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Das Bogengleichnis in Wolfram von Eschenbachs Parzival

Hausarbeit 2004 15 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Einordnung des „Bogengleichnisses“ in das Gesamtwerk des Parzival

3. Interpretationsansätze der neueren Forschung
3.1. Die Unmöglichkeit des slehten Erzählens ohne krümbe
3.2. Die naturgemäße slehte der Erzählung.
3.3. Das Bogengleichnis als Zäsur
3.4. Die biuge als Voraussetzung der slehte

4. Fazit

LITERATURVERZEICHNIS

1. Einleitung

Wolfram von Eschenbachs Parzival stellt innerhalb der mittelalterlichen Epen eines der herausragensten literarischen Werke dar. Voller mehrdeutiger Sinngehalte erschließt sich die Erzählung, auch auf Grund des anspruchsvollen sprachlichen Stils des Autors, nicht auf den ersten Blick. Innerhalb dieses Kunstwerks fallen immer wieder Passagen auf, wie der Prolog, die die Germanisten seit jeher zu verschiedensten Interpretationen anregen. Die meistdiskutierte Textstelle findet sich jedoch im Bogengleichnis wieder, zu dem unzählige Interpretationen erschienen sind. Die vorliegende Hausarbeit soll einen Überblick über die wichtigsten Interpretationsansätze geben und die verschiedenen Deutungen vergleichen. Dabei ist es mir ein besonderes Anliegen die Argumentationsstruktur innerhalb der ausgewählten Aufsätze nachzuvollziehen und die Ausführungen auf Schlüssigkeit zu überprüfen. Dabei soll immer wieder das Augenmerk auf dem mittelhochdeutschen Text liegen, wobei mir als Grundlage die Übersetzung nach Karl Lachmann diente. Die wichtigste Aufgabe bestand zunächst in der Auswahl der wichtigsten Interpretationsansätze. Ich habe mich dabei von zwei Kriterien leiten lassen. Als erstes war es mir wichtig diejenigen Interpretationen herauszustellen, die am „extremsten“ divergieren, zum Anderen spielte natürlich auch die Verfügbarkeit der Texte eine, wenn auch geringe Rolle, da zumindest in Berlin der größte Teil der Aufsätze verfügbar war.

2. Einordnung des Bogengleichnisses in das Gesamtwerk des Parzival

Zunächst ausgehend von der rein numerischen Einteilung befindet sich das „Bogengleichnis“ in Wolframs Parzival im fünften Buch im 241. Dreißiger und steht somit am Ende des ersten Drittels des Gesamtwerkes.

Inhaltlich gesehen befindet sich das „Bogengleichnis“ als Einschub inmitten der 1. Parzivalhandlung. Nach vielen gefahrenreichen Kämpfen und Abenteuern gelangt Parzival endlich zur Gralsburg nach Munsalvaesche, wo er äußerst freundlich empfangen wird. Nach der ersten Begegnung mit dem Gralskönig und dem Gral selbst sowie einem außergewöhnlichen Festmahl auf der Gralsburg tragen die Jungfrauen den Gral wieder aus dem Saal heraus, wobei Parzival durch die nur kurz geöffnete Tür im Nebengemach auf einem Bett einen weißhaarigen Greis erblickt. Hier eröffnen sich dem Leser, der das Geschehen in diesem Moment aus der Perspektive der Zuhörerschaft Wolframs oder gar Parzivals selbst betrachtet1 die Frage nach näheren Informationen zu diesem alten Mann. Doch an dieser Stelle schaltet sich Wolfram selbst in den weiteren Handlungsverlauf ein. Er mahnt an, dass diese Frage erst zu einem späteren Zeitpunkt beantwortet werden kann. (Pz.241, 1-7)

241 Wer der selbe waere

des freischet her nâch maere.

