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Suizid und die Logotherapie Viktor E. Frankls

Seminararbeit 2004 18 Seiten

Theologie - Systematische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Ein Blick in die Philosophiegeschichte
Die Philosophen in der Antike
Theologische Argumentationen des Mittelalters
Die neuzeitliche Diskussion

Der Mensch Viktor Frankl
Kindheit und Jugend
Verschiedene Einflüsse
Experimentum crucis

Ein Zwerg auf den Schultern eines Riesen – von der Psychoanalyse zur Logotherapie
Sigmund Freud und die Psychoanalyse
Alfred Adler und die Individualpsychologie
Kritik an Freud und Adler

Die Logotherapie oder der Wille zum Sinn
Streben nach Sinn
Der Mensch in Verantwortung gegenüber seinen Entscheidungen
Wachsen am Leid
Logotherapie und Suizid
Kritik an Frankl

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die Seminararbeit hat folgende Zielsetzungen: Der erste Teil soll einen Einblick in die Geschichte der Philosophie bieten und die Frage klären, wie Philosophen verschiedener Denkrichtungen und Epochen der Thematik „Suizid“ begegnet sind.

Die folgenden Kapitel wenden sich dann Viktor Frankl und dessen Logotherapie zu. Der eigentliche Teil, nämlich die Auseinandersetzung mit der Frage, wie die Logotherapie der Selbsttötung therapeutisch entgegenwirkt, ist relativ kurz. Es schien mir wichtig, den Bogen etwas weiter zu spannen und zunächst in einem Kapitel die Kindheit, Jugend und frühe Erwachsenenphase Viktor Frankls zu schildern, und das folgende Kapitel der Beschreibung zu widmen, aus welchen psychologischen Schulen die Logotherapie schließlich entstanden ist. Meiner Meinung nach kann man erst mit diesem Hintergrundwissen die Logotherapie richtig einschätzen.

Somit wäre der Titel „Suizid“ für diese Arbeit zu kurz gegriffen, denn de facto geht es in weiten Teilen dieser Arbeit nicht um Suizid. Es war nicht einmal meine Motivation, über Suizid zu schreiben; vielmehr inspirierten mich Viktor Frankl und die Logotherapie. Da es in der Logotherapie aber um die Frage nach dem Sinn geht, und Selbstmorde meist aus einem Gefühl der Sinnlosigkeit heraus begangen werden, habe ich versucht, beides, Logotherapie und Suizid, zusammen zu führen.

Die Lektüre der Schriften Frankls oder seiner Schüler hat mir immer wieder gezeigt, dass die Verbindung der Themen „Logotherapie“ und „Suizid“ sinnvoll ist. Nicht nur, weil Frankl sein Werk (unter anderem) aus seinen persönlichen Erfahrungen mit Selbstmordkandidaten heraus gestaltet hat, sondern auch, weil die Logotherapie schon da versucht anzusetzen, wo beim Menschen die Idee eines Suizides noch gar nicht aufgekommen ist: es geht der Logotherapie um das Bewusstsein eines permanenten Sinns, der in jedem Leben zu finden ist.

Ein Blick in die Philosophiegeschichte

Im ersten Teil dieser Seminararbeit möchte ich verschiedene Sichtweisen der Thematik „Suizid“ aus der Philosophiegeschichte darstellen. Dieser Teil soll allerdings kein erschöpfender Überblick sein; ich habe vielmehr nach eigenem Gutdünken einige Positionen herausgegriffen.

Die Philosophen in der Antike

Die Denkweise Platons ist sehr stark geprägt von der Verantwortlichkeit des Menschen einem Gott gegenüber. So stehen sowohl das Leben als auch der Tod nicht in der Verfügung des Menschen, sondern in der eines Gottes. Deswegen begeht ein Mensch Unrecht, wenn er sich das Leben nimmt. Eine Ausnahme ist allerdings dann gewährt, wenn der Akt der Selbsttötung aufgrund einer von dem Gott selbst gesandten Notwendigkeit her geschieht.

Platon hält es aber auch für die Pflicht des Menschen, sich gegenüber der menschlichen Gemeinschaft, zum Beispiel der Polis, verantwortungsbewusst zu verhalten. So ist der Suizid ein strafwürdiges Verbrechen, wenn weder ein rechtmäßiges Todesurteil (wie es beispielsweise bei Sokrates der Fall war) noch ein „Handlungszwang auf Grund unentrinnbarer, übergroßer Schmerzen oder eine Situation auswegloser, unerträglicher Entwürdigung gegeben ist“[1]. In diesem Fall ist der Selbstmord „aus träger Feigheit gegenüber den Anforderungen des Lebens“[2] motiviert.

