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Bedeutung und Manipulation des LIBOR

Bachelorarbeit 2013 54 Seiten

VWL - Finanzwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung

2 Der Libor als Benchmark im Geldmarkt
2.1 Bedeutung von Benchmarks im Geldmarkt
2.2 Das Libor-System
2.2.1 Steuerung und Kontrolle
2.2.2 Geschichtliche Entwicklung des Libors und globale Bedeutung heute
2.2.3 Definition und Kalkulation des Libors
2.2.4 Schwächen im Libor-System

3 Aktuelle Manipulation
3.1 Unregelmäßige Libor-Zinsen in der Finanzkrise
3.2. Gründe für manipulatives Verhalten
3.3 Beweise für manipulierte Libor-Zinsen
3.4 Konsequenzen

4 Schlussbetrachtung

Anhang

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Kalkulation eines Benchmark-Index

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Zins-Swaps von JP Morgan Chase 2007 - 2009

Tabelle 2: Netto-Einkünfte aus Zinszahlungen der Banken Citigroup, Bank of America, JP Morgan Chase

Tabelle 3: Vergleich CDS-Spreads und Libor 2007 -2008 von US-Dollar Panel-Banken

1 Einleitung

Die Finanzkrise 2007 - ein Thema, das die Welt auch fünf Jahre später immer noch in Aufruhr hält und dessen Folgen immer noch spürbar sind. Über Jahre hinweg wurden im amerikanischen Immobilienmarkt zahlreiche Kredite ausgegeben, auch an Kredit- nehmer mit geringer Bonität. Das Risiko dieser Kredite wurde, verpackt in komplexe Finanzprodukte, zunehmend an andere Banken und Versicherungsinstitutionen weiter- verkauft. Die Kreditnehmer hatten jedoch zunehmend Schwierigkeiten ihre Schulden zurückzubezahlen. Kredite fielen reihenweise aus, die Immobilienblase platze. Dies führte zu Milliardenverlusten großer Banken, die in diese Kredite investiert waren. Hö- hepunkte waren schließlich die Insolvenzen von Northern Rock und Lehman Brothers, zwei der größten Banken Großbritanniens und der USA. Das Vertrauen in das Banken- system war verloren gegangen. Banken horteten ihre Liquidität und legten diese als Überschussreserven bei den Zentralbanken an, anstatt sich untereinander Geld zu leihen. Der Interbankenmarkt kam nahezu zum Erliegen. Geldmittel mit einer Laufzeit von mehr als ein paar Tagen waren kaum noch verfügbar. Zu den wichtigsten Finanzmarkt- indikatoren gehörten die Geldmarktsätze des Interbankenmarktes. Diese stiegen ab 2007 enorm an. Auch die Differenzen (Spreads) zwischen diesen Geldmarktsätzen und Zinss- ätzen, die üblicherweise eng miteinander korreliert waren, weiteten sich extrem aus. Eindeutige Indikatoren für Unruhen im Interbankenmarkt.

Einer dieser Zinssätze, der als wichtiger Indikator diente und stark beobachtet wurde, war der Libor - der London Interbank Offered Rate. Auch er wich ab 2007 stark von seinem vorherigen Verlauf ab. Auch die Korrelationen mit vergleichbaren Zinssätzen nahm stark ab. Der Libor sorgte innerhalb der Turbulenzen zusätzlich für Aufmerksam- keit, als 2008 Berichte über angeblich manipulierte Libor-Zinsen an die Öffentlichkeit kamen. Banken wurde vorgeworfen, die Libor-Zinsen zu ihren Gunsten beeinflusst zu haben, so dass diese Zinsen die Bedingungen im Interbankenmarkt nicht mehr glaub- würdig widerspiegeln konnten. Die Berichte füllen bis heute die Schlagzeilen auf der ganzen Welt, teilweise mit den Worten „einer der größten Skandale in der Finanzmarkt- geschichte“. Untersuchungen sind v.a. seit 2011 in Gange. Warum der Skandal um den Libor eine so große Bedeutung hat und welche Konsequenzen dies bis heute nach sich zieht, wird in dieser Arbeit erläutert.

