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Buchkultur und digitaler Text. Zum Wandel der Buchkultur im digitalen Zeitalter

Masterarbeit 2013 73 Seiten

Medien / Kommunikation - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Themeneingrenzung, Vorgehensweise und Fragestellung
1.2. Der Konflikt zwischen Buchdruck und Elektrizität in der Medientheorie Marshall McLuhans
1.3. Begriffsklärung: Buchkultur

2. Bücher und digitaler Text, Schreiben und Lesen
2.1. Text und seine Zustände
2.1.1. Das Papierbuch
2.1.2. Digitaler Text, Textnetzwerke und Hypertext
2.1.3. E-Books und ihr Bezug auf das Buch
2.2. Schreiben unter den Vorzeichen digitaler Technologie
2.3. Lesen
2.3.1. Lesen in unterschiedlichen Darstellungsmedien
2.3.2. Konzepte des Lesens

3. Die Debatte um Buch und Lesen angesichts digitalen Texts
3.1. Die Bedeutung des Lesens
3.2. Die Propheten des Hypertexts
3.3. Die Apologeten des Buches
3.3.1. Rückblick: Die Einführung des Buchdrucks
3.3.2. Buchkultur angesichts des digitalen Wandels
3.4. Die marktwirtschaftliche Buchkultur
3.4.1. Verlage und ihre sich wandelnde Rolle
3.4.2. Digitale Ökonomie: Der Online-Handel mit Büchern und digitalem Text

4. Fazit
4.1. Deutungshoheit des Digitalen?
4.2. Die kulturelle Integration digitalen Texts

5. Literaturverzeichnis

6. Eigenständigkeitserklärung

1. Einleitung

Das Buch spielt eine tragende Rolle in der Entwicklung der (westlichen) Zivilisation. Die Entwicklung der Schrift bot die Möglichkeit, Wissen über weite räumliche und zeitliche Distanzen zu transportieren. Über die Wahl von Papier als Trägermedium, dem gebundenen Kodex als Form und dem Buchdruck als Produktionsmethode erlangte das Buch seine heutige Gestalt. All dies hat nicht nur zu der Art und Weise beigetragen, wie wir heute denken und fühlen. Ohne diese Erfindungen wäre auch die technologische Entwicklung nicht möglich gewesen, die (folgt man einigen Darstellungen) schließlich zum beinahe gänzlichen Verschwinden des Buches führen könnte: Die Informationstechnologie und in ihrem Herzen der digitale Code.

Je mehr sich durch das Digitale ermöglichte Formen des Schreibens und Lesens, Geschäftsmodelle, ja Lebensentwürfe durchsetzen, desto mehr gehen die Vertreter einer klassisch orientierten Buchkultur auf die Barrikaden. Doch woher stammt dieses Konfliktverhältnis? Und was soll das überhaupt sein, eine „Buchkultur“? Worin unterscheiden sich Buch und digitaler Text, und was bedeutet das für eine Gesellschaft, die sich auf dem Buch gründet und in der sich digitaler Text immer mehr durchsetzt?

Es sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass die beiden Elemente des Titels „Buchkultur“ und „digitaler Text“ sich auf unterschiedlichen sprachlogischen Ebenen bewegen. Sie können nicht als einfaches Gegensatzpaar aufgefasst werden. Während „Buchkultur“ auf den weiteren Rahmen verweist, den auf dem Buch beruhende gesellschaftliche und individuelle Prozesse definieren und ausfüllen, handelt es sich bei „digitaler Text“ um eine konkrete Form, die Text annehmen kann. Natürlich gibt auch das Buch dem Text eine spezifische Form, die im Folgenden auch zu behandeln sein wird. Es wurde allerdings darauf verzichtet, im Titel von einer „Digitalkultur“ zu sprechen, da es konkret um das Verhältnis des Digitalen zum Buch geht. Der Begriff einer „Digitalkultur“ wäre deutlich weitläufiger und würde insofern, falls es denn überhaupt eine Definition für ihn gibt, deutlich über den Fokus der Arbeit hinausführen. Trotzdem müssen natürlich grundsätzliche kulturelle Voraussetzungen der Technologie digitalen Texts geklärt werden.

1.1. Themeneingrenzung, Vorgehensweise und Fragestellung

Im Folgenden wird einleitend die Medientheorie Marshall McLuhans erläutert, die grundlegend für das oben bereits angeschnittene Konfliktverhältnis zwischen Buch(druck)kultur und digitalen Medien ist. Außerdem soll der recht schwammige Begriff „Buchkultur“ konturiert werden, um eine Basis für das Folgende zu liefern.

In Kapitel 2 werden zunächst die verschiedenen Erscheinungsformen von Text näher besprochen. Was ist Text, und wie unterscheidet er sich medienästhetisch als Buch, digitaler (Hyper-) Text oder E-Book? Es wird notwendig sein, auf die historische, materielle und symbolische Dimension des Buches einzugehen, um ein umfassendes Bild zu erhalten. Nach einer Definition digitalen Texts gilt es noch zu klären, inwiefern das E-Book ein buchartiges Phänomen ist. Die hier gewonnenen Erkenntnisse sollen dann in eine Betrachtung des Schreibens, vor allem aber des Lesens unter den jeweiligen medialen Bedingungen münden.

Schreiben und Lesen sind zwei Seiten derselben Medaille – Schreibende sind immer auch Lesende, und gelesen werden kann nur, was vorher geschrieben wurde. Digitaler Text und seine Technologie beeinflussen beide Techniken. In weiten Teilen ist die Debatte um Buchkultur eine Debatte um den Umgang mit Text, d.i. der Umgang mit Text als Artefakt oder Produkt. Für das Schreiben als Teil der Produktion dieses Produkts ist nicht die inhaltliche Frage entscheidend – also ob durch digitales Schreibzeug andere Texte entstehen – sondern die mediale, also welche Effekte das digitale Schreiben auf einen Text als Medienprodukt hat. Der Schreibprozess selbst ist aber für die Herstellung eines Textprodukts weniger bedeutsam als die Rezeptionserwartungen und Zwecke, für die es konzipiert wird. Diese Arbeit wird sich dem Konflikt zwischen Buchkultur und digitalem Text vorrangig von der Seite des Lesens annähern, um das sich gegenseitig bedingende Verhältnis von Schreiben und Lesen aufzubrechen. Der Einfluss, den digitale Technologie auf das Konzept des Schreibens hat, wird in Kap. 2.2 angerissen, um eine Basis für das Folgende (auch in Bezug auf Fragen der Autorschaft) zu liefern. Der Fokus dieser Arbeit soll auf dem Buch und seiner konflikthaften Transformation durch den Einfluss des Digitalen liegen. Daher wird auf die Techniken des Lesens und Schreibens und ihren Wandel im Digitalen nur soweit eingegangen, wie dies nötig ist, um die Positionen, Assoziationen und Effekte im Bereich des digitalen Wandels der Buchkultur zu verstehen. Der Frage nach dem Lesen nähert sich die Arbeit vorerst durch die Klärung der Frage, ob und wie in verschiedenen Darstellungsmedien (v.a. Buch, E-Book, Tablet-PCs) unterschiedlich gelesen wird. Danach wird, auch in Hinblick auf das Vorangegangene, ein Bild von Konzeptualisierungen des Lesens zwischen den verschiedenen Zuständen von Text entworfen.

