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Hochsensitivität und Lebenszufriedenheit. Eine Zusammenhangsanalyse

Bachelorarbeit 2013 33 Seiten

Psychologie - Persönlichkeitspsychologie

Leseprobe

Inhalt

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abstract

1 Einleitung

2 Sensory Processing Sensitivity
2.1 Darstellung des Phänomens
2.2 Highly Sensitive Person Scale
2.3 Korrelate von Sensory Processing Sensitivity

3 Lebenszufriedenheit
3.1 Theorien der Lebenszufriedenheit
3.2 Korrelate der Lebenszufriedenheit

4 Korrelate von Sensory Processing Sensitivity und Lebenszufriedenheit

5 Fragestellung, Hypothesen und Ziele

6 Methodik
6.1 ProbandInnen
6.2 Procedere
6.2.1 Messinstrumente
6.3 Datenverarbeitung

7 Ergebnisse

8 Diskussion und Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Kausales Modell der Zusammenhänge zwischen LS und DS

Abbildung 2: Verteilung der SPS-Werte

Abbildung 3: Verteilung der Lebenszufriedenheit-Werte

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Korrelate von SPS und Lebenszufriedenheit

Tabelle 2: Alter und Geschlecht

Tabelle 3: Bildung, Beschäftigung, Familienstand

Tabelle 4: Zusammenhang zwischen SPS und allgemeiner Lebenszufriedenheit

Tabelle 5: Zusammenhang zwischen SPS und bereichspezifischer Zufriedenheit

Tabelle 6: SPS bei Personen mit und ohne schwieriger Kindheit

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abstract

In dieser Studie wurde untersucht inwieweit Hochsensitivität mit Lebenszufriedenheit zusammenhängt. Sensory Processing Sensitivity steht dabei als grundlegendes Konstrukt der Hochsensitivität und beschreibt eine Persönlichkeitseigenschaft, die durch eine besondere Empfindsamkeit auf Reize jeglicher Art gekennzeichnet ist. Die drei Faktoren Ease of Excitation, Aesthetic Sensitivity und Low Sensory Threshold wurden im Zusammenhang mit Lebenszufriedenheit und einzelnen Bereichen dieser (Gesundheit, Arbeit und Beruf, Finanzielle Lage, Freizeit, Ehe und Partnerschaft, eigene Person, Sexualität, Freunde/Bekannte/Verwandte und Wohnung) betrachtet. Mit einem Online-Fragebogen wurden Daten von 277 ProbandInnen (davon 184 Frauen und 93 Männer) im Alter von 20 – 35 Jahren erfasst. Ergebnisse zeigen negative Korrelationen zwischen allen drei Faktoren von Sensory Processing Sensitivity und Lebenszufriedenheit. Die stärksten Effekte wurden dabei im Zusammenhang zwischen der Subskala Ease of Excitation und der Zufriedenheit mit der finanziellen Lage, Gesundheit, sowie der eigenen Person gefunden. Die Ergebnisse, Schlussfolgerungen dieser und Implikationen für zukünftige Interventionen werden diskutiert.

Schlüsselbegriffe: Hochsensitivität, Sensory Processing Sensitivity, hochsensitive Person, Lebenszufriedenheit, Life Satisfaction, Domain Satisfaction

1 Einleitung

„Wenn die Haut zu dünn ist“, „Mit viel Feingefühl“, „Zart besaitet“– so lauten die Titel kürzlich erschienener Ratgeberbücher. In Berlin und München wurden „Diskos für Hochsensible“ eröffnet und in den meisten Großstädten in Österreich und Deutschland finden regelmäßig Treffen und Vorträge für hochsensitive Personen statt.

