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Sprachstandsdiagnostik und Sprachförderung in Bayern am Beispiel von Sismik und dem Vorkurs Deutsch 240 – Theorie & Praxis

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 34 Seiten

Deutsch - Deutsch als Fremdsprache / Zweitsprache

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Sprachstandsdiagnostik in Bayern
2.1 Definition und Notwendigkeit von Sprachstandsdiagnostik
2.2 Sismik
2.3 Seldak
2.4 Probleme beim Beobachtungsverfahren Sismik/Seldak
2.5 Vergleich mit anderen Sprachstandsdiagnoseverfahren: Anschlussfähigkeit

3. Sprachförderung in Bayern
3.1 Definition und Notwendigkeit von Sprachförderung
3.2 Vorkurs Deutsch 240
3.2.1 Zeitlicher und organisatorischer Ablauf
3.2.2 Probleme und Lösungsvorschläge

4. Eigene Datenerhebung zur Praxis
4.1 Vorbereitende Überlegung und Zielsetzung
4.2 Aufstellen der Hypothese
4.3 Konstruktion des Fragebogens und Datenerfassung

5. Datenauswertung- und Analyse
5.1 Allgemeine Ergebnisse
5.2 Diskussion der Hypothese
5.2.1 Zusammenhang zwischen Ausbildung bzw. Fortbildung und Sicherheit bei der Umsetzung
5.2.2 Zusammenhang zwischen Alter und Sicherheit bei der Umsetzung

6. Fazit und Ausblick

Bibliographie

Anhang

1. Einleitung

Um Anschlussfähigkeit nicht nur an den Kindergarten, an die Schule und an das Berufsleben, sondern auch an die Gesellschaft erreichen zu können, ist v.a. unsere Sprache besonders wichtig. Mit Sprache steht und fällt fast alles. So ist es doch kaum möglich z.B. eine Textaufgabe in Mathematik in der Grundschule zu lösen oder später eine korrekte Bewerbung zu schreiben, wenn man seine Sprache nicht richtig beherrscht. Sprache heißt sowohl Sprechen, Verstehen, Hören und Schreiben.

Um ein Funktionieren in der Gesellschaft und eine Chancengleichheit, sowie Integration gewährleisten zu können, sollte schon so früh wie möglich mit der Sprachförderung für Kinder mit Sprachdefiziten begonnen werden. Dies setzt natürlich eine Diagnose des Sprachstandes voraus, um eventuelle sprachliche Mängel überhaupt feststellen zu können. Der Bedarf an solchen Sprachstandsdiagnoseverfahren und Sprachförderungen wächst v.a. seit dem schlechten Abschneiden Deutschlands bei der ersten PISA-Studie im Jahr 20001 und der steigenden Zuwanderung stetig. Daher werden immer weitere Verfahren entwickelt und die Bestehenden versucht, zu verbessern (vgl. Foerster 2012: 94).

Diese Arbeit beschäftigt sich mit den Sprachstandsdiagnoseprogrammen Sismik und Seldak in Bayerns Kindergärten, sowie der daran anschließenden Sprachförderung mit dem Vorkurs Deutsch 240. Außerdem werden die damit verbundene Probleme, Ursachen, Lösungsmöglichkeiten beleuchtet und der Zusammenhang zwischen der Ausbildung der Erzieher/-innen bzw. der Grundschullehrer/-innen und der korrekten Ausführung und Sicherheit bei der Durchführung der Programme dargestellt.

Die Seminararbeit ist in zwei Teile untergliedert. Einen ersten theoretischen Teil, welcher die Diagnoseinstrumente Sismik und Seldak, sowie das Förderprogramm Vorkurs Deutsch vorstellt und auf die Probleme, sowie Lösungsmöglichkeiten genauer eingeht. Ebenso wird versucht, einen Vergleich zu anderen Diagnoseverfahren für die Erhebung des Sprachstands zu ziehen und sowohl deren Notwendigkeit, als auch die der Sprachfördermaßnahmen deutlich zu machen.