Der Libor als Benchmark im Geldmarkt

Im ersten Teil wird zunächst die geschichtliche Entwicklung des Libors bis hin zu seiner globalen Bedeutung heute dargestellt. Es wird erklärt, wie der Libor bis heute kalkuliert wurde, welche Institutionen im Libor-System involviert sind und welche Schwächen innerhalb dieses Systems entdeckt wurden.

Der zweite Teil dieser Arbeit stellt einige Auffälligkeiten des Libors dar, die in den Krisenzeiten beobachtet werden konnten. Anhand von Gegenüberstellungen mit mehreren vergleichbaren Zinssätzen werden Anomalien im Verlauf des Libors auf- gezeigt.

Es werden einige Möglichkeiten genannt, welche Ursachen diese Anomalien haben könnten. Insbesondere wird auf den Verdacht der Libor-Manipulation eingegangen: Welche Anreize hatten Banken, die Libor-Zinsen zu manipulieren? Woher kam der Verdacht der Manipulation? Wie konnte den Banken manipulatives Verhalten nachgewiesen werden und welche Konsequenzen wurden daraus gezogen?

Obwohl der Libor für mehrere Währungen veröffentlicht wird, liegt der Fokus der meisten Studien und auch der Fokus dieser Arbeit auf dem US-Dollar Libor, da die- ser am häufigsten verwendet wird. Teilweise wird jedoch auch auf andere Währun- gen eingegangen, um die globale Ausweitung des Problems aufzuzeigen. Weiterhin wird hauptsächlich der Libor mit einer Laufzeit von drei Monaten dargestellt, da die- se ebenfalls die Laufzeit ist, die am meisten verwendet wird. In den ebenfalls häufig verwendeten Laufzeiten von einem und sechs Monaten konnten aber ähnliche Be- obachtungen gemacht werden.

2 Der Libor als Benchmark im Geldmarkt

2.1 Bedeutung von Benchmarks im Geldmarkt

Im Geldmarkt wird heutzutage eine Vielzahl an Kennzahlen berechnet. Diese werden von unterschiedlichen Organisationen erstellt und unterscheiden sich außerdem in ihrer Kalkulationsmethode sowie in ihren zugrundeliegenden Daten. Diese Daten können aktuelle Preise sein, Vergangenheitswerte, Zahlen aus aktuellen Transaktio- nen oder, falls diese Zahlen nicht verfügbar sind, Daten, die auf Schätzungen oder Erwartungen beruhen. Auf diese Daten wird anschließend eine Formel angewendet, um den Index zu berechnen. Meistens handelt es sich hierbei um einen Durch schnittswert. Die Verwendung von geschätzten Daten bedeutet, dass der Index nicht immer nur auf objektiven Berechnungen beruht, sondern auch subjektive und nicht nachweisbare Elemente enthält. Interessenkonflikte können auftreten, wenn eine Person an der Berechnungsmethode beteiligt ist und gleichzeitig als Nutzer des Index Interesse an dessen Wert hat. Die Kalkulationsmethode ist für die meisten Indizes deshalb öffentlich zugänglich und nachvollziehbar, um die Richtigkeit und das Vertrauen in die Indizes zu gewährleisten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Kalkulation eines Benchmark-Index

Quelle: eigene Darstellung in Anlehnung an EU-Kommission (2012), Rn. 2.1.

Die wichtigste Funktion solcher Kennzahlen oder Indizes ist der Gebrauch als Ver- gleichsmaßstab oder Referenzpunkt - der Gebrauch als Benchmark. Ein Index kann z.B. als Referenzpreis für Finanzmarkttransaktionen, wie zur Bepreisung von Deriva- ten oder Hedging-Instrumenten, aber auch als Referenzpreis für gewerbliche und private Kreditverträge angewendet werden. Daneben dienen Indizes als Bewer- tungsmaßstab für Management-Performance und werden auch als Indikatoren für wirtschaftliche Bedingungen und zu Forschungszwecken herangezogen.

