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Haben Studenten von Deutsch als Fremdsprache eine größere interkulturelle Kompetenz? Eine Analyse von Critical Incidents

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 34 Seiten

Deutsch - Deutsch als Fremdsprache / Zweitsprache

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Interkulturelle Kompetenz
2.1 Kulturbegriff
2.2 Definition von Interkultureller Kompetenz

3 Critical Incidents
3.1 Definition und Kriterien
3.2 Geschichte
3.3 Übungsverfahren und Probleme mit Critical Incidents
3.4 Critical Incidents zur Entwicklung Interkultureller Kompetenz durch Interkulturelles Training
3.4.1 Interkulturelles Training
3.4.2 Die culture assimilator-Methode
3.5 Critical Incidents als Diagnoseinstrument Interkultureller Kompetenz

4. Eigene Datenerhebung zu Interkultureller Kompetenz
4.1 Vorbereitende Überlegung und Zielsetzung
4.2 Aufstellen der Hypothese
4.3 Konstruktion des Fragebogens und Datenerfassung

5. Datenauswertung und Analyse
5.1 Allgemeine Ergebnisse
5.2 Diskussion der Hypothese
5.2.1 Critical Incident China - Indirektheit
5.2.2 Critical Incident Ägypten - Religion
5.2.3 Critical Incident Spanien - Distanz
5.2.4 Critical Incident Russland - Stereotypen

6. Fazit und Ausblick

Bibliographie

Anhang

1. Einleitung

In Zeiten der so rasch voranschreitenden Globalisierung ist es nicht nur im Berufsleben, sondern auch im Alltag besonders wichtig sich Interkulturelle Kompetenz als Schlüsselqualifikation anzueignen, da die Anzahl an interkulturellen Begegnungen stetig steigt (vgl. Heringer 2012: 7). Denn durch die zunehmende Vernetzung und Verbindung der Länder und den Kontakt der Bewohner untereinander, nicht nur innerhalb Europas, werden die kulturellen Unterschiede immer deutlicher. Daher wird die Notwendigkeit eines Bewusstseins über diese kulturellen Verschiedenheiten und auch Gemeinsamkeiten immer mehr an Bedeutung gewinnen. Als Voraussetzung für das Verständnis der kulturellen Zusammenhänge dienen interkulturelle Handlungskompetenzen, welche in immer häufiger angebotenen Interkulturellen Trainings erarbeitet werden können.

In dieser Arbeit soll neben der culture assimilator-Methode1, einem interkulturellen Trainingsprogramm, welches durch Auseinandersetzung mit Critical Incidents zu einer Steigerung von interkultureller Kompetenz führen soll, das Diagnoseinstrument für Interkulturelle Instrument Critical Incident beschrieben werden.

Diese Seminararbeit ist in zwei Teile untergliedert. Einen ersten theoretischen Teil, welcher Interkulturelle Kompetenz und die Anwendung von Critical Incidents in Interkulturellen Trainings und der interkulturellen Forschung als Diagnoseinstrument beschreibt. Außerdem werden neben dem Kulturbegriff auch die Probleme, die mit der Arbeit mit Critical Incidents auftreten können, behandelt.

Im zweiten, dem praktischen Teil wird versucht, die Ergebnisse des eigens erstellten und durchgeführten Fragebogens zum Thema zur Feststellung Interkultureller Kompetenz durch das Bearbeiten von Critical Incidents darzustellen. Die Analyse der Daten der empirischen Untersuchung soll im Anschluss die vorher, aufgrund von Intuition und Vorwissen aufgestellte Hypothese einer höheren interkulturellen Sensibilisierung bei Studenten für Deutsch als Fremdsprache, vor allem der ausländischen, im Gegensatz zu Studierenden anderer Studiengänge bestätigen oder wiederlegen und mögliche Gründe und Erklärungen dazu liefern.

2. Interkulturelle Kompetenz

Bevor nun zu Definitionen von Interkultureller Kompetenz und Interkulturellem Training sowie von Critical Incidents, welche von fehlendem Kulturwissen zeugen, übergegangen werden kann, soll vorher kurz der Begriff Kultur dargestellt und eingegrenzt werden. Dies, damit deutlich wird auf welche Definitionsversuche sich das "(Inter-)kulturelle" im Folgenden bezieht.