Das zeigt das rege Interesse an und die Identifizierung vieler Menschen mit dem Phänomen Hochsensitivität. Nach Kagan (1994) sind es 15-25% der Individuen einer Bevölkerung, die eine Disposition diesbezüglich besitzen. Ist man selbst nicht davon betroffen, hat man dennoch im Alltag, in der Arbeit oder im Bekanntenkreis mit hochsensitiven Personen (im Folgenden HSP) zu tun. Auch in der Wissenschaft wird das dem Phänomen zugrunde liegende und in den 90er Jahren erstmals von der amerikanischen Psychologin Elaine Aron eingeführte Konstrukt Sensory Processing Sensitivity mehr und mehr aufgegriffen. Zusammenhänge mit diesem zeigen sich sowohl auf psychischer, physischer als auch auf sozialer Ebene und haben positive (z.B. subtile Wahrnehmung) wie auch negative (z.B. Überstimulation und damit einhergehende Anfälligkeit für psychische und physische Krankheitssymptome) Seiten. In bisherigen Forschungen lag der Schwerpunkt überwiegend auf den negativen Aspekten (Bakker & Moulding, 2012). Die Ergebnisse dieser deuten dabei auf Einschränkungen der Lebenszufriedenheit hin. Inwieweit Sensory Processing Sensitivity tatsächlich mit Lebenszufriedenheit und der Zufriedenheit einzelner Lebensbereiche zusammenhängt, wird in dieser Arbeit untersucht. Damit soll ein weiterer Beitrag zur Aufklärung des Konstrukts geleistet werden, so wie eine Hilfestellung zur Entwicklung von Maßnahmen für und im Umgang mit betroffenen Personen gegeben werden.

Im Folgenden werden zunächst das Phänomen Sensory Processing Sensitivity, dessen Entwicklung und der aktuelle Forschungsstand dargelegt. Im Weiteren wird auf Theorien und Korrelate der Lebenszufriedenheit eingegangen. Anschließend folgen Fragestellung, Hypothesen und Ziele der vorliegenden Untersuchung. Der Methodenteil gibt genaue Informationen zu der Stichprobe, den Messinstrumenten, dem Procedere der Untersuchung, sowie der Datenauswertung. Zum Schluss werden die Ergebnisse aufgezeigt und interpretiert, Schlussfolgerungen und Implikationen der vorliegenden Untersuchung werden diskutiert.

2 Sensory Processing Sensitivity

2.1 Darstellung des Phänomens

Elaine Aron, amerikanische Psychotherapeutin und Universitätsprofessorin, beschreibt das Konzept der Hochsensitivität erstmals in den 1990er Jahren. Sie verwendet den Begriff Sensory Processing Sensitivity (im Folgenden SPS), übersetzbar mit ,Sensitivität für sensorische Verarbeitungsprozesse‘ (Trappmann-Korr, 2010). Darunter versteht man ein genetisch bedingtes Persönlichkeitsmerkmal, das durch die erhöhte Empfindlichkeit sowohl auf externe wie auch auf interne Reize, darunter emotionale und soziale Reize, gekennzeichnet ist. Subtile Reize werden von hochsensitiven Personen (HSP) leichter wahrgenommen als von nicht hochsensitiven Individuen, dagegen können intensive Reize schnell zu Überforderung und Rückzugsbedürfnis bei Betroffenen führen (Jagiellowicz et al., 2010). Dabei wird nicht von einem funktionalen Unterschied der Sinnesorgane ausgegangen, sondern von einem qualitativen Unterschied in der sensorischen Verarbeitung im Gehirn (Aron & Aron, 1997).

Aron et al. (2012) stellten vor allem vier Aspekte von SPS in den Vordergrund: (1) Verhaltenshemmung, vor allem in neuartigen Situationen oder bei widersprüchlichen Informationen, (2) Reizsensitivität und somit ein größeres Bewusstsein sensorischer Reize, (3) Tiefe der (kognitiven) Verarbeitung dieser Reize und (4) starke emotionale/physiologische Reaktivität auf die Umgebung.

