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„Arabische Nächte“. Die Inszenierung einer Bildtradition am Beispiel von Olivia Arthurs „Jeddah Diary“ im ZEITmagazin

Hausarbeit 2013 17 Seiten

Medien / Kommunikation - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Inszenierung einer Bildtradition
2.1 Zum Begriff des Orientalismus
2.2 Verschleierung, Öffentlichkeit und Privates
2.3 Zum islamischen ‚Bilderverbot‘
2.4 Olivia Arthurs „Jeddah Diary“ und das „ZEITmagazin“
2.4.1 Arabische Nächte
2.4.2 Das geheime Leben der Frauen von Dschidda
2.4.3 Kleiderregeln im Badeort Durrat al-Arus
2.4.4 Partys für Frauen

3 Fazit

4 Abbildungsverzeichnis

5 Bibliographie

1 Einleitung

Im Juni 2012 zeigte das ZEITmagazin auf seiner Ti- telseite ein Bild zweier sich scheinbar küssender Frauen in figurbetonter und knapper Kleidung. Der Ti- tel der Ausgabe war „Arabische Nächte“. Bei der Be- trachtung erweckt dieser Titel Assoziationen mit den Erzählungen aus Tausendundeine Nacht und den Vorstellungen über einen exotischen und mythischen ‚Orient‘. Gleichzeitig stiftet das Bild jedoch Verwirrung ob der Darstellung von ‚modern‘ gekleideten und emanzipiert wirkenden Frauen, die man im Allgemei- nen nicht in direktem Zusammenhang mit dem Begriff Abb. 1: „ Arabische N ä chte “ ‚arabisch‘ erwartet. Darüber hinaus wirkt in diesem Bild noch ein dritter Aspekt: Die Gesichter der Frauen sind durch ihre Haare wie durch einen Schleier verdeckt. So sind weder die Frauen eindeutig zu erkennen noch ist deutlich zu sehen, ob es wirklich ein Kuss ist, der hier abgelichtet ist.

An dieser Stelle wird klar, dass dieses Bild und seine Betitelung den Betrachter ein wenig an der Nase herumführt. Denn Bild und Titel spielen mit (sexuellen) Fantasien, Vorstellungen von Okzident und Orient, Ansichten von Modernität und Rückständigkeit sowie Blick-Traditionen.

Die vorliegende Arbeit nimmt dies zum Anlass, das Verhältnis von Okzident und Orient, die Stellung des Bildes und der Fotografie in der islamischen Anschauung, der Rolle des Schleiers bzw. der Verschleierung im Islam und die Definition von außen und innen, privat und öffentlich zu hinterfragen. Als Beispiel dienen dazu die Ausgabe des ZEITmagazin Nr. 27 vom 28. Juni 2012 und die darin besprochene Arbeit Jeddah Diary der britischen Fotografin Olivia Arthur. In diesem Zusammenhang ist es daher wichtig, zuerst den Begriff ‚Orient‘ zu klären.

2 Inszenierung einer Bildtradition

2.1 Zum Begriff des Orientalismus

Zuallererst stellt sich die Frage, was der ‚Orient‘ an sich überhaupt ist. Zunächst lässt sich hier eine geografische Einordnung vornehmen. Nach Edward Said werden dem

Orient für gewöhnlich die Länder des Nahen Ostens und Asiens zugerechnet. So befin-det er sich dementsprechend in unmittelbarer Nähe zu Europa. Darüber hinaus betont Said, dass der

„Orient […] nicht nur Europa benachbart [ist], er ist auch der Ort der größten, reichsten und ältesten Kolonien Europas, die Quelle von Europas Zivilisationen und seiner Sprachen, seines kulturellen Wettkampfs und eines seiner ältesten und am häufigsten wiederkehrenden Bilder des Anderen“ (zit. n. Braun/ Mathes 2007, 18).

Mit dieser Beschreibung des Orients macht Said auf diverse wichtige Faktoren im Bezug zu Europa aufmerksam. Zum einen handelt es sich, wenn man von einem geografischen Orient sprechen möchte, um ehemaligen Kolonien der europäischen Großmächte sowie das Osmanische Reich und Arabien, deren historische Verhältnisse zueinander durch Spannungen und Gewalt geprägt waren1.

Zum anderen stellt der Orient für Europa ein symbolisches ‚Bild des Anderen‘ dar. Wie Ina Kerner ausführt, spielt Stuart Halls Begriff der Modernität in diesem Zusammenhang eine bedeutende Rolle. So verweist

„[d]er Begriff ‚Modernität‘ […] dabei auf Vorstellungen über die westliche Moderne und die ihr zugeschriebenen Attribute wie ein hoher Entwicklungs- und Industriali - sierungsgrad, marktwirtschaftliche Organisationsprinzipien, eine städtische Prägung und säkulare Ordnungsmuster“ (Kerner 2012, 64).