2.1 Kulturbegriff

Kultur ist einer, der am schwierigsten einzugrenzenden Begriffe, da er einen sehr weiten Bereich umfasst. In der Fachliteratur findet man keinen allgemeingültigen Kulturbegriff, sondern viele verschiedene Definitionen. Einig ist man sich darin, dass Kultur alles vom Menschen Hergestelltes, Sprache, Werte und Weltbilder mit einbezieht.

Kultur stammt vom lateinischen Verb COLERE - CULTUM ab, und bedeutet in diesem Sinne 'etwas das gepflegt/gebaut worden ist' (vgl. Bolten 2012: 18). Während der amerikanische Psychologe Harry Triandis ebenfalls Kultur als das, von den Menschen in der Umwelt Geschaffenes ansieht (vgl. Thomas 2005: 21), so ist Kultur nach Hofstede eine kollektive Programmierung des Geistes, die die Mitglieder einer Gruppe oder Kategorie von Menschen von einer anderen unterscheidet. Sie ist erlernt und nicht erlebt (vgl. Hofstede 1997:3 f.). Hofstede beachtet hierbei jedoch nicht, dass Kultur von Menschen aktiv geschaffen und konstruiert wird (vgl. Thomas/Utler 2013: 42). Eine anwendungsbezogene und auch differenzierte Beschreibung, die dem Kulturbegriff für die, in den nachfolgenden Kapiteln verwendeten Begriffe am nahesten kommt, findet man bei Thomas (1993: 380):

„Kultur ist ein universelles, für eine Gesellschaft, Organisation und Gruppe aber sehr typisches Orientierungssystem. Dieses Orientierungssystem wird aus spezifischen Symbolen gebildet und in der jeweiligen Gesellschaft usw. tradiert. Es beeinflusst das Wahrnehmen, Denken, Werten und Handeln aller ihrer Mitglieder und definiert somit deren Zugehörigkeit zur Gesellschaft. Kultur als Orientierungssystem strukturiert ein für die sich der Gesellschaft zugehörig fühlenden Individuen spezifisches Handlungsfeld und schafft damit die Voraussetzungen zur Entwicklung eigenständiger Formen der Umweltbewältigung.“

Dieses Orientierungssystem, mit dem sich der Mensch in der Welt zurechtfindet, besteht aus einem zuverlässigen Wissen über die Umwelt. Kultur hilft somit dem Menschen sich durch Verleihung von Bedeutung, der um sich geschehenen Dinge und Verhaltensformen zu orientieren (vgl. Thomas 2005: 22).

2.2 Definition von Interkultureller Kompetenz

Der zu untersuchende Gegenstand für den Fragebogen, ist die Interkulturelle Kompetenz, welche anhand der Arbeit mit Critical Incidents herausgefiltert werden soll. Daher behandelt dieses Kapitel ausführlich die Interkulturelle Kompetenz und deren Teilkompetenzen. Interkulturelle Kompetenz ist nicht nur im Berufsleben im Zuge der Globalisierung eine der wichtigsten fachlichen Qualifikationen geworden. Wie auch der Kulturbegriff, ist auch Interkulturelle Kompetenz oder Handlungskompetenz nicht eindeutig definiert. Dies hängt auch von der jeweiligen Forschungsrichtung und Betrachtungsweise ab. Im Allgemeinen lässt sich Interkulturelle Kompetenz als das "Maß an Effektivität bezüglich der Erreichung des Handlungsziels sowie einer Angemessenheit der Handlung bezüglich kultureller Erwartungen der Interaktionspartner" (Thomas 2013: 4) in kulturellen Überschneidungssituationen beschreiben. Einfacher gesagt: Interkulturelle Kompetenz ist die Fähigkeit sich in andere Sichtweisen hineinversetzen und diese akzeptieren zu können.

Für die folgende Untersuchung zur Steigerung der Interkulturellen Kompetenz durch Kulturassimilatoren ist die handlungs- und lernpsychologische Definition von Thomas (2003) hervorzuheben. Diese beschreibt Interkulturelle Kompetenz als die:

" Fähigkeit, kulturelle Bedingungen und Einflussfaktoren im Wahrnehmen, Urteilen, Empfinden und Handeln bei sich selbst und bei anderen Personen zu erfassen, zu respektieren, zu würdigen und produktiv zu nutzen." (Thomas 2003: 143).

Desweiteren sieht Thomas dies als wechselseitige Anpassung.

Interkulturelle Kompetenz wird außerdem in lerntheoretischen Bereichen mehrdimensional, als eine Summe vieler verschiedener Teilkompetenzen angesehen. Nach Erll/Gymnich (2007: 150) und Gertsen (1990) zählen zu Interkultureller Kompetenz die affektive, kognitive und pragmatisch-kommunikative oder verhaltensorientierte Teilkompetenz.

