Lade Inhalt...

Quelleninterpretation der Klageschrift von Raymond V. gegen die Katharer

Hausarbeit 2014 6 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

In der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts gewannen die Katharer in den Ländern von Toulouse immer mehr Anerkennung in der Bevölkerung. Die Anhänger der Katharer konnten in der Öffentlichkeit predigen, Ämtern nachgehen und sogar Katholiken heiraten.[1] Die Nachforschung kam zu einem bemerkenswerten Ergebnis, nachdem sie die Heirats- und Geschäftsgepflogenheiten des Toulouser Adels und die Organisation des Konsulates untersuchten, dass Katharismus innerhalb dieser Gesellschaft keine Problematik darstellte. Die Religion innerhalb der Familien galt nicht als Störfaktor, eher als Privatsphäre, um das Zusammenleben in der Gemeinschaft nicht zu gefährden.[2] In der Klageschrift von Raymond V. Graf von Toulouse, an das Generalkapitel der Zisterzienser oder besser gesagt in seinem Hilferuf von 1177 bedauert er, dass die Ketzer „Katharer“ einen erheblichen Zulauf bekommen haben, sogar die Familiengemeinschaft sei davon betroffen, sie sei in Zwietracht geraten. Auch die Priester seien machtlos geworden, die Kirchen seien infolgedessen verkommen und die Sakramente der Kirche würden nicht mehr praktiziert. Obendrein werde die Zwei-Prinzipien-Lehre von den Menschen angenommen. Der Graf selbst bedauert und empfindet dies als Sünde. Er schreibt, dass er alleine im Kampf gegen die Häresie stehe und praktisch machtlos sei. Obwohl er für die Zwei-schwerterlehre stehe und Gott fürchte, sei er nicht in der Lage ihr entgegen zu treten, da selbst die Adligen auf dem Weg der Katharer seien und er somit keine Hilfe von dem Adelsstand erwarten könne. Er gesteht in seinem Schreiben vor einer großen Aufgabe zu stehen, die mit Nichtstun die Zahl der Ungläubigen vergrößern würde, was er natürlich als gläubiger Mensch nicht wolle. Aus diesen Gründen fehle ihm der Mut und die Kraft diese Angelegenheit alleine zu regulieren.[3]

Inwieweit stimmen diese Behauptungen des Grafen Raymonds V.? Waren die Katharer so mächtig geworden? Machten sie die Familien wirklich kaputt? Waren die Kirchen wirklich leer bzw. verwahrlost? Waren die Adligen Sympathisanten/Mitglieder der Katharer? War er wirklich machtlos? Was bezweckt der Graf mit seinem Schreiben? Oder übertreibt der Graf in seiner Schilderung? Diese Quelleninterpretation wird versuchen, all diese Fragen zu beantworten.

Zuerst werfen wir einen Blick auf die Lage der Katharer in dieser Zeit. Sie war nicht gerade „kritisch“, denn der Höhepunkt gegen die Häresie lag schon im Jahr 1163 beim Konzil des Papst Alexanders III. vor. Damals war erstmals die Rede von den Albigensern, man wollte damals mit dem Entschluss „nur“ die soziale Isolierung der Ketzer erreichen, indem man die Aufnahme der Ketzer und der Handel mit ihnen unter Strafe stellte. Die erste gesetzliche Regelung gegen die Ketzerei kam erst 1179 im III. Laterankonzil zustande, also nach dieser Klageschrift. In dem Konzil wurden kirchliche und weltliche Strafen festgelegt, nicht nur gegen die Ketzer, sondern auch gegen ihre Unterstützer. Auch wurden zum ersten Mal die europäischen Adligen aufgefordert sich an dem Kampf gegen die Ketzerei zu beteiligen mit dem Versprechen, gleiche Ablassleistung wie beim Kreuzzug ins Heilige Land zu erhalten.[4] Aus der Quelle „Klageschrift“ erfährt man, dass die Sympathisanten der Ketzer bzw. Katharer scheinbar mehr geworden waren, sodass Graf Raymond V. diese Erscheinung als Seuche und damit als eine Bedrohung für das Christentum sah. Von dieser Bedrohung war auch die innere Familiestruktur betroffen. Diese Zustände bereiteten dem Graf große Schmerzen, denn scheinbar waren auch die Priester beeinflusst von der Lehre der Gottlosigkeit. Darüber hinaus verloren die Kirchen ihre Stellung in der Gemeinde. Dafür wurde die Zwei-Prinzipien-Lehre verbreitet. Vermutlich sieht der Graf einen Zusammenhang zwischen dieser Erscheinung „Seuche“ und die Katharer. Er gibt den Katharern die Schuld an diesen Umständen. Ein grauenhaftes Bild wird hier von dem Grafen gezeichnet. Man erfährt gegen Ende der Klageschrift, dass der Graf eine große Gefahr kommen sieht, wenn keine Gegenmaßnahmen getroffen werden. Der Graf sieht sich überfordert mit der Situation und kann alleine nichts bewirken, da sogar die Adligen mit den Katharern sympathisieren, wie viele andere Menschen im Land auch.

