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Die Widerlegung der Definition "Wahrnehmung ist Wissen" in Platons Theaitetos

(Zweiter Teil / 177c - 187a)

Seminararbeit 2013 25 Seiten

Philosophie - Philosophie der Antike

Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Einordnung der Textpassage in den Gesamtzusammenhang
a) Rahmenerzählung
b) Widerlegung des protagoreischen Relativismus
c) Widerlegung der ersten Definition: Wahrnehmung ist Wissen - Erster Teil

III. Widerlegung der ersten Definition: Wahrnehmung ist Wissen - Zweiter Teil
III.I Erstes Argument (177c - 179d)
a) Textinhalt 177c - 179d
b) Quelle und Übersetzung zu 177c und 178b
c) Argumentationsstruktur: Erstes Argument
III.II Zweites Argument (179d - 184b)
a) Textinhalt 179d - 184b
b) Quelle und Übersetzungen zu 179d und 181e
c) Argumentationsstruktur: Zweites Argument
III.III Drittes Argument: 184b - 187a
a) Textinhalt 184b - 187a
b) Quelle und Übersetzungen zu 184c, 186c und 186d
c) Argumentationsstruktur: Drittes Argument

IV. Zusammenfassende Texterläuterungen

Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Die Beschäftigung mit der Frage „Was ist Wissen?“ ist zentrales Thema und Leitfrage des Dialogs zwischen Sokrates, Theodoros und Theaitetos.

Jener zur Zeit der Antike von Platon dargestellte Diskurs der drei benannten Protagonisten ist in unserer akademischen Philosophie Basis einer Gegenwartsdiskussion, die sich immer wieder aufs Neue und vertiefend der benannten Frage widmet. Sie ist eine der grundlegenden Fragen der philosophischen Erkenntnistheorie.

Die elementare Bedeutung des Wissensbegriffs für den allgemeinen akademischen Zusammenhang lässt sich am Begriff von Wissenschaft bereits als fundamental erkennen. Der Begriff von Wissenschaft, der die elementare Tätigkeit des akademischen Strebens terminologisch beschreibt, demonstriert, dass in dem Verständnis über das, was Wissen ist, eine fundamentale Bedingung für die wissenschaftliche Tätigkeit bereits impliziert ist. Die Frage nach dem Verständnis von Wissen ist somit für die wissenschaftliche Tätigkeit in sich essenziell. Die etymologische Zusammensetzung des Begriffs Wissenschaft aus den Wortstämmen von „wissen“ und „schaffen“, lässt die Diskussion zu der Frage evident werden, wodurch „ἐπιςτήμη - Wissen, Erkenntnis - entsteht.

An diese Fragestellung knüpft das Thema der folgenden Auseinandersetzung in dem Diskurs zum relationalen Verständnis von Wissen und Wahrnehmung im zweiten Teil der refutatio, die durch die von Sokrates diskutierte Aussage „Wahrnehmung ist Wissen“ angestoßen wird, an.

In der folgenden Diskussion wird methodisch zunächst mit einer knapp gehaltenen Verortung der Passage im Gesamtkontext des Theaitetos begonnen.

Die philosophische Beschäftigung mit der benannten Aussage „Wahrnehmung ist Wissen“ soll dazu in der strukturanalytischen Untersuchung eine Darlegung der im Dialog vorfindlichen Argumentationsstrukturen und -inhalte erbringen.

Ein anschließender Vergleich der verschiedenen Übersetzungen ist daraufhin ausgerichtet, in der Untersuchung von exemplarischen Textstellen eine Antwort auf die Frage zu liefern, inwieweit unterschiedliche Übersetzungsparadigmen auszumachen sind, die die textinhärenten Argumentationsstrukturen verändern. Dies geschieht mittels der exegetischsprachanalytischen Methode, jedoch nicht durch ein ins kleinste Detail gehendes Verfahren, sondern durch eine exemplarische und grundsätzliche Betrachtung. Die exemplarischen Stellen sind so ausgesucht, dass sie aus der Sicht des Verfassers die markantesten Übersetzungsdifferenzen der betrachteten Passagen wiedergeben.

Zum Vergleich der Übersetzungen werden die deutschsprachigen Versionen von Friedrich Wilhelm Schleiermacher, Otto Appelt und die englischsprachige Übersetzung von John McDowell herangezogen.