Die affektive Teilkompetenz beschreibt hierbei Interesse, Aufgeschlossenheit sowie Empathie und Fremdverstehen; Selbstreflexivität und kulturtheoretisches Wissen gehören zur kognitiven Teilkompetenz. Die pragmatisch-kommunikative Teilkompetenz beinhaltet die Fähigkeiten zur korrekten Anwendung geeigneter kommunikativer Muster und wirkungsvoller Konfliktlösungsstrategien (vgl. von Helmolt 2007: 763).

Der Erwerb von Interkultureller Kompetenz ist ein lebenslanger komplexer Lernprozess, welcher durch kulturelle Begegnungen und den daraus resultierenden Erfahrungen beschleunigt und bereichert werden kann (vgl. Bolten 2012: 72).

Bevor zur Beschreibung der eigenen Studie und der Analyse des erhobenen Datensatzes übergegangen werden kann, soll auf den, für diese Arbeit sehr wichtigen Begriff des Critical Incidents genauer eingegangen werden.

3 Critical Incidents

Im folgenden Kapitel werden nun Critical Incidents und deren Kriterien definiert, sowie die Geschichte und die verschiedenen Übungsformen behandelt. Anschließend werden die kritischen Punkte bei der Arbeit mit Critical Incidents beschrieben und Critical Incidents als Diagnoseinstrument für Interkulturelle Kompetenz erläutert.

3.1 Definition und Kriterien

Antoine de Saint-Exupéry schrieb in "Der kleine Prinz" die Sprache sei die Quelle aller Missverständnisse, was auch auf Critical Incidents übertragen werden kann, da diese kritischen Situationen auch oft durch sprachliche Missverständnisse entstehen. Critical Incidents, werden als kritische Ereignisse übersetzt und beschreiben Interaktionssituationen, in denen es zu Missverständnissen oder Problemen zwischen mindestens zwei Personen aufgrund unterschiedlicher kultureller Normen und Wahrnehmungen kommen kann (vgl. Thomas 1993: 415). Es sind also interkulturelle Begegnungen, die von den Beteiligten als verwirrend erlebt und falsch interpretiert wurden. Durch dieses Fremdverstehen und der Zuschreibung von Stereotypen untereinander kann es unter Umständen zu Verletzungen der Gefühle beiderseits kommen (vgl. Broch/Jürgens 2013: 53 f.). In diesen kritischen Situationen werden demnach die kulturspezifischen Unterschiede der Interaktionspartner deutlich. Critical Incidents müssen außerdem als komplex und polyvalent betrachtet werden, d.h., dass mehrere Hypothesen möglich sind und der Kontext einer kritischen Situation dem Lernenden bewusst gemacht werden muss (vgl. Schumann 2012: 267). Das Sammeln von Critical Incidents geschieht normalerweise durch Gruppendiskussionen oder Interviews mit Menschen, die z.B. von einem Auslandsaufenthalt zurückkehren. Diese werden zu ihren interkulturell und situations- bzw. personenbezogenen Erlebnissen, die sie eventuell als befremdlich wahrgenommen haben, befragt. Die Schilderungen werden anschließend schriftlich festgehalten und die Situationen werden zusätzlich von muttersprachlichen Experten beider Kulturen gesichtet, sowie auf deren Wahrscheinlichkeit und Vorkommen überprüft (vgl. Heringer 2004: 220).

Wichtig bei der Erhebung und Datensammlung von Critical Incidents ist es die Kriterien nach Fiedler/Mitchell/Triandis (1971: 97) zu beachten. Danach ist eine gute kritische Situation, eine alltägliche und authentische Begegnung zwischen mindestens zwei kulturell unterschiedlichen Personen. Die Situation sollte von beiden unverständlich, aber mit genügend Kenntnis über die andere Kultur nachvollzieh- und interpretierbar sein. Außerdem muss die Situation sowohl kurz, als auch plausibel und typisch sein.

Für diese Seminararbeit wurden jedoch keine eigenen Critical Incidents erhoben, da dies den zeitlich begrenzten Rahmen gesprengt hätte, sondern, wie in Punkt 4.3 näher beschrieben, wurde auf einen Pool vorhandener Critical Incidents aus verschiedenen Datenbanken zurückgegriffen.

