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Vom Korsett zum Büstenhalter. Einfluss gesellschaftlicher Extremsituationen am Beispiel der zwei Weltkriege auf den Unterwäschemarkt

von Hannah Bauer (Autor)

Hausarbeit 2014 15 Seiten

Kulturwissenschaften - Europa

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Die Veränderung der Weiblichkeit

2. Erfindung oder Wiederentdeckung? – Der Büstenhalter

3. Der erste Weltkrieg

4. Revolution der Genderrollen zwischen den Kriegen

5. Weltwirtschaftskrise

6. Der zweite Weltkrieg

7. Die 50er Jahre und der andauernde Einfluss des zweiten Weltkrieges

8. Fazit

9. Literatur- und Quellenverzeichnis
9.1. Literatur
9.2. Internetseiten

1. Die Veränderung der Weiblichkeit

Ende des 19. Jahrhunderts kam es zu einem allmählichen Umbruch in der Unterwäscheindustrie. Die Frauen und die Modeindustrie bewegten sich weg von den Miederwaren – hin zu Büstenhaltern und Dessous. Die Erfindung der Dessous, zu denen auch die Büstenhalter zählen, veränderte die Beziehung der Frau zu ihrer Unterwäsche und zu ihrem Körper, bis hin zu ihrem Auftreten. Die Weiterentwicklung von Unterwäsche bedingte nicht nur die Erfindung von Dessous, sondern es entstand auch eine ganze neue Form der Weiblichkeit.

Aber eigentlich ist der Begriff ‚Dessous‘ nur die Kreation und Benutzung eines neuen Wortes.[1] Die Bedeutung des Wortes ging weg von dem „Vokabular einer ehefähigen, mütterlichen und häuslichen Weiblichkeit“[2], hin zu etwas Erotischem, Verbotenem und Geheimnisvollen. Die Weiterentwicklung der Unterwäsche veränderte nicht nur das Aussehen der Frau, sondern auch ihr ganzes gesellschaftliches Rollenverhältnis. Diese Entwicklung war jedoch gesellschaftlich gefordert.

2. Erfindung oder Wiederentdeckung? – Der Büstenhalter

Ende des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts setzte sich eine revolutionäre Erfindung beziehungsweise Wiederentdeckung in der Unterwäscheindustrie durch – der Büstenhalter.

Heute weiß man, dass es auch schon in früheren Jahrhunderten Modelle eines Büstenhalters gab[3], jedoch setzte sich dieser in der breiten Gesellschaft nicht durch. Auch heute ist immer noch strittig, wer denn nun wirklich den allerersten Büstenhalter hergestellt hat und als Erfinder von diesem gilt. Viele beanspruchten den Titel schon früher zu Werbezwecken für sich und ihre Marke, jedoch ist es unerheblich für unsere Fragestellung den genauen Ursprung des Büstenhalters zu kennen.

Das Korsett, das im 19.Jahrhundert noch für „moralischen Anstand und [die] erotische Idealisierung der Frau [stand]“[4], wurde um 1910 zu einem Leibhalter gekürzt und fand sich später nur noch in Form eines Strumpfhalters wieder[5]. Die Brüste wurden durch das verstärkte Miederhemdchen oder das normale Hemd gestützt.[6] Durch die Befreiung der Brüste kam allmählich der Büstenhalter in Mode und somit wurde das Hemdchen überflüssig. Auch die Mode sorgte dafür, dass immer mehr Frauen zu einem Büstenhalter griffen, da üppige Kurven von geraderen und flacheren Körperformen verdrängt wurden.[7]

Das Tragen eines Büstenhalters lässt sich jedoch auch als Aufbegehren der Frau gegen die Überrolle des Mannes sehen. Es geht hierbei nicht nur um die Veränderung der Kleidung, sondern auch um die Emanzipation der Frau. Näher wird hierauf im folgenden Kapitel eingegangen.

Schon vor dem ersten Weltkrieg wurden die Schriften Jean Jaques Rousseaus populär, der sich schon 1762 gegen das Tragen eines Korsett und für die Natürlichkeit aussprach.[8]

„Es ist doch durchaus nicht angenehm, eine Frau wie eine Wespe in zwei Stücke geteilt zu sehen; es beleidigt das Auge und verletzt die Einbildungskraft. Die Schönheit der Figur beruht wie alles übrige auf bestimmten Verhältnissen und Maßen; über dieselben hinauszugehen, ist sicherlich ein Fehler. Schon beim nackten Körper würde dieser Fehler ins Auge fallen; wie sollte er sich nun unter der Kleidung und Schönheit verwandeln?

Ich will nicht nach den Gründen forschen, weshalb die Frauen so hartnäckig darauf bestehen, sich zu panzern. Ein schlaffer Busen, ein aufgetriebener Leib, usw. sind, wie ich nicht leugnen kann, bei einem Mädchen von zwanzig Jahren nichts Schönes. In einem Alter von dreißig Jahren fällt dies indes nicht mehr so auf. Da wir nun in jedem Alter, wir mögen wollen oder nicht, doch stets von der Natur abhängig sind, uns sich überdies das Auge des Mannes hierin auch gar nicht täuschen läßt, so sind jene Mängel, das Alter sei welches es wolle, nicht so unangenehm als die alberne Ziererei einer Kleinen von – vierzig Jahren.

