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Seneca. Gedanken zum Tod

Die stoische Sichtweise des erfüllten Lebens und guten Sterbens

Seminararbeit 2008 9 Seiten

Philosophie - Epochenübergreifende Abhandlungen

Leseprobe

1. Die Position Senecas

An diese Arbeit voranstellen möchte ich einen bibliografischen Hinweis, sowie die Aufschlüsselung der Quellenabkürzungen, nämlich, dass ich mich bei den folgenden und später diskutierten Ausführungen zu Seneca hauptsächlich auf dessen Schriften „De Brevitate Vitae“ (folgend: Brevitate) und „De Tranquilitate Animi“ (folgend: Animi), sowie den 93. Brief an Lucilius (folgend: Epistulae XV) stütze.

Zusammenfassen lässt sich Senecas Position zum Tod nun wie folgt: Seneca (geboren etwa um 4 v. Chr. - 65 n. Chr.), übernimmt als Vertreter der jüngeren Stoa (50-150 n.Chr.) zumeist deren Dogmen und Vorstellungen über den Tod. Da die Welt als ein Produkt eines göttlichen, also eines vernunftgemäßen Prinzips (ȜȩȖȠȢ) betrachtet wird, so ist auch der physische Tod als ein unumgängliches Gesetz des (zyklischen) Weltgeschehens zu betrachten. Es haftet ihm dieselbe Logik an, wie allem anderen, das auf der Welt geschieht, da der Verfall eines Gegenstandes, hier speziell das Leben, schon bei seiner Entstehung, also bei seiner Geburt unwiderruflich festgelegt worden ist. Seneca verlagert also die Todesproblematik zum einen auf eine kosmischere Ebene, um diesem dadurch auch seine eigentliche Problematik zu nehmen. Der Tod wird zu den Nebensächlichkeiten (ĮįȚȐijȠȡĮ des Lebens gerechnet, ja er wird als das „ Unwichtigste [gesehen], worüber man am meisten beunruhigt ist. “ (Epistulae XV, S.11), woran sich schließlich die typisch stoische Frage anreiht: „ Was [es] aber zur Sache [tut], wie lange man meidet, was unvermeidbar ist? “ (ebd., S.11). Trotzdem sieht es Seneca als einen der gröbsten Fehler der Menschen an, dass diese stets dazu geneigt sind, die Unmittelbarkeit des Todes zu verdrängen und sich in sinnloser Geschäftigkeit verlieren. Er stellt sich radikal gegen die allgemeine Furcht vor dem Tod und versucht stattdessen darzulegen, dass dieser kein Unglück oder Missstand darstellt, sondern viel mehr als natürliche Notwendigkeit akzeptiert und bewusst gehalten werden muss. Er weiß also sehr wohl, dass der Tod, trotz seiner eigentlichen Nichtigkeit eine Rolle im Leben des Menschen spielt.

Dem Rate Senecas, „gut“ zu sterben, also das Leben als Lernphase für den Tod zu betrachten, steht selbst in einer alten Tradition und lässt sich so auch schon in Platons Dialog des Phaidon finden. Er entspricht einer notwendig gewordenen Ethik im Sinne eines guten Lebens des Einzelnen, da der Tod als einzig individuelle Erfahrung betrachtet, das Leben nicht als Kontrast zum Tod, sondern eng verquickt mit diesem betrachtet. Infolge dessen, kann auch nur jener „gut“ sterben, der es ebenso versteht „gut“ zu leben. Was genau darunter zu verstehen ist, soll im Hauptteil dieser Arbeit diskutiert werden. Festhalten lässt sich aber bereits, dass es die gegebene Lebenszeit ist, die ausschlaggebend für das „gute“ Sterben wird, ganz gleich, wie lange diese Zeit sein mag, solange man sie sinnvoll, d.h., gemäß der römischen virtus genutzt hat und sein Leben nicht wie die Masse der Menschen an sich vorbeiziehen lässt.

Das eher epikureische Motto des „ Carpe diem “ scheint daher bei Seneca ebenso durch wie das diesem zugehörige Motiv des „ Memento mori “, während wiederrum die stoischakzentuierte Pflichterfüllung gegenüber dem Staat und seines Nächsten im Gegensatz zu den epikureischen Lehren nicht aus dem Blickwinkel gerät. Ruft Seneca vermehrt in seinen späteren Schriften gar zu einem Leben im Verborgenen (ȁȐșİ ȕȚȫıĮȢ, vgl. Brevitate, S.68ff) auf, so ist das aus den politischen Umständen seiner Zeit zu erklären, da Nero bereits eine Atmosphäre von Furcht, Verleumdung und Terror in Rom ausbreitete.