Wichtige Indizes, die auf Aktienwerten basieren, sind beispielsweise der DAX, der DOW JONES oder der S&P 500. Zu den Indizes, die Rohstoffpreise als Berech nungsgrundlage haben, gehören der Gold COMEX (Underlying sind Metalle) und der Brent Ölkurs (Underlying ist Öl) oder auch Indizes wie der TRJ/CRB, die mehre- re Rohstoffe zur Berechnung heranziehen. Als weitere Beispiele gehören der Ver- braucherpreisindex und der BIP-Deflator zu den makroökonomischen Preisindizes.

Der Libor und der Euribor (European Interbank Offered Rate) sind Interbankenzins- sätze und stellen ebenfalls wichtige Indizes dar. Sie basieren auf von Banken ge- schätzten Finanzierungskosten im Interbankenmarkt. Weitere wichtige Zinsindizes sind z.B. der Eonia (Euro Overnight Index Average) und der Sonia (Sterling Over- night Index Average), welche auf aktuellen Übernacht-Zinssätzen basieren.[1] Es gibt noch eine Reihe weiterer Geldmarktsätze, die als Benchmarks verwendet werden, u.a. Zinsen auf Staatsanleihen (in den USA die sogenannten Treasury Bills) und die von den Zentralbanken gesetzten Leitzinsen.[2] Institutionen, die die Verantwortung für bestimmte Indizes tragen und diese berechnen, sind z.B. Börsen, Statistikbehör- den, die Weltbank, der International Monetary Fund (IMF), Zentralbanken, Wirt- schaftsorganisationen wie die British Bankers’ Association (BBA) und die European Banking Federation (EBF) und zahlreiche weitere Organisationen (z.B. Argus Medi- a, Markit Group), die sich auf die Bereitstellung ausgewählter Indizes spezialisiert haben.[3]

Die wichtigste Eigenschaft, die ein Benchmark-Index haben sollte ist die möglichst genaue Widerspiegelung wirtschaftlicher Bedingungen, sodass Marktteilnehmer mit- hilfe der Benchmarks stets optimale wirtschaftliche Entscheidungen treffen können.[4] Allerdings ist dies oft schwierig zu gewährleisten, da die verwendeten Daten nicht immer alle Informationen im Markt erfassen können. Dennoch ermöglicht der ein- heitliche Gebrauch von Benchmarks das schnelle Erkennen wichtiger Informationen und Veränderungen und führt dadurch zu einem effizienteren Funktionieren der Märkte.[5]

2.2 Das Libor-System

2.2.1 Steuerung und Kontrolle

Die British Bankers’ Association (BBA) ist eine bedeutende Wirtschaftsvereinigung Großbritanniens, zuständig für den Banken- und Finanzsektor. Die BBA ist Ansprechpartner für ca. 200 Mitgliedsbanken und 70 Unternehmen in über 60 Ländern. Neben zahlreichen weiteren Aufgaben ist die BBA für die Festlegung verschiedener Referenzzinssätze, u.a. für den Libor zuständig.[6]

Die BBA Libor Ltd, ein Zweigunternehmen der BBA unter Vorsitz des Libor Managers, trägt innerhalb der BBA die Verantwortung für den Libor. Die Steuerung und Kontrolle des Libors innerhalb der BBA Libor Ltd liegt in den Händen des „Foreign Exchange and Money Markets Commitee (FX & MM Committee). Das FX & MM Committee ist u.a. für die regelmäßige Überprüfung der Banken-Panels zuständig sowie für die Auswahl neuer Banken für einzelne Panels.[7]

Mitglieder dieses Komitees sind Repräsentanten von Panel-Banken, von Banken, die nicht am Libor-Prozess beteiligt sind sowie von anderen Institutionen, die den Libor als Referenzzins verwenden. Das Komitee hat einen Vorsitzenden und zwei Vertre- ter. Voraussetzung für den Vorsitz ist, dass diese Person Mitarbeiter einer Bank ist, die im US-Dollar-Panel, dem Panel für britische Pfund und einem weiteren Panel vertreten ist. Weiterhin besteht das Komitee aus zwei Untergruppen: dem „Fixing Sub-Committee“ und dem „Oversight Sub-Committee“. Das erstere ist für die Auf- deckung von Unregelmäßigkeiten hinsichtlich Libor-Angaben von individuellen Banken zuständig, das letztere entscheidet über Maßnahmen, wenn Libor-Angaben einzelner Banken Unregelmäßigkeiten aufweisen. Das Komitee trifft sich alle zwei Monate, um sich über den Libor-Prozess zu beraten.[8]