Auch Aristoteles, der Schüler Platons, verweist auf die Pflichten des Einzelnen gegenüber der Polis und verurteilt damit den Selbstmord, da dieser nicht den Interessen der Polis dienen kann. Aristoteles betont aber, dass der Suizid zwar ein Verbrechen gegenüber der Polis, nicht aber gegen sich selbst ist, denn der Suizident nimmt freiwillig die Folgen seiner Aktion auf sich. Die Meinung Aristoteles deckt sich allerdings insofern wieder mit der des Platon, da Aristoteles es ebenfalls als Feigheit bezeichnet, wenn sich jemand aus Liebeskummer oder aufgrund einer anderen Bedrückung selbst tötet, denn dies ist nicht mehr als eine Flucht vor dem Übel.

Auffallend an der Argumentationsweise Platons und Aristoteles ist die spürbare Autorität der Polis. Es gab jedoch auch philosophische Schulen, die derartige Argumente zurückgewiesen haben. Antisthenes zum Beispiel, ein Vertreter der kynischen Schule, proklamiert den Selbstmord „als eine grundsätzlich den Menschen eingeräumte Freiheit“[3] und weist den Machtanspruch der Polis damit in gewisse Schranken.

Die Stoiker, besonders in der Kaiserzeit mit den Vertretern Mark Aurel und Seneca, halten den Tod und das Leben als solches als etwas Belangloses, „belangvoll ist nur ein vernunftgemäßes Leben; ist aber das nicht mehr möglich, so bleibt als letzter Akt der ‚wohlerwogene Lebensausgang’“ (Seneca)[4].

Theologische Argumentationen des Mittelalters

Der Kirchenlehrer Augustinus gründet seine Argumentation in dieser Thematik auf den Mosaischen Dekalog; Selbsttötung behandelt er grundsätzlich wie Mord, was gegen das fünfte Gebot verstößt. Thomas von Aquin verfolgt diese Linie weiter. Nach seiner Begründung ist eine Selbsttötung verboten, „weil sie dem Selbsterhaltungstrieb und der ‚Liebe, mit der jeder sich selbst lieben muss’ (Th. v. A.) entgegengesetzt ist.“[5] Thomas von Aquin führt dann noch ähnliche Argumente auf wie Platon und Aristoteles, indem er sagt, ein Selbstmord sei ein Unrecht gegenüber der Gemeinschaft und wendet sich gegen die göttliche Entscheidung über Leben und Tod.

Die neuzeitliche Diskussion

Gemäß dem niederländischen Philosophen Spinoza können „nur äußere und seiner Natur entgegengesetzte Ursachen (…) den Menschen zur Selbstvernichtung veranlassen.“[6] Spinoza wörtlich: „Dass aber der Mensch aus der Notwendigkeit seiner eigenen Natur heraus danach streben sollte, nicht zu sein …, ist ebenso unmöglich, wie dass aus nichts etwas würde.“

Im Zeitalter der Aufklärung traten dann wieder Befürworter der Freiheit zur Selbsttötung auf. Der schottische Philosoph David Hume unternimmt den Versuch, die Argumente Thomas von Aquins zu widerlegen. So ist die Selbstvernichtung ebenso wenig ein Verstoß gegen den göttlichen Willen wie die Selbsterhaltung, denn der Mensch nutzt in beiden Fällen lediglich die Kräfte, die ihm verliehen sind, weswegen es abwegig ist, von einem Eingriff in die Vorsehung zu sprechen. Die soziale Verpflichtung, so Hume mit Blick auf Thomas von Aquin weiter, erreicht spätestens dann ihre Grenze, wenn das eigene Leben unerträglich wird; wenn das Leben also zur Last wird, so ist die Selbstvernichtung legitim.

Immanuel Kant hält die Selbsterhaltung „wenngleich nicht [die] vornehmste, [so] doch erste Pflicht des Menschen gegen sich selbst.“ Als Begründung dieser Aussage führt er das Prinzip der kategorischen Pflichterfüllung an.

Arthur Schopenhauer ist der Überzeugung, dass die Selbstvernichtung im Allgemeinen vergeblich ist, weil sie nicht zur ‚wirklichen Erlösung’ führt. Lediglich den ‚freiwillig gewählten Hungertod’ (= Hungerstreik) lobt er als ‚höchsten Grade der Askese’, weil dieser Hungertod „nicht bloß den physischen Tod bedeutet, sondern den Tod des Willens zum Leben voraussetzt“[7].Er kritisiert jedoch die Verdammungsurteile durch ‚europäische Moralphilosophen’ und bezeichnet deren Argumentationen als nichtig, weil sie den Standort asketischer Philosophen nicht erreicht haben.