Neben der Begründung und moralischen Rechtfertigung des Suizides, führt Seneca auch Argumente für die Überwindung der Mortalität des Stofflichen an. Diese sei allein dem Weisen vorbehalten, der seine freie Zeit (otium) so zu nutzen weiß, dass er die Zeit im Allgemeinen zu überwinden vermag, indem er in Kontakt mit allen anderen Weisen tritt, seien diese bereits verstorben oder selbst noch nicht geboren. Ein Leben in philosophischer Kontemplation ist für den späten Seneca, von dem hier die Rede sein soll, folglich nicht nur das höchste Gut im Leben (wie etwa bei Aristoteles in der Nikomachischen Ethik dargestellt), sondern zusätzlich auch Ausgangspunkt für die Unsterblichkeit. Dementsprechend stehen der Großteil seiner Schriften, neben den Trostschriften, in der Tradition der Werbeschriften für die Philosophie, die bei Seneca selbst Dreh- und Angelpunkt, sowohl des guten Lebens, wie auch des guten Sterbens ist.

Rein mittels der Vernunft versucht er seine Dialogpartner von der Nichtigkeit des Todes zu überzeugen, was aus stoischer Sicht als einzig mögliches Kriterium dienen muss, da die starken Emotionen, die gewöhnlich an die Vorstellung des Todes gekoppelt sind als unvernünftige Erhebungen der Seele betrachtet und gleichzeitig verworfen werden. Seneca selbst unterstreicht mit seinem Tod seine Gedanken über den selbigen. Der Teilnahme an der Pisonischen Verschwörung beschuldigt, lässt Nero seinem ehemaligen Erzieher im Jahre 65 n.Chr. den Todesbefehl zustellen, welchem Seneca auch ohne Zögern, aber mit Beruf auf seine philosophischen Grundansichten nachgegeben haben soll.

2. Die stoische Sichtweise

Die Todesproblematik wird bei Seneca also auf drei Wegen zu entschärfen versucht. Zum einen lässt sich mittels der stoischen Weltanschauung der Tod als nebensächlich abtun, womit man die gesamte Problematik als nicht real entlarvt. Hierbei wird der Argumentation gefolgt, dass solange man am Leben ist, nicht tot ist und wenn man schließlich tot ist, sich nicht mehr um das Leben zu kümmern braucht. Wieso sollte man also im Umkehrschluss, zu Lebzeiten über den Tod nachdenken? Zurückzukehren in die Virtualität aus der wir kamen, wird als in keinem Falle schmerzlich betrachtet, da es ein Bestandteil des ewigen zyklischen Weltprozesses ist.

Die Furcht vor dem Tod, sowie eine ungemäße, nämlich unnatürliche Trauer um Verstorbene werden dabei als solcherart Affekte betrachtet, welche es nach stoischer Lehre zu bekämpfen gilt, um das Ideal der Seelenruhe (ܻ IJĮȡĮȟȓĮ) und der inneren Autarkie (Į ރ IJȐȡțİȚĮ zu erreichen, welche selbst eine Unerschütterlichkeit im Angesicht des Todes bewirken soll. Dazu Seneca: „ Wer den Tod fürchtet, wird nie wie ein lebenstüchtiger Mensch handeln. Wer aber weiß , daß dies sogleich bei seiner Zeugung verabredet worden ist, der wird nach dem Grundsatz leben und zugleich mit der nämlichen Seelenstärke auch dies fertigbringen, daß für ihn von dem, was ihm zustöß t, nichtsüberraschend sei. “ (Animi, S.53).

Der Tod stellt nun als solcher überhaupt kein Problem dar, sein „Wert“ wird dadurch einfach annulliert. Dieses Argument immunisiert sich also selbst und lässt sich dadurch weder im Wesentlichen be-, noch entkräften. Es wirkt geradezu dogmatisch im Vergleich zu anderen Vorstellungen über den Tod und kann im eigentlichen Sinne nur entweder angenommen oder abgelehnt werden. Lebenspraktisch dient es nur jenem, der das stoische Ideal für sich vertritt. In den Worten Senecas drückt sich dieses Ideal folgendermaßen aus: „ Was kommt es schon darauf an, wie schnell man den Ort verl äß t, den man doch ohnehin verlassen muß . Nicht, lange zu leben, soll unsere Sorge sein, sondern hinreichend; denn ein langes Leben ist vom Schicksal abhängig, ein hinreichendes von der Geisteshaltung. Lang ist ein Leben, wenn es erfüllt ist; erfüllt aber wird es, wenn der Geist seine guten Anlagen ausgeschö pft und sich die Gewaltüber sich selbstübertragen hat. “ (Epistulae XV, S.5).

Folgt man also diesem Argument bis zu seiner letzten Konsequenz, so ist der Tod eine reine Trivialität, über welche man im Grunde überhaupt nicht nachzudenken braucht. Andererseits soll aber über diesen Gegenstand keinesfalls eine Gleichgültigkeit herrschen, sondern viel mehr die präsente Gewissheit über den eigenen Tod die eigene Seelenruhe bedingen.

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Details

Seiten
9
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656759225
ISBN (Buch)
9783656759232
Dateigröße
783 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v281997
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg – Lehrstuhl für Philosophie I
Note
1,0
Schlagworte
Seneca Tod Todesethik Antike Stoa Jüngere Stoa Sterben Ethik

Autor

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Titel: Seneca. Gedanken zum Tod