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Politische Theorie und Kritik

Forschungspapier

Essay 2014 9 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und Vorgehen

2. Das Verständnis von Kritik in der politischen Theorie bei James Tully
2.1 Praktiken des Regierens
2.2 Praktiken der Freiheit
2.3 Methode: Aktuelle Bestandsaufnahme
2.4 Methode: Historische Bestandsaufnahme

3. Überblick über weitere moderne kritische Ansätze
3.1. Deskriptive Ansätze
3.1.1 Ideologiekritik
3.1.2 Genealogische Kritik
3.2 Rekonstruktive Kritik: Ein explizit normativer Ansatz.

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung und Vorgehen

In diesem Forschungspapier wird der Frage nach Rolle und Funktion der Kritik in der modernen politischen Theorie nachgegangen. Im 18. Jahrhundert wurde die Kritik im Zuge der Aufklärung zu einem Grundbegriff (Vgl. Hartmann/Offe 2011: 242) der politischen Theorie und hat diese Position bis heute inne. Vertreter_innen kritischer politischer Theorien streben die "Befreiung von der Ideologie, die den Akteuren den Blick auf ihre eigene Situation und ihre eigentlichen, mit dem status quo im Widerspruch stehende Interessen verstellt" (Hartmann/Offe 2011: 222) an. Dieser Einleitung schließt sich eine Zusammenfassung des spezifischen Kritikansatzes von James Tully an.

Zu einem besseren Verständnis werden anschließend in einem Überblick drei weitere Auffassungen von Kritik behandelt, auf welche sich Tully zum Teil bezieht.

2. Das Verständnis von Kritik in der politischen Theorie bei James Tully

Der kanadische Politikwissenschaftler James Tully grenzt - in Anlehnung an Michel Foucault - die politische Philosophie von anderen Bereichen der Philosophie durch ihre "Konzentration auf Formen des Regiertwerdens“ (Niesen: 2010: 489) ab und beschreibt jene als „politische, kritische und genealogische Tätigkeit, die für sich (…) beansprucht, (…) der Fliege den Ausweg aus bestimmten (…) Fliegengläsern unserer politischen Geschichte zu weisen“ (Forst 2009: 8). Philosophinnen und Philosophen sollen nach dem Verständnis von Tully dabei „zu Debatten unter Staatsbürgern (…) alternative Ressourcen beitragen“ (Niesen 2009: 490). Tully bezieht sich explizit auf die Aufklärung und will deren „kritische Haltung fortführen“ (Tully 2009: 23). Die folgenden Ausführungen über die Unterteilung in Praktiken des Regierens und Praktiken der Freiheit sind nicht als getrennte Phänomene zu betrachten, sondern stehen für Tully vielmehr in einem engen Verhältnis zueinander.

2.1 Praktiken des Regierens

Tully betrachtet Herrschaftsverhältnisse in Bezug auf Sprachspiele (Art und Weise der Interaktion z.B. zwischen Regierenden und Regierten), Machtbeziehungen - definiert als Netz, „über das (…) Individuen und Gruppen das Verhalten anderer (…) direkt oder indirekt regulieren“ (Tully 2009: 26) - und Habitus des Denkens und Handelns (beschreibt den Konsens, den eine Gesellschaft über das Führen von Diskursen gefunden hat).

2.2 Praktiken der Freiheit

Unter Praktiken der Freiheit versteht Tully die Art und Weise, wie Subjekte die Praktiken des Regierens erwidern. Tully nennt neben der Kooperation mit den Regierenden und der Möglichkeit der Kritik und Problematisierung durch die Regierten, auch den Widerstand gegen die Regierenden, wenn Regierte ihre Kritik nicht ausreichend artikulieren können.

