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Säkuläres und religiöses Staatsverständnis in Indien

Referat (Ausarbeitung) 2014 18 Seiten

Sozialwissenschaften allgemein

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Der Hinduismus
2.1 Glaubensinhalte
2.2 Das Kastensystem

3 Die Kolonialisierung Indiens und der Weg in die Unabhängigkeit
3.1 Was ist also Kolonialismus?
3.2 Der mühsame Weg zur Unabhängigkeit Indiens
3.3 Das Ende des British Raj
3.4 Die Entstehung Pakistans

4 Probleme nach der Unabhängigkeit: Indien vs. Pakistan

5 Fazit

6 Exkurs: Hindu-Nationalismus

7 Diskussionsfragen:

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Ein einflussgebender Faktor der indischen Geschichte und seiner Politik ist die Rolle der Religionen im Land. In Indien verteilen sich die Religionen wie folgt: 80,5 % Hindus, 13,4 % Moslems (hauptsächlich Sunniten), 2,3 % Christen, 1,9 % Sikhs, 0,8 % Buddhisten, 0,4 % Jainas und 0,6 % andere: (z. B. Adivasi, Bahai, Parsen) (Census of India, 2001). Der Hinduismus selbst ist aus westlicher Sicht äußerst verwirrend. Hier ein Auszug aus „Hinduismus für Dummies“ zur Verdeutlichung:

„Was ist Hinduismus?

»Was ist Hinduismus?«, fragte ich die Soziologen. »Hinduismus? Das sind viele Kasten und ein kompliziertes soziales Geflecht!«

»Was ist Hinduismus?«, fragte ich die Ethnologen. »Hinduismus? Das sind sehr viele verschiedene Völker mit ganz unterschiedlichen Vorstellungen und Praktiken!«

»Was ist Hinduismus?«, fragte ich die Philosophen. »Hinduismus? Hinduismus ist die Einheit von atman und brahman!«

»Was ist Hinduismus?«, fragte ich die Religionswissenschaftler. »Hinduismus? Das ist der Glaube an viele Götter und gleichzeitig der Glaube an einen Hauptgott!«

»Was ist Hinduismus?«, fragte ich die Indologen. »Hinduismus? Das sind viele heilige und sehr alte Texte in Sanskrit!«

»Was ist Hinduismus?«, fragte ich die alten, ehrwürdigen Brahmanen. »Hinduismus? Das ist der Veda und das Opfer!«

»Was ist Hinduismus?«, fragte ich einige Gläubige. »Hinduismus ist die schmerzhafte, die unerfüllte und doch erfüllende Liebe zu Krishna!«

»Was ist Hinduismus?«, fragte ich die Yogis. »Hinduismus? Ommmmmm!«

»Was ist Hinduismus?«, fragte ich schließlich den Mystiker. »Hinduismus? Weiß ich nicht, aber das weiß ich genau!«“ (Buß, 2009, S. 36).

In dieser Referatsausarbeitung soll die Rolle des Hinduismus und ein Bruchteil der Geschichte Indiens dazu verhelfen, die heutige politische sowie kulturelle Wahrnehmung des Landes zu verstehen und sie einordnen zu können.

2 Der Hinduismus

Der Hinduismus ist je nach Auge des Betrachters etwas anderes und weist große Unterschiede in seiner Interpretation auf. Nach dem Christentum und dem Islam ist der Hinduismus mit knapp einer Milliarde Anhängern die drittgrößte Religion der Erde. Streng genommen besteht der Hinduismus aus verschiedenen Religionen die teilweise zusammengeführt worden sind oder sich gegenseitig beeinflussen. Somit ist er vielmehr als eine Lebensweise zu verstehen, die aus heiligen Schriften, Glaubenslehren und individuellen Riten besteht. Die Hauptreligion der Inder hat keine Gründerperson, sie ist die Verbindung vieler lokaler Götter, Praktiken und Rituale. Der Begriff „Hinduismus“ selbst ist irreführend (Indien Aktuell, 2014). Das Word „Hindu“ stammt aus dem Persischen und bezeichnet den Fluss Indus im heutigen Pakistan. Als die Griechen unter Alexander dem Großen (326 v. Chr.) in Indien vordrangen, bezeichneten sie die Bewohner als „Indoi“, wovon sich das Wort Inder ableitet. Erst in der englischen Kolonialzeit entstand die künstliche Unterscheidung zwischen Indern im säkularen und Hindu im religiösen Sinn, um eine Unterscheidung zu Muslimen und Christen zu finden. Der Unterschied war anfangs kaum erkennbar, da der Hinduismus alle Religionen inkludierte und erst später die anderen Weltreligionen wie Christentum, Judentum und Islam, exkludierte (Stietencron, 2010, S. 7f.).