Während vor allem die Betrachtung des Lesens sich in Kapitel 2 noch auf empirisch orientierte Quellen stützt, um ein Bild von der erfahrbaren Veränderung in diesem Bereich zu erhalten, wird das Lesen zu Beginn des dritten Kapitels zur Grundlage für kulturtheoretische, hermeneutisch orientierte Deutungen und Be‑Deutungen. Welche Erwartungen und Ansprüche werden an das Lesen als Kulturtechnik gerichtet? In diesem Zuge werden auch die kulturellen Deutungsmuster, die in der technologischen Entwicklung des digitalen (Hyper-)Texts wirksam sind, erläutert (Kap. 3.2). Die Vertreter der Buchkultur, die sich angesichts des Vormarsches digitaler Technik in einer Verteidigungshaltung befinden, sind Gegenstand des folgenden Kapitels. In einem kurzen historischen Rückblick kann die Betrachtung der Prozesse um die Einführung des Buchdrucks die heutige Situation erhellen. Danach sollen die Argumentationslinien jener Vertreter im Zusammenhang mit Buch (‑kultur) und digitalem Text untersucht werden (Kap. 3.3.2). Viele dieser Argumente werden von Akteuren der Buchwirtschaft vorgebracht oder befassen sich mit ihr. Das Kapitel schließt daher mit einer Betrachtung der marktwirtschaftlichen Buchkultur und dem Einfluss des „digitalen Wandels“ (also der gesamten Digitaltechnik, nicht nur des digitalen Texts). Der Buchhandel und insbesondere Verlage sind maßgebliche Mitgestalter dessen, was als Buchkultur gilt. Die gewachsenen Marktstrukturen waren dabei immer auch Resultat der medialen Bedingungen ihres Produkts. Es ist daher nur folgerichtig zu fragen, wie sich die Branche durch das veränderte Produkt wandelt bzw. was das Produkt eigentlich ist.

Abschließend soll ausgehend vom bis dahin Gefundenen der Frage nachgegangen werden, ob und inwiefern man bereits von einer Deutungshoheit des Digitalen sprechen kann und wie diese sich darstellen würde. Sind, zugespitzt formuliert, der global vernetzte digitale Text und seine technologischen wie gesellschaftlichen Apparate das Ende des gedruckten Buches und ihrer Jahrtausende alten Kultur? Ein Ausblick auf die Zukunft von Buch, digitalem Text, ihre jeweilige gesellschaftliche Bedeutung und ihrem Verhältnis zueinander bildet den Abschluss dieser Arbeit.

1.2. Der Konflikt zwischen Buchdruck und Elektrizität in der Medientheorie Marshall McLuhans

Woher stammt also der Gedanke, das Buch und digitaler Text seien irgendwie gegensätzliche mediale Formen? Marshall McLuhan beschreibt in seinem 1962 erstmals erschienen Buch „The Gutenberg Galaxy. The making of typographic man“[1] den Buchdruck als maßgebliche Erfindung für eine typographische Epoche, die für ihn im Prinzip nur bis zur Mitte des 18. Jh. reicht – die von ihm so genannte „Gutenberg-Galaxis“. Durch den Buchdruck und die von ihm erforderlichen und beförderten Wahrnehmungsmuster sei überhaupt erst eine Vorstellung von Uniformität und Linearität in Zeit und Raum entstanden. Diesen Vorstellungen folgte auch die Gestaltung persönlicher Beziehungen, so dass neben dem alten Verständnis von allgemeinverbindlichen Rollen ein Individualismus im Verständnis von Person, Beziehung und Funktion entstand (vgl. McLuhan 1995, 13-18). McLuhans Grundthema aber ist die Entäußerung der menschlichen Sinne und Körperfunktionen durch Medientechnologien.

Wer zum erstenmal den Einbruch einer neuen Technik erlebt – handle es sich um das Alphabet oder das Radio –, reagiert auf äußerst lebhafte Weise, weil die neuen Sinnesverhältnisse, die von der technischen Erweiterung des Auges oder Ohres geschaffen werden, den Menschen vor eine überraschende neue Welt stellen, die eine nachhaltige ‚Schließung‘ oder ein neuartiges Muster des Wechselspiels zwischen allen Sinnen hervorruft. Aber der anfängliche Schock nimmt allmählich ab, wenn sich die ganze Gemeinschaft dem neuen Wahrnehmungshabitus anpaßt und ihn tatsächlich auf allen Gebieten ihrer Arbeit und ihres Zusammenlebens absorbiert. Die eigentliche Revolution jedoch besteht in dieser späteren und längeren Phase der ‚Anpassung‘ des gesamten persönlichen und gesellschaftlichen Lebens an das durch die neue Technik geschaffene neue Wahrnehmungsmuster (McLuhan 1995, 27f).

Die Technologie, die für McLuhan die typographische Epoche ablöst, ist die Elektrizität, und seit der Einführung der Telegraphie befänden wir uns in dieser „Phase der Anpassung“. Das Verständnis von Raum und Zeit sei von Einstein und der modernen Physik relativiert worden. Insgesamt, so McLuhan, befinden wir uns durch die Elektrizität auf dem Weg zu äußerster globaler Interdependenz und einer Welt simultaner Ereignisse[2] (vgl. ebd. 35ff).

In Anlehnung an die Sage von Narziss schildert McLuhan (1968, 50ff) die Geschichte der Kommunikationsmedien als Geschichte der Ausweitung des Menschen in seinen „Apparaten“ (ebd.), von der er fasziniert ist. Gleichzeitig sei diese Ausweitung als „Selbstamputation“ (ebd.) zu verstehen, die einen Schock verursache, der „jede Erkenntnis unmöglich macht“ (ebd. 51). Jeder Medienwandel verursacht also diese Hypnose, die verhindert, dass das Medium in seinen Auswirkungen und seinem Wesen präzise erkannt wird. Auch die Verarbeitung dieses kollektiven Schocks ist Teil der Anpassung an das neue Medium.

Es ist wichtig für das Verständnis von McLuhans Theorie, dass er die Schriftmedien (vor allem die typographischen) mit dem Visuellen assoziiert. Orale Kulturen hingegen sind für ihn taktil und unmittelbar. Das Visuelle als Leitmedium erlaube erst Schematisierung und Abstraktion (vgl. ebd. 33). Ebenso sieht er in der „Uniformität und Wiederholbarkeit der Typographie-Eigenschaften – die der Manuskriptkultur ganz fremd sind – […] die notwendige Vorstufe eines vereinheitlichten oder bildartigen Raumes“ (ebd. 139f). Durch all dies verlieren Wörter im Buchdruck ihre magischen (eigenmächtig handelnden) Kräfte, die sie sowohl in den unmittelbaren auditiven Kulturen wie auch in der Manuskriptkultur hatten, und erhalten einen rein geistigen "Sinn" sowie "Bedeutung" (ebd. 23).

Die elektrischen und elektronischen Medien sieht McLuhan nun wieder als auditiv und taktil an. Für Medien wie Telegraphie, Radio und Fernsehen ist dies unmittelbar ersichtlich. Bei den digitalen Medien wie dem Internet wird es spannend: Oft wird das World Wide Web[3] (im Folgenden: WWW) als Lesemedium, also visuelles Medium beschrieben. Bilder wie Klänge werden in Digitalcode, also in Text umgewandelt. E-Reader-Geräte sind, obwohl auf digitaler, also elektronischer Technik basierend, in vielerlei Hinsicht Bücher und folgen damit den Maßgaben der (auf Visualität basierenden) Buch(druck)kultur (vgl. Kap 2.1.3). Allerdings bestimmt das Digitale die Technik des Umgangs mit diesen Lesegeräten. Der Kultur des Buchdrucks entstammende Konzepte, Texte, Geräte sind eingebettet in eine veränderte Kultur des Umgangs mit ihnen. Oder, wie McLuhan formuliert: „Die Buchdruckphase sieht sich heute nun den neuen organischen und biologischen Formen der elektronischen Welt gegenüber. Das heißt, sie wird heute am äußersten Punkt ihrer mechanistischen Entwicklung […] vom Elektrobiologischen durchdrungen.“ (1995, 57) Als Beispiel für das „Elektrobiologische“ mag der Hypertext gelten. Mit den Mitteln digitalen Texts wurde hier eine Struktur geschaffen, die sich ganz deutlich an der zerebralen orientiert (vgl. Kap 2.1.2 und v.a. Kap 3.2).