Die Hilflosigkeit des Graf Raymonds V. wird am Schluss deutlich, als er von seiner Einstellung zu Gott erzählt und seiner Machlosigkeit gegenüber dieser Erscheinung und er darauf hinweist, dass etwas unternommen werden müsse, weil er nicht in der Lage sei diese Ungläubigen zu bekehren bzw. ihre Zahl zu begrenzen. Ob diese Aussagen des Grafen Raymonds V. der Wahrheit entsprechen, kann man auf Anhieb nicht beantworten. Man muss die damaligen Begleitumstände genau betrachten, um ein Urteil auszusprechen, denn der Graf selbst berichtet nicht aus neutralem Blickwinkel, er schreibt als Anhänger der christlichen Religion. Seinen Äußerungen entnimmt man eine Verachtung der Katharer, er bezeichnet sie am Anfang als Ketzer und schließlich als Seuche. Zwischen den Zeilen erhält man den Eindruck, dass der Graf selbst die Gefahr schon erkennt, sich aber nicht alleine dafür verantwortlich fühlt „ […] daß mir zur Erfüllung einer so große Aufgabe die Kräfte fehlen […]. [5] Er fürchtet Gott ja, wie er sagte, aber wenn die anderen Adligen nicht mitspielen wollen, dann soll die Kirche als Institution Maßnahmen treffen und die Sache regeln. Graf Raymond V. hatte den Bürgern von Toulouse immer mehr Freiheiten gewährt, da er sonst um seinen Rückhalt in der Bevölkerung fürchten musste, zumal die Lage im Land alles andere als ruhig war. Die politischen Umstände waren nicht stabil, es gab kämpferische Auseinandersetzung mit der Familie Trencavel und angloaquitanischen Nachbarn. Dazu kam, dass die Kirche den Grafen von Toulouse verantwortlich machte für die Verbreitung des Katharismus in Okzitanien. Anlass war, dass der Graf bei der doppelten Papstwahl des Jahres 1159 auf den falschen Kandidat setzte und sich dadurch bei dem neuen Papst unbeliebt machte. Diese Umstände konnten natürlich die Häresie im Land begünstigen, das heißt, Graf Raymond V. war genötigt diesen Hilferuf an das Generalkapitel der Zisterzienser zu schicken wegen dieser Umstände bzw. Unruhe im Land. Auch der Bericht der Zisterzienser Gesandten über zwei Katharer, die sich wegen der Strafaktionen des Grafen von Toulouse beschwerten, obwohl ihnen aus Angst vor öffentlicher Aufregung eine sichere Flucht ermöglicht wurde, zeigt wie mächtig die Stellung der Katharer zur damaligen Zeit in der Bevölkerung war.[6] Wie schon am Anfang erwähnt wurde, hatten die Katharer anscheinend einen starken Zulauf. Dabei spielte Religionszugehörigkeit der einzelnen Personen in der Familiengemeinschaft keine Rolle, sie wurde nicht als Störfaktor empfunden. Deshalb kann man die Behauptungen des Graf Raymond V., dass die Katharer die Familien zerstören würden, in dieser Hinsicht entkräften[7]. Aber die Auffassung des Graf Raymonds V., dass die Adligen sich der Lehre Katharer zuwendeten, dürfte rechtens sein, denn die Adligen und ihre Getreuen gaben selbst zu, dem Katharismus anzugehören.[8] Eine andere Forschungsmeinung besagt: „ Weder der Adel noch städtische Gesellschaft setzen sich ernsthaft gegen die Ausbereitung der Häresie zur Wehr, sondern forderten sie nicht selten aus einer kritischen Haltung gegenüber der Kirche herausaus.“ [9] Die Katharer hatten somit Zeit, eigentlich viel Zeit, um ihre Mission zu verbreiten, Anhänger und Schutzherren zu beschaffen, aber auch Leute für Consolamentum zu bekommen.[10] Die katholische Kirche stand im 12. Jahrhundert unter der Leitung Papst Alexanders III. vor einer großen Herausforderung. Auf der einen Seite hatten die Katharer Erfolg, vor allem in Südfrankreich, auf der anderen Seite war die katholische Kirche hilflos in ihrem Vorgehen gegenüber den Katharern. Trotz dieser schwierigen Lage erlebte der Zisterzienserorden eine Hochphase zwischen den Jahren 1160 und 1200. Nicht nur die Katharer hatten Erfolg in dieser Zeit, sondern die Zisterzienser auch. Im ganzen südfranzösischen Raum galten sie als eine neue katholische Kraft. Natürlich war die Situation für den Orden nicht leicht.[11] Vielleicht war das ein Grund, dass Graf Raymund V. an den Orden schrieb, weil er von diesem Erfolg wusste und deswegen Hilfe in dieser Hinsicht bekommen konnte. Diese Tatsache wiederum widerspricht der Behauptung des Grafen, dass die Kirchen verwahrlost seien und die Menschen die Sakramente nicht annähmen. Eher das Gegenteil war der Fall: Die Kirche, vor allem der Zisterzienserorden, hatte zum selben Zeitpunkt, als die Katharer blühten, einen starken Zulauf. Die Gegebenheiten waren nicht einfach für Graf Raymund V., denn weder innenpolitisch noch außenpolitisch konnte er Erfolge verbuchen. Dazu kommt, dass die Kirche ihm die Schuld gab, für die Verbreitung des Katharismus verantwortlich zu sein. Der Graf stand ohne Hilfe, er konnte sie auch von niemandem verlangen auch nicht von den Adligen. Die Gründe dafür wurden schon geschildert. Was bezweckte der Graf mit diesem Schreiben? Vielleicht wollte er nicht selbst gegen seine eigene Bevölkerung vorgehen, um den Rückhalt nicht zu verlieren und dadurch innenpolitisch im Nachteil zu stehen. Deshalb war er auf die Hilfe von außerhalb angewiesen. Wahrscheinlich erwartete er nach der Zweischwertenlehre, dass die Kirche auch mit eingreife bei der Bekämpfung der Ketzerei. Denn nicht der Herrscher allein wurde von Gott beauftrag für rechte Ordnung zu sorgen, sondern auch die katholische Kirche! In einigen Punkten hatte der Graf recht, z. B, dass die Katharer viele Anhänger in Toulouse hatten, dass die Adligen sie unterstützen, dass sogar manche Ketzer ohne Strafe davon kamen. Aber die Familien waren dadurch nicht in Zwietracht geraten, die Kirchen waren nicht leer, sie hatten genau so einen starken Zuspruch wie die Katharer. Die Äußerungen des Grafen waren in dieser Hinsicht übertrieben, aber der Hilferuf war angesichts der Lage des Grafen berechtigt. Ob die Klageschrift eine Rolle bei dem dritten Laterankonzil 1179 spielte, ist eine andere Forschungsfrage. Bemerkenswert bleibt, dass Graf Raymund VI., Sohn des Grafen Raymund V., wegen der Unterstützung der Katharer von Papst Innozenz III. exkommuniziert wurde.[12]