Verschiedene Persönlichkeits- und Temperamentstheorien, sowie auch Krankheitsbilder, die in der Vergangenheit aufgestellt und beschrieben wurden, weisen große Ähnlichkeiten und teilweise Übereinstimmungen mit diesen Aspekten auf.

So berichtet Jaspers (1913, 1949) von dem ,hyperästhetischen emotionalen Syndrom‘ und Beard (1880) von ,Neurasthenie‘, welche beide durch eine besondere Sensitivität für emotionale und sensorische Reize gekennzeichnet sind (zitiert nach Evers, Rasche & Schabraq, 2008). Auch Carl Gustav Jung und Iwan Pawlow beschäftigten sich mit dem Thema Empfindsamkeit und leisteten einen grundlegenden Beitrag zur Entwicklung des Konstrukts SPS. Jung prägte den Begriff der Introversion. Bei der Messung von Introversion bzw. Extraversion liegt heute der Schwerpunkt oft im Grad an der Geselligkeit/Soziabilität, so lauten beispielsweise die Extraversions-Items des BFI-S (Schupp & Gerlitz, 2008, Kurzversion des Big Five Inventory) „kommunikativ, gesprächig“, „aus sich herausgehen, gesellig“ und „zurückhaltend“. Jung dagegen verstand Introversion als die Präferenz Situationen zunächst zu beobachten und zu reflektieren, im Gegensatz zu extravertierten Personen, die den unmittelbaren und direkten Kontakt bevorzugen (Jung, 1921). Pawlow entdeckte unter anderem bei seinen Experimenten zur klassischen Konditionierung Unterschiede in den Erregungszuständen und der Labilität der Nervensysteme der Hunde und führte daraufhin Untersuchungen zur Empfindsamkeit bei Menschen durch (Kuhl, 2010). Hierbei stellte er fest, dass bei Personen mit schwachem Nervensystem die ,transmarginale Hemmung‘, ein Schutzmechanismus, der sich im Abnehmen oder Aussetzen der Reaktionsfähigkeit zeigt, eher einsetzt, als bei Personen mit starkem Nervensystem (Aron, 2007).

Eine weitere Theorie zur physiologischen Basis der Hochsensitivität stammt von Gray (1981). Diese unterscheidet drei Systeme im Gehirn, die das emotionale Verhalten kontrollieren und die neurologische Grundlage fundamentaler Persönlichkeitsunterschiede darstellen sollen. Darunter das Verhaltenshemmungssystem (engl. „behavioural inhibition system“, BIS), welches durch die Sensibilität für Bedrohungen und ausbleibende Belohnungen beschrieben wurde und sich demnach in einem ängstlichen Verhalten ausdrückt (zitiert nach Aron et al., 2012; Smolewska, McCabe & Woody, 2006).

Revisionen von Grays Theorie (Amodio, Master, Yee & Taylor, 2008; McNaughton & Gray, 2000) zeigen, dass die Empfindlichkeit auf bedrohende Reize zu kurz gefasst ist. Vielmehr zeichnet sich das BIS durch erhöhte Wachsamkeit und eine Unterbrechung der Handlung, um widersprüchliche Informationen zu verarbeiten, aus (Aron et al., 2012).