Die Abwicklung der Libor-Kalkulation und Veröffentlichung erfolgt über die welt- weit vertretene Nachrichtenagentur Thomson Reuters (TR). TR sammelt täglich bis elf Uhr britischer Zeit die eingehenden Libor-Daten und überprüft sie anhand ver- schiedener Tests auf ihre Richtigkeit. Anschließend werden hier die Libor-Zinsen täglich berechnet und um die Mittagszeit veröffentlicht.[9] TR überprüft dabei lediglich auffällige Unregelmäßigkeiten, um diese dann an das FX & MM Committee weiter zu geben. Ob die Libor-Angaben auch tatsächlich den realen Kosten entsprechen, liegt jedoch in der Verantwortung der Banken selbst.[10] TR hat lediglich die Aufgabe eines Vermittlers, der die von den Banken selbst ermittelten Daten weiter verarbeitet. TR übernimmt darüber hinaus die gleiche Rolle auch für die Festsetzung von anderen Referenzzinssätzen, wie den Euribor und den Sonia.[11]

2.2.2 Geschichtliche Entwicklung des Libors und globale Bedeutung heute

In den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts florierte das Finanzgeschäft in London. Die internationalen Finanzgeschäfte lebten nach dem zweiten Weltkrieg wieder auf. Kre- ditnehmer und Kreditgeber aus der ganzen Welt kamen in London zusammen, um den aus dem Krieg resultierenden Restriktionen der Heimatländer zu entkommen. Insbesondere US-Banken suchten aufgrund zahlreicher Beschränkungen und Kon- trollen ein alternatives Offshore-Finanzzentrum[12] zu New York. Nur London war damals groß genug, um die abwandernden Finanzdienstleistungen aufzufangen. Re- sultat war die Entstehung des Eurodollarmarktes (auf Dollar lautende Bankeinlagen außerhalb der USA).[13] Der Kalte Krieg, Kosten des Vietnamkriegs und weltweit zu- nehmende Handelsungleichgewichte ließen den Eurodollarmarkt weiter wachsen. Es war sicherer Dollar-Guthaben außerhalb der USA zu deponieren. Dies führte dazu, dass britische Banken mehr und mehr Eurodollars anboten.[14] Durch die zunehmen- de Internationalisierung des Finanzmarktes und dem beständigen Wachstum, schlos- sen sich zahlreiche Kreditgeber zu Gruppen zusammen, um gemeinsam Kredite in hohen Summen zu vergeben (sog. Konsortialkredite).[15] Ziel war es, Kredite in Höhen zu vergeben und damit Risiken einzugehen, die von einem einzigen Kreditgeber al- leine nicht getragen werden konnten bzw. um die vom Bankenaufsichtsrecht be- grenzte Vergabe von hohen Krediten zu umgehen.[16] Das Potential, das dieser boo- mende Markt mit sich brachte, wurde von erfahrenen Bankern und Ökonomen schon bald erkannt. Unter ihnen war auch der Grieche Minos Zombanakis, der heute als Vater des Libors gilt. In den 60er Jahren leitete er eine neu eröffnete Londoner Zweigstelle der Bankholdinggesellschaft Manufacturer’s Hanover Trust Corporation (heute Teil von JP Morgan Chase).[17] 1969 wickelte die Gesellschaft einen dieser ersten Konsortialkredite über 80 Millionen US-Dollar mit dem damaligen iranischen Shah Mohammad Reza Pahlavi ab. Der Kredit war an einen Zins gebunden, den Zombanakis „London Interbank Offered Rate (Libor)“ nannte. Das Konzept, das er sich für den Libor ausdachte, wird teilweise noch heutzutage bei der Berechnung des Libors angewendet. Nach diesem Konzept sollten die beteiligten Konsortialbanken kurz vor Ende der Roll-over-Periode ihres Konsortialkredits ihre aktuellen Kapital- beschaffungskosten bekannt geben. Der gewichtete Mittelwert dieser Kosten, zuzüg- lich eines Gewinnaufschlags für die Banken, ergab dann den Zinssatz (Libor) für die nächste Periode.[18]