Um die strukturanalytischen Ergebnisse zu bündeln, werden nach der übersetzungsanalytischen Betrachtung der Passagen die essenziellen Prämissen und Konklusionen der Argumentationsstrukturen veranschaulicht.

Darauffolgend wird im Schlussteil zur wissenschaftlich philosophischen Diskussion des Textes übergeleitet, die den Stand der Gegenwartsforschung zu der von Sokrates in den Raum gestellten Hypothese „Wahrnehmung ist Wissen“ vergegenwärtigen soll. Auf die philosophisch-wissenschaftliche Diskussion zur These, innerhalb des Theaitetos sei Platons Ideenlehre bereits implizit entwickelt, kann nicht näher eingegangen werden, da dies Stoff einer eigenen schwerpunkthaften Themenausarbeitung wäre und den Rahmen dieser Auseinandersetzung sprengen würde. In Anbetracht der Länge der Ausarbeitung scheint eine Eingrenzung auf die sprachliche und argumentative Analyse sinnvoll.

II. Einordnung der Textpassage in den Gesamtzusammenhang

a) Rahmenerzählung

Die Erörterung der Frage "Was ist Wissen?", die in den drei Definitionen "Wissen ist Wahrnehmung", "Wissen ist richtige Meinung", "Wissen ist begründet richtige Meinung" von den Dialogpartnern Sokrates, Theodoros und Theaitetos im Verlauf des Diskurses durchgeführt wird, bildet den „roten Faden“ des platonischen Dialogs im Theaitetos. Der Dialog der drei Protagonisten, der von Euklid aufgezeichnet und aus einer retrospektiven Sicht geschildert wird, wird aus einer erzählten Gegenwart her beschrieben, die den Prozess und das vollstreckte Todesurteil gegen Sokrates bereits als geschehen betrachtet. In der Diskussion um den Wissens- bzw. Erkenntnisbegriff geht es Sokrates - wie zu Beginn des Dialogs mit Theodoros herausgestellt wird - nicht um einen speziellen Wissensbegriff im engeren Sinn, sondern vielmehr darum, einen prinzipiellen Verstehenszugang und eine Verwunderung darüber (θαυμάζειν), was Wissen und Erkenntnis ist, herzustellen, und damit das Philosophieren zu initiieren.1

In der Frage-Antwort-Dialektik geht Sokrates nach seiner mäeutischen Methode der Hebammenkunst vor, deren Kunst darin signifikant wird, dasjenige, was andere an Gedanken mit sich herumtragen, hervorzuholen und darauf hin zu prüfen, ob es wirklich Wissen ist oder doch nur Scheinwissen.2 Diese mäeutische Methodik und die Strukturalität der Aporie durchziehen den Dialog der im Hintergrund stehenden Frage, "was Wissen ist", fortwährend.3

b) Widerlegung des protagoreischen Relativismus

Nach der Eingangspassage der kurzen Heranführung an die Auseinandersetzung mit dem Wissensbegriff, gegenüber dem sich Sokrates zunächst skeptisch äußert, schließt der erste Abschnitt der Diskussion zu der These „Wahrnehmung ist Wissen“ (151e) an. Sokrates, der Theaitetos zunächst für sein Wagnis des Definitionsversuches lobt, legt der These „Wahrnehmung ist Wissen“ die Lehre des Protagoras zugrunde. Protagoras definiert

Wahrnehmung dadurch, „wie ein jedes Ding mir erscheint, ein solches ist es mir auch, und wie es dir erscheint ein solches ist es wiederum dir“ (152a).4

In der Betrachtung des Zitats lassen sich sowohl subjektivistische als auch relativistische Elemente identifizieren, denen ein urteilendes Hauptinteresse an der Maßgabe des wahrnehmenden Subjekts zu Grunde liegt und die hauptsächlich von perspektivischen und damit auch von relativen Bedingungen bestimmt werden.