dar zuo der wirt, sîn burc, sîn lant,

diu verdent iu von mir genant,

5 her nâch sô des wirdet zît,

bescheidenlîchen âne strît

unde ân allez vür zogen

Im Leser entsteht nun erst recht eine Neugier. Wolfram weiß dies nicht nur, sondern beabsichtigte diese Wirkung sogar. In diesem Zusammenhang rechtfertigt sich Wolfram anschließend für diese, für ihn so typische, Erzählweise. Anhand eines bîspels , welches in der Forschung als Bogengleichnis bezeichnet wird, veranschaulicht er seine Art des Erzählens. Dieses von ihm gewählte Gleichnis ist nur eines von vielen bîspeln die Wolfram im Verlauf seiner Erzählung einfügt. Neben dem „hakenschlagenden Erzählen“, einem Hasen gleich, wie Wolfram es im ersten Buch darstellt (Pz.1,18-20), vergleicht er auch das Symbol des Zweifels und der Unentschlossenheit mit den zwei Farben einer Elster. (Pz.1,1-15) Mit Hilfe dieser zahlreichen Vergleiche findet nicht nur eine Rechtfertigung für die ihm eigene Erzähltechnik statt, sondern er versucht sich durch sie von anderen, durchaus auch konkurrierenden, Autoren seiner Zeit, wie etwa Gottfried von Strassburg abzugrenzen.

3. Interpretationsansätze der neueren Forschung

Im Folgenden möchte ich nun die wichtigsten Interpretationsansätze der neueren Forschung darlegen. Einige Ansätze unterscheiden sich nur in geringfügigen Übersetzungsvarianten, die allerdings gravierende Auswirkungen auf die Deutung des Gesagten haben.

Im wesentlichen geht es im „Bogengleichnis“ um die Beziehung zwischen dem eigentlichen Bogen und der Sehne, die jeweils unterschiedliche Erzähltechniken symbolisieren. Der Bogen steht für krummes (krümbe) umständliches Erzählen und die Sehne entspricht dem geraden (slehten) Erzählen. Die Begriffe sleht und krump stehen in nahezu allen Deutungen im Mittelpunkt der Betrachtung.

Wolfram sagt nun, dass die gerade Erzählweise den Leuten mehr gefallen wird, da das krumme Erzählen den Zuhörer auf Umwege führt. (Pz.241,13-16)

diu senewe gelîchet maeren sleht:

diu dunkent ouch die liute reht

15 swer iu saget von der krümbe,

der wil iuch leiten ümbe

Nun möchte ich einige Forschungsansätze zum „Bogengleichnis“ vorstellen.

3.1. Die Unmöglichkeit des slehten Erzählens ohne krümbe

Der wichtigste Vertreter dieses Interpretationsansatzes ist Thomas Rausch, der in seinem Aufsatz „Die Destruktion der Fiktion“2 versucht einen Funktionszusammenhang zwischen der bildhaften Sehne und dem Bogenstab herzustellen.

In seiner Interpretation merkt Rausch zunächst an, das Wolfram eine Trennung zwischen lebensweltlicher Erfahrung und der Sprache vornimmt, indem er die Sehne des Bogens separat vom Bogenstab betrachtet, obwohl zwischen beiden in der Realität ein untrennbarer Zusammenhang besteht. Diese Trennung in zwei Betrachtungsebenen spielt in der Interpretation von Thomas Rausch eine zentrale Rolle und zieht sich wie ein roter Faden durch seine Ausführungen Dabei bezieht sich seine Beobachtung besonders auf die Passagen: (Pz.241,8-9)

ich sage die senewen âne bogen.

diu senewe ist ein bîspel

[...]


1 Kern, Peter, Zur Reflexion über die Erzählweise im ,Parzival’ (2002), S.46

2 Rauch, Th., Die Destruktion der Fiktion (2000), S.66f

Details

Seiten
15
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638300476
Dateigröße
947 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v28194
Institution / Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg – Germanistik
Note
2
Schlagworte
Bogengleichnis Wolfram Eschenbachs Parzival Wolfram Eschenbach Parzival

Autor

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Titel: Das Bogengleichnis in Wolfram von Eschenbachs Parzival