Alles, was die Natur hemmt und einzwängt, ist das Ergebnis eines schlechten Geschmacks. Das hat sowohl bei dem Schmucke des Körpers als bei der Ausbildung des Geistes seine Gültigkeit. Leben, Gesundheit, Vernunft, Wohlbefinden müssen über alles andere gehen. Es gibt keine Anmut ohne Ungezwungenheit; Zartheit ist nicht schmachtendes Wesen, und um Gefallen zu erregen, braucht man nicht krank zu sein. Leider erregt Mitleid, aber Freude und Verlangen suchen die Frische der Gesundheit.“[9]

Schon im 18. Jahrhundert sprach sich Rousseau gegen das Tragen eines Korsetts aus und dagegen für natürlichere Körperformen. Für ihn stellen diese naturgegebenen Maße und Formen das ideale Körperbild dar, das kein künstliches Eingreifen bedarf. Schönheit ist für ihn Natürlichkeit.

Er geht in dem Zitat auch auf das Alter der Frau ein, sagt jedoch, dass die Frau sich freiwillig in die Zwänge eines Korsetts begibt, um womöglich auch ihr Alter zu kaschieren. Setzt man Luhmann in Bezug zu diesem Abschnitt von Rousseau und jener Zeit, so gehört die Frau durch das Korsett zu einem annähernd alterslosen Kollektiv, das die Individualität scheut.

3. Der erste Weltkrieg

Die gesellschaftlichen Rollenverhältnisse zwischen Mann und Frau veränderten sich während des ersten Weltkriegs stark, denn Frauen mussten wegen der Kriegssituation einige Männerarbeiten übernehmen. Durch diesen Umstand übernahmen Frauen auch Teile des männlichen Kleidungsstils, weil dieser für ihre neuen Tätigkeiten arbeitsfreundlicher und funktionaler war.[10] Da das Korsett für die körperlichen Arbeiten ein großes Hemmnis darstellte, reduzierte sich dieses auf einen einfachen Hüfthalter, der von der Taille bis zur Leiste oder auch manchmal bis zur Mitte des Oberschenkels reichte.[11] Durch die Befreiung des Oberkörpers ersetzte der Bürstenhalter die Grundfunktion des früheren hochgeschlossenen Korsetts.[12]

Jedoch lockerten sich auch schon vor dem ersten Weltkrieg die Kleiderregeln der Frauen besonders durch die aufkommende Sport- und Freizeitmode. Vieles wurde hiervon während des länger als erwartet andauernden Krieges aufgenommen und vermischte sich mit dem ‚Soldaten-Stil‘.[13] Nach der Befreiung von dem Korsett, das sich nun als Hüftgürtel etablierte, wurde der Drang nach Bewegungsfreiheit immer größer und sämtliche Bestandteile der Unterwäsche mussten sich diesem unterwerfen. Dadurch wurde die Unterwäsche praktischer und kürzer gestaltet.[14] Letztendlich wurde nicht nur die Unterwäsche kürzer, sondern auch der Rocksaum schob sich allmählich weiter nach oben.

[...]


[1] Vgl. Chenoune, Farid: Dessous – Ein Jahrhundert Wäschekult. Knesebeck 2005. S.14f.

[2] S. ebd. Vgl. S.14.

[3] Kleiderfunde auf Schloss Lengenberg, Tirol geben Rückschlüsse, dass schon im 15. Jahrhundert Büstenhalter getragen wurden. Faserproben bestätigen diese Aussage. (Büro für Öffentlichkeitsarbeit und Kulturservice. Universität Innsbruck: http://www.uibk.ac.at/urgeschichte/projekte_forschung/textilien-lengberg/mittelalterliche-unterwaesche.html.

[4] Barbier, Boucher u.a.: Die Dessous. Parkstone 2004. S.164.

[5] Vgl. Saint-Laurent, Cécil: Drunter. Eine Kultur und Phantasie-Geschichte der weiblichen Dessous. Christian Brandstätter Verlag & Edition, Wien. 1988. S.151.

[6] Vgl. Chenoune, Farid: Dessous – Ein Jahrhundert Wäschekult. Knesebeck 2005. S.43.

[7] S. ebd. Vgl. S.43.

[8] S. ebd. Vgl. S.29.

[9] Rousseau, Jean-Jaques: Emil oder Über die Erziehung. Frei aus dem Französischen übersetzt von Hermann Denhardt. Neue Ausgabe, Band 1 und 2, Leipzig: Philipp Reclam jun., o. J. Berliner Ausgabe 2013. S.491.

[10] Vgl. Cécil Saint-Laurent: Drunter. Eine Kultur und Phantasie-Geschichte der weiblichen Dessous. Christian Brandstätter Verlag & Edition, Wien. 1988. S.151.

[11] Vgl. Barbier, Boucher u. a.: Die Dessous. Parkstone 2004. S.56.

[12] Vgl. Saint-Laurent, Cécil: Drunter. Eine Kultur und Phantasie-Geschichte der weiblichen Dessous. Christian Brandstätter Verlag & Edition, Wien. 1988. S.151.

[13] S. ebd. S.149f.

[14] S. ebd. Vgl. S.151.

Details

Seiten
15
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656769545
ISBN (Buch)
9783656769446
Dateigröße
505 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v282127
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
2,3
Schlagworte
Korsett Büstenhalter Gesellschaft Weltkrieg Frau

Autor

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