Abschließend ist zu sagen, dass McLuhans Theorien, die so umwälzend wie querlaufend zum wissenschaftlichen Kanon bis dato sind, bis heute ambivalent bleiben. In dem weiten Bogen, den sein Werk von den Anfängen der Schriftkultur (und davor) bis ins elektronische Zeitalter schlägt, finden sowohl Vertreter einer klassischen Buchkultur wie auch Visionäre einer digitalen Zukunft theoretische Affirmation. Dabei überwindet McLuhan jene kulturpessimistische Position, den Menschen durch seine Medien und Maschinen determiniert zu sehen (vgl. Dreyer 2005, 5f).

1.3. Begriffsklärung: Buchkultur

Das Wort „Buchkultur“ ist voraussetzungsreich: Vorsicht ist beim Umgang damit geboten, denn allzu leicht könnte man der (positiv) wertenden Konnotation des Wortes „Kultur“ verfallen. Eine brauchbare Beschreibung dessen, was mit Buchkultur – vorerst auch hier – gemeint ist, findet sich bei dem Literatur- und Kommunikationswissenschaftler Michael Gieseke:

Die Industrienationen haben das sprachliche Wissen in unseren Köpfen und in den Büchern zum einzig glaubwürdigen Spiegel der Umwelt erklärt. Sie erfanden den Buchmarkt als interaktionsarmes Vernetzungsmedium zwischen den Menschen. […] Ihre Identität fanden die Industrienationen in Europa als Buchkultur. In das Medium ‚Buch‘ übersetzte man alle Informationen, die wertvoll genug schienen, an die nachfolgenden Generationen vererbt zu werden. In diesem Medium führte man die Auseinandersetzungen über die Grundwerte der Gesellschaft. Mit seiner Hilfe normierte man die gesellschaftliche Wissensproduktion und überhaupt das soziale Handeln. Ohne dieses Medium keine allgemeine Schulpflicht, keine Aufklärung, keine industrielle Massenproduktion und auch keine Wissenschaft, die nach allgemeinen Wahrheiten sucht. Und umgekehrt: Ohne die Marktwirtschaft und die Industrie hat sich nirgendwo das Phänomen herausgebildet, das wir als Buchkultur beschreiben (Gieseke 2002, 11).

Dies verdeutlicht im Ansatz die Tragweite des Begriffes Buchkultur und die Bedeutung ihres zentralen Gegenstandes. Als „Startschuss“ für diese Entwicklung wird im Allgemeinen der Buchdruck angesehen. Über das neue Setzverfahren und die Druckerpresse hinaus waren laut Michael Gieseke (2002, 57f) jedoch noch mehrere andere Faktoren nötig, um das Buchkultur genannte Phänomen zu erzeugen, das die massenhafte und mehr oder wenige simultane Nutzung von Informationen ermöglichte: Die Distribution der Druckerzeugnisse erfolgte nicht mehr (ausschließlich) auf den alten institutionellen Bahnen, sondern über einen freien Markt. Ganz neue Formen von Informationen, die noch nicht handschriftlich oder mündlich tradiert wurden, wurden für Verbreitung im Druck gewonnen. Autoren probierten Formen der Wahrnehmung und Darstellung, die dem neuen Verfahren angemessen waren. Des Weiteren änderte sich auch das Verhalten der Leser, die sich an die speziellen Regeln des veränderten Mediums anpassten.

Kritisch ist die Frage nach „wertvollen“, also zu vererbenden Informationen – in der Tat wurden mehr und andere Informationen seit dem Buchdruck konserviert. Der Begriff der Buchkultur für minderwertige Bücher ist „Schund“ – gibt es durch digitale Schreib- und Verbreitungstechnologie jetzt mehr davon, oder wird mehr davon veröffentlicht (vgl. Zeh/Krüger/Malchow 2012)? Stets gab es Bücher, die bestimmten Wertkriterien nicht genügten, aber vielleicht ist diese Form der Bewertung im digitalen Medium nicht mehr angemessen (vgl. Kap. 3.1).

Der Zusammenhang von Wirtschaft und Buchkultur, das „doppelte Gesicht“ des Buches als Medium, das Inhalte transportiert (bzw. selbst einen Inhalt darstellt - „The medium is the message“) und Produkt (also Ware) ist essentiell. Dies wirft die zu behandelnde Frage auf, wie sich dieses Verhältnis unter dem Einfluss der von digitalem Text bestimmten Medien wandelt. Welche Verwerfungen und Feindbilder entstehen? Wie genau wird dieser Wandel aktuell behandelt? Einen Ausblick darauf gibt ebenfalls Gieseke:

Da die einmal von den Individuen und sozialen Gruppen angeeigneten Selbst- und Umweltkonzepte Teil ihres Systems und ihrer Identität geworden sind, kann eine Abkehr von ihnen nicht ohne Versicherungsphasen, Trauerarbeit und viele nostalgische Rückfalle in vergangene Verhaltensformen ablaufen. Diese Abkehr wird umso schwieriger, weil soziale Institutionen, die unser Leben (noch) bestimmen, mit der typographischen Kommunikationsform und ihren spezifischen Erkenntnisweisen und Theorien entstanden sind. Wer die Ambivalenzen der Buchkultur aufdeckt, rüttelt auch an der Legitimität dieser Institutionen. Man kann nicht die Risiken der Buchkultur aufdecken, ohne beispielsweise die allgemein bildenden Schulen, die wahrheitssuchenden Wissenschaften und Universitäten, unsere rückkopplungsarme parlamentarische Demokratie und manches mehr in Frage zu stellen (Gieseke 2002, 39).

Im politischen Parteienspektrum ist die Piratenpartei diejenige, die viele dieser gegenwärtigen Transformationsprozesse bündelt: Entstanden als Ein-Thema-Partei, die das unter dem Eindruck des gedruckten Buches und seinem Markt entstandene Urheber- und Leistungsschutzrecht unter den Vorzeichen des Digitalen neu formulieren wollte, ist es angesichts obiger Darstellung nur folgerichtig, dass auch ein Neudenken der „rückkopplungsarmen parlamentarischen Demokratie“ (Stichwort Liquid Democracy) versucht wird. Unabhängig davon, wie man den Hype und das anschließende Abflauen des Erfolgs dieser Partei beurteilt, ist sie ein Indiz für die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit den Folgen des digitalen Wandels. Die Piratenpartei wendet sich (in Teilen bewusst) von der Buchkultur im obigen Sinne ab. Insofern wird es auch interessant sein, zu beobachten, wie von ihr weitere, weniger direkt mit dem Buch zusammenhängende Themen aufgegriffen und diskutiert werden. Dabei darf allerdings nicht außer Acht gelassen werden, dass noch weitere Faktoren, zum Beispiel die Dynamik der Selbstorganisation großer Gruppen oder auch Faktoren des demokratischen Procedere hier maßgebliche Rollen spielen.

