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Zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit. (Jugendlicher) Sprachgebrauch in Chats

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 22 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Mündlichkeit & Schriftlichkeit aus sprachtheoretischer Sicht
2.1 Konzeption & Medium – Mündlichkeits-/ Schriftlichkeitsmodell
2.2 Allgemeine Merkmale der gesprochenen Sprache

3. Charakteristische Merkmale Internetbasierter Kommunikation
3.1 Abgrenzung gegenüber Chats
3.2 Mediale und konzeptionelle Mündlichkeit und Schriftlichkeit bei WhatsApp

4. Auswirkungen von konzeptioneller Mündlichkeit und beschleunigter Textproduktion
4.1 Zum Korpus
4.2 Linguistische Besonderheiten handybasierter Kommunikation am Beispiel von WhatsApp
4.3 Variationen
4.3.1 Zeichensetzung
4.3.2 Groß- und Kleinschreibung
4.3.3 Umgang mit der Orthographie
4.3.4 Smileys & Emotikons als Imitation parasprachlicher Informationen

5. Fazit

6. Literatur

Zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit – (Jugendlicher) Sprachgebrauch in Chats

Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit dem Mündlichkeits- und Schriftlichkeitsmodell von Koch/Oesterreicher und klärt die Begriffe des ‚Mediums‘ und der ‚Konzeption‘ mithilfe der Realisationsformen phonisch/graphisch und gesprochen/geschrieben. Die folgenden Abschnitte beschäftigen sich mit der Unterscheidung der Applikation WhatsApp von herkömmlichen Chats. Daraufhin wird anhand einer Korpusanalyse verdeutlicht, wo die Schwierigkeiten liegen, WhatsApp als Form der Kommunikation in das Modell der Sprache der Nähe & Sprache der Distanz einzuordnen.

1. Einleitung

Mitte der neunziger Jahre hat das Internet als Informations- und Kommunikationsmittel einen enormen Zuwachs erfahren (vgl. Bader 2002, 9). Heutzutage ist jedem Nutzer der elektronische Austausch von Informationen und Nachrichten möglich. Seit der Etablierung des Smartphones ist dieser Informations- und Nachrichtenaustausch nicht einmal mehr an den Computer gebunden. Das Smartphone wird immer mehr zu einer multifunktionalen Kommunikationszentrale, die es dem Nutzer ermöglicht, überall jederzeit Daten zu erhalten. So lösen die angebotenen Internetdienste wie Chats, Diskussionsforen, SMS od. E-Mails klassische Mitteilungsträger wie den Brief, nahezu gänzlich ab. Die Entstehung und Nutzung der durch das Smartphone eröffneten neuen Kommunikationsformen führen zu einem neuen Forschungsfeld für die Sprachwissenschaft. Insbesondere der Chat stellt das am meistgebrauchte Verständigungsmittel für den Mitteilungsaustausch dar (vgl. Bader 2002, 9). Als die Service- Leistungen der Smartphones, die heute zur Selbstverständlichkeit geworden sind, 2002 noch vage Visionen waren, prognostizierte Freyermuth, dass das Internet zu einem ‚Evernet‘ werden würde und die permanente Vernetzung, sowie die ‚Immer-an-Kommunikation‘ zum Regelfall (Freyermuth 2002, 120). Diese Prognose ist heute Realität geworden. Insbesondere für Jugendliche ist die Nutzung von Chats und Instant- Messengern nicht mehr wegzudenken. Eine besonders tragende Rolle spielt dabei die Applikation ‚Whats-App‘ (eine Form des Chats für Smartphones). Binnen vier Jahren hat WhatsApp rund 450 Millionen aktive Nutzer gewonnen, Tendenz stark steigend. Der WhatsApp Gründer Jan Koum berichtet davon, dass täglich fast eine Millionen Nutzer hinzukommen (vgl. Artikel Spiegel-Online[1] ). Durch derartige Zahlen wird deutlich: Ein Großteil der Kommunikation findet heute über das Internet statt. Das Schreiben hat durch die Medien einen neuen Status bekommen.

Dies hat auch Auswirkungen auf unseren Schreibstil. Es wurde bereits festgestellt, dass sich in den computerbasierten Kommunikationsformen des Internets, tatsächlich ein neuer Schreibstil etabliert hat, der viele Elemente beinhaltet, die als ‚konzeptionell mündlich‘ einzuordnen wären (vgl. Storrer 2001, Beißwenger 2003, Dürscheid 2003).