Im zweiten, dem praktischen Teil werden die Ergebnisse des eigens erstellten und durchgeführten Fragebogens zum Thema "Sprachstandsdiagnose und Sprachförderung in Bayern am Beispiel von Sismik und dem Vorkurs Deutsch 240 - Theorie & Praxis" dargestellt. Die Analyse der Daten der empirischen Untersuchung soll im Anschluss die vorher, aufgrund von Intuition und Vorwissen aufgestellte Hypothese einer größeren Schwierigkeit bei der Umsetzung von Sismik und dem Vorkurs Deutsch bei v.a. jüngeren Erzieher/-innen bzw. Grundschullehrer/-innen ohne ausreichende Aus- bzw. Fortbildung in den jeweiligen Bereichen bestätigen oder wiederlegen und mögliche Gründe und Erklärungen dazu liefern.

2. Sprachstandsdiagnostik in Bayern

Dieses Kapitel gibt zunächst eine kurze Definition und Darstellung der Notwendigkeit von Sprachstandsdiagnostik. Dann werden die in Bayern verwendeten Instrumente Sismik und Seldak genauer dargestellt, sowie damit verbundene Probleme erläutert. Abschließend wird ein Vergleich zu anderen Sprachstandsdiagnoseverfahren in Deutschland gezogen.

2.1 Definition und Notwendigkeit von Sprachstandsdiagnostik

Vorab sei kurz angemerkt, dass im Folgenden die Begriffe Sprachstandserhebung, Sprachstandsmessung, Sprachstandsfeststellung und Sprachstandsdiagnose in der nachfolgenden Definition sowie in der gesamten Arbeit synonym verwendet werden. Laut Reich (2008) sind Sprachstandserhebungen:

"… Prozesse, die mittels pädagogisch einsetzbarer Verfahren, die Aussagen über die Fähigkeiten von Kindern und Jugendlichen in ungesteuert erworbenen Sprachen zu einem bestimmten Zeitpunkt ihrer Bildungsbiographie liefern.“ (S. 421)

Walter (2003: 31) bezieht sich bei seiner Definition mehr auf den Zusammenhang zur Sprachförderung und beschreibt Sprachstandserhebungen auch als „Wissen über die Sprachkompetenz von Kindern als Grundlage für Maßnahmen zur Sprachförderung". Die Wichtig- und Notwendigkeit von Sprachstandsmessungen im Kindergartenalter kann man an Münchens Integrationsbericht aus dem Jahr 2013 ablesen. Die Anzahl der Kinder in Kindertageseinrichtungen stieg seit dem Jahr 2008 stetig, sowohl bei Kindern mit, als auch bei Kindern ohne Migrationshintergrund (s. Anhang 1) und somit auch die Wahrscheinlichkeit an Kindern mit sprachlichen Defiziten. Der Zuwachs lässt sich v.a. durch den Zuzug aus anderen Bundesländern, europäischen Mitgliedsstaaten und auch aus Krisengebieten nach München und einer steigenden Geburtenrate erklären (vgl. Interkultureller Integrationsbericht München 2013: 112).

Laut dem Bayerischen Kinderbildungs- und Erziehungsgesetz haben nämlich alle Kinder ein Recht auf sprachliche Begleitung (vgl. BayKiBiG 2003: 12), um ihnen Chancengleichheit durch sprachliche Kompetenz als Schlüsselqualifikation zu garantieren. Daher ist es wichtig so früh wie möglich den Sprachstand bei allen Kindern zu erheben, um dann mögliche Förderprogramme einleiten und ihnen einen Übergang in die Grundschule ermöglichen zu können (vgl. Settinieri 2010: 35).

2.2 Sismik

In Deutschland gibt es mittlerweile viele verschiedene Programme zur Sprachstandserhebung im Bereich der Frühpädagogik für Kinder mit und ohne Migrationshintergrund. In Bayern gibt es neben dem Screeningmodell für Schulanfänger "Kenntnisse in DaZ erfassen" (vgl. Angelsperger 2002: 7 f.) die beiden Beobachtungsbögen Sismik und Seldak. Diese wurden von Michaela Ulich und Toni Mayr im Jahr 20032 entwickelt.

Beobachtungsverfahren messen den Sprachstand des Kindes durch Beobachten und Beschreiben der sprachlichen Handlungen, welche in alltäglichen oder herbeigeführten Situationen geschehen (vgl. Reich 2008: 422 f.).