Mit der Abschaffung der Devisenkontrollen 1979 und der weltweiten Deregulierung der Finanzmärkte erlebte der Finanzplatz London einen weiteren Wachstumsschub. Den bedeutendsten Strukturwandel brachte schließlich die Aufhebung zahlreicher Regulierungen an der Londoner Börse mit sich, bekannt unter dem Namen „Big Bang“. Dies machte nun auch den internationalen Wertpapierhandel in London mög- lich. Die Bedeutung Londons als internationales Finanzzentrum wurde immer grö- ßer.[19] Die Nachfrage nach Krediten nahm beständig zu. Neben den Konsortialkredi- ten wurden neue Finanzinstrumente wie Forward Rate Agreements, Foreign Cur- rency Options und Future-Kontrakte gehandelt. Der Markt wurde immer komplexer, die Geschäfte arbeitsaufwendiger. Es fehlte an Einheitlichkeit, Transparenz und Kon- trolle. Marktteilnehmer verlangten nach einem standardisierten Referenzzinssatz für die neuen Instrumente. Denn das Festsetzen von Zinssätzen durch die sich immer neu bildenden, gelegentlichen Bankenkonsortien nach Zombanakis’ Konzept wurde zu unübersichtlich. Ein Hindernis für die zukünftigen Ausdehnungen des Finanzmark- tes. Die BBA wurde mit der Aufgabe einen solchen Referenzzins zu entwickeln beauftragt und übernahm 1986 die Verantwortung für den Libor.[20] Zwei Jahre zuvor hatte sie in diesem Auftrag, mit Unterstützung der britischen Zentralbank, die „BBA Interest Settlement Rates (BBAIRS)“ entwickelt. Diese wurden in einer Testphase 1985 in den Markt eingeführt und gelten als Vorgänger des heutigen Libors. Die ersten offiziellen Libor-Sätze der BBA wurden zum ersten Mal im Januar 1986 unter dem Namen BBA-Libor[21] in den Währungen US-Dollar, Japanischem Yen und Britischem Pfund veröffentlicht. [22]

Heute dient der Libor für eine erhebliche Anzahl an Geldmarktgeschäften als Be- rechnungsgrundlage. Die Spanne reicht von Swap- und Derivate-Geschäften bis hin zu Auto-, Studenten- und Hypothekenkrediten und auch zahlreiche Investmentfonds verwenden den Libor als Referenzzins. Nicht nur gewerbliche, sondern auch private Kredite machten zunehmend von Libor-Zinsen Gebrauch.[23] Ein Großteil der Finanz- transaktionen, die den Libor als Referenzzinssatz verwenden, findet lediglich zwi- schen den involvierten Parteien statt. Deshalb gibt es keinen exakten Wert dafür, wie viele Zinsvereinbarungen tatsächlich auf dem Libor basieren oder wie sich diese mengenmäßig auf die verschiedenen Finanzinstrumente aufteilen.[24] Nach Schätzun- gen der BBA basieren aber Kredite im Wert von ca. zehn Billionen US-Dollar und Swaps im Wert von 350 Billionen US-Dollar auf dem Libor.[25] Der Libor ist damit einer der wichtigsten Referenzzinssätze weltweit. Durch mithilfe des Libors festge- setzten Zinsvereinbarungen sichern Banken ab, dass die Zinszahlungen ihrer Kunden nicht zu weit unter ihre eigenen Finanzierungskosten fallen können. Die Zinskosten der Kreditnehmer liegen dabei einen gewissen Spread oberhalb des Libors (je nach Kreditwürdigkeit).[26]

Bietet eine Bank beispielweise Gelder mit einer variablen Verzinsung „Libor + Auf- schlag“ (z.B. Libor + 1,5%) an, sichert sie sich eine garantierte Zinszahlung in Höhe des entsprechenden Libors plus die fixe Gewinnmarge (hier von 1,5%), völlig unabhängig von der Entwicklung der Zentralbankzinsen.[27]

Auch die stetige Anpassung des Libors an die sich verändernden Marktbedingungen machte ihn zu einem so beliebten Referenzzinssatz und zu einem Indikator, der früh- zeitig Anspannungen auf den Finanzmärkten erkennen lässt.[28] Er wird deshalb auch von zahlreichen Akademikern und Finanzanalysten für Studien herangezogen.