SPS basiert somit auf verschiedenen Konstrukten. In Bezug auf Introversion stellten Aron und Aron (1997) moderate Korrelationen (von r=.14 bis .29) und damit eine „partielle Unabhängigkeit“ (S.362) fest. Einen Zusammenhang sehen sie als logische Folge der Reduktion von Stimuli und somit der Tendenz soziale Interaktionen zu vermeiden. In ihren Untersuchungen fanden sie allerdings auch sozial extravertierte Personen (ca. 30%) mit hohen SPS-Werten, was darauf zurück zu führen sei, dass diese in der Kindheit die Erfahrung machten, soziale Interaktionen als Geborgenheit und Schutz vor Überstimulation oder Angst zu sehen (Aron, 2004). Weiterhin zeigten die Studien von Aron und Aron (1997), dass SPS von negativer Emotionalität, wie Neurotizismus und Ängstlichkeit, abgegrenzt werden kann. Eine schwierig erlebte Kindheit kann dabei den Zusammenhang zwischen SPS und negativer Emotionalität moderieren. Die Untersuchungen von Aron, Aron und Davies (2005) zeigten bei HSP mit schwieriger Kindheit auch hohe Werte in der Messung von negativer Affektivität. HSP die keine Schwierigkeiten in der Kindheit aufwiesen, zeigten dagegen niedrige Werte in der negativen Affektivität. Auch das ist ein weiterer Aspekt für die Empfänglichkeit und Empfindsamkeit HSPs auf ihre Umgebung und Erziehung; „from a very young age they are more than others a product of their environment, more affected by “nurture”, because of their genetics, their “nature”.” (Aron et al., 2012, S.272).

2.2 Highly Sensitive Person Scale

Aron und Aron (1997) entwickelten zur Messung von SPS die „Highly Sensitive Person Scale“ (HSPS). Zur genaueren Untersuchung und Auffinden von grundlegenden Merkmalen des Konstrukts führten Aron und Aron zunächst 39 Interviews durch, auf deren Basis insgesamt sechs quantitative Studien mit StudentInnen, sowie Stichproben der allgemeinen Bevölkerung zur Skalenentwicklung und - bewertung folgten (Aron & Aron, 1997).

Die HSPS ist ein Fragebogen in Form eines Selbstberichts und umfasst 27 Items, wie z.B. „Do you seem to be aware of subtleties in your environment?“, “Do other people’s moods affect you?” oder “Do you make a point to avoid violent movies and TV shows?”. Aufgrund der moderat bis hohen Interkorrelationen der einzelnen Items in den verschiedenen Studien nahmen Aron und Aron die Eindimensionalität des Konstrukts SPS an.

Smolewska et al. (2006) fanden dagegen drei Komponenten der HSPS:

- Ease of Excitation (EOE, dt. leichte Erregbarkeit), welche sich auf eine psychische Überwältigung aufgrund von externalen oder internalen Reizen bezieht,
- Aesthetic Sensitivity (AES, dt. ästhetische Sensitivität), ästhetisches Bewusstsein und
- Low Sensory Threshold (LST, dt. niedrige Reizschwelle), unter welchem eine unangenehme sensorische Erregung aufgrund externaler Reize (z.B. Geräusche, Gerüche) verstanden wird.

2.3 Korrelate von Sensory Processing Sensitivity

Auch andere ForscherInnen nutzten die HSPS um Zusammenhänge zwischen SPS und weiteren Variablen zu untersuchen.

Stress, physische Krankheitssymptome

Benham (2006) fand heraus, dass höhere SPS-Werte mit höher wahrgenommenem Stress und häufigeren Symptomen von Krankheiten verbunden sind. Dabei stellte das wahrgenommene Stress-Level keine Moderatorvariable bezüglich der Gesundheit dar. Auch zeigten Ergebnisse von Evers et al. (2008) einen positiven Zusammenhang zwischen SPS und Arbeitsstress, der sich jedoch nur auf die Komponenten EOE und LST zurückführen ließ. Bei der Untersuchung von Ahadi und Basharpoor (2010) ließ sich der Zusammenhang zwischen SPS und physischen Problemen ebenfalls allein durch EOE und LST ableiten.

Angst und Depression

Neal, Edelmann und Glachan (2002) untersuchten die Korrelation zwischen SPS und Angst und Depression. Die Ergebnisse zeigten hier nur in Bezug auf Angst signifikante Werte.

