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Wohin führt uns der Fortschritt? Eine Untersuchung anhand "Störfall. Nachrichten eines Tages" von Christa Wolf

Projektarbeit 2014 20 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neueste Geschichte, Europäische Einigung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Super-GAU in Tschernobyl
2.1. Unfallhergang
2.2. Folgen

3. Fortschritt
3.1. Fortschrittsidee im Geschichtsdenken
3.2. Technischer Fortschritt - Industrialisierung
3.3. Gesellschaftlicher Fortschritt
3.3.1. Individueller Fortschritt
3.3.2. Kollektiver Fortschritt

4. Katastrophen durch Fortschritt - Fortschritt durch Katastrophen
4.1. Maschinen werden überlegener
4.2. Zukunft nach Katastrophen
4.2.1. Solarenergie
4.2.2. Medizin

5. Schlusswort

Literaturverzeichnis mit Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Christa Wolf (geboren am 18. März 1929 in Landsberg an der Warthe; verstorben am 1. Dezember 2011 in Berlin), war eine der bedeutendsten zeitgenössischen Autorinnen der deutschsprachigen Literatur.1 Für meine interdisziplinäre Projektarbeit habe ich eines ihrer Werke ausgewählt Störfall - Nachrichten eines Tages (siehe Abbildung 1). Die Erstausgabe von Störfall erschien in Deutschland im Jahr 1987, kurz nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986.2

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Auf diesem Bild ist das Werk meiner Arbeit abgebildet. Auf dem Buchdeckel ist die Autorin Christa Wolf zu sehen.3

In der Erzählung Störfall laufen eine kollektive und eine individuelle Katastrophe parallel zueinander ab. Die eine betrifft die radioaktive Verseuchung des Menschen und der Natur aufgrund des Brandes im Kernkraftwerk von Tschernobyl. Die andere handelt von der Gehirnoperation des Bruders der Erzählerin, dessen Leben vom Fortschritt der Technik und deren Beherrschung abhängt. Ein weiteres Erzählelement weist dort in die Geschichte des Zweiten Weltkrieges zurück, in welche Reisende, Zeugnisse ihrer Kriegserlebnisse aufsuchen.4 «Christa Wolfs Erzählung schildert den Einbruch des Unfaßbaren in das menschliche Leben»,5 bei dem es sich um den Fortschritt und um das eigene Überleben handelt.

Ich habe mich für folgende Leitfrage entschieden: Wohin führt uns der Fortschritt? Dazu habe ich Teilfragen formuliert, womit meine Leitfrage beantwortet werden kann.

Zuerst zeige ich die Fakten und einige Konsequenzen betreffend dem Super-GAU von Tschernobyl auf. Um den Begriff Fortschritt zu erläutern, werde ich als erstes die Fortschrittsidee im Geschichtsdenken erklären. Anschliessend beschränke ich mich auf die in der Primärliteratur enthaltenen Themen, nämlich dem technischen und Interdisziplinäre Projektarbeit Fortschritt dem gesellschaftlichen Fortschritt. Den gesellschaftlichen Fortschritt teile ich ausserdem noch in den individuellen und den kollektiven Fortschritt auf. Zum Schluss setze ich mich mit der Frage auseinander, wie Fortschritte und Katastrophen im Zusammenhang zueinander entstehen. Mit dieser Frage assoziiere ich weitere Themen, die sich unter anderem mit der Zukunft der Energiegewinnung und der Medizin befassen.

Die Themen dieser Arbeit stammen aus der Primärliteratur. Mit Hilfe der Sekundärliteratur kann ich diese Themen präziser erläutern. Mein Ziel ist es, den geschichtlichen Hintergrund des Buches aus einem fortschrittskritischen Blickwinkel übersichtlich und spannend darzulegen und damit die Leitfrage zu beantworten.

2. Super-GAU in Tschernobyl

Das Buch Störfall basiert auf dem Unfall von Tschernobyl sowie den daraus resultierenden Folgen. Diese Themen greife ich nun in diesem Kapitel auf und beantworte folgende Teilfrage: Wie hat sich der Super-GAU in Tschernobyl ereignet und welche Folgen ergaben sich daraus?

2.1. Unfallhergang

Wolf (1987) hält fest: «Jenes Ziel in einer sehr fernen Zukunft, auf das sich bis jetzt alle Linien zubewegt hatten, war weggesprengt worden, gemeinsam mit dem spaltbaren Material in einem Reaktorgehäuse ist es dabeigewesen zu verglühen. Ein seltener Fall -»6

Wenn man diese Textstelle stilistisch untersucht, können mit dem Wort weggesprengt zwei Vorkommnisse in Verbindung gesetzt werden. Einerseits kann das Wort als Beschreibung des Unfallhergangs verwendet werden und anderseits wird es als Metapher für den Rückschlag der modernen Technik gebraucht. Bis anhin war der Mensch der Überzeugung, dass der Fortschritt der Technik nur positive Seiten aufzeigt. Nach dem Unfall von Tschernobyl fing man an, die kurzen und langfristigen Ziele der neuartigen Technologie in Frage zu stellen. Aus dem Zitat kann ausserdem entnommen werden, dass bis anhin kein so schwerwiegender Vorfall im Zusammenhang mit dem Scheitern der modernen Technik geschehen war.