Der Libor ist, außer für britische Pfund, ein Offshore-Zinssatz, d.h. ein Zinssatz, der außerhalb des Landes festgelegt wird. Im Gegensatz dazu sind Onshore-Zinsen, Zin- sen die im Heimatland festgelegt werden. Obwohl neben dem Libor zahlreiche alter- native Onshore-Referenzzinssätze existieren, wird der Libor in den meisten Ländern, für deren Währungen er festgelegt wird, als Offshore-Zins bevorzugt (siehe Anhang

1). Offshore-Märkte sind aufgrund der Vielzahl an internationalen Marktteilnehmern meistens liquide und sehr aktiv. Daneben ist die Umgehung staatlicher Regulierungen ein weiterer Vorteil von der Verwendung von Offshore-Zinssätzen. Auch sind die Ein- und Austrittsbarrieren meistens niedrig.[29]

Der Libor wird an den größten Börsen der Welt, u.a. an der LIFFE, CME, Deutsche Term Börse, Euronext, SIMEX, TFX sowie auch außerbörslich als Grundlage für den Großteil vieler Zinsvereinbarungen verwendet.[30] Aufgrund seiner weitreichen- den Bedeutung wurde der Libor auch in zahlreichen Rahmenverträgen der „Interna- tional Swaps and Derivatives Association (ISDA)“ aufgenommen, die der Vereinfa- chung und Effizienzsteigerung des außerbörslichen Derivatehandels weltweit die- nen.[31]

Der Interbankenmarkt spielt eine wesentliche Rolle für das reibungslose Funktionie- ren von vielen anderen Teilen des Finanzmarktes. Beispielsweise dient der Libor für Derivate im Wert von mehreren Billionen US-Dollar oder für den Großteil der fest- verzinslichen Finanzinstrumente als Basis der Zinsvereinbarungen, was zu einer en- gen Verknüpfung dieser Märkte mit dem Interbankenmarkt führt. In welchem Volu- men noch andere Teile des Finanzmarktes mit dem Interbankenmarkt verknüpft sind, kann aufgrund fehlender Transparenz nicht genauer beziffert werden.[32] Dies zeigt jedoch, dass schon geringe Veränderungen der Libor-Zinsen erhebliche Auswirkungen auf die globalen Kapitalmärkte haben.[33]

2.2.3 Definition und Kalkulation des Libors

Der Libor gibt an, zu welchem Zinssatz sich die Panel-Banken kurzfristig ungesi- cherte liquide Mittel voneinander leihen können.[34] Obwohl der Ausdruck Libor übli- cherweise im Singular gebraucht wird, werden täglich Libor-Zinsen für zehn ver- schiedene Währungen mit 15 verschiedenen Laufzeiten veröffentlicht. Insgesamt handelt es sich bei Libor demnach um eine Reihe von 150 Zinssätzen. Die Laufzei- ten umfassen Übernacht, eine Woche, zwei Wochen und ein bis 12 Monate.[35] Der Libor über drei Monate ist dabei der Libor-Zins, der am meisten verwendet wird.

Bis vor kurzem wurde der Libor täglich für folgende Währungen festgelegt:[36]

Australische Dollar (AUD), Japanische Yen (JPY), Neuseeland-Dollar (NZD), Schwedische Krone (SEK), US-Dollar (USD), Britische Pfund (GBP), Kanadische Dollar (CAD), Schweizer Franken (CHF), Dänische Krone (DKK), Euro (EUR)

Der USD-Libor mit einer Laufzeit von drei Monaten ist z.B. der Zinssatz, zu dem sich Banken am jeweiligen Tag USD in London, also außerhalb der USA (sogenannte Eurodollars), mit einer Laufzeit von drei Monaten leihen.[37] Die wichtigsten LiborZinssätze sind diejenigen für die Währungen USD, Euro, GBP und JPY.[38]

Die originale Definition der BBA für den Libor lautet:

„The rate at which an individual Contributor Panel Bank could borrow funds (i.e. unsecured interbank cash or cash raised through primary issuance of interbank Certificates of Deposit), were it to do so by asking for and then accepting interbank offers in reasonable market size, just prior to 11.00 am London time.”