Laut Mahatma Ghandi ist der Hinduismus eine friedliebende und allumfassende Religion:

"Der Hindu ist in religiösen Fragen der toleranteste und weitherzigste Mensch. Seine Religion verkündet nicht einen besonderen Hindu-Gott oder einen besonderen Hindu-Himmel. Gott eist einer, für Hindus so gut wie für Nicht-Hindus. Und jeder gute Mensch kann in den Himmel kommen. Man braucht kein Hindu zu sein, um ein guter Mensch zu sein, und nicht jeder Hindu ist ein guter Mensch. Im Hinduismus gibt es kein Dogma über `den´ Weg. Es gibt verschiedene Wege, zur Wahrheit zu gelangen und Gott zu verwirklichen." (Schreiben10, 2014).

2.1 Glaubensinhalte

Der Hinduismus begreift die Welt als ein ewiger Kreislauf. In diesem ist Brahman die höchste Realität, die letzte Quelle des Seins. Brahman ist eine universelle und undefinierbare Kraft, die die Welt erschuf. Atman ist dabei die Seele oder das Selbst und sucht stets die Einheit mit Brahman. Die sichtbare Welt wird als Maya bezeichnet, dies ist die Welt wie wir sie sehen, aber sie verbirgt auch eine andere Wirklichkeit. Die Hindus glauben an die Reinkarnation, die Seele wird also nach dem physischen Tod in den Körper eines anderen Menschen oder Tieres, je nach Auf- und Abstieg, wiedergeboren. Dieser ständige Prozess der Reinkarnation wird Samsara genannt. Das Karma wiederum bestimmt die Art der Wiedergeburt. Moksha ist die Befreiung vom Karma, also von Tod, Zerfall, Ärger, Begierde und Maya. Die Befreiung erfolgt durch die Erleuchtung, also der Loslösung von weltlichen Vergnügungen. Erst durch die Erkenntnis, dass das Selbst gar nicht existiert und die Wirklichkeit die Einheit mit Brahman ist, erhält man die Erleuchtung. Zum Erreichen dieser Erkenntnis sind drei Wege möglich. Der erste Weg ist der weltliche, diesen erreicht ein Hindu durch seine Taten und Riten, die der Praxis seiner Interpretation der Religion entsprechen. Durch den zweiten Weg, dem Sannyasa, entsagt der Gläubige gesellschaftlichen Bindungen und Verpflichtungen, um sich selbst verwirklichen zu können (Sphinx-Suche, 2014). Durch die Hingabe (Bhakti) eint sich der Gläubige letztlich vollkommen mit seiner Religion. Dies ist nur ein Beispiel zur Erreichung der Erkenntnis. Der Hinduismus ist sehr chaotisch und jeder Hindu sucht sich seine eigene Form des Glaubens durch unterschiedliche Rituale. Daher gibt es nicht den einen Weg zur Erlangung der Moksha (Hinduismus, 2014).

Der Hinduismus enthält monotheistische, dualistische und polytheistische Richtungen und hat somit kein gemeinsames Glaubensbekenntnis, oder eine zentrale Institution, und doch ist der Wesenskern des Hinduismus friedlich und predigt die „Einheit in der Vielfalt“ (Flood, 2009).