Es scheint demnach interessant und lohnenswert, im Folgenden die linguistischen Besonderheiten der ‚smartphonebasierten’ Kommunikation unter linguistischen Gesichtspunkten genauer zu betrachten. Der Schwerpunkt dieser Arbeit soll dabei auf der schriftlichen Online- Kommunikation, wie sie in Chats üblich ist, liegen. Um Grundlage für eine Diskussion zu schaffen, inwiefern es sich bei WhatsApp Gesprächen um „geschriebene Mündlichkeit“ handelt, sollen jedoch zunächst theoretische Hintergründe von Mündlichkeit und Schriftlichkeit erläutert werden (Kapitel 2). Im weiteren Verlauf der Arbeit soll in diesem Rahmen das Modell zu der „Sprache der Nähe“ und „Sprache der Distanz“ von Peter Koch und Wulf Oesterreicher vorgestellt werden. Im Vordergrund steht die Frage, ob sich die Kommunikation via WhatsApp mit Hilfe der in Kapitel 2 erarbeiteten Merkmale von Mündlichkeit und Schriftlichkeit erfassen lässt. Nach der Definition von Mündlichkeit und Schriftlichkeit aus sprachtheoretischer Sicht (vgl. Koch/Oesterreicher 1985), folgt eine empirische Untersuchung (Kapitel 4). Zuvor sollen jedoch typische Merkmale von Sprache und Interaktion in der Chat- Kommunikation vorgestellt werden, deshalb geht der empirischen Untersuchung noch ein theoretischer Teil voran, welcher sich den Besonderheiten der Interaktion der Chat- Kommunikation widmet (Kapitel 3). Im Anschluss dazu, erfolgt im empirischen Teil der Arbeit die linguistische Analyse mehrerer Gesprächsausschnitte aus WhatsApp Gesprächen, welche als Korpus zugrunde gelegt werden (Kapitel 4). In diesem Rahmen werden die linguistischen Besonderheiten dieser neuen Form der Kommunikation dargelegt. Abschließend folgt ein zusammenfassendes Fazit, welches Aufschluss darüber geben soll, ob aufgrund der neuen Erkenntnisse eine Erweiterung des Modells von Koch/Oesterreicher notwendig ist, um Gesprächsformen wie WhatsApp zu kategorisieren (Kapitel 6).

2. Mündlichkeit und Schriftlichkeit aus sprachtheoretischer Sicht

In der Regel werden die Termini gesprochen (mündlich) und geschrieben (schriftlich), als die Art der Realisierung sprachlicher Äußerungen verstanden. Entweder wird die Äußerung in Form von Lauten (phonisch) oder in Form von Schriftzeichen (graphisch) realisiert. Diese klassischen Unterscheidungskriterien erscheinen jedoch als nicht ausreichend, wenn man beispielsweise phonisch realisierte Äußerungen betrachtet, die nicht der traditionellen Form von ‚Mündlichkeit‘ entsprechen, beispielsweise eine Festrede. Die Festrede wird zwar mündlich artikuliert, jedoch wurde sie zuvor schriftlich vorformuliert und in vielen Fällen einfach abgelesen. Gleiches gilt für die ‚Schriftlichkeit‘ (Bsp.: Sprechblasen in Comics).

Aufbauend auf der begrifflichen Unterscheidung von Medium (phonischer/graphischer Kode) und Konzeption (gesprochen/geschrieben) von Ludwig Söll (vgl. Koch/Oesterreicher 1985, 17), versuchen Peter Koch und Wulf Oesterreicher die Widersprüche bezüglich der Terminologie zu beseitigen.