Auch Ahadi und Basharpoor (2010) fanden einen signifikanten Zusammenhang zwischen den drei Subskalen und Angst, sowie auch zwischen der Subskala EOE und Depression. Untersuchungen von Liss, Mailloux und Erchull (2008) wiesen auf eine signifikante Korrelation der Komponenten EOE und LST sowohl mit Angst als auch Depression. Während die Ergebnisse weiterhin eine positive Korrelation dieser beiden Komponenten mit Symptomen von Autismus (niedrige soziale Kompetenzen, Detailgenauigkeit, Kommunikationsdefizite) und Alexithymie[1] zeigten, stand die Komponente AES bezüglich der Autismus Symptome nur mit einer höheren Detailgenauigkeit in Verbindung. AES zeigte in dieser Studie ebenfalls einen Zusammenhang mit Angst, jedoch nicht mit Depression.

Neuronale Reaktivität

Neurologische Untersuchungen zeigten bei subtilen Veränderungen des vorgegebenen Reizmaterials (Fotografien, auf denen kleine Modifizierungen mit dem Softwareprogramm Photoshop vorgenommen wurden) eine Verbindung zwischen hohen SPS-Werten und erhöhter Reaktionszeit sowie erhöhter Gehirnaktivierung. Die Ergebnisse deuten daraufhin, dass diese aufgrund einer genaueren Beachtung der Details zustande kommen (Jagiellowics et al., 2011).

In der Studie von Gerstenberg (2012) wurde unter anderem die Reaktionszeit der ProbandInnen gemessen, in welcher sie die Anwesenheit oder Abwesenheit eines bestimmten Gegenstandes auf einem Gitternetz feststellten. Hierbei zeigten sich in Zusammenhang mit hohen SPS-Werten signifikant kürzere Reaktionszeiten sowie weniger Fehler beim Ausführen der Aufgaben. Die Ergebnisse waren nur auf die Subskala LST zurückführen.

Aron et al. (2010) stellten bei einer weiteren neuropsychologischen Untersuchung fest, dass Personen mit hohen SPS-Werten größere Aktivität in frontalen und parietalen Gehirnregionen und eine geringe kulturelle Differenz beim Lösen kontextabhängiger und – unabhängiger Aufgaben aufwiesen.

Durch die vorgestellten Studien konnte ein signifikanter neuropsychologischer Unterschied zwischen HSP und Nicht-HSP belegt werden.

Persönlichkeitseigenschaften

ForscherInnen waren weiterhin darin interessiert, ob es eine Verbindung mit SPS und bestimmten Persönlichkeitseigenschaften gibt und untersuchten dies mit dem Neo-Fünf-Faktoren-Inventar nach Costa und McCrae (1989). Die fünf Dimensionen, als ,Big Five‘ bekannt, sind: Neurotizismus, Extraversion, Offenheit, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit.

Die Ergebnisse zeigten die höchsten Korrelationen bei LST sowie EOE mit Neurotizismus und bei AES mit Offenheit (Ahadi & Basharpoor, 2010; Smolewska et al., 2006). LST wies weiterhin einen negativen Zusammenhang mit Extraversion und AES einen positiven Zusammenhang mit Gewissenhaftigkeit auf (Ahadi & Bashapoor, 2010). Auch die Untersuchungen von Aron & Aron (1997) ergaben signifikante Korrelationen zwischen SPS und Introversion (von r=0.27 bis 0.29).

3 Lebenszufriedenheit

3.1 Theorien der Lebenszufriedenheit

Über Lebenszufriedenheit, was zufrieden macht und welche Menschen zufrieden sind wird schon seit vielen Jahrhunderten diskutiert. Es sind verschiedene Theorien entstanden; oft werden dabei verwandte Begriffe wie Lebensqualität oder subjektives Wohlbefinden verwendet und mit Lebenszufriedenheit gleichgesetzt. Verschiedene Aspekte der Lebenszufriedenheit, die methodische Schwierigkeiten bereiten können, sind: die semantische Akzentuierung (z.B. Wohlbefinden, allgemeine Lebensqualität), das Bezugssystem (inter- oder intraindividuell vergleichend, Selbsteinstufung oder Fremdeinstufung), der Umfang (globale Lebenszufriedenheit oder Differenzierung nach verschiedenen Lebensbereichen), die Perspektive (rückblickend oder gegenwartsbezogen), Zielsetzung der jeweiligen Studie (Beratung/ Therapie oder Sozialindikatorenforschung) und die angewandte Methode (standardisierter Fragebogen oder freie Selbstschilderung) (Fahrenberg, Myrtek, Schuhmacher & Brähler, 2000).