2.2 Das Kastensystem

Die Kaste ist ein besonders interessantes soziales Phänomen der hierarchischen Anordnung von gesellschaftlichen Gruppen. Während die Hindus in ihrer Religion sehr frei sind, sind sie im sozialen Leben, auch nach der theoretischen Abschaffung der Kaste mit der Unabhängigkeit Indiens, stark eingeengt. Die Hindus glauben auch heute daran, dass jeder Mensch aufgrund seines Karmas in eine bestimmte Kaste hineingeboren wird. Die Kastenzugehörigkeit ist vererbbar und die Regeln der Kaste bestimmen das gesamte spätere Leben, von Heirat bis zu der kastenzugehörigen Einnahme von Speisen. In der Mythologie hat es ursprünglich vier Kasten gegeben. Jede Kaste steht für einen Körperteil des Puruscha, des Urvaters der Menschheit. Dabei stellen die Brahmanen den Mund, die Kschatriya die Arme, die Vaishya die Schenkel und letztlich die Shudra die Füße dar. Diese symbolische Aufteilung soll verdeutlichen, dass alle Menschen, egal in welcher sozialen Stellung, wie ein Körper im Kastensystem zusammenarbeiten, und dass jede Kaste notwendig ist, damit die Gesellschaft gesund existieren kann. Heute sind es inoffiziell fünf Kasten. Die fünfte Kaste beinhaltet die Parias, die Unberührbaren. In der indischen Verfassung von 1948 wurde das Kastensystem theoretisch aufgehoben und dennoch ist in der Praxis die Tradition bestehen geblieben.

Die Brahmanen sind die Lehrer, ihre Hauptaufgabe ist es, die Menschen zu führen und sie auf den richtigen Weg zu bringen. Die Brahmanen lehren in diesem Zusammenhang die Rituale und das Wissen der Veden, die heiligen Schriften der Inder. Die Kschatriyas sind die Krieger, sie sind zum Schutz des Landes da. Die Vaishyas sind die Geschäftsleute und die Bauern, sie versorgen die Gesellschaft. Die Sudras oder die Arbeiterklasse tragen zum Wohlergehen der Gesellschaft bei. Die Parias, also die Unberührbaren erledigen die „schmutzige Arbeit“ wie das Entfernen von toten Tieren oder die Straßenreinigung. Das System wurde mit der zunehmenden Arbeitsteilung bestärkt. Die Inder nennen es Varna Dharma, dies soll die nationale Gesundheit der Nation aufrechterhalten (Flood, 2009).

Soziologisch betrachtet basiert das Kastensystem nach Ansicht des Philosophen Célestin Bouglé auf drei Säulen: 1. der Trennung der Gruppen, insbesondere in Bezug auf Heirat und Essen, 2. einer erblichen Arbeitsteilung und 3. der Hierarchie. Dabei stellt Bouglé fest, dass die dominante Kaste nicht immer die der Brahmanen ist, obwohl sie klassisch betrachtet in der Bevölkerungspyramide weit oben dargestellt werden (Michaels, 2006, S. 182f.).

Etwa 16,6 Prozent der indischen Bevölkerung werden laut der Volkszählung von 2011 als Unberührbare klassifiziert, die zum größten Teil unter ärmlichen Bedingungen leben. In der Kasten-Hierarchie wird gerade die Grenze zu den untersten Kasten besonders betont. Die Unberührbaren müssen räumlich getrennt in Siedlungen außerhalb der Dörfer leben. Sie werden, wenn auch nach indischer Gesetzgebung illegal, oft am Betreten von Tempeln oder an der Benutzung von Brunnen gehindert. Die Kaste spielt in der heutigen Politik Indiens eine große Rolle. Während die eine Seite versucht das Kastensystem auch im Alltag Indiens zu brechen, profitieren andere Parteien von kastenspezifischen Wählern (Skoda, 2014).

