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Ansatz zur Verknüpfung von Ethnologie und Informatik

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 19 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Interdisziplinarität - ein pauschales Schlagwort und/oder ein vielverspre- chender Ansatz?

2 Fachgeschichte: Vergleichbare Herangehensweisen innerhalb der Ethno- logie
2.1 EPOR und die Relativierung der Naturwissenschaften
2.2 SCOT und die Ausweitung der sozialkonstruktivistischen Perspektive auf Technik
2.3 Social Construction of Facts and Artefacts als Zusammenführung die- ser Theorien

3 Ethnocomputing: Ein erstes Erschließen der Informatik als neues The- menfeld
3.1 Entstehung und theoretischer Rahmen
3.2 Zielsetzung und Anwendungsmöglichkeiten

4 Zusammenfassung und weiterf ührende Überlegungen zu dem Nutzen der Informatik f ür die Ethnologie

5 Literaturverzeichnis

1 Interdisziplinarität - ein pauschales Schlagwort und/oder ein vielversprechender Ansatz?

Interdisziplinarität wagen, Interdisziplinarität hat Zukunft, Interdisziplinarität als Zauberformel. Beschäftigt man sich nur oberflächlich mit diesem Begriff, so scheint es, als sei er mittlerweile zu einer Grundanforderung nicht nur im akademischen Bereich geworden, der neue Erkenntnisse verheißt.

”InterdisziplinäreForschungsschwerpunkte”-mitdiesemLeitbildumschreibtet- wa die TU München als eine der führenden Universitäten Deutschlands, wie sie Ver- antwortung für die nachfolgenden Generationen übernehmen will (www.tum.de/die- tum/die-universitaet/leitbild/). Das Klinikum der LMU München dagegen propagiert die eigene Lehre als ”exzellentundinterdisziplinär”(www.klinikum.uni-muenchen.de /de/ohne-menue/leitbild.html), während das Max Weber Programm als eines der Be- standteile des Elitenetzwerkes Bayerns auf den ”interdisziplinärenAustausch”zwi- schen den Stipendiaten ausgerichtet ist (www.elitenetzwerk.bayern.de/maxweberpro- gramm/ueberblick/).

Was verbirgt sich jedoch hinter diesem Begriff, der in so vielen Bereichen pau- schal Verwendung zu finden scheint? Beruft man sich auf Wikipedia, ist darunter ein Vorgehen zu verstehen, welches Methoden unterschiedlicher Fachrichtungen zur Lösung eines Problems nutzt. Hier können auch die Ansätze wahlweise Denkwei- sen der jeweiligen Fachrichtung einfließen, die durch ihre jeweiligen Besonderheiten positiv zum Prozess beitragen.

In der Realität wird diese viel geforderte Verknüpfung bisher nur in manchen Be- reichen umgesetzt, wie etwa bei der Entwicklung von Neuro-Implantaten durch eine Kooperation von Informatik und Molekularbiologie. Wie aufschlussreich auch unor- thodox scheinende Kombinationen tatsächlich sein können, wird jedoch nur zögerlich anerkannt. Besonders absurd wirken hier primär die Verbindungen aus sehr geistes- wissenschaftlich orientierten Wissenschaften mit den als gänzlich gegensätzlich auf- gefassten Naturwissenschaften.

In der vorliegenden Arbeit soll dieser erste Anschein von Absurdität ein wenig relativiert werden, da hier eine Verknüpfung aus zwei so unterschiedlich wie nur möglichen Fächern dargestellt werden soll: nämlich der Ethnologie und der Infor matik.

Da dieses Vorgehen einer Verbindung von Geistes- und Naturwissenschaften an sich jedoch keinesfalls neu ist, soll im ersten Kapitel ein kurzer Überblick über ver- gleichbare Versuche aus der Fachgeschichte der Ethnologie erfolgen. Der auf dem ersten Teil basierende zweite Abschnitt schließlich ist der Einführung in das relativ neue Feld des Ethnocomputing gewidmet, welches durch die Verknüpfung der hier betrachteten Fachbereiche versucht, eine sozialkonstruktivistische Perspektive auf die Informatik einzuführen, um somit aus den jeweiligen fachlichen Besonderheiten Er- kenntnisse zu schöpfen.

2 Fachgeschichte: Vergleichbare Herangehensweisen in- nerhalb der Ethnologie

Wie auch in den heutigen gesellschaftlichen Diskursen immer wieder betont wird, un- terscheiden sich die Naturwissenschaften substantiell von den Geisteswissenschaften in Bezug auf Ansätze, Denkweise und Methoden. Dennoch wurden gerade von Sei- ten der Ethnologie in den vergangenen Jahren verschiedenste Versuche unternommen, um eine geisteswissenschafliche Perspektive auf die jeweils anderen Wissenschaften einzuführen.