Der Beobachtungsbogen "Sprachverhalten und Interesse an Sprache bei Migrantenkindern in Kindertageseinrichtungen" (kurz: Sismik) ist in vier Teile untergliedert, welche das Sprachverhalten in verschiedenen Situationen, die sprachliche Kompetenz im engeren Sinn (deutsch), die Familiensprache des Kindes und die Familie des Kindes mit einbeziehen und somit die sprachliche Entwicklung dokumentieren (vgl. Ulich/Mayr 2008: 5).

Im ersten Teil werden sprachliche Interaktionen unter den Kindern z.B. beim Frühstück und Gesprächskontakte mit den Erzieher-/innen festgehalten. Auch das Interesse an Bilderbuchbetrachtungen und Schrift wird beobachtet. Ausschließlich anhand des zweiten Teils des Bogens, nämlich der sprachlichen Kompetenz, werden entweder Sprachdefizite oder eine "normale" Entwicklung festgestellt. Hier geht es um das Verstehen von Aufträgen, die Artikulation, die Sprechweise und den Wortschatz des Kindes, sowie um den Satzbau und die Grammatik.

Teil 3 des Bogens betrachtet das Verhältnis und die Entwicklung der Familiensprache des Kindes im Vergleich zum Deutschen. Auch der vierte Teil bezieht sich auf die Familie, und zwar werden hier Informationen zum Herkunftsland und der Situation zu Hause gesammelt.

Sismik sollte bei Migrantenkindern ab ca. 3½ Jahren bis zum Eintritt in die Schule in regelmäßigen Abschnitten am besten von der Gruppenleitung wiederholt werden (vgl. Ulich/Mayr 2006: 2).

2.3 Seldak

Der Beobachtungsbogen für "Sprachentwicklung und Literacy bei deutschsprachig aufgewachsenen Kindern" (kurz: Seldak) ist mit nur zwei Teilen eine Kurzversion des Sismik-Bogens für Kinder ohne Migrationshintergrund (vgl. Ulich/Mayr 2007b: 5). Hier werden wie auch beim Sismik sprachrelevante Situationen in Aktivität und Kompetenzen, sowie sprachliche Kompetenzen im engeren Sinn beobachtet und gemessen.

Wie im Sismik werden bei Kindern ohne Migrationshintergrund die Familiensprache und die Familie des Kindes nicht getestet. Obwohl Letzteres auch bei deutschsprachigen Kindern sinnvoll wäre, da die sozialen Verhältnisse innerhalb der Familie Auswirkungen auf die sprachliche Entwicklung der Kinder haben können. Ausschlaggebend für die Berechnung des Förderbedarfs ist hier ebenfalls die Punkteanzahl beim Teil zur sprachlichen Kompetenz, die beim Seldak detaillierter auf höherem Niveau beobachtet werden soll.

Das Vorgehen unterscheidet sich beim Seldak nicht von dem, des vorher beschriebenen Sismik-Bogens (vgl. Ulich/Mayr 2007a: 2).

2.4 Probleme beim Beobachtungsverfahren Sismik/Seldak

Leider gibt es, wie auch bei anderen Sprachstandserhebungsverfahren (Screenings, Tests, Profilanalysen, Schätzverfahren) auch bei Beobachtungsverfahren noch Handlungsbedarf (vgl. Ehlich 2009: 43 f.). Denn es treten v.a. im Bereich der Objektivität des pädagogischen Personals Probleme auf. Es ist davon auszugehen, dass die Erzieher-/innen eher subjektiv beobachten. Auch die Reliabilität und Validität der

Beobachtungsbögen bei Sismik und Seldak ist anzuzweifeln (vgl. Neugebauer/Becker-Mrotzek 2013: 16-23). So wird beim Beobachten des Kindes durch eine andere Fachkraft wahrscheinlich ein anderes Ergebnis herauskommen. Auch die summarische Berechnung der einzelnen Beobachtungspunkten in Teil 2, nach der sich die Einteilung in den Vorkurs Deutsch richtet, wie z.B. bei "das Kind spricht im Deutschen": 1 Punkt für "sehr undeutlich", 2 Punkte für "etwas undeutlich" und 3 Punkte für "deutlich" (vgl. Ulich/Mayr 2006: 7) lässt zweifeln, ob wirklich das gemessen wird, was zu messen ist.