Am 26. April 1986 um Mitternacht stand die Welt kurz vor dem schlimmsten atomaren Unfall aller Zeiten. Die Katastrophe ereignete sich im Atomkraftwerk von Tschernobyl, welches sich rund 30 Kilometer entfernt von der gleichnamigen Kleinstadt befindet. Das Kernkraftwerk bestand aus insgesamt sechs Reaktorblöcken, welche Strom produzierten. Der Reaktorblock Nr.4 war eine neue Errungenschaft in der Technik betreffend der Produktion von Strom mit Nuklearstoffen. Dieser Reaktor musste in jener Nacht umfangreichen Wartungsarbeiten und Testläufen unterzogen werden. Im Reaktorblock Nr.4 versagte die Kühlung und aufgrund dessen, fiel die Stromversorgung aus. Mit einem alternativen Pumpenantrieb konnte die Kühlung im Normalfall ersetzt werden, doch die Umschaltung gelang den Ingenieuren nicht. Aus diesem Grund fing die Temperatur in den einzelnen Druckröhren an anzusteigen. Die

Verbrennung des Kühlwassers war grösser als die Zufuhr. Die einzelnen Brennelemente begannen nach und nach zu schmelzen und jegliche Kontrolle über den Reaktor ging verloren. Der Druck im gesamten Reaktor wurde grösser und mit den zusätzlichen, von der Verbrennung der Brennelemente entstandenen Giftstoffen, mutierte der Reaktor zu einer Bombe. Um 01:23 Uhr geschah das Unvermeidbar. Der Reaktor explodierte und die Druckwelle riss das Dach weg. Die hochgiftige und trotzdem unsichtbare Radioaktivität trat aus dem Reaktor vier aus.7

2.2. Folgen

«Der strahlende Himmel. Das kann man nun auch nicht mehr denken.»8

Mit dem Stilmittel Polysem, welches für verschiedene Bedeutungsinhalte oder Begriffe steht,9 wollte die Autorin einen Zwiespalt bewirken. Der strahlende Himmel kann man als positive Aussage verstehen. Anderseits kann aus dem schönen Himmel eine Qual für viele Leute werden. Denn das Wort Strahlen ist ein mystischer Begriff - es bringt positive Gefühle vom hellen Strahlen des Lichts zusammen mit extrem negativen Gefühlen wie den Anblick von Strahlenschutzanzügen bei einem Katastrophenfall.10 Eines ist klar, die radioaktivbeladenen Strahlen stiegen in die Atmosphäre hoch und führten zu kurz- und langfristigen Folgen.

Die unmittelbaren Folgen waren mit dem Tod verbunden. Wegen der Explosion im Reaktorblock starben zwei Personen. Die akute Verstrahlung tötete weitere 28 Leute.11 Exakte Zahlen über die Gesamtsumme der Toten sind jedoch bis heute nicht bekannt.

Tonnenweise radioaktives Material wurde aus dem Kraftwerk geschleudert, der daraus entstandene Rauch stieg hoch in den Himmel. Zuerst breitete sich die radioaktive Wolke in Richtung Schweden aus, erst nach einiger Zeit drehte sich der Wind und die Wolke bewegte sich in Richtung Westen.12 Niederschläge sorgten dafür, dass radioaktive Stoffe wie beispielsweise Jod-131, Cäsium-137 und Strontium-90 auf dem Boden abgelagert wurden.13 So gelangten sie auf Felder und Pflanzen, in Flüsse, Seen und ins Meer und wurden über Nahrungsmittel und Trinkwasser von allen Lebewesen aufgenommen. Die giftigen Materialien gelangten ebenfalls über die Atemluft in den Körper. Die radioaktiven Stoffe führen zu einer inneren Bestrahlung von Zellen und Organen, vor der keine Abschirmung mehr schützen kann.14

In der ersten Phase nach dem Reaktorunfall kamen Nutztiere mit Fehlbildungen zur Welt. Dieser Vorfall löste bei der Bevölkerung grosse Angst aus, welche sich mit steigenden Abtreibungs- und Geburtenraten bemerkbar machte. Die Leute glaubten, dass dies ebenso bei ihren neugeborenen Kindern eintreten könnte. Vor allem Neugeborene, Kinder und ältere Personen waren von den Folgen der Reaktorkatastrophe betroffen. Die erkennbaren Krankheiten bei Kindern waren Schilddrüsenerkrankungen und Leukämie.15 Am schlimmsten waren jedoch die Liquidatoren betroffen,16 welche sich während und nach der Katastrophe von Tschernobyl mit der Eindämmung der Folgen des Unglücks beschäftigten.17