Doch dies nur am Rande. Der Medienphilosoph Vilém Flusser führt weiter aus, welche elementaren Effekte auf das menschliche Dasein diese gesellschaftliche Fokussierung auf das Buch und im weiteren Sinne auf das Papier und die Drucktype hat:

Wir bewohnen Papier, wir sind daran gewöhnt, und da es so gewöhnlich ist, so ordinär, haben wir es geheiligt, um es überhaupt noch unter der Decke seiner Gewöhnlichkeit wahrnehmen zu können. […] Das Papier ist für uns jene Unterlage, die alle unsere Erlebnisse und Erkenntnisse aufsaugt […]. Was nicht zu Papier zu bringen ist, steht für uns im Verdacht, daß es nichts ist (Flusser 2002, 92).

Nicht nur, dass das Papier bedingt, was wir als „wirklich“ (im Sinne von „Wirkung“) ansehen[4] – laut Flusser entstand mit dem Buch und seinen technologischen Entwicklungen auch eine bedrohliche Denkart der westlichen Kultur:

Die Drucksache reicht weiter, über die Industrierevolution hinaus bis in die nachindustrielle Gesellschaft. Sie ist der Keim der gegenwärtig emportauchenden Verachtung für charakteristische Gegenstände und der Hochachtung der typischen, ‚reinen‘ Information. […] Als mit Gutenberg den Schreibenden bewußt wurde, daß sie ‚Informatiker‘ sind, konnte sich die typisierende Denkart auf allen Kulturgebieten entfalten. Sie besteht darin, Typen zu erfinden, sie den Charakteren der Welt anzupassen, sie fortschreitend zu verbessern und sie sodann auf die Welt zu drücken. […] Allerdings gibt es Anzeichen dafür, daß der Sieg des typisierenden Denkens, dieses modifizierten Realismus, über den bisher unterdrückten Nominalismus nicht definitiv ist. […] Denn dieser Fortschritt - der Wissenschaft, Technik, Wirtschaft und Politik - aus der konkreten Sache hin zum abstrakten Typ weist sich langsam, aber sicher als verderblicher Wahnsinn aus: beispielsweise in Auschwitz, in der thermonuklearen Rüstung, in der Umweltverschmutzung, kurz in den alles universalisierenden und typisierenden Apparaten. […] Das Buchdruckdenken ist dabei, überholt zu werden (Flusser 2002, 53f).

An Flussers Perspektive ist besonders interessant, dass er die übliche Perspektive kulturell-moralischer Überlegenheit, aus der die Buchkultur argumentiert, hinterfragt. Auch wenn der Zusammenhang, den er herstellt, nicht monokausal ist – es handelt sich ja um sehr abstrahierte Betrachtungen von hochkomplexen Prozessen – verdeutlicht die Darstellung doch die enormen kulturellen Implikationen der Medienfrage. Bevor jedoch eine Diskussion der Debatte des gegenwärtigen Wandels geschehen kann, widmet sich diese Arbeit ausführlicher den Voraussetzungen der Medien selbst.

2. Bücher und digitaler Text, Schreiben und Lesen

2.1. Text und seine Zustände

Auch wenn diese Arbeit nicht vorrangig texttheoretisch arbeitet, braucht sie doch einen Textbegriff. Im „Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie“ findet sich folgende Definition:

Der Text drückt ein übergeordnetes Thema, das aus untergeordneten Themen bestehen kann, sowie eine semantische Ganzheitlichkeit aus, die dem Text einen Sinn verleihen. Die Teile des Textes sind thematisch und semantisch durch Kohärenz und Kohäsion verbunden […]. Der Text ist Prozeß und Ergebnis einer kooperativen Tätigkeit. Der Textproduzent wählt ein Handlungsziel (seine Intention) und ein Thema, plant und verwirklicht die Texterzeugung; er setzt dazu gesellschaftliche(s)/individuelle(s) Erfahrungen und Wissen ein. Der Textempfänger aktiviert ein sozial, situativ, enzyklopädisch und sprachlich determiniertes Rezeptionsverhalten (Nünning 2004, 650).

Diese Definition stößt spätestens bei der Betrachtung von Hypertext an ihre Grenzen: Die Texterzeugung und damit auch ihre Intention liegt nicht mehr unbedingt in der Hand eines geschlossenen Systems von Textproduzenten; Kohärenz und Kohäsion sowie semantische Ganzheitlichkeit lösen sich auf (vgl. Kap. 2.1.2., auch 2.2). Dennoch bietet diese Definition eine gute Arbeitsgrundlage für diese Untersuchung. In Bezug auf Bücher und digitale Texte wird zudem von folgender Prämisse ausgegangen:

Im Grunde bildet jedes Informationssystem seine eigene Informationswelt, die Computer deshalb eine andere als das Typographeum, das Skriptorium eine andere als das psychische System des einzelnen Menschen. Die Auffassungen darüber, welche Informationswelt – oder welche Informationsmedium – als selbstverständlich und natürlich gilt, haben sich in der Geschichte im Zuge der technischen Entwicklung immer wieder geändert. […] Der Eindruck der ‚Natürlichkeit der Buchwirklichkeit‘ konnte in den letzten 200 Jahren wohl nur entstehen, weil die Konstruktionsprinzipien dieser Wirklichkeit den Europäern so selbstverständlich geworden sind, dass sie ihnen nicht mehr auffallen (Gieseke 2002, 139).

Doch wodurch zeichnen sich die jeweiligen „Informationssysteme“ (die auch Wissenssysteme sind) Buch und digitales Textnetzwerk aus? Was sind ihre medienästhetischen Voraussetzungen?

2.1.1. Das Papierbuch

Das (gedruckte) Buch ist das zentrale Element der oben beschriebenen, sich über lange Zeit als Buchkultur verstehenden Gesellschaft der Neuzeit. Im Folgenden sollen seine medienästhetischen Voraussetzungen erörtert werden.

Das Buch als ausgereifte Technologie

Ist das Buch eine ausgereifte Technologie, ein non plus ultra des Lesens, wie eine gängige Argumentationslinie lautet? Richtig ist, dass das Buch und seine Bestandteile einen langen, quasi-evolutionären Prozess durchlaufen haben, der maßgeblich von Lektürepraktiken und -bedürfnissen geprägt war (vgl. Chartier/Cavallo 1999, 9ff). Technologische Entwicklungen wie der Buchdruck (oder die Bindung von Blättern zu Kodizes, die Einführung von Interpunktion, Indizes und Spalten, das Bücherrad[5] und viele andere mehr) fanden ja nicht im leeren Raum statt, sondern immer unter dem Eindruck eines Bedürfnisses, das erfüllt werden musste, sollte oder konnte. Ob eine Idee zur einer technologischen Entwicklung überhaupt erst entsteht und dann auch noch Anklang findet, hängt immer vom historisch spezifischen Kontext ab, in dem sie steht. Es ist im Nachhinein relativ leicht nachzuzeichnen, aber unmöglich vorauszusehen, welche Faktoren zur Verbreitung einer Erfindung beigetragen haben.

Um das Buch wurden im Laufe der Zeit eine Vielzahl von Techniken sowohl der Rezeption (z.B. Lesen, Blättern etc.) als auch der Produktion (Kodizes, Textgliederungen etc.) ausgebildet, die den Umgang mit dem Text erleichtern sollten. Diese standen immer im Zusammenhang mit historisch spezifischen Ansprüchen an das, was der Text in seiner Form als Buch leisten sollte. Viele dieser heute üblichen Techniken entstanden schon vor dem Buchdruck, im 11. bis 14. Jahrhundert, durch scholastische Gelehrte. Die neuen Arten und Zwecke, vom Buch Gebrauch zu machen, gingen einher mit einer enormen Zunahme des Schrifttums auf allen Ebenen ab dem 12. Jahrhundert (vgl. Hamesse 1999, 164f). Das Buch wurde zunehmend ein intellektuelles Arbeitsinstrument, das zum Zwecke des Studiums und der Erstellung von Kommentaren funktionalisiert wurde. Die Methode der Compilatio (das Schreiben aus Versatzstücken) war ein Produktionstechnik, das neue Ansprüche auch an das Lesen stellte. Waren im Frühmittelalter Orientierungsmerkmale noch hauptsächlich in Form von Verzierung, farblicher Abhebung und unterschiedlichen Schriften vorhanden, entstanden nun immer mehr Techniken, die die Arbeit mit dem Text erleichtern sollten: Die Unterteilung der Seite in zwei (leichter lesbare) Spalten, die Gliederung der Texte in Sequenzen (leichtere Auffindbarkeit und Nachschlagbarkeit), Rubriken, Absatzzeichen, Kapitelüberschriften, Zusammenfassungen, Inhaltsverzeichnisse, alphabetische Register etc. (vgl. Chartier/Cavallo 1999, 30-37). Dies erleichterte die ausschnitthafte Lektüre und ein überblicksartiges Wissen, das mit der Zunahme des Schrifttums notwendig geworden war.

