich leiden Um mein Leid zu vergessen? Muss ich schweigen Um zu verschweigen, um zu verdrängen, die Frage, bin ich besessen?

Habe ich den Verstand verloren? Warum muss ich Schmerzen fühlen? Und warum fühle ich mich für Augenblicke wie neu geboren? Warum sind es Blutstropfen, die den brennenden Hass kühlen?

Erneut schließe ich die Tür hinter mir Meine Hände zittern, mein Herz rast Ich will nur weg von hier Ich lasse mich fallen, und sterbe – fast.“1

Das Thema „selbstverletzendes Verhalten“ beziehungsweise Autoaggression begegnete mir persönlich zum ersten Mal vor gut einem Jahr in einer Jugendpsychiatrie. Dort lernte ich ein sechzehn Jahre altes Mädchen kennen, deren Arme mit Narben übersät waren, die durch häufiges Schneiden in die Haut, auch „Ritzen“ genannt, entstanden waren. Für diese Art der Verletzungen sensibilisiert sind mir seitdem bei Jugendlichen in meinem alltäglichen Umfeld häufiger Spuren von selbstverletzendem Verhalten aufgefallen. Zunächst stand ich diesem Phänomen relativ fassungslos gegenüber. Diese Selbstverstümmelungen mussten doch sehr schmerzhaft sein und hinterließen zudem noch hässliche Narben. Ich konnte absolut nicht verstehen, warum jemand sich selbst bewusst Schmerzen zufügt, und dabei sogar Spuren in Kauf nimmt, die ein Leben lang zu sehen sind. In den seltensten Fällen reden die Betroffenen über ihre Gründe für dieses Verhalten. Daher stellte ich mir die Frage, was Jugendliche dazu drängt, sich selbst zu verletzen. Diese Facharbeit bietet mir nun die Gelegenheit, mich näher mit dem Thema zu befassen. Da ich mich - auch durch meine eigene psychoanalytische Therapie - sehr für die Psychoanalyse als Wissenschaft interessiere und die Grundüberlegungen Freuds ein wichtiger Bestandteil des Lehrplans in der QI sind, habe ich mich für die psychoanalytischen Erklärungsversuche für selbstverletzendes Verhalten bei Jugendlichen als Thema entschieden. Im den folgenden Ausführungen werde ich Fachtermini, die ich im anliegenden alphabetischen Glossar erklärt habe, mit einem * markieren.

2 Selbstverletzendes Verhalten bei Jugendlichen

2.1 Begrifflichkeiten und Klassifikation der Erscheinungsformen

Die Literatur zu selbstverletzendem Verhalten besitzt keine einheitliche Terminologie und zahlreiche Begriffe werden teilweise als Synonyme und mit unzureichender Abgrenzung verwendet.2 Im Folgenden werde ich mich auf die direkte Selbstschädigung konzentrieren und indirekte Formen, wie beispielsweise Drogen- und Alkoholkonsum2, vernachlässigen. Zunächst wird „der Ausdruck [der] ‚Autoaggression’ als Oberbegriff für alle Formen selbstschädigenden Verhaltens verwendet“3 und lässt sich wiederum in Handlungen mit und ohne suizidale Absicht unterteilen. Autoaggressives Verhalten ohne suizidale Absicht wird Automutilation genannt. Bei der Automutilation wiederum unterscheidet man selbstverletzendes Verhalten im engeren Sinne und artifizielle Störungen, die die Manipulation von Erkrankungen beschreibt.4 Bei artifiziellen Störungen und bei der Simulation, die für das Vortäuschen einer Krankheit zu einem bestimmten Zweck steht, handelt es sich um heimliche Selbstverletzung; selbstverletzendes Verhalten im engeren Sinn ist hingegen die offene Selbstverletzung.5 Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten6

Des Weiteren kann eine Unterscheidung in Bezug auf „Intensität und Verletzungsgrad, die Häufigkeit, die Dauer und die Regelmäßigkeit selbstverletzenden Verhaltens“7 gemacht werden. Im Folgenden werde ich mich mit selbstverletzendem Verhalten im engeren Sinne beschäftigen.

2.2 Definition von selbstverletzendem Verhalten

Eine „klare, umfassende und zugleich griffige Definition für das Phänomen der [offenen] Selbstverletzung“8 bietet die folgende Formulierung der Autoren Petermann und Winkel, da sie eine klare Abgrenzung zu anderen Formen von selbstschädigendem Verhalten herstellt: „Selbstverletzendes Verhalten ist gleichbedeutend mit einer funktionell motivierten Verletzung oder Beschädigung des eigenen Körpers, die in direkter und offener Form geschieht, sozial nicht akzeptiert ist und nicht mit suizidalen Absichten einhergeht.“9

2.3 Zahlen und Fakten

Nach neusten Schätzungen sind 1,5% der deutschen Bevölkerung von selbstverletzendem Verhalten betroffen, wobei der Anteil der Frauen mit einem Verhältnis von 5:1 deutlich überwiegt.10 „Am häufigsten ist Selbstverletzendes Verhalten in der Adoleszenz[*] und im frühen Erwachsenenalter zu finden.“11 Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten12