Lebenszufriedenheit als Komponente des subjektiven Wohlbefindens

Der amerikanische Psychologe Ed Diener (1984), einer der meist zitierten und bekanntesten Forscher im Bereich der Glücksforschung, definiert Lebenszufriedenheit als Gesamtbewertung der Lebensqualität, ohne Berücksichtigung wie diese tatsächlich erreicht ist. Neben negativen Affekten (NA) und positiven Affekten (PA) zählt er die Lebenszufriedenheit (life satisfaction, LS) als dritte Komponente des subjektiven Wohlbefindens. Diener, Suh, Lucas und Smith (1999) erweitern dies um die Zufriedenheit in bestimmten Lebensbereichen (domain satisfaction, DS), wie z.B. Arbeitszufriedenheit oder Zufriedenheit mit der Gesundheit.

ForscherInnen unterscheiden zudem oft zwischen affektiven Komponenten und kognitiven Komponenten des subjektiven Wohlbefindens. Während PA und NA, die Anzahl der angenehmen und unangenehmen Gefühle im Laufe des Lebens, die affektive Komponente darstellen, gelten LS und DS deshalb als kognitive Komponente, da sie auf bewertenden Ansichten des eigenen Lebens basieren (Schimmack, 2007).

Zusammenhang zwischen LS und DS

In Bezug auf den kausalen Zusammenhang zwischen LS und DS werden zwei verschiedene Theorien unterschieden: die Bottom-Up Theorie und die Top-Down Theorie (Diener, 1984). Bottom-Up Theorien gehen davon aus, dass sich die Zufriedenheit in einzelnen Lebensbereichen auf die gesamte Lebenszufriedenheit auswirkt. Top-Down Theorien postulieren die entgegengesetzte kausale Richtung. Demnach beeinflusst die generelle Lebenszufriedenheit die Bewertung der einzelnen Lebensbereiche (Schimmack, 2007).

Beide Theorien können weiterhin dahin unterschieden werden, welche Determinanten für LS bzw. DS angenommen werden. Beispielsweise zeigten Brief, Butcher, George und Link (1993) in ihren Untersuchungen, dass die Persönlichkeitseigenschaft Neurotizismus die Zufriedenheit im Bereich Gesundheit beeinflusst, welche sich wiederum auf die Lebenszufriedenheit auswirkt. Persönlichkeitseigenschaften weisen signifikante Korrelationen sowohl mit LS als auch mit DS auf. Demzufolge würde die Kontrolle der mit der Persönlichkeit geteilten Varianz einen geringeren Zusammenhang zwischen LS und DS ergeben.

Oft werden LS und DS mit der gleichen Methode (meist Selbstberichte) gemessen. Auch das kann einen Einfluss auf den Zusammenhang zwischen diesen nehmen (Schimmack, 2007).

Abbildung 1 zeigt mögliche Ursachen und kausale Richtungen der Korrelation zwischen LS und DS.

Abbildung 1 : Modell der möglichen kausalen Zusammenhäng e von LS und DS (Schimmack, 2007, S.98)

Lebenszufriedenheit: stabil oder veränderbar?