Auf diese Weise kann ein wie von Hall beschriebener Diskurs vom ‚Westen und dem Rest‘2 entstehen, in dem der „‚Rest‘ […] zum Anderen Europas stilisiert [wird], mit all jenem assoziiert, was Europa von sich weist, was nicht zu sein es beansprucht: rückständig, unterentwickelt, unzivilisiert, etc.“ (dies., 66). Die Postcolonial Studies sehen genau in diesem Vorgehen ein wichtiges Element der „Konstruktion des westlichen Selbstbildes“ (ebd.). Im Bezug auf den Orient bedeutet das, dass dieser Europa ermöglichte, „sich als dessen kontrastierendes Bild, Idee, Persönlichkeit, Erfahrung zu definieren“ (Braun/ Mathes 2007, 18). Dieses Phänomen beschreibt Said mit dem Begriff Orientalismus. Demnach ist der Orientalismus „eine ‚Umgangsweise mit dem Orient, die auf dessen besonderer Stellung in der europäischen westlichen Erfahrung beruht‘“ (Said zit. n. Kerner 2012, 67). Somit ist der Orient

„ein integraler Teil der europäischen materiellen Zivilisation und Kultur. Der Orienta- lismus drückt diesen Teil kulturell und selbst ideologisch aus und repräsentiert ihn als eine Art Diskurs mit der Hilfe von unterstützenden Institutionen sowie Vokabular, Wissenschaft, Bildwelt, Doktrinen, selbst kolonialen Bürokratien und kolonialen Herrschaftsweisen“ (Braun/ Mathes 2007, 18).

Der Orientalismus stellt folglich ein System des westlichen bzw. europäischen Wissens über den Orient dar, welches sich aus ästhetischen, philosophischen, ökonomischen, soziologischen und historischen Texten speist. Er ist ein Produkt westlicher imaginati- ver Geografie und Geschichte, die sich als Realität präsentiert (Bailey/ Tawadros 2003; Kerner 2012) und es bis heute ermöglicht, „‚den Orient gesellschaftlich, politisch, militä- risch, ideologisch, wissenschaftlich und künstlerisch zu vereinnahmen - ja sogar erst zu erschaffen‘“ (Said, zit. n. Kerner 2012, 71). Dies verdeutlicht sich um so mehr bei der Betrachtung des westlichen Blicks auf den Schleier und die westliche Ansicht über das Bild im Islam.

2.2 Verschleierung, Ö ffentlichkeit und Privates

Der Schleier3 der (islamischen Frau) ist im kolonialistischen Diskurs zur Leinwand einer „Vielzahl von Projektionen des westlichen Ichs“ (Braun/ Mathes 2007, 19) geworden. Bailey und Tawadros betonen dabei, dass der Schleier im Laufe der Zeit ein Teil sowohl der östlichen als auch westlichen Kultur war. Diese Tatsache schmälert jedoch die überwältigende Assoziation des Schleiers mit dem Islam und einer abstrakten exoti- schen Vorstellung über den Orient nicht (Bailey/ Tawadros 2003)4. Diese Verknüpfung Schleier/Orient bzw. Schleier/Islam ist im orientalistischen Diskurs mit der Fantasie ver- knüpft, den Schleier zu lüften, bzw. zu penetrieren: „The veil is one of those tropes through which western fantasies of penetration into the mysteries of the Orient and access to the interiority of the other are fantasmatically achieved“ (Yeğenoğlu 2003, 543). Dabei spielen Vorstellungen von Modernität eine Rolle, die Transparenz und Sichtbarkeit als institutionalisierte Macht einführen. Dieses Durchschauen bzw. Sehen kann als Wissen begriffen werden. Nach Foucault besteht die Problematik des Sehens bzw. Wissens als Macht darin, dass sie an ein soziales Programm gebunden ist, das Räume auf eine solche Weise organisiert, dass sie ihre Bewohner und deren Verhalten sichtbar macht.5 In dieser Logik kann der Schleier interpretiert werden als „the resisting

Mehr dazu bei Braun/ Mathes 2007. Lewis unterstreicht darüber hinaus, dass die Ver-schleierung in der Vergangenheit eine soziale Praxis darstellte, die von vielen Völkern im Mittleren Osten und in Nord-Afrika vollzogen topology of this modern power whose program aims to construct the world in terms of a transparency provided bwurde und eher Status als Religion symbolisier- te (2003).