2.1 Konzeption & Medium – Mündlichkeits-/ Schriftlichkeitsmodell

Um den terminologischen und begrifflichen Widersprüchen auszuweichen, unterscheiden Koch/Oesterreicher an Stelle von ‚gesprochener‘ vs. ‚geschriebener‘ Sprache, zwischen den Termini ‚Mündlichkeit‘ und ‚Schriftlichkeit‘ (vgl. Koch/ Oesterreicher 2007, 347f.). Bei ihrem Medienbegriff beziehen sie sich auf die beiden Repräsentationsformen von Sprache, nämlich phonisch und graphisch. Hierbei unterscheiden sie zwischen medialer und konzeptioneller Mündlichkeit und zwischen medialer und konzeptioneller Schriftlichkeit. Den Aspekt des Mediums beziehen sie auf die Realisationsform der Äußerungen (phonisch/ graphisch) und den der Konzeption auf die in den Äußerungen gewählte Ausdrucksweise (gesprochen/ geschrieben) (vgl. Koch/Oesterreicher 1985, 17). Dadurch entstehen vier Kombinationsmöglichkeiten von Medium und Konzeption, denen jedoch keineswegs eine gleiche Gewichtung zukommt. Koch/Oesterreicher weisen darauf hin, dass eine bevorzugte Beziehung zwischen gesprochen + phonisch (vertrautes Gespräch) und geschrieben + graphisch (Verwaltungsvorschrift) besteht. Trotzdem treten auch die Kombinationen geschrieben + phonisch (Vortrag) und gesprochen + graphisch (abgedrucktes Interview) auf (vgl. ebd., 17).

Den Begriff des Mediums sehen sie hierbei als dichotomisch an, während sie die Konzeption als ein Kontinuum sehen, bei dem die beiden Pole, der Mündlichkeits- und der Schriftlichkeitspol, für einen extrem ‚gesprochenen‘ und einen extrem ‚geschriebenen‘ Duktus stehen (vgl. Koch/ Oesterreicher 2007, 348). Die beiden Endpunkte werden mit den Kategorien kommunikative Nähe und kommunikative Distanz assoziiert. Das soeben beschriebene Kontinuum von Nähe und Distanz ermöglicht es, verschiedene Formen der Äußerung in Relation zueinander zu positionieren. So sei demnach beispielsweise ein vertrautes Gespräch näher am Mündlichkeitspol einzuordnen als eine Predigt, ein FAZ- Artikel näher als eine Verwaltungsvorschrift. Das Zusammenwirken mehrerer kommunikativer Parameter ermöglicht es, die Äußerungsformen in Relation zueinander zu positionieren. Unter kommunikativen Parametern verstehen Koch/ Oesterreicher beispielsweise das soziale Verhältnis, die Anzahl, sowie die räumliche und zeitliche Situierung der Kommunikationspartner, Sprecherwechsel, Spontaneität und Beteiligung u.a. (vgl. Koch/ Oesterreicher 1985, 19). Je öffentlicher und formaler die Bedingungen sind, desto mehr ist die Kommunikation durch Distanz geprägt. Je höher der Grad an Spontaneität und Emotionalität, desto mehr ist die Kommunikation durch Nähe geprägt. Die Kommunikationsbedingungen sehen Koch/ Oesterreicher in Verbindung mit den Versprachlichungsstrategien und diese in Verbindung mit dem Auftreten bestimmter sprachlicher Merkmale.

Hieraus ergibt sich folgendes Modell:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Das Nähe-/Distanz- Kontinuum nach Koch/Oesterreicher

Das Modell hat mittlerweile „den Status einer Grundlage, auf die man sich unbesorgt berufen kann“ (Hennig 2001, 219).

Christa Dürscheid merkte jedoch 2003 an, dass in den vergangenen Jahren neue Kommunikationsformen – wie Chats – populär geworden seien, welche von Koch/ Oesterreicher noch gar nicht erfasst werden konnten (Dürscheid 2003, 35). Den Aspekt, dass auch das Kommunikationsmedium einen Einfluss auf die Wahl sprachlicher Ausdrucksmittel hat, sieht sie in dem Modell von Koch/ Oesterreicher außen vor gelassen. In einem weiteren Artikel „Schriftlichkeit und kommunikative Distanz“ äußern sich Koch/ Oesterreicher ebenfalls zu der Kommunikationsform Chat. Sie treffen eine Unterscheidung zwischen ‚Medien’ als physikalische Manifestation und ‚technischen’ Speicher- und Übertragungsmedien, wie zum Beispiel dem Internet (Koch/ Oesterreicher 2007, 358f.). Koch/ Oesterreicher gehen davon aus, dass selbst die „neuesten elektronischen Entwicklungen (...) auf dem akustischen Prinzip der Phonie oder auf dem visuellen Prinzip der Graphie“ aufbauen (Koch/ Oesterreicher 2007, 359).

