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Intertextualität in Alejo Carpentiers "El arpa y la sombra"

Hausarbeit 2013 7 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Intertextualität in Alejo Carpentiers El arpa y la sombra - Ausarbeitung der Thesen

1. Carpentier stellt Bezüge zwischen seiner Hauptfigur Columbus und Dante her. Dabei kehrt er den Stoff der Divina Commedia jedoch in parodistischer Manier um.

Carpentier nimmt im dritten Kapitel seines Romans El arpa y la sombra immer wieder Bezug auf den Stoff der Divina Commedia und die historische Person des Dichters Dante.

Zu Beginn fällt das Motiv der Schattenhaftigkeit auf, welches das gesamte Kapitel durchzieht. Dieses wird bereits durch ein Zitat aus der Divina Commedia evident, welches über dem gesamten Kapitel steht und den Text so von Anfang an in einen Interpretationsrahmen setzt. “Tu non dimandi chè spiriti son queste que tu vedi?“ (Dante, Inferno, IV; zit. nach Carpentier 2010: 151) fragt Vergil im Inferno seinen Schützling Dante, und nimmt Bezug auf die verdammten Seelen, die körperlos, geisterhaft die Unterwelt bevölkern. Columbus hingegen nimmt die Beurteiler seines Beatifikationsverfahren als „Unsichtbare“ wahr, und nur er allein ist in der Lage, diese schattenhaften Gestalten zu sehen. Ihr geisterhafter Charakter wird umso deutlicher, da sie sich verflüchtigen, sobald der Präsident des Verfahrens die biblischen Worte „Fiat lux!“ ausspricht (Carpentier 2010: 173). Die verdammten Seelen im Inferno und Purgatorio kann nur Dante als der einzige Lebende sehen; ein Privileg, welches seinen Status als „Auserwählter“ - in seinem Fall für eine Jenseitsreise - markiert, den Columbus ebenso besitzt. Letzterer war nämlich dazu ausersehen, eine einzigartige Entdeckungstat zu vollbringen. Die Neue Welt zu erkunden und mit der alten zu verbinden, war Columbus’ Errungenschaft. Bezogen auf die geschichtliche Person Dante fällt hier auf, dass beide historischen Figuren als Brückenbauer bezeichnet werden können: Während Columbus „die Welt rund machte“ (“un mundo que tú hiciste redondo”; Carpentier 2010: 162), Altes und Neues verknüpft, gelingt es Dante, durch die erstmalige Verwendung des Italienischen als Literatursprache, die zerklüftete Landschaft von Stadtstaaten zum kulturellen Nationalstaat Italien zu einen.

Ein weiterer Punkt, der Dante und Columbus verbindet, ist die Liebe zu Beatrice bzw. Beatriz, der „Seligmachenden“. Dantes Beatrice führt den Jenseitsreisenden in und durch das Paradiso, erfüllt also für ihn das Versprechen ihres Namens: Durch sie gelangt er zur Seligkeit im christlichen Sinne. Während die reale Existenz der Beatrice in der Göttlichen Komödie zweifelhaft ist, so hatte Columbus tatsächlich ein Verhältnis mit Beatriz Enriquez, aus dem ein unehelicher Sohn hervorging. Für Carpentiers Columbus ist Beatriz jedoch - anders als für seine Richter - mehr als nur eine “barragana“, eine “concubina“ (Carpentier 2010: 171); er denkt mit derselben Rührung an sie wie Dante, als dieser seine Beatrice an den Ufern des Lethe erblickt: ”...el hielo que se había endurecido en torno a mi corazón se hizo suspiros y lágrimas, brotando de mis entrañas, apresurado, por la boca y por los ojos...“ (Dante, Divina Commedia; zit. nach Carpentier 2010: 171).

Doch Columbus’ Beatriz ist für ihn gerade nicht selig-machend, denn genau sie ist der Grund, warum dem Admiral die Seligsprechung verwehrt bleibt. Der Advocatus Diaboli bezeichnet die Beziehung der beiden als “una de las cuestiones más graves“ (Carpentier 2010: 171), die der Beatifikation im Wege stehen. Columbus gelangt also nicht ans endgültige Ziel, zur Seligsprechung, sondern muss als “Hombre-condenado-a-ser-un-hombre- como-los-demás“ (Carpentier 2010: 181) zurückbleiben. Als Nicht-Seliger kann Columbus sich auch nicht im Paradiso unter den anderen Seligen einreihen, sondern bleibt in der irdischen Welt, “este mundo cabrón“ (Carpentier 2010: 178) als Unsichtbarer verhaftet.