3.2 Geschichte

Bevor Critical Incidents durch Triandis in interkulturellem Zusammenhang verwendet wurden, waren diese ursprünglich dafür gedacht im Zweiten Weltkrieg den Umgang von Mensch mit Maschine in kritischen Situationen zu testen. So dienten sie zur Schulung von amerikanischen Kampfpiloten für schwierige kriegerische Missionen, wodurch geeignete Piloten selektiert wurden (vgl. Göbel 2003: 2).

Die Critical Incident Technique (CIT) wurde vom, auf Luftfahrt spezialisierten, amerikanischen Psychologen John C. Flanagan entwickelt (vgl. Hiller 2009: 2). Diese Technik wurde durch Sammeln von Beobachtungen menschlichen Verhaltens für die Lösung praktischer Probleme und die Entwicklung psychologischer Prinzipien auf breiter Basis verwendet (vgl. Heringer 2004: 218).

Den Transfer auf menschliche Interaktionen machte in den 1960er Jahre Harry C. Triandis mit interkulturellen Übungen. In der Forschung interkultureller Interaktionen, entwickelte er mit Fiedler und Mitchell 1971 eine Trainingsmethode, die unter Punkt 3.4 näher beschrieben wird (vgl. Layes 2007: 384). Später, im Jahr 1993 wurde dieses Vorgehen in die deutschsprachige interkulturelle Forschung von Alexander Thomas eingeführt (vgl. Hiller 2009: 2 f.).

3.3 Übungsverfahren und Probleme mit Critical Incidents

Wie später bei der Fragebogenerstellung genauer dargestellt wird, kann mit Critical Incidents auf verschiedene Arten gearbeitet werden. Für diese Seminararbeit und für den, dafür die Basis bildenden Fragebogen wurden zwei Varianten ausgewählt.

Man kann beim Training mit Critical Incidents so vorgehen, dass dem Lernenden vier Antwortmöglichkeiten vorgestellt werden, wobei drei aber falsch oder unwahrscheinlich sind, aber aus der Perspektive des Lerners möglich sein könnten (vgl. Ehrhardt/Heringer 2011: 136). Diese Antwortbeispiele werden vorher von Experten der jeweiligen Kulturen entwickelt. Der Lernende soll nach Lesen des Critical Incidents nun jede der vier Antwortmöglichkeiten durchspielen und diese auf Wahrscheinlichkeit prüfen und gegebenenfalls auf einer Antwortskala einordnen. Somit lernt der Lerner kulturtypische Handlungen kennen und kann eine individuelle interkulturelle Erklärungskompetenz entwickeln (vgl. Heringer 2004: 224-226).

Die zweite Form der Arbeit mit Critical Incidents stellt zwei perspektivische Fragen. Wie auch bei der ersten Variante, soll hier der Critical Incident genau durchgelesen werden, sich in der perspektivischen Dimension in beide Sichtweisen der Interaktionspartner hineinversetzt und anschließend überlegt werden, auf welcher affektiven Ebene das Missverständnis beruht. Dann folgt die kognitive Dimension, bei der reflektiert werden soll, welche strukturell kulturellen Unterschiede Ursache für diese kritische Situation sind. Zur Handlungsorientierung sollen Lösungen für das Missverständnis gefunden werden. Abschließend wird in der lernerorientierten Dimension mit selbst erlebten Critical Incidents ein Vergleich gezogen (vgl. Schumann 2012: 267 f.).

Angefangen mit dem, den Critical Incidents zugrunde liegendem Kulturbegriff (s. Kapitel 2.1) bis zur Schwierigkeit, einzelne kritische Interaktionssituationen zu verallgemeinern, tauchen beim Training mehrere Probleme auf (vgl. Hiller 2009: 2). Außerdem sind Critical Incidents mehrdimensional und können nicht immer mit nur einer "richtigen" Antwort gelöst werden. Daher sollte in Interkulturellen Trainings vermieden werden, nur eine Antwort zu präferieren und zusätzlich viele Informationen zu den einzelnen Fällen gegeben werden.

[...]


1 Kulturassimilatoren sind eine Anzahl von Critical Incidents mit verschiedenen Antwortmöglichkeiten. Durch die Beschäftigung damit, sollen Lernende die kulturellen Unterschiede herausfinden und erklären können und somit dafür sensibilisiert werden (vgl. Kinast 2005: 191).

Details

Seiten
34
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656768630
ISBN (Buch)
9783656856511
Dateigröße
1.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v281868
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Deutsch als Fremdsprache
Note
2,3
Schlagworte
haben studenten deutsch fremdsprache kompetenz eine analyse critical incidents

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