Der Apparat aus Überschriften, Kommentaren und separaten Abhandlungen diente den scholastischen Gelehrten zur „Modernisierung“[6], d.h. zur Eingliederung in den Kanon antiker Quelltexte (vgl. Grafton 1999, 268). Dies stieß den Humanisten der Renaissance des 16. Jahrhunderts auf, die darin die ursprüngliche Absicht der klassischen Texte verfälscht sahen. Ein Ansatzpunkt war die gotische, formalisierte, schwer lesbare Schrift scholastischer Manuskripte, gegen die die Humanisten neu entwickelte Minuskel- und Kursivschriften[7] setzten (vgl. ebd., 271f). Der Buchdruck beschleunigte die Verbreitung der neuen Schrifttypen. Darüber hinaus nahm nun bei vielen Büchern der Text die gesamte Seite ein (statt durch einen Kommentar gerahmt zu werden, vgl. ebd. 272). Dies erlaubte kleinere Formate, so dass „das neue Buch, ernst und elegant, praktisch und portabel“ (ebd. 274) zur Norm wurde.

Nicht immer diente die technologische Entwicklung dem bestmöglichen Buch. Gilt das Buch als Speicher für Wissen über Zeit, so wurde diese Funktion z.B. durch die Benutzung von neuartigem, kostengünstigerem Holzschliffpapier seit ca. 1850 beeinträchtigt: Dieses Papier ist stark säurehaltig und weist daher starke Verfallserscheinungen auf. Dies erschwert die Konservierung der schriftlichen Überlieferungen des 19. und 20. Jahrhunderts. Erst Ende des 20. Jahrhunderts setzte hier ein Umdenken ein (vgl. Dessauer o.J.).

Durch die Fortschritte der Drucktechnologie sind heute Farbdrucke kein Problem. Allerdings wird dafür aus technischen Gründen meist geglättetes, brillantweißes Papier verwendet, das wiederum zum langen Lesen nicht so angenehm ist wie das gebrochen weiße, ungeglättete Papier, das heute für die meisten Romane verwendet wird (vg. Kipphan 2000, 127f). Die neuen Drucktechniken bieten auch eine Oberflächenveredelung wie zum Beispiel Prägungen oder Laminierungen, die auf dem zeitgenössischen Buchmarkt für Cover eingesetzt werden, um das Buch von der Konkurrenz abzuheben – die jedoch die gleichen Techniken benutzt.

Um auf die eingangs erwähnten Stimmen, die das Buch als vollendete Technologie sehen, zurückzukommen: Vieles ist in Jahrhunderten technologischer Entwicklung auf die Buchform hin optimiert worden, wie z.B. die Lesbarkeit von Satz und Schrift oder der Einsatz von Farben und Illustrationen. Dieses Optimum wird oft von Digitaltexten (die grundsätzlich nur schwer an den Maßgaben der Buchform zu messen sind) nicht erreicht. Andererseits gilt dies auch für einen Großteil gedruckter Bücher – und viele Kriterien, wie ein Buch optimalerweise auszusehen habe, sind erstens historisch spezifisch und damit wandelbar, wie das Vorangegangene gezeigt hat, und zweitens nicht unbedingt an einer bibliophilen Tradition und damit an diesen Gestaltungsrichtlinien orientiert, sei es aufgrund von Ignoranz, als bewusster Bruch oder aus anderen Gründen.

Das Buch als Objekt

Das Buch zeichnet sich – insbesondere in Abgrenzung zum digitalen Text – zuvorderst durch das materielle Vorhandensein aus. So besitzt es eine spezifische Haptik, die digitaler Text nicht besitzt. Die haptische Wahrnehmung aber bietet spezifische Orientierungsfunktionen im Text: Das Fahren des Fingers über die Zeile, das Markieren einer Stelle durch das Stecken eines Fingers zwischen die Seiten, intuitive Informationen darüber, wie viel eines Buches schon gelesen wurde und wie viel noch verbleibt (über die Dicke des Buchblockteils links bzw. rechts), ggf. Aufschluss darüber, ob es sich um eine Textseite (aus rauem Papier) oder eine eingebundene Bildtafel (aus glattem, beschichteten Papier) handelt und dergleichen mehr. Die Haptik eines digitalen Textes hingegen – sofern man überhaupt davon sprechen kann – ist die Haptik seines Ausgabemediums. Vgl. dazu Kap. 2.1.3.

Die spezifische Gestik, mit der ein Buch bedient wird, muss erlernt werden. Sie unterscheidet sich von den Gesten, mit denen digitaler Text (über verschiedene Darstellungsmedien) gelesen wird. Darüber hinaus fördern bzw. fordern Bücher bestimmte Körperhaltungen beim Lesen (zum Beispiel im Gegensatz zur antiken Schriftrolle, aber auch zum Desktop-PC, Laptop oder Tablet-PC). Sie sind analog zum jeweiligen Gebrauch des Buches historischem Wandel unterworfen – so die situational bedingten Körperhaltungen beim Lesen von Schriftrollen in der römischen Antike bis zum 2. oder 3. Jahrhundert sehr vielfältig (stehend, liegend, sitzend, beim Festmahl, im Unterricht oder gar auf der Jagd, vgl. Cavallo 1999, 108). Die etwas späteren Kodizes, zunächst schlank und mit einer Hand zu halten, wurden unter dem Eindruck von Tendenzen in der Spätantike, Wissen retten zu wollen, zeitweise so voluminös, dass sie kaum noch ohne Hilfsmittel zu lesen waren (vgl. Cavallo 1999, 130f). All diese Gesten und Körperhaltungen gehen ein in den Symbolgehalt, den das Buch als Objekt seiner Zeit entwickelt (s.u.). Für die digitalen Darstellungsmedien gilt das in ähnlicher Weise, zum Beispiel für das schon symbolisch gewordene „Wischen“ auf dem Touchscreen des Tablet-PCs oder Smartphones.

Aber auch über das Buch selbst gibt die haptische Wahrnehmung Aufschluss: Ist das Buch verhältnismäßig schwer oder leicht, wurde teures bzw. billiges Papier verwendet – so lassen sich z.B. farbige Drucke oder Bildbände von so genannter Groschenliteratur unterscheiden. Digitaler Text kann diese Information nicht vermitteln. „Das Buch bildet seinen eigenen Kontext aus, und je mehr Parameter der äußeren Gestalt bei seiner Herstellung reflektiert wurden, desto adäquater ist in und an ihm sein individueller Inhalt präsent und wahrnehmbar“ (Reuß 2012, 88, Hervorh. i.O.).