Die Frage, inwieweit die Lebenszufriedenheit durch Ereignisse oder Umstände veränderbar oder auf Persönlichkeitseigenschaften und Erblichkeit basiert und somit stabil bleibt, ist von großer praktischer Bedeutsamkeit und beschäftigte viele ForscherInnen. Untersuchungen (z.B. Fujita & Diener, 2005; Lucas & Donnellan, 2007; Schimmack & Oishi, 2005) zeigten eine relative Stabilität der Lebenszufriedenheit über die Zeit hinweg, dennoch gibt es einen bemerkenswerten Anteil an Instabilität, der von kontextbezogenen Bedingungen abhängen kann.

Anusic, Lucas und Donnellan (2012) konnten 14% der Varianz der Lebenszufriedenheit mit kurzzeitigen Einflüssen (wie Stimmungslage oder spezifische Begebenheiten) erklären. Insbesondere nehmen bedeutende Lebensereignisse Einfluss auf die Lebenszufriedenheit; dies zeigte auch eine Meta-Analyse anhand von Daten aus 313 Stichproben (Luhmann, Hofmann, Eid & Lucas, 2012). Die Ergebnisse wiesen dabei einen stärkeren Effekt bei der kognitiven Komponente des subjektiven Wohlbefindens auf, als bei der affektiven Komponente.

Bei der Bewertung der eigenen Lebenszufriedenheit werden sowohl temporär als auch dauerhaft verfügbare Informationen herangezogen, wobei letztere einen stärken Einfluss haben und somit zur Stabilität der Lebenszufriedenheit beitragen (Schimmack, Diener & Oishi, 2002; Schimmack & Oishi, 2005; Schimmack, Radhakrishnan, Oishi, Dzokoto & Ahadi, 2002). Die Zwillingsstudie von Stubbe, Posthuma, Boomsma und de Geus (2005) wies eine Heritabilität der Lebenszufriedenheit von 38% auf, während die übrigen 62% auf Umweltfaktoren oder Messfehler zurückführbar sein können.

Dass nicht nur Umstände auf die Lebenszufriedenheit wirken, sondern die Lebenszufriedenheit auch auf die Wahrscheinlichkeit des Auftretens positiver bzw. auf das Ausbleiben negativer Ereignisse, belegt die Untersuchung von Luhmann, Lucas, Eid und Diener (2013).

Im Folgenden werden Faktoren, die mit der Lebenszufriedenheit im Zusammenhang stehen genauer beleuchtet.

3.2 Korrelate der Lebenszufriedenheit

Soziodemografische Faktoren

Während das Geschlecht kaum einen Einfluss auf die Lebenszufriedenheit nimmt (Röcke & Lachman, 2008), zeigen Untersuchungen in Bezug auf das Alter unterschiedliche Ergebnisse. Diese können aufgrund der Betrachtung unterschiedlicher Lebensbereiche entstanden sein, so wird beispielsweise die Zufriedenheit mit der Gesundheit im Alter abnehmen, während die finanzielle Zufriedenheit aufgrund abnehmender eigener Ansprüche zunehmen kann (Fahrenberg et al., 2000).

Einen großen Einfluss nimmt der Familienstand ein, welcher einen bedeutenden Faktor in der sozialen Unterstützung darstellt (Diener & Seligman, 2002; Röcke & Lachman, 2008).

Gesundheitszustand

Zahlreiche Studien belegen den Zusammenhang zwischen Lebenszufriedenheit und Gesundheit (z.B. Siahpush, Spittal & Spingh, 2008) sowie Langlebigkeit (z.B. Diener & Chan, 2011). Signifikant negative Korrelationen konnten in Bezug auf Stress (Bendayan, Blanca, Fernández-Baena, Escobar & Trianes, 2013), Depression, Ängstlichkeit und Ärger dargelegt werden (Schimmack, Oishi, Furr & Funder, 2004).

Persönlichkeitseigenschaften

Von den ,Big Five‘ zeigten sich Neurotizismus und Extraversion als stärkste Prädiktoren der Lebenszufriedenheit. Betrachtet man die einzelnen Aspekte der Extraversion, stellen sich dabei positive Emotionen als am stärksten und konsistentesten heraus und für die Lebenszufriedenheit bedeutender als die Facetten gesellig oder aktiv zu sein (Schimmack et al., 2004).