Ein Kind unter 4 Jahren wird mit weniger als 24 Punkten im zweiten Teil der Beobachtungsbögen als förderbedürftig eingestuft (vgl. Hochholzer 2009: 1).

Außerdem ist z.B. der linguistische Teil für nicht in diese Richtung geschulte Erzieher-/innen schwer nachzuvollziehen und daher auch schwer zu beurteilen. Dies führt neben der mangelnden Ausbildung und Praxis in Sprachdiagnostik sowie Sprachförderung zu einer Unsicherheit der pädagogischen Fachkräfte bei der Durchführung. Besonders auf diesen Punkt wird im praktischen Teil genauer eingegangen. Desweiteren ist im Alltag einer Kindertageseinrichtung kaum genügend Zeit vorhanden, um diese relativ aufwändigen Beobachtungsbögen vollständig auszufüllen, geschweige denn mehrmals für jedes Kind zu wiederholen. Auch die Durchführbarkeit der Bögen gestaltet sich schwierig, da nicht alle zu beobachtenden Situationen so im Kindergartenalltag geschehen, sondern oft umständlich bewusst und künstlich herbeigeführt werden müssen.

All diese Kritikpunkte schlagen sich auch in der Grafik zur Anzahl erfüllter Qualitätsmerkmale des Mercator-Instituts (s. Anhang 2) nieder. So erreicht das Beobachtungsverfahren Sismik nur 14 von 32 möglichen Punkten.

2.5 Vergleich mit anderen Sprachstandsdiagnoseverfahren:

Anschlussfähigkeit

Nach den vielen Kritikpunkten ist nun neben den positiven Vorzügen, wie die ganzheitliche und im besten Fall auch longitudinale Betrachtung (vgl. Merkel 2005: 5), die Berücksichtigung sprachlicher Basisqualifikationen und die Berücksichtigung der Mehrsprachigkeit (vgl. Neugebauer/Becker-Mrotzek 2013: 12- 35), v.a. auch die Anschlussfähigkeit bei Sismik und Seldak zu einem Sprachförderprogramm, in diesem Fall zum Vorkurs Deutsch 240 zu nennen.

Ähnliche Anschlussmöglichkeit bietet die Sprachstandsmessung mit DO-BINE, dem Dortmunder Beobachtungsinstrument zur Interaktions- und Narrationsentwicklung. Hier wird anschließend mit DO-FINE, dem Dortmunder Förderkonzept zur Interaktions- und Narrationsentwicklung gefördert, jedoch nur im Bereich der Erzählfertigkeiten (vgl. Quasthoff 2011: V f.).

Andere Sprachstandsdiagnoseverfahren hingegen, messen lediglich den Stand des Spracherwerbs und stellen somit mögliche sprachliche Defizite fest, bieten aber keine abgestimmte Sprachförderung im Anschluss an.

Als Beispiel sei der standardisierte CITO-Sprachtest in Bremen genannt, welcher die Kinder an Computern testet und je nach Ergebnis einen Sprachförderbedarf feststellt (vgl. Uysal/Röhner 2005: 106 f.). Auch "Mirola durch den Zauberwald", bei dem Kinder in Gruppen zum Schulbeginn bei handlungsorientierten Situationen beobachtet werden, dient nur zur reinen Erhebung des Sprachstandes ohne, dass entsprechende Förderung anschließt oder dass die zukünftigen Grundschullehrer-/innen ein Konzept zur spezifischen Sprachförderung erhalten (vgl. Hirschfeld/Lassek 2008: 5).

Das folgende Kapitel stellt nun das, an Sismik und Seldak anschließende Sprachförderprogramm Vorkurs Deutsch 240 genauer dar.

[...]


1 https://www.mpib-berlin.mpg.de/Pisa/PISA_im_Ueberblick.pdf.

2 http://www.ifp.bayern.de/projekte/sismik-beschreibung.html.

Details

Seiten
34
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656851561
ISBN (Buch)
9783656851578
Dateigröße
739 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v281869
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Deutsch als Fremdsprache
Note
1,3
Schlagworte
sprachstandsdiagnostik sprachförderung bayern beispiel sismik vorkurs deutsch theorie praxis

Autor

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Titel: Sprachstandsdiagnostik und Sprachförderung in Bayern am Beispiel von Sismik und dem Vorkurs Deutsch 240 – Theorie & Praxis