Die Körperlichkeit des Buches und die damit verbundenen Gesten hat auch Vilém Flusser (2002, 91ff) anthropologisch-anatomisch gedeutet: Die Bücherwand, aus der man Bücher entnehmen und „umdrehen“ („Revolution“ von spätlat. „revolutio“ = Umdrehung, Wiederkehr; dies wiederum von lat. „revolvere“ = zurückwälzen, vgl. Köbler 1995, 343) kann, erscheint ihm als Bedingung für ein spezifisches Geschichtsbewusstsein: „Nur im geschichtlichen Universum der Bibliothekswand sind Revolutionen möglich, nicht in jenem der technischen Bilder“ (ebd. 95). Das Aufschlagen des Buches ist die Geste der Wahl einer Lesart: Wählt man das Inhaltsverzeichnis, entscheide man sich für eine sachliche Lesart des Buches als Abhandlung über etwas; wählt man das Sach- und Namensregister, wolle man die Gesellschaft des Autors feststellen; das Aufschlagen der Bilder deute auf eine Suche nach dem zu Begreifenden. Das Blättern im Buch schließlich sei Ausdruck eines Nichtwählenkönnens unter unüberblickbaren oder gleichwertigen Alternativen und so eine Geste der Freiheit. Auch wenn diese Deutung der Gesten nicht allgemeingültig und verbindlich ist, lässt sich doch behaupten, dass sich spezifische Gesten mit dem Buch verbinden, und dass diese eine (für jeden Leser je einzigartige) Bedeutung annehmen können.

Der Text im Buch ist nicht nur zwingend sequentiell angeordnet, er hat auch klare Grenzen, nämlich die der Seite. Im Unterschied zur Schriftrolle ist er damit in Seitenabschnitte unterteilt, was zu eigenen typographischen (z.B. Vermeidung von „Hurenkind“ und „Schusterjunge“[8] ) wie auch inhaltlichen Maßgaben (Textteile müssen mit Seitumbrüchen vereinbart werden) geführt hat. Die Seite bildet den Rahmen des Textes: Alles, was nicht auf der Seite steht, steht auch nicht im Text und muss separat dazu, das heißt durch Nachschlagen, Nachfragen oder Nachdenken erschlossen werden. Dieses „Nach-“ ist ein Hinweis darauf, dass dieses erweiterte Wissen vom oder über den Text dem Text nicht gleichgesetzt ist. So bildet das Buch eine Hierarchie, die den in ihm enthaltenen Text vorerst höher stellt als alles andere. Dies ist aber gleichzeitig die Voraussetzung dafür und gar eine Aufforderung dazu, dass dieser Text hinterfragt wird, was eine gewisse Bildung erfordert: Es muss eine Kultur des Hinterfragens den jeweiligen Leser dazu anstiften, nicht Verstandenes zu überdenken, nicht Glaubwürdiges zu überprüfen und so weiter. Die Medialität des Buches steht auf diese Weise im Zusammenhang mit dem aufklärerischen Prinzip. Dieses Arrangement von Text hat auch Effekte auf das Lesen (und damit auf das Denken) (sh. Kap. 2.3 und 3.1).

Ein weiterer Effekt der Materialität des Buches ist dessen je eigene Historizität. Das meint, dass nicht nur das Buch als massenhaftes Trägerobjekt eines bestimmten Textes eine Geschichte hat (z.B. „Kästners Fabian wurde von den Nazis verbrannt.“), sondern eben auch das je einzelne Objekt. Frontispize, Unterstreichungen, Notizen, Eselsohren und andere Formen der Abnutzung wie Stockflecken oder Abrieb sind Zeugen der Geschichte eines Buches und damit nicht nur Grundlage für eine bestimmte Form der Liebhaberei (Bibliophilie), sondern auch Quelle für geschichtliche Forschungen, so z.B. in der Analyse von Bibliotheken berühmter Persönlichkeiten. Auch wenn dies im Digitalen denkbar ist, wäre dieser Fall stark konstruiert (etwa eine individuelle Zurechenbarkeit digitaler Exemplare eines Textes durch Methoden des Digital Rights Managements bei gleichzeitigem Transport von Kommentaren und Markierungen des Vorbesitzers der Datei). Texte behalten eine Form der Historizität, ihre einzelnen Exemplare nicht (und wenn, dann nur, indem sie eine bestimmte Version darstellen, aber nicht als Unterscheidungsmerkmal inhaltlich gleicher Versionen).

Das Buch als Symbol

Schon immer war das Buch ein Symbol des Wissens, das ein Ordnungsprinzip der Wahrnehmung der Welt darstellte: „Throughout the history of writing, the book has served as a metaphor for nature as a whole and for the human mind in particular“ (Bolter 2001, 97). In Zeiten des Manuskriptes stand es auch für Reichtum – ein Buch herstellen zu lassen war teuer. Angesichts der heutzutage überbordenden Masse an frei zugänglichem, weniger von linearen Ordnungsprinzipien als von der Idee des nicht-linearen Netzes geprägten Wissen im WWW verändert sich sein Symbolgehalt weiter, hin zu einem (Lippen-) Bekenntnis zur Langsamkeit sowie zu einer tiefgreifenden, auch elitären Form von Wissen. Dies ist mitunter auch als Distinktion gegenüber der Digitalkultur gemeint. Das Buchzeichen ist ein Mittel geworden, um bestimmte Konnotationen (z.B. in der Werbung, auch für buchfremde Produkte) aufzurufen:

Hier wird die primäre Aufgabe des Buches als Kommunikationsmittel, das der Speicherung und dem Austausch von Informationen dient, von einer sekundären, ‚uneigentlichen‘, Funktion überlagert. Vereinfachend kann man sagen, dass in [sic] Fall der primären Buchnutzung Sprach- und Bildzeichen im Buch gelesen werden, während die sekundäre Buchnutzung ein ‚Lesen‘ symbolischer Buchzeichen ist. Der Zeichenproduzent nutzt meist absichtlich und gezielt – positive wie negative – Zuschreibungen an das Buch (Rautenberg 2005, 5).

Derlei Buchzeichen finden sich zuhauf im Kontext von E-Books (vgl. Kap 2.1.3) – seien es animierte „Seiten“, die man „blättern“ kann, sei es das so genannte Bücherregal (auch grafisch oft an ein solches angelehnt) der E-Book-Software, das die verfügbaren Titel enthält. Folgt man McLuhan, liegt es nahe, dass dies ein Übergangssymptom der „Anpassungsphase“ (McLuhan 1995, 28, Zitat oben) an das elektronische Zeitalter ist: Die Menschen, die mit dem Buch Positives verbinden, sollen dies auch beim E-Book empfinden. Es ist anzunehmen, dass diese historische gewachsene Verbindung in dem Maße abnehmen wird, in dem sich E-Books durchsetzen und Generationen nachwachsen, deren Verständnis von gedruckten Büchern anders konnotiert ist.[9]

An das Buch knüpft sich, wie an jedes Medium, ein komplexes Geflecht von Zuschreibungen und Wertungen, die individuell, sozial und kulturell bedingt sind. Diese erwachsen aus erlernten Vorstellungen über den Wert und die Bedeutung eines Mediums, aber auch aus dem alltäglichen Umgang mit diesem, den Erfahrungen, die nicht nur mit seinen Informationsangeboten gemacht werden, sondern auch den Bedingungen, unter denen diese Informationsentnahme möglich wird (Rautenberg 2005, 8).

Rautenberg hat die Konnotationen des Symbols Buch, wie sie es in Zeitschriften, Werbeanzeigen, Katalogen und anderen zeitgenössischen Bildquellen auffindet, in vier Kategorien geteilt: Wissen, Repräsentieren, Kleiden und Genießen. Die erste Konnotation beruhe auf der auch heute noch selbstverständlichen Funktion des Buches für die Wissensvermittlung. Aus den Zeiten der Handschrift, die nur einer Elite zugänglich ist, habe sich die Aura des besonderen Wertes eines geheimen Wissens überliefert. Durch moderne Techniken des Publizierens sei darüber hinaus eine Öffentlichkeit und Überprüfbarkeit der im Buch gespeicherten Inhalte dazugekommen (vgl. Rautenberg 2005, 13f).