2.3 Methode: Aktuelle Bestandsaufnahme

Tully geht hier in zwei Schritten vor. Zuerst erfolgt, unter der Zuhilfenahme der Arbeiten des Philosophen Ludwig Wittgensteins, eine Analyse der aktuellen Sprachspiele, dann der Praxis (Praktiken des Regierens / Praktiken der Freiheit). Sprachspiele vereinen alle denkbaren Lösungsansätze, die die Beteiligten aus Theorie und Praxis in einem Diskurs gemeinsam verhandeln (Vgl. Tully 2009: 29ff). „Das Austauschen von Gründen“ wird von Tully als „Argumenationspraxis [, die] kommunikativ und strategisch [zugleich ist], verstanden. Sowohl „Begründungen und Rhetorik [als auch] Überzeugung und Überredung“ (Tully 2009: 30) werden davon eingeschlossen. Gegenstand der Analyse der Praxis ist die „Art und Weise, wie Machtverhältnisse das Verhalten der Personen (…) lenken und ihre Identitäten formen“ (Tully 2009: 35). Dazu zieht Tully die Forschungsarbeit der Cambridge School, die z.B. politisches Denken „als eine komplexe Form des sprachlichen und politischen Handelns (...) aus den ideologischen Kontexten ihrer Zeit heraus" (Forst 2009: 8) versteht, und das Werk Michael Foucaults hinzu.

2.4 Methode: Historische Bestandsaufnahme

Damit sich der/die Kritiker_in von dem aktuellen „Praxis- und Problematisierungs-horizont“ lösen und jenen als nur eine mögliche „Form der Praxis“ (Tully 2009: 36ff) erkennen kann, ist nach Tully eine historische Bestandsaufnahme nötig. Er weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass es für Subjekte sehr schwer sei, den eigenen „Rahmen [, in dem sie] denken und handeln, hinter [sich] zu lassen“ (Tully 2009: 38), weil sie davon ausgehen, „dass die Denkweisen (über (…) normative Begriffe), die (…) aus dem Mainstream (…) [der] intellektuellen Überzeugungen zufließen, die einzigen diesbezüglichen Denkweisen …“ sein müssen. (Skinner 1998: 116). Der Vergleich mit historischen Denkweisen soll es ermöglichen das heutige Urteilssystem besser verstehen zu können (Vgl. Tully 2009: 39).

3. Überblick über weitere moderne kritische Ansätze

3.1. Deskriptive Ansätze

Deskriptive kritische Ansätze verfolgen vorallem die Beschreibung von Herrschafts-verhältnissen. Sie müssen aber darüber hinaus wenigstens „implizit normative Maßstäbe in Anspruch nehmen (…), um nicht nur beschreiben, sondern auch kritisieren zu können“ (Iser 2011: 143). Die Funktionen kritischer deskriptiver Theorien für die politische Philosophie lassen sich nach dem Frankfurter Politikwissenschaftler Mattias Iser in insgesamt vier Kategorien einteilen. So ermögliche eine deskriptive Theorie die Erschließung bislang nicht beachteter Phänomene und erlaube durch die Beschreibung und Analysierung eine Problematisierung der "herrschenden Praxis" (Iser 2011: 143). Darüber hinaus lasse sich erst durch die umfassende empirische Analyse mögliche Alternativen aufzeigen und falsche Schlussfolgerungen vermeiden. Abschließend soll eine deskriptive kritische Theorie auf die möglichen Differenzen in der Wahrnehmung und Einstellung zwischen dem/der Kritiker_in und den adressierten Personen hinweisen beziehungsweise diese überbrücken.

3.1.1 Ideologiekritik

Die Ideologiekritik lässt sich politisch im Marxismus verorten. So wird beispielsweise der Austausch von Waren und Dienstleistungen in einem marktwirtschaftlichen System als eine Beziehung zwischen zwei strukturell ungleichen Vertragsparteien erkannt und als Widerspruch zu den "in Anspruch genommenen Werte[n] von Freiheit und Gleichheit" (Iser 2011: 144) problematisiert. Diese Diskrepanz zwischen dem theoretischem Konzept des Kapitalismus und seiner real-existierenden Form wird "als Ideologie demaskiert" (Iser 2011: 144). Marx ging bei seiner Kritik davon aus, dass bereits die korrekte "historisch-analytische Darstellung des (...) [kapitalistischen] Systems (...) zugleich schon dessen vernichtende Kritik" (Walzer 2009: 589) sei, weil sie die extremen inneren Widersprüche sichtbar mache. Marxistische Kritiker_innen präsentieren als Alternative eine von Grund auf andere Gesellschaftsform (Vergemeinschaftung von Produktionsgütern; Arbeitskraft nicht als Kapital; Überwindung jener Ideologie) und warnen gleichzeitig vor reformistischen Bestrebungen (z.B. durch die Sozialdemokratie), die sie als falsche und systemerhaltende Schlussfolgerung identifizieren.