Libor-Sätze spiegeln die Auffassung der Banken über aktuelle Kapitalbeschaffungs- kosten im Interbankenmarkt wider. Wichtig ist, dass sich die Banken bei der Festle- gung der jeweiligen Libor-Zinsen auf den Londoner Interbankenmarkt beziehen und auf die entsprechende Währung. Außerdem sollten die Libor-Zinsen von den Mitar- beitern gehandhabt werden, die für die liquiden Mittel der Banken verantwortlich sind.[39] In jeder Bank gibt es einen Mitarbeiter, der für die tägliche Meldung der Li- bor-Zinsen an TR verantwortlich ist. Ein Leitfaden der BBA gibt vor, welche Infor- mationen bei der Kalkulation des Referenzzinses von jeder Bank einbezogen werden müssen. Die Banken selbst sind für einen ordnungsgemäßen Ablauf des Prozesses verantwortlich.[40]

Die Libor-Zinsen werden von den Panel-Banken selbst festgelegt. Der Libor ist demnach ein Benchmark von und für die Banken. Jede Panel-Bank beantwortet dazu täglich die Frage:

„At what rate could you borrow funds, were you to do so by asking for and then accepting inter-bank offers in a reasonable market size just prior to 11 am?”

Der Libor basiert folglich nicht immer auf tatsächlich abgewickelten Transaktionen, sondern spiegelt zum Teil lediglich die Wahrnehmung der Banken über Finanzie- rungskosten wider. Denn nicht jede Bank leiht täglich Geld in allen Währungen und mit allen Laufzeiten, für die sie Libor-Zinsen festlegt.[41] Es kann dennoch davon aus- gegangen werden, dass der Libor die tatsächlichen Kapitalbeschaffungskosten wider- spiegelt, da Banken anhand früherer Transaktionen und anhand von Kenntnissen ihrer Kredit- und Liquiditätsrisiken sowie aktueller Marktbedingungen, Zinssätze realitätsgetreu kalkulieren können.[42]

Die Definition wird seit 1998 angewendet. Davor lautete die Frage an die Panel- Banken:

„At what rate do you think interbank term deposits will be offered by one prime bank to another prime bank for a reasonable market size today at 11 am?” Grund für die neue Definition war, dass eine allgemeine Definition für „prime bank“ nicht mehr gegeben war. [43]

Die von den Banken festgesetzten Libor-Zinsen werden an TR weitergeleitet. Dort werden daraus die endgültigen Libor-Zinsen für den jeweiligen Tag berechnet. Zu- nächst werden die oberen und unteren 25% der eingegangen Meldungen gestrichen. Es soll vermieden werden, dass Falschmeldungen den Libor beeinflussen. Der Durchschnitt aus dem verbleibenden Mittelteil ergibt schließlich den Libor. Die Me- thode wird oft als „trimmed / shaved mean“ bezeichnet. Dieser Vorgang findet täg- lich für alle 150 Libor-Zinsen statt (siehe Anhang 2). Vor der Berechnung überprüft TR die Angaben der Banken noch anhand verschiedener Tests, um Unregelmäßigkei- ten aufzudecken. Neben den endgültigen Libor-Zinsen veröffentlicht TR auch die individuell vorgeschlagenen Libor-Zinsen der einzelnen Banken.[44] Je nachdem wie viele Banken in einem Panel sind, wird der Libor als Durchschnitt aus vier bis zehn gemeldeten Zinssätzen berechnet (siehe Anhang 3).