Die Repräsentation als Funktion von Büchern meint bei Rautenberg (17ff) die klassische Bücherwand, die zwischen Ausdruck „echter“ Bibliophilie und Gelehrtheit auf der einen Seite und leerem Zeichen eines auf Konventionen bedachten Inneneinrichters auf der anderen Seite schwankt. In diese Kategorie gehören auch das Buch zitierende Einrichtungsgegenstände, wie zum Beispiel ein Bestelltisch in Buchform. Hier wird kulturelles Kapital, ein gewisses Niveau und oft auch ein Bewusstsein für Klassisches transportiert. Ähnlich, nur am Leib, funktionieren die Beispiele der Kategorie „Kleiden“: Bücher werden als modisches Accessoire zitiert, um den Träger als Teil einer bestimmten sozialen Gruppe bzw. als Vertreter einer bestimmten Geisteshaltung zu kennzeichnen (vgl. 22f). Die Konnotation des Genießens, für die es bei Rautenberg ausschließlich Beispiele aus der Werbung bzw. Verkaufsförderung gibt, hebt die Verbindung von Essen, Trinken und Genussmitteln mit dem Buch bzw. dem Lesen hervor – das ebenfalls erwähnte Motiv der Bibliophagie bleibt in der untersuchten Alltagskultur außen vor (25ff).

Im Spiegel der Buchzeichen ist das Buch an vorderster Stelle ‚Kulturgut‘. […] Für ‚Kultur‘, im Sinn von ‚Wissenskultur‘, stehen Buch und Bibliothek noch immer als mächtige Symbole für das Gedächtnis einer Gesellschaft. Nicht wenige Beispiele zeigen aber, dass dem Buch hier ernsthafte Konkurrenz droht: Zwar werben Hersteller von Computern und digitalen Medienprodukten mit dem Buch, aber dessen leitmediales Image als Medium des Wissens wird aufgeweicht […]. Aber auch die Gegenstimmen zum Buchwissen werden laut, die – einem alten Topos folgend – das Buch als trockenes und der Empirie unterlegenes Medium abwerten.

‚Buchkultur‘ ist weiter eine Kultur des Repräsentierens, abgleitet aus den gerade genannten positiven Zuschreibungen. Signifikant ist, dass die Büchertapete ebenso in (vergangenen) hochkulturellen Kontexten funktioniert wie (modern) als ‚gesunkenes Kulturgut‘ […].

Was sind die Buchzeichen meist nicht? Ironisch und selbstironisch. Es mag am alltagskulturellen Umfeld liegen, aus dem alle Beispiele stammen, aber die Brechung, das Spielerische, scheint diesen Buchzeichen nicht zuträglich zu sein. […] Das schnelle, das moderne Medium ist das Buch in den Buchzeichen ebenfalls nicht (Rautenberg 2005, 29f).

Aus dieser Perspektive zeigen sich die Effekte der digitalen Technologie auf die Wahrnehmung des Buches. Auch wenn das Buch als Symbol des Wissens durch die Konkurrenz der Medien digitalen Texts eine weniger paradigmatische Stellung einnimmt, erfüllt es anscheinend als Repräsentations- und Distinktionsgegenstand nach wie vor eine ungebrochene kulturelle Funktion.

2.1.2. Digitaler Text, Textnetzwerke und Hypertext

Der Hypertexttheroretiker George Landow formuliert das Verhältnis von digitalem Text zu Buchtext in Bezug auf Versionen und Varianten so:

Ungleich der räumlich-materiellen Festigkeit von Texten, die mittels der Buchtechnik reproduziert werden, haben elektronische Texte immer Varianten, denn kein Zustand oder keine Fassung ist jemals abgeschlossen; sie können jederzeit geändert werden. Verglichen mit gedruckten Texten erscheint ein Text in elektronischer Form immer verhältnismäßig dynamisch, da er jederzeit Korrekturen, Aktualisierungen oder ähnliche Veränderungen erlaubt. Selbst ohne Verknüpfungen (‚Links‘) gibt der elektronische Text die Beständigkeit preis, die für Drucke kennzeichnend ist und die auf die westliche Kultur wichtige Auswirkungen hatte (Landow 2005, 160f).

Dabei ist anzumerken, dass auch zeitgenössische Papierbücher nicht grundsätzlich variantenlos sind. Abgesehen von den (heutzutage meist allerdings ebenfalls digitalen) Varianten im Entstehungsprozess des druckfertigen Skriptes entstehen regelhafte Varianten des Druckwerks durch aktualisierte oder erweiterte Neuauflagen. Daneben gibt es noch Sonderfälle wie z.B. durch per einstweiliger Verfügung erwirkte Schwärzungen entstandene Varianten[10]. Und auch wenn nicht jedes digitale Format „jederzeit Korrekturen, Aktualisierungen oder ähnliche Veränderungen“ erlaubt, bleibt die grundlegende Aussage über die Dynamik digitalen, elektronischen Texts richtig, denn sie ist das maßgebliche Unterscheidungsmerkmal zu materiell reproduziertem Text.

Darüber hinaus bilden Bücher und andere Druckwerke, selbst wenn Sie Verweise über sich hinaus enthalten, immer eigenständige, abgeschlossene Dokumente.

Stattdessen muss das ‚Objekt, das man als Hypertext liest‘, als Eingang, als magische Schwelle zu einem Dokuversum verstanden werden. […] Die Art von Texten, die es einem erlaubt (wie unzutreffend auch immer), von einem Innen und Außen des Textes zu sprechen, gehört der Druckkultur an, während wir es hier mit einer Form von elektronischer Textvirtualität zu tun haben, für die solche bereits fragwürdigen Begriffe in noch höherem Maße problematisch und irreführend werden. (Landow 2005, 159)

Dass dies im Alltag dennoch passiert, ist eine aus der Buch(druck)kultur stammende Vereinfachung (vgl. Kap. 3.3.1), ein Denkmodell, das es erlaubt, die virtuelle Materialität digitalen Texts zu fassen. So handelt es sich bei zwei Textblöcken, die hypertextuell miteinander verlinkt sind, nicht um zwei Texte (denen jeweils ein Innen und ein Außen zugewiesen wird), sondern um ein und denselben Hypertext. Landow schreibt in diesem Zusammenhang, dass im Hypertext der Text gleichsam fragmentarisch und in seine Bestandteile (Lexien oder Textblöcke) zerlegt erscheint: Je größere Eigenständigkeit diese Leseeinheiten entwickeln, desto größeres Eigenleben entwickeln sie, denn sie lösen sich von dem, was ihnen innerhalb einer linearen Abfolge vorangeht oder nachfolgt (Landow 2005, 160).