Von den Betroffenen ritzen sich 72%; verschiedene Studien ergaben, dass knapp 50% der Betroffenen gleichzeitig einen sexuellen Missbrauch erfahren haben.11 Zudem hassen 48% der Betroffenen ihren eigenen Körper und 69% fühlen sich nach der Selbstverletzung kurzfristig besser.13

3 Psychoanalytische Erklärungsversuche

3.1 Grundüberlegung

Es gibt eine Reihe psychoanalytischer Erklärungsversuche für selbstverletzendes Verhalten, die alle als Gemeinsamkeit die zentrale Bedeutung der frühen Kindheit und der Beziehung zum ersten wichtigen Bezugsobjekt, auch Symbiose* genannt, haben.14 „Die Kindheit der meisten Betroffenen ist durch ein hohes Maß an Verlust- und Trennungssituationen oder durch vielfältige Gewalterfahrungen geprägt“15, sodass es zu nachhaltigen Störungen, die Auswirkungen auf die Persönlichkeitsentwicklung und das spätere Leben haben, kommt. Diese Störungen sind aus psychoanalytischer Sicht meist ursächlich für selbstverletzendes Verhalten in der Adoleszenz und frühen Erwachsenenzeit.16

Im Folgenden werde ich zunächst kurz die Grundzüge des psychischen Apparats nach dem Gründer der Psychoanalyse Sigmund Freud vorstellen, da diese die Basis dafür darstellen, um die psychoanalytischen Erklärungsversuche für selbstverletzendes Verhalten genauer zu betrachten. Der psychische Apparat nach Freud besteht aus drei Instanzen, dem „Es“, dem „Ich“ und dem „Über-Ich“. Die älteste, von Geburt aus gegebene Ebene, das Es, beinhaltet alle Triebansprüche und das Lustprinzip, Libido*, und ist somit der Energielieferant des Menschen. Im weiteren Verlauf der Entwicklung bildet sich die Instanz des Ichs, die zunächst Vermittler zwischen dem Es und der Realität und später auch dem Über-Ich ist. Das Ich hat die Kontrolle über den Körper und entscheidet, wann und wie eine Handlung zur Triebbefriedigung ausgeführt wird, sodass sie verträglich mit der Realität und später auch mit dem Über-Ich ist. Das Über-Ich wird auch Gewissen genannt und beinhaltet beispielsweise Moral, Normen und Werte, die durch die Erziehung verinnerlicht wurden, sowie das Ich-Ideal*.17

3.2 Hintergründe

3.2.1 Störungen in der Kindheit

Die negativen Erfahrungen aus der Kindheit können grob in zwei Bereiche unterteilt werden. Der erste Bereich umfasst Deprivationszustände und der zweite beinhaltet jede Art eines Traumas.

3.2.1.1 Deprivation

„Unter Deprivation ist der Entzug oder das Vorenthalten von lebensnotwendigen bedürfnisbefriedigenden sowohl physischen als auch emotionalen Objekten oder Reizen zu verstehen.“18 Darunter fallen beispielsweise fehlende Fürsorge und Liebe der Eltern, in Folge dessen sich das Kind „allein und verlassen“19 fühlt. Wenn dies ein Dauerzustand in der Entwicklung des Kindes ist, baut dieses ein negatives Lebensgefühl auf und nimmt seinen Körper nur noch als unlustvolle Quelle wahr, da die entstehenden Spannungen nicht, wie „normal“, durch die Mutter abgebaut werden. Dies verkraftet das noch sehr labile Ich des Kleinkindes nicht, sodass es seinen eigenen Körper bei der „Selbstgrenzbildung“20 als Nicht-Selbst abspaltet und somit keine Integration in das Gesamtselbst stattfinden kann.21 Zudem ist es auch möglich, dass die Mutter psychisch so instabil ist, dass sie ihr eigenes Kind braucht, um sich selbst zu stabilisieren, sodass Mutter und Kind die Rollen tauschen und es zu einer sogenannten Parentifizierung* kommt.22 Eine weitere Form der Deprivation kann durch überbehütenden Erziehungsstil, auch Overprotection* genannt, stattfinden. „Dieser Zustand der Überstimulation kann erreicht werden, wenn das Kind für narzi[ss]tische[*] oder libidinöse Triebansprüche anderer Personen mi[ss]braucht wird.“23 Das bedeutet für das Kind, dass seine eigenen Wünsche und Neigungen missachtet werden und sich bei ihm, wie auch bei anderen Formen der Deprivation, ein negatives Lebensgefühl einstellt. Zusätzlich wird in einigen Fällen dieses negative Gefühl verfestigt, indem die Mutter im Münchhausen-by-proxy-syndrom* das eigene Kind benutzt, um sich selbst und die eigenen Träume zu verwirklichen.24 Zusammenfassend kann man sagen, dass verschiedene Formen der Deprivation, meist durch psychisch labile Elternteile, zu massiven Störungen in der Ich-Bildung führen.