data or y knowledge and power“ (dies., 544). Der Schleier steht damit im Gegensatz zur Transparenz, die Bestandteil der Moderne ist. Der verschleierte Orient stellt folglich auch eine Gefahr dar, denn die „westliche Angst vor dem Orient suggeriert, dem verschleierten Orient stehe ein offen zugänglicher Ok- zident gegenüber, der den undurchsichtigen Machenschaften der islamischen Welt schutzlos ausgeliefert sei“ (Braun/ Mathes 2007, 23). Damit ist die verschleierte Frau, deren Körper bis auf die Augen verhüllt ist und die sehen kann, ohne selbst gesehen zu werden, „not simply an obstacle in the field of visibility and control, but her veiled presence also seems to provide the Western subject with a condition which is the in- verse of Bentham's omnipotent gaze“ (Yeğenoğlu 2003, 546). Dies unterstreicht wie- derum die Rolle des Sehens in der westlichen Kultur und die Macht, die dem Blick zu- geschrieben wird. Daraus resultiert der Schleier als ein Symbol des Geheimnisses, das gelüftet werden muss (Braun/ Mathes 2007).

Im Islam spielt der Schleier jedoch eine andere Rolle. Hier verweist er nicht auf ein verdecktes Geheimnis, sondern auf den Bereich des Göttlichen. In seiner etymologischen und historischen Herkunft stammt der Schleier vom Vorhang ab, der das Private vor dem Öffentlichen schützt (Braun/ Mathes 2007). So erfüllt er nicht die Aufgabe, zu verhüllen oder durch seine Lüftung zu offenbaren, sondern Privates und Öffentliches abzutrennen6. Daher nimmt der Schleier eher eine schützende Funktion an, der etwas heiliges behüten soll. Dieses heilige, so argumentieren Braun und Mathes, ist die „Fruchtbarkeit und Gebärfähigkeit der Frau“ (dies. 2007, 69).

Dass der Schleier in der Debatte über den Platz von Frauen in der Gesellschaft so zen- tral wurde und immer noch ist, entspringt, so Malak Hifni Nasif, wiederum einem west- lichen Diskurs über den Orient (Bailey/ Tawadros 2003). Denn in diesem Diskurs wurde der Schleier zu einem Symbol der weiblichen Unterdrückung, der die Rückständigkeit des Anderen aufzeigt. Reina Lewis betont jedoch, dass „in other instances, women's veiling is strategic, providing an alibi for behaviors outside home that would otherwise be doomed gender subversive” (2003, 14). Zudem trägt auch jede kulturelle Zuordnung an die Weiblichkeit implizit eine solche Zuordnung an die Männlichkeit in sich (Braun/ Mathes 2007). Denn der „Verschleierung der Frau im öffentlichen Raum entspricht ein Blickverbot des Mannes. Nicht nur darf die Frau vom Mann nicht gesehen werden, auch der Mann darf sie nicht ansehen“ (dies., 70).

[...]


1 Im Rahmen dieser Arbeit ist es leider nicht möglich, näher auf die Geschichte der Kolonial-staaten im Nahen Osten, des Osmanischen Reichs und Arabiens einzugehen. Mehr dazu bei Hourani (1992) und Haarmann (1994). Historische Übersichtskarten zur Besetzung und Lage der Staaten finden sich bei Hourani (1992, 332 f.) und Haarmann (1994, 413).

2 Vgl. Hall 1992. Der Begriff ‚Westen‘ wird im Folgenden nicht als eine geografische Entitä verwendet, sondern dient dazu, die Selbstkonstruktion und -stilisierung in Abgrenzung zu einem Minderwertigen nach Hall zu verdeutlichen.

3 Zur Vereinfachung werden im Folgenden alle Arten der Verschleierung als Schleier bezeich- net.

4 Vielmehr blickt der Schleier auch auf eine lange christliche sowie westliche Tradition zurück.

5 Zur Veranschaulichung nennt Yeğenoğlu hier die Beispiele des Bentham'schen Panoptikums und Rousseaus Traum einer perfekten transparenten Gesellschaft (2003).

6 Eine ähnliche Funktion sprechen Braun und Mathes dem Harem zu: der Harem war „ein pri-vater Bereich, in den sich das in der Öffentlichkeit stets sichtbar agierende männliche Oberhaupt der Familie zurückziehen konnte“ (2007, 69).

Details

Seiten
17
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656767435
ISBN (Buch)
9783656767428
Dateigröße
929 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v282124
Institution / Hochschule
Hochschule für Bildende Künste Braunschweig – Institut für Medienforschung
Note
1,3
Schlagworte
Orientalismus Kopftuch Schleier Bilderverbot Frau im Islam Kopftuchstreit Saudi Arabien Fotografie Frau Postkoloniale Theorie Postcolonial Studies Gender Geschlechterforschung Verschleierung Islam Orient Okzident 1001 Nacht

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Titel: „Arabische Nächte“. Die Inszenierung einer Bildtradition am Beispiel von Olivia Arthurs „Jeddah Diary“ im ZEITmagazin