2.2 Allgemeine Merkmale der gesprochenen Sprache

Wie bereits im vorausgegangenen Kapitel ausgeführt, basiert das Modell von Koch/Oesterreicher (Abb.1) auf verschiedenen kommunikativen Parametern. Um im folgenden Verlauf der Arbeit konkrete Vergleiche zu der Sprache der Chats ziehen zu können, seien hier noch einmal einige universale Merkmale von gesprochener Sprache zusammengestellt. Typisch für konzeptionelle Mündlichkeit ist (vgl. Koch/Oesterreicher 1985):

- die Präferenz für einfache, kurze und umgangssprachlich markierte Ausdrücke
- sprechsprachliche Artikel und Interjektionen
- parataktischer, reihender Satzbau mit wenig durchkomponierten Sätzen und unklaren Ganzsatzgrenzen
- kurze Planungszeit bei der Produktion und kurze Verarbeitungszeit für die Rezeption
- wechselseitiges Feedback auf Gesprächsbeiträge mit sprachlichen und mimigetischen Mitteln

Im weiteren Verlauf soll untersucht werden, inwiefern die eben genannten Merkmale konzeptioneller Mündlichkeit in WhatsApp-Chats umgesetzt wurden.

3. Charakteristische Merkmale internetbasierter Kommunikation

Den Benutzern der neuen, internetspezifischen Kommunikation bieten sich unzählige Möglichkeiten, durch Kontaktaufnahme über das Internet aktiv zu werden. In der Regel erfolgt der Austausch hier auf schriftlicher Basis. Hierbei lassen sich zwei verschiedene Formen der Kommunikation unterscheiden. Zum einen gibt es Kommunikationsformen, bei denen eine unmittelbare Reaktion auf gesendete Nachrichten vorausgesetzt werden kann (Chats) und zum anderen gibt es die Kommunikationsformen, bei denen eine Antwort in der Regel zeitversetzt folgt (E-Mail). Im Folgenden soll jedoch nur die erste Form der internetbasierten Kommunikation in den Fokus genommen werden.

3.1 Abgrenzung gegenüber Chats

Der Instant- Messenger WhatsApp ist einem herkömmlichen Chat, wie er in der linguistischen Literatur schon vielfach im Fokus stand (vgl. Storrer 2001, Beißwenger 2003, Dürscheid 2003), sehr ähnlich. Trotzdem gibt es einige Unterschiede, die in diesem Kapitel kurz genannt seien.

Die mediengeschichtliche Novität von WhatsApp besteht darin, dass zum ersten Mal der Benutzer nicht mehr an einen Computer gebunden ist, sondern die Applikation permanent auf seinem Smartphone nutzen kann. Dadurch unterscheidet sich WhatsApp wesentlich von Kommunikationsformen wie dem Fax, E-Mail oder SMS. Hier werden die Botschaften zwar auch in Sekundenschnelle übertragen, jedoch muss der Kommunikationskanal immer wieder neu geöffnet werden, es muss jedes Mal eine neue Verbindung hergestellt werden (vgl. Dürscheid 2003, 43). Bei WhatsApp hingegen ist der Kommunikationskanal permanent von beiden Seiten geöffnet. Diese permanente Vernetzung nimmt auch Einfluss auf die Art, wie Gespräche organisiert werden. Sowohl im Chat, als auch im Whats-App-Messenger werden Nachrichten mit nur sehr geringer Zeitverzögerung übermittelt. Bei Chats handelt es sich meist um Gespräche zwischen mehreren Teilnehmern. In der Regel loggen sich die Benutzer unter einem ausgedachten Namen (‚nickname‘) ein und kommunizieren, ohne ihre Identität preiszugeben (vgl. Beißwenger 2001, 39). Bei WhatsApp hingegen handelt es sich in der Regel um ein Gespräch zwischen zwei Personen[2], die sich in der Regel (gut) kennen, denn Vorraussetzung dafür mit jemandem über WhatsApp in Kontakt treten zu können ist, die Handynummer des anderen zu kennen.

[...]


[1] http://www.spiegel.de/netzwelt/apps/whatsapp-alternative-threema-verdoppelt-nutzerzahl-a-954915.html

[2] An dieser Stelle sei anzumerken, dass WhatsApp auch die Möglichkeit bietet „Gruppenchats“ zu erstellen. Im weiteren Verlauf wird der Fokus jedoch auf dem Gespräch zwischen zwei Personen liegen.

Details

Seiten
22
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656758150
ISBN (Buch)
9783656758174
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v281837
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Deutsche Philologie
Note
1,0
Schlagworte
zwischen mündlichkeit schriftlichkeit jugendlicher sprachgebrauch chatsdocx

Autor

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