Als eine recht revolutionäre sei zunächst “the Empirical Programme of Relati- vism“ eingeführt. Da sich dieses aus der Soziologie des Wissens und der Wissenschaft entwickelte, deren Ansätze sich wiederum auch in vielen anderen Bereichen wieder- finden, soll im ersten Abschnitt zudem eine zweckdienliche Übersicht dieser beiden Strömungen erfolgen.

2.1 EPOR und die Relativierung der Naturwissenschaften

Primär ging die Herangehensweise von EPOR mit einer Relativierung der als objek- tiv nachweisbar empfundenen Naturwissenschaften einher, was sich aus den weitrei- chenden Veränderungen nach sich ziehenden Annahmen der Soziologie des Wissens ergab.

Sie, die Soziologie des Wissens, führt sowohl zentrale Gedankengänge griechi- scher Philosophen wie Plato fort, als auch die der französischen Revolution, welche die Ursache von Ungleichheit im sozialen Bereich und damit als veränderlich ansah (Meja, Volker und Nico Stehr 1993: 637). Mit anderen Worten ging man davon aus, dass verschiedenste Probleme auf soziale Kategorien zurückgeführt werden können.

Spätere bedeutende Philosophen schlossen die Naturwissenschaften von dieser Annahme der Verbundenheit mit dem Sozialen explizit aus, da beispielsweise die Wiederholbarkeit von Experimenten deren objektive Allgemeingültigkeit nahe legt. Ideen könnten demgemäß zwar von äußeren Faktoren beeinflusst werden, jedoch fußt deren Inhalt nicht im Sozialen.

Die dem entgegengesetzte These vertritt nun die Soziologie des Wissens, indem sie gerade diese vormals verneinte Verbindung ausdrücklich betont. Unter Verbindung in diesem Kontext wird die Überlagerung aus den sozial realen Begebenheiten, der gedanklichen Ebene wie auch der des Wissens verstanden, was demgemäß bedeutet, dass Wechselwirkungen zwischen diesen keineswegs als getrennt zu verstehenden Kategorien existieren (nach Meja, Volker und Nico Stehr).

Bedeutende Vertreter dieser Fachrichtung sind Max Scheler und Karl Mannheim, welche ihre Ansichten zu einer Zeit großer sozialer Umbrüche und Krisen im Deutsch- land der 1920er Jahre formulierten. Ihre Erfahrungen mögen dazu beigetragen haben, reale Begebenheiten auf soziale Prozesse zurückzuführen. Deren Thesen zufolge be- einflussen soziale Prozesse im Umkehrschluss auch das Verständnis und den Erwerb von Wissen an sich. Im Vergleich zu den Arbeiten von Marx sehen sie intellektu- elle und spirituelle Strukturen als unausweichlich unterschiedlich an, da sie sich in unterschiedlichen sozialen und historischen Kontexten formieren und demgemäß un- terschiedlich geprägt werden.

Kritik wurde jedoch an Scheler insofern geübt, da seine Vorstellungen von ahistorischen, also von geschichtlichen Begebenheiten unveränderlichen, Realfaktoren eine Erklärung zum sozialen Wandel nicht zulassen. An Mannheim möge man aus der heutigen Sichtweise dagegen kritisieren, dass er eine soziologische Untersuchung von Naturwissenschaften für nicht durchführbar befand.

Dies sollte sich jedoch innerhalb der Fachgeschichte der Soziologie der Wissen- schaft ändern, die nach und nach eine Umorientierung auf eben diesen analytischen Bereich, nämlich sowohl den des Alltags als auch den der Naturwissenschaften, er- fuhr. Als prominente Vertreter dieser Strömung seien Thomas Luckman und Peter Berger genannt (für eine detailliertere Darstellung ihrer These siehe “The Social Con- truction of Reality”, 1966 von Thomas Luckmann). Deren als revolutionär anzusehen- der Beitrag bestand darin, die soziologische Wertschätzung von Wissen nicht länger auf bestimmte Bereiche zu beschränken, sondern vielmehr sämtliche Unterarten des Wissens, seien sie akademischer oder alltäglicher Natur, in Untersuchungen zu inkor- porieren. Dieser Umstand soll im folgenden Kapitel noch genauer illustriert werden.

Genau dieser Übergang zu einer Fokussierung auf naturwissenschaftliches Wissen und dessen Gleichbehandlung mit sämtlichen anderen Wissensformen durch ähnlich geartete soziologische Methoden trug zur Entwicklung der “Sociology of Science” bei (Mulkay 1993: 639), welche der eigentliche Ausgangspunkt von EPOR ist.