Durch den Verlust der Linearität müssen auch Anfang und Ende des Textes neu definiert werden. An irgendeinem Punkt, irgendeinem Lexem des Hypertexts muss der Leser anfangen zu lesen. Im Rückgriff auf Edward W. Said definiert Landow den Anfang als den „erste[n] Schritt bei der intentionalen Bedeutungsproduktion“ (164), der allerdings, wenn überhaupt, nur rückblickend festzustellen sei. Das gilt besonders, wenn die Souveränität in der Bestimmung der Intention des Textes immer stärker auf den Leser übergeht, der einem bestimmten, nicht vorher festgelegten Pfad durch einen Hypertext folgt. Ähnlich kompliziert ist der Begriff des Endes – das avisierte Ende am Beginn des Lesens muss bei seinem Erreichen keines mehr sein, oder es wird gar nicht erreicht, da das Lesen einen anderen Verlauf nimmt. Insofern ähnelt das Lesen des Hypertexts dem Denken. Der Hypertext, den das WWW darstellt, ist manipulierbar, erweiterbar und unvollständig. Auch entstehen zwischen vorhandenem Text stets neue Verbindungen. Er hat zudem die Tendenz, alle anderen isolierten (digitalen) Hypertexte in sich aufzunehmen. Dies deutet Stephan Porombka in seiner Kritik des Hypertexts als Absolutheitsanspruch desselben:

Der starre, gedruckte Text gerät in eine Bewegung, in der nicht mehr nur die Struktur des Denkens als Wissensnetz eingefangen sein soll, sondern die lebendige Bewegung des Denkens selbst. Mit dem offenen Hypertextsystem ist man nicht mehr auf der Suche nach den Strukturen der Assoziationen, sondern nach der Dynamik der Assoziationen und ihren Gesetzen. Man will nicht nur das ‚Sein‘ des Textes im Griff haben, sondern auch das, was ihn ‚lebendig‘ macht - sein ‚Werden‘. Die Offenheit des Hypertextes dient dabei nicht der Freisetzung von Kreativität und Assoziationen, sondern der unbedingten Einbindung noch des unbedeutendsten Gedankens. Wenn etwas geschrieben wird, um den eigenen Gedanken Ausdruck zu verleihen, den vorhandenen Text zu ergänzen, zu kommentieren, weiterzuschreiben oder ganz zu verändern, dann soll man dafür kein Medium nutzen, dessen Code sich nicht in den einen Hypertext integrieren läßt. Der Nutzer darf neben dem Computer kein anderes Medium haben (Porombka 2001, 107).

Die kulturellen und individuellen Erwartungshaltungen und Ängste, die sich mit dem Hypertext verknüpfen und hier anklingen, werden in Kapitel 3.2 näher besprochen. Vorerst soll hier nur die dem digitalen (Hyper-) Text innwohnende Forderung nach mehr digitalem Code festgehalten werden. Jeglicher digitaler Text ist mit wie auch immer materiell verfasstem Text inkompatibel und muss erst (ob mittels technischer Apparaturen oder von Hand) umgewandelt werden. Will man den maximalen Nutzen von einem digitalen Textsystem, sind nicht-digitale Texte tatsächlich ein Störfaktor. So kommt es zu einer individuellen oder institutionellen Bevorzugung von digitalem Text für viele[11] Bereiche des Lebens, zumal die Durchsetzung mit digitalen Schreib- und Lesegeräten längst eine kritische Masse erreicht hat.

[...]


[1] Deutscher Titel: „Die Gutenberg-Galaxis. Das Ende des Buchzeitalters“ – Dies kann als gelungenes Marketing des deutschen Verlags gelten: In einem Land wie Deutschland, in dem Bücher eine derart wichtige Rolle spielen („Land der Dichter und Denker“), musste ein solcher Untertitel apokalyptische Assoziationen wecken und damit verkaufsfördernd wirken. Der nicht so reißerische Original-Untertitel ist allerdings genauer, da er auf den über weite Strecken historischen Ansatz des Buches verweist.

[2] Hier knüpft auch McLuhans berühmt gewordene Theorie vom „global village“ an.

[3] Strenggenommen bezeichnet das Internet lediglich das weltweite Computernetzwerk. Wird umgangssprachlich „Internet“ gesagt, ist oft das World Wide Web (WWW) gemeint, jenes System von Hypertext-Dokumenten, das per Hypertext Transfer Protocol (HTTP) über das Internet abgerufen werden kann. Anwendungen wie z.B. E-Mail sind nicht teil des WWW und haben deshalb andere mediale Bedingungen.

[4] Vgl. Gieseke (2002, 139) – die entsprechende Stelle ist in dieser Arbeit zitiert in Kap. 2.1.

[5] Eine Apparatur zum nebeneinanderstellenden, vergleichenden Lesen mehrerer Bücher, die im 16. Jahrhundert perfektioniert wurde. (vgl. Chartier / Cavallo 1999, 48)

[6] Vgl. McLuhan 1995, 100: „Das Wort ‚modern‘ war ein Schimpfwort, das die patristischen Humanisten gegen die Scholastiker des Mittelalters verwendeten, die die neue Logik und Physik entwickelten.“

[7] Die für diese Arbeit verwendete Garamond entstammt dieser Schrifttradition – Garamond war ein französischer Typograf des 16. Jahrhunderts.

[8] Diese beiden typographischen Fachbegriffe, die sich aus der derben Umgangssprache der Drucker entwickelt haben, bedeuten die letzte Zeile eines Absatzes zu Beginn einer Seite (Hurenkind als Kind ohne Vater) bzw. die erste Zeile eines neuen Absatzes an ihrem Ende (ein „vorwitziger“ Schusterjunge).

[9] Interessanterweise findet sich auf Amazons Homepage strenggenommen kein Buchzeichen – Coverabbildungen schon, aber keine Buch-Icons, Buch-Logos oder dergleichen. Es wirkt, als ob Amazon, obwohl wenigstens sein ursprüngliches Kernsortiment aus Büchern besteht, keine „Buchatmosphäre“ beim Einkaufserlebnis herstellen wolle. Bei den (nach Amazon) in Deutschland führenden Händlern Weltbild, Thalia und Hugendubel (Gesellschaft für Konsumforschung nach Niebling 2013) ist ebenfalls festzustellen, dass im Corporate Design der Homepages keine Buchzeichen vorkommen. Es gibt aber bei allen drei die Technik, dass in der Kategorie „Bücher“ die Cover mit einem Schlagschatten oder einem stilisierten Buchblock in Perspektive versehen werden bzw. ein Foto des Buches abgebildet wird, während die „gleichen“ Titel in der Kategorie „E-Book“ nur als Cover abgebildet werden. Die Dreidimensionalität soll die Materialität des angebotenen Produkts suggerieren. Das Cover (die Umschlagillustration) ist bei alldem ein Phänomen, das in Bezug auf das gedruckte Buch entstanden ist und für das E-Book angepasst werden musste. Insofern kann es im erweiterten Sinne auch als Buchzeichen gelten.

[10] Nur ein Beispiel ist Dieter Bohlens Biografie „Hinter den Kulissen“ von 2003, in der nach der Auslieferung von über 200.000 Exemplaren nachträglich Stellen aufgrund der Verletzung von Persönlichkeitsrechten geschwärzt werden mussten, wodurch effektiv zwei Varianten des gedruckten Textes entstanden. (vgl. Frankfurter Allgemeine Zeitung (o.A.) 2003)

[11] Nicht in allen – die Entgrenzung von digitalem Text ist zum Beispiel ein Problem bei der Geheimhaltung sensibler Daten. Auch der alltägliche Notiztext, der keiner Vernetzung bedarf (Beispiel Einkaufszettel), wird im Allgemeinen nicht digital festgehalten. Der zweite Fall könnte sich aber durchaus in nächster Zeit wandeln.

Details

Seiten
73
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656748793
ISBN (Buch)
9783656748373
Dateigröße
746 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v281471
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf – Institut für Kultur und Medien
Note
1,5
Schlagworte
Buch E-Book eBook Medienwandel Marshall McLuhan Michael Giesecke Medientheorie Buchwissenschaft eReader E-Reader Hypertext Verlag Medienwissenschaft Kulturwissenschaft

Autor

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Titel: Buchkultur und digitaler Text. Zum Wandel der Buchkultur im digitalen Zeitalter