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Struktureller Rassismus in der Demokratie. Eugenik als Normalfall in der Schweiz 1890-1970

Essay 2007 5 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Einführung

Beim Betrachten des heutigen wohlwollenden und wohltuenden Sozialsystems der Schweiz kaum zu glauben, unter welchen Missständen Sozialpolitik ehemals betrieben wurde. Es fällt mir dazu der folgende Spruch ein: „Beim Fallen lernen wir sicherer gehen.“ Mussten solche Irrwege begangen werden, um das heutige System installieren zu können? Oder ist das heutige System ein Ausdruck der Wiedergutmachung?

Wie dem auch sei, scheinbar machen der Schweiz diese Missstände noch immer zu schaffen. Die neue IV-Revision zeigt, dass die Schweiz nicht viel aus den Fehlern der Epoche zwischen 1890 und 1970 gelernt hat, sondern vieles zu verdrängen versucht hat; dass sie in kleinen Fragmenten einen Wohlfahrtsstaat mit Manipulationen aufbaut und eine wohlwollende Sozialpolitik eher inszeniert als tatsächlich lebt. Dies alles geschieht im Interesse und auf Kosten der Minderheiten und „uninformierter Gruppen“.

Der Mensch aber ist von Natur aus gut und strebt nach dem Glück (Sicherheit, Nahrung, Gesundheit). Der Moderne Mensch passt sich nicht nur seiner Umgebung an, sondern versucht, mit den vorhandenen objektiven Gegebenheiten die vorhandenen Strukturen zu optimieren, indem er Antworten zu seinen Fragen sucht und den bedrohlichen Phänomenen, die Angst erzeugen, angemessen zu begegnen versucht. Der moderne Mensch handelt nicht willkürlich, sondern orientiert sich an den normativen Standards und der Entwicklung der Gesellschaft. Hierbei hat er einen grossen Anspruch an eine gute und vernünftige Fortpflanzung und die Sicherstellung des Erreichten.

Theoretische Position

Als Grundlage der Eugenik gilt die darwinistische Evolutionstheorie. Evolution ist die Veränderung der vererbbaren Merkmale einer Population von Lebewesen von Generation zu Generation. Diese Merkmale sind in Genen kodiert, die bei der Fortpflanzung kopiert und an den Nachwuchs weitergegeben werden. Eugenik-Befürworter wie z.B. der Psychiater Auguste-Henri Forel und seine Anhänger gingen von der von Darwins Vetter Francis Galton geprägten Theorie aus, dass „tieferstehende“ Menschen in der Zukunft kein Anrecht auf Leben mehr hätten. Mit der Eugenik führten sie die Rassenhygiene in der Schweiz ein, welche einer angeblich drohenden Degeneration der zivilisierten und gesunden Bevölkerung entgegenwirken sollte.

Die schweizerische Psychiatrie in der Person Auguste-Henri Forels und seiner Anhänger war von dieser Theorie überzeugt und verstand Degeneration als „krankhafte“ Abweichung vom „normalen“ menschlichen Typen, die erblich übertragbar ist und sich progressiv bis zum „Untergang“ entwickelt. Nach dieser Theorie bezieht sich die Übertragbarkeit nicht nur auf einzelne Familien, sondern auf die ganze moderne Gesellschaft und auf die Rasse.

Gesellschaftlich-historischer Kontext

Eine zentrale Rolle spielte sicher die von England kommende Industrialisierung die, sich im 19. Jahrhundert in West- und Mitteleuropa verbreitete.

Der Begriff Erbgesundheitslehre lässt sich in das Wissensfeld der Epoche des mittleren 18. Jahrhunderts mit der Etablierung der Bevölkerungspolitik als Disziplin zur Steuerung und Kontrolle der menschlichen Erbgesundheit einordnen. Der Begriff der Eugenik wurde zum ersten Mal von dem Engländer Francis Galton (1822–1911) gebraucht.

So liess sich meiner Meinung nach die Entwicklung und Akzeptanz der Eugenik als Rassenhygiene oder als Erbgesundheitslehre auch mit dem Entstehen des Sozialstaats in der Schweiz legitimieren.

Minderheiten-Stigmatisierung – wichtige Akteure

Die wichtigen Akteure der Rassenhygiene in der Schweiz, für die die Überzeugung im Zentrum stand, dass die Verbesserung der menschlichen Spezies durch Auslese möglich sei, waren der Zürcher Psychiater und Leiter der Klinik Burghölzli, Auguste-Henri Forel (1848–1931), und dessen Nachfolger Eugen Bleuler (1857–1939). Forel und Bleuler können als die Wegbereiter der Verankerung der Eugenik in der schweizerischen Psychiatrie angesehen werden.

Auguste-Henri Forel war der Auffassung, dass Krankheiten wie Alkoholismus oder Syphilis vererbbar seien und galt auch als führender Verfechter von Sterilisationen aus eugenischen Gründen. Eugen Bleuler, auf den der Begriff der Schizophrenie zurückgeht, definierte auch die Schizophrenie als Erbkrankheit.

Meiner Ansicht nach wollte man vor allem gerade deshalb, weil die Schweiz sich zu einem Sozialstaat entwickelte, der Gefahr der Degeneration und „Entartung“ der Bevölkerung entgegenwirken. So wurde die Schweiz nicht nur Mitläuferin, sondern im Dienste und zugunsten des Volkes sogar wissenschaftliche Wegbereiterin der neuen Technologien der Rassenhygiene.

Die eugenischen Vorstellungen fanden in der Schweiz der Zwischenkriegszeit in weiten Kreisen schnelle und umfassende Akzeptanz. Sie strukturierten Normalitäts- und Anomalitätsvorstellungen und legitimierten die damals etablierten sozialpolitischen Massnahmen.

Mit Gutachten, die darüber entschieden, ob eugenische Massnahmen wie beispielsweise Zwangssterilisationen bei bestimmten Personen ausgeführt wurden oder ob Ehen zwischen von bestimmten Krankheiten betroffenen Personen geschlossen werden durften oder nicht, beteiligten sich die Psychiater aktiv am Legitimationsprozess dieser Massnahmen.

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Details

Seiten
5
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783656764762
ISBN (Buch)
9783656764779
Dateigröße
362 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v281455
Institution / Hochschule
Fachhochschule Nordwestschweiz – ASA
Note
5 (gut)
Schlagworte
Schweiz Demokratie Sozialstaat Geschichte Eugenik

Autor

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Titel: Struktureller Rassismus in der Demokratie. Eugenik als Normalfall in der Schweiz 1890-1970