Ursprünglich wurden sämtliche Naturwissenschaften als eine Sonderform der Wis- senschaft angesehen, deren Erkenntnisse die reale Welt nicht nur widerspiegeln, son- dern auch empirisch nachweisbar sind, was eine anthropologisch-interpretative Un- tersuchung ad absurdum führt. Erst die Arbeiten von beispielsweise Thomas Kuhn erlaubten anderweitige Ansichten und ließen erstmals Diskussionsspielraum hinsicht- lich der scheinbaren Objektivität naturwissenschaftlicher Erkenntnisse zu. Vielmehr begann die Untersuchung der Entstehung von Ideen und von wissenschaftlichem Kon- sens vor den sozialen Hintergründen an Bedeutung zuzunehmen.

Diese Fragestellungen stellen nun den nur schwer abzugrenzenden Forschungsbe- reich des Empirical Programme of Relativism (EPOR) dar. Programmatisch ist dabei die Namenswahl als eine Verknüpfung von Empirie und Relativismus - es geht also salopp gesagt darum, eine relativierende Sichtweise auf die Entstehung von naturwis- senschaftlichem, und damit als empirisch angesehenem, Wissen einzunehmen.

Wie Collins erläutert, soll dabei ein dreistufiger Prozess angestrebt werden (Col- lins 1981: 4ff). In der ersten Stufe arbeitet man heraus, welche unterschiedlichen In- terpretationsansätze für ein und dasselbe naturwissenschaftliche Ergebnis gefunden werden können. Dies wird als ”InterpretativeFlexibilität”bezeichnet(Pinch,Trever und Bijker 1984: 61). Basierend auf traditionellen Ansichten zu naturwissenschaftli- chen Ergebnissen wird davon ausgegangen , dass diese auf empirischen Daten beru- henden Experimente lediglich eine Auslegung zulassen und demzufolge von sozial- konstruktivistischer Seite nur schwer anfechtbar sind. Im Unterschied dazu geht es bei der EPOR Herangehensweise also nun darum, genau diese Tatsache, nämlich die einer eindeutigen Interpretation, zu hinterfragen. Diese Unstimmigkeiten in den gewonnenen Erkenntnissen können ihren Ursprung auch in lokal unterschiedlichen Deutungen haben und allgemein zu Kontroversen führen, was den Unantastbarkeitsstatus der Naturwissenschaft relativiert und Erklärungen aus sozialkonstruktivistischer Sicht wiederum anwendbar macht (Collins 1981: 4).

Sobald jedoch eine Einigung innerhalb der Scientific Community erzielt wird, verlieren alternative Interpretationsarten an Bedeutung, da die als letztlich gültig er- achtete Annahme alleinigen Wahrheitsanspruch erhebt. Genau diese Mechanismen, die schließlich zu einer Einschränkung des Auslegungsspielraumes führen, werden der zweiten Stufe zugeordnet. Diese Prozesse, manchmal als “closure mechanisms” bezeichnet, führen letztlich zum Erliegen (“closure”) von wissenschaftlichen Kontro- versen, die auf Interpretative Flexibility, ausgehend von den gleichen Daten, beruhen (Pinch, Trever und Bijker 1984: 409).

Die bisher nur theoretisch existente dritte Stufe umfasst auch gleichzeitig den größten Bereich durchzuführender Forschung. Idealerweise sollten die gewonnenen Erkenntnisse, wie die closure mechanisms, nicht isoliert betrachtet werden, sondern gemäß des allgemeinen Leitbildes der Ethnologie in einen größeren Kontext eingebettet werden. Dazu gehört beispielsweise die politische und soziale Situation, welche Wechselwirkungen auf die herrschende Ansichten und damit auf die Entstehung von wissenschaftlichen Erkenntnissen haben mag (Collins 1981: 7).

Gerade im Bereich der Naturwissenschaften sei an dieser Stelle noch kurz der von Collins eingeführte Begriff des “Core Set” erläutert. Dieses bezieht sich auf diejenigen Wissenschaftler, welche am engsten mit dem zu untersuchenden Forschungsthema zu tun haben und demgemäß über die meisten Kenntnisse verfügen.

In Bezug auf die hier zu untersuchende Verknüpfung von Ethnologie und Informa- tik lässt sich aus der Betrachtung dieser Fachrichtung bereits an dieser Stelle folgen- des ableiten: bei der Untersuchung von als objektiv und allgemeingültig empfundenen Paradigmen muss stets berücksichtigt werden, dass diese vor einem sozialen Hinter- grund entstanden sind und lediglich eine mögliche, fälschlicherweise als universal gültige und eindeutige Wahrheit angenommene, Interpretation darstellen.

[...]

Details

Seiten
19
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656787389
ISBN (Buch)
9783656856498
Dateigröße
593 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v281946
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für Ethnologie
Note
1,0
Schlagworte
ansatz verknüpfung ethnologie informatik

Autor

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Titel: Ansatz zur Verknüpfung von Ethnologie und Informatik