Der Libor wird um 11 Uhr britischer Zeit kalkuliert und gegen Mittag veröffentlicht. Da der Libor für zehn Währungen weltweit festgelegt wird, ist es nicht möglich ihn zu einer Zeit festzulegen, zu der alle Finanzmärkte geöffnet sind. Laut BBA ist diese Zeit jedoch die angemessenste. Den Libor je nach Währung zu einer anderen Zeit festzulegen würde zu reger Verwirrung führen und die Libor-Zinsen wären aufgrund ständiger Veränderungen der Marktbedingungen nicht mehr vergleichbar.[45] Der Libor ist zudem ein auf Jahresbasis umgerechneter Zinssatz

Der gesamte Prozess wird von der BBA ebenfalls veröffentlicht. Informationen über die Auswahl der Panel-Banken und welche Banken in welchem Panel sind, sind öf- fentlich zugänglich. Der gesamte Libor-Prozess kann nachvollzogen werden.[46]

[...]


[1] EU-Kommission (2012), Rn. 1.1 - 1.5.

[2] Gyntelberg, J. /Wooldridge, P. (2008), S. 60.

[3] EU-Kommission (2012), Rn. 1.2.

[4] EU-Kommission (2012), Rn. 3.1.

[5] EU-Kommission (2012), Rn. 3.1; Wooldridge, P. (2001), S. 48.

[6] British Bankers’ Association (o.J.a), o.S.

[7] Wheatley, M. (2012), S. 82, Rn. C.24 - C.26.

[8] Bristish Bankers’ Association (2008a), Rn 2.2. - 2.7.

[9] British Bankers’ Association (2008b), S.1.

[10] Wheatley, M. (2012), Rn. C.25.

[11] Thomson Reuters (2012), S.1.

[12] Geschäfte an einem Offshore-Finanzplatz werden größtenteils im Ausland abgewickelt. OffshoreZentren sind zudem weitgehend von Regulierungen und Aufsichten des Finanzsystems des Heimatlandes getrennt und haben ein sehr niedriges Steueraufkommen.

[13] Michie, R. (2005), S. 34 - 35.

[14] Mishkin, F. / Eakins, S. (2012), S.311.

[15] Armstrong, J. (2003), S.11

[16] Derleder, P. /Knops, K.-U. / Bamberger, H. (2009), Rn. 69.

[17] Lascelles, D. (2011), S.63-65.

[18] Ridley, K. / Huw, J (2012), o.S.

[19] Michie, R. (2005), S. 39ff.

[20] Ridley, K. / Huw, J. (2012), o.S.

[21] Obwohl der Libor der BBA, wie er damals entwickelt wurde offiziell BBA-Libor heißt, ist er im Alltag lediglich als Libor bekannt. Auch in dieser Arbeit wird er durchgehend als Libor bezeichnet.

[22] British Bankers’ Association (o. J. b), o.S.

[23] Carsella, M (2012), S.47.

[24] British Bankers’ Association (o.J.c), o.S.

[25] Snider, C. / Youle, T. (2010), S.2.

[26] Mollenkamp, C. (2008), S. UK.1.

[27] Booth, P. / Jeffers, M. (2012), S.3.

[28] Carsella, M. (2012), S.47.

[29] Gyntelberg, J. / Wooldridge, P. (2008), S. 63.

[30] British Bankers’ Association (o.J.c), o.S.

[31] ISDA (2012), o.S.

[32] IMF (2008), S.70.

[33] Abrantes-Metz et al. (2011), S.136.

[34] Bristish Bankers’ Association (o.J.c), o.S.

[35] Kiff, J. (2012), S.32.

[36] Bristish Bankers’ Association (o.J.c), o.S.

[37] Carsella, M. (2012), S.47.

[38] British Bankers’ Association (2008 b), S.1.

[39] Brousseau, V. /Chailloux, A. / Durré, A. (2009), S.32.

[40] British Bankers’ Association (o.J.d), o.S.

[41] British Bankers‘ Association (o.J.c), o.S.

[42] Brousseau, V. /Chailloux, A. / Durré, A. (2009), S.32.

[43] British Bankers’ Association (o.J.c), o.S.

[44] British Bankers’ Association (2012b), o.S.

[45] British Bankers’ Association (2008b), Rn. 9.1.

[46] British Bankers’ Association (o.J.c), o.S.

Details

Seiten
54
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656768463
ISBN (Buch)
9783656768562
Dateigröße
976 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v282077
Institution / Hochschule
Fachhochschule Trier - Hochschule für Wirtschaft, Technik und Gestaltung
Note
1,3
Schlagworte
bedeutung manipulation libor

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