Den sogenannten Homomensurasatz nach Sokrates, der besagt, dass der Mensch das Maß aller Dinge sei, gilt es, im Hinblick auf die These "Wahrnehmung ist Wissen", zu falsifizieren.

c) Widerlegung der ersten Definition: Wahrnehmung ist Wissen - Erster Teil

Die Widerlegung der Ersten Definition des ersten Teils (160s-172c) beginnt mit der näheren Ausführung der Lehre des Protagoras, aus der Sokrates zitiert:

„Wie also sollte ich, da ich untrüglich bin und nie fehle, in meiner Vorstellung von dem, was ist oder wird, dasjenige nicht auch erkennen, was ich wahrnehme.“ (160d) In der Darstellung des Zusammenhangs von Wahrnehmung und Erkennen stellt Sokrates die rhetorische Frage an Theodoros, ob die Korrelation von Wahrnehmung und Wissen allein von der sensuellen Bedingung der Perzeption abzuleiten ist, über die z. B. auch Tiere verfügen.5 Der Homomensurasatz lässt bereits von seiner Begrifflichkeit her Anderes vermuten. Es bedarf einer vertiefenden Auseinandersetzung in der Verbindung der Thesen „der Mensch als das Maß aller Dinge“ und „Wahrnehmung ist Wissen“:

Zu Beginn des ersten Teils der refutatio wendet Sokrates sich dezidiert dem Wahrnehmungsbegriff zu und fragt, was erkannt wird, „wenn wir z. B. einen Ausländer sprechen hören, wissen wir dann schon, was er sagt? Und wie ist es mit jemandem, der Buchstaben sieht, aber nicht lesen kann? Weiß der, was da steht?“

In der Lehre des Protagoras müsste mit Blick auf die Gleichung „Wahrnehmung ist Wissen“ Erkenntnis unmittelbares Ergebnis der Performanz von Wahrnehmung (hier am Beispiel des Hörens und Sehens illustriert) sein. Sokrates folgert in seiner Anwendung der protagoreischen Lehre aus der benannten Gleichung auf Ebene der Zeit, dass „Wahrnehmung und Wissen“ im Kontext der Gleichheitsbedingung nur gleichzeitig verlaufen können.

Wissen in Vergangenheits- oder in Zukunftsform kann es deswegen nicht geben, da eine unmittelbare Performanz der Wahrnehmung nicht in Vergangenheits- oder Zukunftsform denkbar ist.

Im Hinblick auf Zukünftiges kann es aus protagoreischer Sicht bezüglich "der Unzähligkeiten des Werdens" auch deswegen keine falschen Aussagen geben, weil falsche Gegenwartssaussagen auf eine Zukunftsentwicklung in der Unzahl der Möglichkeiten von Zukunft relativ bleiben.

In letzter Konsequenz wäre mit Blick auf den basalen Lehrsatz "der Richtigkeit aller Meinungen" auch eine Gleichung „Wissen = Nichtwissen“ denkbar. Es gibt demzufolge keine objektiven bzw. absoluten Wahrheitswerte, die aus den ambivalenten Beurteilungen von "richtig" und "falsch" resultieren. Die Wahrheitsbedingungen stehen nur in den relativen Assoziationen von "richtig" zueinander, welches Sokrates in seinem zweiten Teil der refutatio vertiefend zu falsifizieren sucht.

III. Widerlegung der ersten Definition: Wahrnehmung ist Wissen - Zweiter Teil

Der zweite Teil der refutatio beschäftigt sich im Kern mit der benannten Definition "Wahrnehmung ist Wissen". Er lässt sich grob in drei thematische Argumentationslinien unterteilen:

Das erste Argument behandelt die auf Nutzenperspektiven hin bestimmte Interpretation des Begriffs Gerechtigkeit und den Aspekt von Fachwissen, also den qualitativen Unterschieden von Wissen. Es greift die Diskussion über die subjektivistische Tendenz der protagoreischen Lehre auf.

Das zweite Argument widmet sich in seinem Schwerpunkt der relativistischen Komponente des Homomensurasatzes, indem die heraklitische Flussontologie zur Lehre des Protagoras in Beziehung gesetzt wird.

Im dritten und letzten Argument zur Auseinandersetzung mit der These „Wahrnehmung ist Wissen“ erfolgt die fokussierte Beschäftigung mit der Verhältnismäßigkeit von Perzeption und dem Verständnis von Wissen. Die Falsifikation der These gelangt im dritten Argument zur finalen Ausführung.

[...]


1 Vgl., Pleger, Wolfgang: Platon, 144.

2 Vgl., ebd., 143.

3 Vgl., Seeck, Gustav Adolf: Platons Theitetos, 23.

4 Vgl., a.a.O., 144.

5 Vgl., a.a.O., 143.

Details

Seiten
25
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656834052
ISBN (Buch)
9783656834069
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v282061
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Philosophy
Note
1,3
Schlagworte
widerlegung definition wahrnehmung wissen platons theaitetos zweiter teil

Autor

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