Der Mensch Viktor Frankl

Möchte man das Lebenswerk eines Menschen begreifen, so ist es angebracht, zunächst den Blick vom Werk zu lösen, um sich zuerst einmal dessen Begründer zu widmen. Meist liefert die Biografie eines Menschen die überzeugendsten Gründe dafür, weswegen ein Lebenswerk überhaupt erst geschaffen werden konnte.

Nicht anders ist dies bei Viktor Frankl. Erlebnisse und Prägungen seiner Jugendzeit, aber auch persönliche wie weltpolitische Geschehnisse in seinen frühen Erwachsenenjahren werden Grundsteine seines Lebenswerkes, der Logotherapie. Mag sein, dass die Philosophie der Logotherapie schon an sich recht beeindruckend ist; aber erst wenn man sie mit dem Wissen um Frankls Lebensverlauf betrachtet, kann man die Genialität würdigen, die in ihr steckt.

Kindheit und Jugend

Im Jahre 1905 wurde Viktor Emil Frankl in die blühende und weltoffene Metropole Wien hineingeboren. Doch so glanzvoll diese Zeit auch schien, war sie doch nur die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm; bald schon wurde Wien wie der Rest Europas von den Unruhen der beiden Weltkriege, von Wirtschaftskrisen und radikalen gesellschaftlichen Umwälzungen überrollt. In dieser unruhigen Zeit verbrachte Frankl seine Kindheit und Jugend.

Viktor und seine beiden Geschwister Walter und Stella wuchsen in bescheidenen Verhältnissen, aber in familiärer Geborgenheit auf. Der Vater hatte ein sicheres Einkommen, während sich die Mutter um die Erziehung der Kinder kümmerte. Den Eltern, beide Juden, war auch an einer Vermittlung ihres jüdischen Glaubens an ihre Kinder gelegen.

Schon als Kind pflegte Viktor Frankl sich mit philosophischen Fragen auseinander zusetzen. Waren diese Fragen anfangs durchaus noch kindlicher Natur („Was ist denn der Sinn des Bauchnabels?“), so ist doch schon recht früh eine erstaunliche Ernsthaftigkeit zu Erkennen.

„Eines Tages – Viktor war dreizehn Jahre alt – saß er auf seinem Platz in der Klasse am Sperlgymnasium. Der Biologielehrer schritt zwischen den Bänken auf und ab und dozierte. Plötzlich machte er eine Bemerkung, die den ganzen Zynismus jener Zeit widerspiegelte. ‚Letzten Endes ist das Leben nichts anderes als ein Verbrennungsprozess, ein Oxidationsvorgang.’ Ohne den Finger zu heben und sich zu Wort zu melden, wie es damals üblich war, sprang Viktor auf und warf ihm die Frage entgegen: ‚Ja, was hat denn das ganze Leben dann für einen Sinn?’ Der Lehrer wusste darauf keine Antwort, vielleicht weil er tatsächlich glaubte, was er gerade gesagt hatte.“ [8]

Viktor stellte aber keineswegs nur Fragen, sondern versuchte auch Antworten zu finden. Während andere Jungs in seinem Alter sich mit Fußballspielen und ähnlichem beschäftigten, befasste er sich mit der Lektüre über physikalische Chemie, experimentelle Psychologie und Philosophie. Wir wissen heute, dass er schon im Alter von gerade mal 15 Jahren eigenständig philosophierte.

Zur gleichen Zeit begann Frankl auch einen langjährigen Schriftverkehr mit keinem geringeren als Sigmund Freud, dem Begründer der Psychoanalyse. Als 17jähriger verfasste Frankl einen Aufsatz mit dem Titel „Zur mimischen Bejahung und Verneinung“, den Freud an die Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse zur Veröffentlichung weiterleitete. So werden die intellektuellen Ausmaße Frankls schon in seiner Jugendzeit sichtbar.

[...]


[1] Gutknecht, Th., Art. Selbstmord, in: Historisches philosophisches Wörterbuch 9 (1995) S. 494.

[2] Ebenda, S. 494.

[3] Ebenda, S. 494.

[4] Ebenda, S. 495.

[5] Gutknecht, Th., Art. Selbstmord, in: Historisches philosophisches Wörterbuch 9 (1995) S. 495.

[6] Ebenda, S. 496.

[7] Ebenda, S. 497.

[8] Klingeberg, Haddon, Jr., Das Leben wartet auf Dich. Elly & Viktor Frankl, Wien, Frankfurt/ Main 2002, S. 63 f.

Details

Seiten
18
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638300445
ISBN (Buch)
9783638787963
Dateigröße
490 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v28191
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Katholische Theologie
Note
1,0
Schlagworte
Suizid Logotherapie Viktor Frankls Einführung Arbeiten

Autor

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