4 Korrelate von Sensory Processing Sensitivity und Lebenszufriedenheit

Untersuchungen zu einem direkten Zusammenhang zwischen SPS und Lebenszufriedenheit ließen sich in der bisherigen Literatur nicht finden. Beide Konstrukte zeigen jedoch Korrelate mit ähnlichen und teilweise gleichen Variablen (s. Abschnitt 2.3 und 3.2). Die Ausprägungen dieser stehen in entgegengesetzter Richtung.

Tabelle 1 gibt einen zusammenfassenden Überblick über die gemeinsamen Korrelate von SPS und Lebenszufriedenheit.

Tabelle 1 : Korrelate von SPS und Lebenszufriedenheit

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

5 Fragestellung, Hypothesen und Ziele

Der bisherige Forschungsstand zu SPS und Lebenszufriedenheit zeigt verschiedene übereinstimmende Variablen, die mit diesen in Verbindung stehen. Darauf aufbauend und mit Augenmerk auf die entsprechende Altersgruppe der Untersuchung, lautet die Forschungsfrage der Arbeit:

Inwieweit besteht ein direkter Zusammenhang zwischen Sensory Processing Sensitivity und Lebenszufriedenheit im jungen Erwachsenenalter?

Weiter ergibt sich aus den bisherigen Forschungsergebnissen folgende Hypothese:

Hypothese 1 :

Je höher die SPS-Werte, desto niedriger ist die allgemeine Lebenszufriedenheit der ProbandInnen.

Dass sowohl psychisch, wie auch physische Gesundheit in einem signifikanten Zusammenhang mit SPS und Lebenszufriedenheit steht, konnte mehrfach belegt werden (z.B. Benham, 2006; Siahpush, Spittal & Spingh, 2008).

Hypothese 2:

Je höher die SPS-Werte, desto niedriger ist die Zufriedenheit mit der Gesundheit.

Bezugnehmend auf die Ergebnisse von Ahadi und Basharpoor (2010), Liss et al. (2008) und Evers et al. (2008), die sich nur auf die Subkomponenten EOE und LST der HSPS zurückführen ließen, wird folgende Hypothese formuliert.

Hypothese 3:

Die in Hypothese 1 und Hypothese 2 vorgestellten Zusammenhänge lassen sich allein mit den Komponenten EOE und LST feststellen.

Ziel der Untersuchung war es herauszufinden, in welchem Ausmaß ein Zusammenhang zwischen SPS und Lebenszufriedenheit, sowie der Zufriedenheit einzelner Lebensbereiche besteht. Ergebnisse dienen einem größeren Verständnis und der Aufklärung des erst kürzlich beschriebenen Phänomen SPS. Als ein zugrunde liegendes Konstrukt, kann SPS Erklärungen für verwandte Eigenschaften, wie Introversion und Neurotizimus geben und Misattributionen vermeiden. Entsprechende Maßnahmen und Interventionen für und im Umgang mit Betroffenen können demnach in verschiedenen Lebensbereichen (z.B. in der Erziehung und Arbeitsplatzgestaltung) entwickelt werden und zu einer höheren Lebenszufriedenheit betroffener Personen beitragen.

[...]


[1] Unvermögen, Gefühle angemessen wahrzunehmen und zu beschreiben (Häcker & Stapf, 1998)

Details

Seiten
33
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656817222
ISBN (Buch)
9783656817239
Dateigröße
711 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v281343
Institution / Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck – Institut für Psychologie
Note
1
Schlagworte
Hochsensitivität Sensory Processing Sensitivity hochsensitive Person Lebenszufriedenheit Life Satisfaction Domain Satisfaction

Autor

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Titel: Hochsensitivität und Lebenszufriedenheit. Eine Zusammenhangsanalyse