3.2.1.2 Traumata

„Wesentliche traumatische Erfahrungen bestehen in Trennungs- und Verlusterlebnissen vor dem zehnten Lebensjahr, Gewalt in Familien sowie körperlichem und sexuellen Missbrauch.“25 Diese Definition scheint bedeutende Bereiche traumatisierender Erfahrungen abzudecken, jedoch bleibt unklar, wie man eine einfache Erfahrung von einem Trauma abgrenzen kann. Aufgrund dessen scheint mir folgende unkonventionelle Formulierung passender: Ein Trauma „ist etwas Schlimmes, das auf dich zukommt und zwar plötzlich und unerwartet - und das du in der Kürze der Zeit nicht bearbeiten und bewältigen kannst.“26 Mit dieser Formulierung wird gleichzeitig deutlich, in welchem Maße ein solches Erlebnis die Psyche eines Menschen und vor allem die Psyche eines Kleinkindes angreift. Sowohl sexueller Missbrauch, körperliche Misshandlung, ein extremen Verlust als auch andere Formen der Missachtung von persönlichen Grenzen hinterlassen Spuren und erhöhen nachweislich die Wahrscheinlichkeit von selbstverletzendem Verhalten in der späteren Entwicklung. Es gibt zahlreiche Studien, die diesen Zusammenhang bestätigen.27 Jedoch stellt sich nun die Frage, was genau ein solches Trauma mit der Psyche des Kindes macht, sodass es später zu selbstverletzendem Verhalten kommt. Auf diese Frage kann es keine allgemein gültige Antwort geben, da jede traumatische Erfahrung anders und subjektiv ist. Trotzdem werde ich im Folgenden gehäufte Reaktionen auf bestimmte Arten von Traumata beschreiben, die im Zusammenhang mit späterem selbstverletzendem Verhalten stehen. Wenn ein Kleinkind aufgrund seines Schreiens Schläge als Strafe bekommt, lernt es zuweilen, dass die einzige Führsorge des Umfeldes bei einer Äußerung der Bedürfnisse Schmerz ist.28 Wächst ein Kind in Affekt-labilen Situationen* auf, so kann es sein Umfeld nur schwer einschätzen und übernimmt damit die Schuld für die nächste körperliche Misshandlung.29 „In dem Wunsch nach Zuneigung und Versorgung geben die Kinder den Kampf um die Liebe der Eltern niemals auf und lernen nicht, auf ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse zu achten.“30 Bei sexuellem Missbrauch in der Familie können Kinder ebenfalls kein positives Selbstwertgefühl aufbauen, weil sie die schlechten Seiten der Eltern ihrem eigenen Selbstbild zuschreiben müssen, da sonst das Ich die erlebte Situation nicht verkraften könnte. Hierbei findet ein Verleugnungs-* und Projektionsmechanismus* statt, um die „Illusion eines liebevollen Elternpaares“31 zu erhalten.32

[...]


1 http://www.rotelinien.de/poem54.html

2 vgl. Schmeißer 2000, S.18

3 Petermann und Winkel 2009, S.21

4 vgl. Petermann und Winkel 2009, S. 21 beziehen sich auf Noeker, M. 2008b Funktionelle und somatforme Störungen

5 vgl. Winkel und Petermann 2009, S.33 beziehen sich auf die Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, 2007

6 entnommen aus Petermann und Winkel 2009, S.20

7 Klosinski 1999, S.16

8 Petermann und Winkel 2009, S.22

9 Petermann und Winkel 2009, S.23

10 vgl. http://www.rotelinien.de/information.html

11 http://www.neuro24.de/show_glossar.php?id=1549

12 entnommen aus http://www.neuro24.de/show_glossar.php?id=1549

13 vgl. http://www.rotelinien.de/stat-gesamt.pdf

14 vgl. Lorch 2003, S.6

15 Schmeißer 2000, S.48

16 vgl. Petermann und Winkel 2009, S.78

17 vgl. http://www.bruehlmeier.info/freud.htm

18 Dubrow 2007, S.26 bezieht sich auf Dorsch 1987, S.134, Psychologisches Wörterbuch

19 Schmeißer 2000, S.49

20 Schmeißer 2000, S.49

21 vgl. Schmeißer 2000, S.49f.

22 vgl. Lorch 2003, S.6

23 Schmeißer 2000, S.50f.

24 vgl. Schmeißer 2000, S.50

25 Petermann und Winkel 2009, S.92

26 http://www.rotelinien.de/wilke.html

27 vgl. http://www.neuro24.de/show_glossar.php?id=1549

28 vgl. Dubrow 2007, S.26

29 vgl. Dubrow 2007, S.28 bezieht sich auf Teuber, Kristin 2000, Ich blute also bin ich

30 Dubrow 2007, S.28

31 Schmeißer 2000, S.54

32 vgl. Schmeißer 2000, S.54

Details

Seiten
18
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656822240
ISBN (Buch)
9783656822257
Dateigröße
487 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v282335
Note
15 Punkte (1+)
Schlagworte
Selbstverletzendes Verhalten SVV Psychoanalytische Erklärunfsversuche Svenja Esser Kinder und Jugendlichen

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