[...]


[1] Vgl. Oberste, Jörg: Ketzerei und Inquisition im Mittelalter, Darmstadt2 2012, S. 52.

[2] Vgl. ebd., S. 54.

[3] Vgl. Antoine Dondaine, Les Actes du Concile Albigeois de Saint –Felix de Caraman. In: Studi e testi 125 (1946), Miscellanea Giovanni Mercati Vol. V, Storia ecclesiastica. Citta del Vaticano 1946, S. 354.

[4] Vgl Oberste, 2012, S. 67f.

[5] Vgl. Dondaine, 1946, S. 354.

[6] Vgl. Oberst, Jörg: Der „Kreuzzug“ gegen die Albigenser. Ketzerei und Machtpolitik im Mittelalter, Darmstadt 2003, S. 35f.

[7] Vgl. Oberste, 2012, S. 54.

[8] Vgl. Zeus, Marlis: Provence und Okzitanien im Mittelalter. E in historischer Streifzug; mit Stammtafeln der regierenden Königs- und Grafenhäuser, Berlin 1998, S. 259.

[9] Boshof, Egon: Europa im 12. Jahrhundert. Auf dem Weg in die Moderne, Stuttgart 2007, S. 169.

[10] Vgl. Lambert, Malcom: Geschichte der Khatarer. Aufstieg und Fall der großen Ketzerbewegung, Darmstadt 2001, S.74.

[11] Vgl. Oberste, Jörg : Prediger, Legaten und Märtyrer. Die Zisterzienser im Kampf gegen die Katharer, in: Butz, Ed. Reinhardt/Oberste, Jörg (Hg.): Studia monastica. Beiträge zum klösterlichen Leben im christlichen Abendland während des Mittelalters (Vita regularis, 22), Münster 2004, S. 82f.

[12] Oberste, Jörg: Exkommuniziert, entrechtet, verdammt. Zu den Testamenten Graf Raimunds VI. von Toulouse (1209/1218), in : Kasten, Brigitte (Hg.): Herrscher- und Fürstentestamente im westeuropäischen Mittelalter, Köln u.a. 2008, S. 440.

Details

Seiten
6
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656766315
ISBN (Buch)
9783656766308
Dateigröße
390 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v282007
Institution / Hochschule
Universität Regensburg – Institut für Geschichte
Note
1
Schlagworte
Inquisition Ketzer Toulouse Katharer Mittelalter

Autor

Zurück

Titel: Quelleninterpretation der Klageschrift von Raymond V. gegen die Katharer