Zur Überbrückung und Erklärung von Gegensätzen bzw. Abweichungen werden in der Ideologiekritik unter anderem Erklärmodelle aus der Psychoanalyse hinzugezogen. So wird das Ausbleiben der sozialistischen Revolution, die die marxistische Theorie als Resultat der Konflikte in spätkapitalistischen Gesellschaften vorhersagt, mit einem falschen Bewusstsein der Arbeiter_innenklasse erklärt - Die Arbeiter_innen würden ihre eigentlichen Interesse gar nicht vertreten.

3.1.2 Genealogische Kritik

Dieser Kritikansatz, der sich methodisch unter anderem an der Moralkritik von Friedrich Nietzsche orientiert, wird vorallem mit dem französischen Soziologen und Philosophen Michel Foucault verbunden. Auch die genealogische Kritik zielt durch Analyse auf die Erschließung und Problematisierung von gesellschaftlichen Phänomenen, die bislang entweder nicht bemerkt oder unkritisch eingeordnet wurden. Im Gegensatz zur Ideologiekritik wollen die Vertreter_innen der genealogischen Kritik aber "bewusst schockieren, um aufzuschrecken" (Iser 2011: 147). Um Lösungsansätze formulieren zu können, muss demnach zuerst ein Bewusstsein über die vorhandenen "Macht- und Diskurskonstellationen" (Forst 2009: 8) auf allen Ebenen einer Gesellschaft geschaffen werden. Die Kritik wird hierbei dann "zur genuinen Gesellschaftskritik" (Iser 2011: 147). Zur Überbrückung soll "das Subjekt den Standpunkt des genealogischen Kritikers einnehmen" (Iser 2011: 147) und das eigene falsche Bewusstsein überwinden. Zusammengefasst ist Kritik für Michel Foucault "die Bewegung, in welcher sich das Subjekt das Recht herausnimmt, die Wahrheit auf ihre Machteffekte hin zu befragen und die Macht auf ihre Wahrheitsdiskurse hin." (Seitter 1992: 15).

3.2 Rekonstruktive Kritik: Ein explizit normativer Ansatz.

In Abgrenzung zu den zuvor gemachten Ausführungen werden in den folgenden Absätzen die explizit normativ kritischen Ansätze - exemplarisch an der rekonstruktiven Kritik - thematisiert. Der rekonstruktive Ansatz geht unter anderem auf den Soziologen Max Horkheimer zurück, der die Wirklichkeit mit der Methode der „Ableitung der normativen Ideale aus der Lebenswelt“ (Ludwig 2013: 98) zu erklären versucht. Axel Honneth und Jürgen Habermas, die in der Tradition der Frankfurter Schule stehen, erweitern mit der Fokussierung auf Diskurse diese Form der Kritik.

Sie untersuchen die „normative Substanz“, die auf die „alltägliche Praxis“ (Habermas 1998: 81) - aller Gesellschaften - einwirke (Vgl. Iser 2011: 152). Sozialwissenschaftliches Arbeiten überhaupt sei nach Habermas ohne eine (eigene) „begründete Standort-bestimmung“ (Ludwig 2013: 99) durch den/die Forscher_in nicht vorstellbar. Habermas Kritik setzt dort an, wo Diskurse nicht gleichberechtigt, offen und zwanglos stattfinden können. Exemplarisch lassen sich hier wirtschaftliche Interessenvereinigungen nennen, die abseits der demokratischen Öffentlichkeit mit den „entsprachlichten Kommunikations-medien Macht und Geld“ (Iser 2011: 153) in Diskurse eingreifen und in ihrem Sinne ändern. Für rekonstruktive Kritiker_innen ist die „menschliche Geschichte, ganz wie für Hegel und Marx, der ‚Prozeß der Verwirklichung von Vernunft‘ “ (Wolf 2012: 274).

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Details

Seiten
9
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656758914
ISBN (Buch)
9783656758921
Dateigröße
473 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v281898
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,7
Schlagworte
James Tully Kritik Praktiken der Freiheit Praktiken des Regierens Historische Bestandsaufnahme Ideologiekritik Genealogische Kritik Rekonstruktive Kritik Mattias Iser Kritische Praxis moderne kritische Theorie

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Titel: Politische Theorie und Kritik