Im Jahr 1970 wurde im Zusammenhang mit dem Bau des Kernkraftwerks Tschernobyl die Arbeiterstadt Prypjat gegründet.18 In der Folge des Reaktorunglücks von 1986 geriet diese Kleinstadt in die 30-km-Sperrzone und musste geräumt werden. Deshalb mussten die Einwohner der Arbeiterstadt schnellst möglichst evakuiert werden.19 «[…] die ersten Evakuierungen aus den umliegenden Ortschaften um den entgleisten Reaktor schon am Sonnabend mittag begonnen wurden und in wenigen Stunden beendet gewesen sein sollen.»20

Aufgrund der damaligen kommunikativen Abschottung der UdSSR, sickerten die Nachrichten erst am 28. April 1986 nach Deutschland durch. In der Sowjetunion herrschte eine absolute Informationssperre, welche zur Beunruhigung der Bevölkerung führte, diese aber hätte verhindern sollen. Die unerfreulichen Nachrichten sollten nicht verbreitet werden. Das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Kernenergie sollte erhalten bleiben. Trotzdem begann in ganz Europa die Angst und die kritische Hinterfragung der atomaren Technik.21

Der Unfall in Tschernobyl stellte das gesamte Atomprogramm in Frage. Bis anhin hatten die Experten behauptet ein GAU komme nur alle 100 Jahre vor. Und selbst wenn er vorkomme, könne der Mensch ihn beherrschen.22 Mez, Gerhold und de Haan (1994) halten fest: «Heute ist die überwiegende Mehrheit der Experten daher einer Meinung: die Energiezukunft gehört den erneuerbaren Energiequellen - Sonne, Wind, Wasser, Erdwärme, Biomasse.»23

3. Fortschritt

Dieses Kapitel bezieht sich auf die Teilfrage: Was ist Fortschritt? Als Erstes zeigt dieses Kapitel den Fortschritt aus der Sicht des Geschichtsdenkens auf. Ausserdem wird der Fortschritt von zwei verschiedenen Seiten analysiert. Einerseits wird der technische Fortschritt im Zusammenhang mit der Industrialisierung, welche für eine grosse Veränderung des Lebens der Menschheit sorgte, aufgegriffen. Anderseits der gesellschaftliche Fortschritt, welcher mit dem technischen Fortschritt verknüpft wird, erörtert.

3.1. Fortschrittsidee im Geschichtsdenken

Im Geschichtsdenken kann jede Epoche als ein Fortschritt gegenüber vergangener Zeit verstanden werden. Die Menschheit wünscht sich mit Hilfe des Fortschrittes eine Entwicklung zu einem optimalen Zustand.24

Mittelstaedt (2008) erläutert den Fortschritt: «Gewöhnlich definieren wir die Summe aller menschlichen Aktivitäten zur Erzielung eines besseren Zustandes, der positive Auswirkungen auf den Einzelnen und damit letztlich für die Gesellschaft beinhaltet, als Fortschritt. Durch ihn sollen in erster Linie die Lebensbedingungen und Zukunftsperspektiven der Menschen verbessert werden.»25

[...]


1 URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Christa_Wolf

2 Vgl. Wolf, 1987

3 URL: http://www.ebook.de/de/product/7961690/christa_wolf_stoerfall.html

4 URL: http://www.schreiben10.com/referate/Literatur/18/Storfall-Nachrichten-eines-Tages---von- Christa-Wolf-reon.php

5 Wolf, 1987

6 Wolf, 1987, 10

7 Vgl. Schumann, 1986, 34 - 35

8 Wolf, 1987, 30

9 URL: https://www.duden.de/rechtschreibung/polysem

10 Vgl. Hehl, 2012, 196

11 Vgl. Coulmas, 2011, 74

12 URL: http://www.youtube.com/watch?v=qZ85bgqJkl4

13 Vgl. Fink, 1986, 110

14 Vgl. Fink, 1986. 118 - 123. URL: http://www.niewiederakw.ch/index.php?lg=1&sec_id=97&s=26

15 Vgl. Lengfelder, 1994, 111 - 116

16 Vgl. Pflugbeil, 2010, 75

17 URL: http:// http://de.wikipedia.org/wiki/Liquidator

18 URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Prypjat_%28Stadt%29

19 Vgl. Wolf, 1987, 72

20 Wolf, 1987, 71

21 URL: http://www.youtube.com/watch?v=qZ85bgqJkl4

22 URL: http://www.youtube.com/watch?v=qZ85bgqJkl4

23 Mez, 1994, 7

24 Vgl. Moltmann, 1994, 21

25 Mittelstaedt, 2008, 19

Details

Seiten
20
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656767152
ISBN (Buch)
9783656767169
Dateigröße
696 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v281757
Note
5.5
Schlagworte
wohin fortschritt eine untersuchung störfall nachrichten tages christa wolf

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