3 Die Kolonialisierung Indiens und der Weg in die Unabhängigkeit

Die Geschichte eines Landes ist prägend für seine Gegenwart. Die indische Geschichte ist hierbei sicherlich keine Ausnahme. Zur Verdeutlichung, wie groß die Rolle der Entstehung des heutigen Indiens ist, soll im Rahmen dieses Referates die britische Kolonialisierung des Landes und die Erlangung seiner Unabhängigkeit die Basis zum politischen Verständnis Indiens aber auch der daraus entstandenen anderen Länder dargestellt werden.

Indien war von 1757 bis 1947 eine britische Kolonie. Die britische Handelskompanie eroberte mit Hilfe des britischen Staates Indien in kleinen Schritten. Dieser Prozess der partiellen Eroberung dauerte 250 Jahre lang von 1600 - 1857. Indien wurde jedoch nicht von Großbritannien annektiert, wie es Eroberungen ursprünglich zur Folge hatten. Um die Kolonialisierung Indiens und dessen Folgen zu verstehen, ist zunächst eine Erklärung zum Kolonialismus an sich notwendig.

3.1 Was ist also Kolonialismus?

Kolonialismus ist der Vorgang einer Landnahme unter Errichtung einer Fremdherrschaft. Indien war nie eine Siedlungskolonie wie etwa Kanada oder Australien, sondern anfangs eine Stützpunktkolonie und später eine Herrschaftskolonie. Interessanterweise wurde Indien mit sehr geringem personellen Aufwand erobert. So kamen 1901 170.000 Briten auf 294 Millionen Inder, im Jahre 1921 war das Verhältnis nur noch 157.000 Briten auf 306 Millionen Inder (TIBS, 2014). Es stellt sich hier also die Frage, warum die Inder sich nicht zu Wehr gesetzt haben. Diese Frage lässt sich nur durch die Entwicklung Indiens beantworten.

Eine wirtschaftlich orientierte Definition von Kolonialisierung lautet:

„Kolonialismus ist ein Verhältnis, bei dem eine gesamte Gesellschaft ihrer historischen Eigenentwicklung beraubt, fremdgesteuert und auf die - vornehmlich wirtschaftlichen - Bedürfnisse und Interessen der Kolonialherren hin umgepolt wird“ (Osterhammel, 1997, S. 97).

Nach Michel Foucault beinhaltet Kolonialisierung allerdings neben wirtschaftlichen Aspekten auch soziale und psychologische Komponenten. Die Konstruktion einer kolonialen sozialen Ordnung sei notwendig, um eine Kolonie so zu beeinflussen, dass sie sicher ist. Die Briten legitimierten die Kolonialisierung Indiens mit einer nach heutiger Ansicht rassistischen Strategie. Die Briten diktierten den Indern, dass es die „Bürde des weißen Mannes“ sei Indien zu regieren. Diese Ansicht prägt das indische Volk bis heute (pbs, 2008).

Laut Jürgen Osterhammel sind sechs Schritte zur erfolgreichen Kolonialisierung eines Landes notwendig. Diese sollen nun aufgeführt und auf Indiens Beispiel übertragen werden:

1. die Sicherung eines effektiven Handelsmonopols
2. die Sicherung der militärischen Dominanz und die Entwaffnung der indigenen Bevölkerung
3. die Sicherung von Steuereinnahmen
4. die Stabilisierung des Kolonialstaates durch rechtliche Regulierungen und eine Bürokratisierung
5. das Eingreifen in die kolonialisierte Gesellschaft durch Reforminitiativen
6. Aufrechterhaltung kolonialer Machtstrukturen durch den Aufbau und die Sicherung eines territorialen Verwaltungsstaates und die gleichzeitige Ausdehnung der kolonialen Wirtschaft, auch in Zusammenarbeit mit indigenen Eliten (Osterhammel, 1997, S. 38f.).

[...]

Details

Seiten
18
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656759560
ISBN (Buch)
9783656763499
Dateigröße
636 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v281592
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel – für Sozialwissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Geschichte Indien Kolonialisierung Staatsverständnis Religion Hinduismus Pakistan Soziologie Politikwissenschaft Politik British Raj Hinu-Nationalismus Hindu Nationalismus

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Titel: Säkuläres und religiöses Staatsverständnis in Indien