Diese Tatsache wird wiederum durch eine Anspielung auf die Divina Commedia unterstrichen: Columbus setzt Beatriz und sich in Beziehung zu den wohl berühmtesten Liebenden aus Dantes Werk, denn wie diese sind er und seine Geliebte “arrojados al ‘hurracán infernal’ que por siempre arrastrará a los Paolo y Francesca de ayer, de hoy y del futuro“ (Carpentier 2010: 175). Durch sein ähnliches Vergehen ist auch Columbus Getriebener des Höllensturms und gelangt nicht ins Paradiso, zur Seligsprechung, sondern muss wie Francesca und Paolo, das tragische Liebespaar, im Inferno verharren.

Das zentrale Motiv des Parallelismus Dante-Columbus ist somit ihr Status als Reisende. Columbus bereiste die Weltmeere und die neu entdeckten Länder, während Dante sich auf eine Jenseitsreise begibt, die ihn durch Inferno und Purgatorio zum Paradiso, der Erlösung, führt.

Columbus’ Lebensreise stellt jedoch eine Umkehrung der literarischen Reise Dantes dar, da der Admiral das Paradiso, in seinem Fall die Seligsprechung, nie erreicht. Er bleibt in einem schattenhaften Zustand zurück, denn er gehört zu den “muchos que, por su fama, porque se sigue hablando de ellos, no pueden perderse en el infinito de su propia transparencia alejándose de este mundo cabrón donde se les levanta estatuas y los historiadores de nuevo cuño se encarnizan en revolver los peores trasfondos de sus vidas privadas“ (Carpentier 2010: 178). Weil er so berühmt ist, dass ihm Statuen errichtet werden und die Menschen sich immer wieder mit seinem Privatleben beschäftigen, kann er keine Ruhe finden. Die Seligsprechung, so suggeriert es Carpentier, wäre der Ausweg aus diesem „Zwischen-Dasein“ als Schatten, denn sie würde bestätigen, dass Columbus “en seguimiento de Noé, Abraham, Moisés, Juan Bautista y San Pedro“ (Carpentier 2010: 162) zu sehen ist und weitere Analysen seines Privatlebens überflüssig machen. Columbus ist also wieder einmal auf der Reise, diesmal jedoch nicht auf irdischem Terrain, sondern im übertragenen Sinne auf der Reise zur Erlösung, zur Seligmachung. Und durch die Parallelen, die Carpentier zwischen Columbus und Dante zieht, scheint es so, als ob der Admiral seinem „Vorgänger“ zu folgen scheint und das Paradiso erreicht.

Doch diese Illusion kippt, spätestens mit dem Auftritt Fray Bartolomé de Las Casas’ im Zeugenstand (“Ahora sí que me jodí“; Carpentier 2010: 166), und die Reise nimmt den entgegengesetzten Verlauf: Statt am erhofften Ziel findet sich der Unsichtbare am Ende doch wieder nur in der irdischen Welt, in “este mundo cabrón“ (Carpentier 2010: 178) wieder. Die anderen Schatten, die Columbus wahrnimmt, die Agenten seiner Beatifikation, entsprechen den geisterhaften verdammten Seelen in Dantes Inferno und markieren somit die „Hölle auf Erden“, die am Ende stehen bleibt.

Carpentier ruft also das hehre Vorbild der danteschen Jenseitsreise auf, die nur ein Auserwählter antreten kann, dem eine seligmachende Geliebte beiseite steht. Er höhlt jedoch die Vorlage, die Dantes Drama bietet, in parodistischer Manier komplett aus: Columbus’ Beatriz ist eben nicht die Seligmachende, sondern vereitelt die Beatifikation, und die wichtigste Reise des großen Seefahrers endet am entgegengesetzten Ziel. Hinzu kommt auch, dass sich Columbus nicht der Legenda aurea, der Sammlung von Heiligengeschichten, würdig erweist, sondern eher der Leyenda negra, der systematischen Verhüllung der Verbrechen der Spanier gegen die Neue Welt und ihre Bewohner. Mit dieser kontrapunktischen Technik verdeutlicht Carpentier, dass es für seinen Columbus keinen Weg ins Paradies gibt, die Seligsprechung macht keinen Sinn. Denn obwohl der Admiral den Weg frei machte zu einer „neuen Welt“, so ist diese doch zutiefst irdisch, ganz anders als Dantes Paradiso, das für diesen als neue Welt im christlich- mythologischen Sinn in Erscheinung tritt. Für Carpentier und seinen Columbus hingegen ist die Welt immer unerlöst, befindet sich in einem immerwährenden Inferno.

2. Carpentier erörtert im dritten Kapitel verschiedenste Positionen zu Columbus und zielt damit auf eine Entglorifizierung der Entdeckerfigur ab.

Während der Verhandlung zu Columbus’ Beatifikationsverfahren in La sombra treten mehrere historische Persönlichkeiten als Schatten in Erscheinung, die alle für oder gegen den Admiral Zeugnis ablegen. Die Grenzen von Raum und Zeit sind hierbei aufgelöst, es kommen Personen aus unterschiedlichen Epochen und Nationen zu Wort, indem ihre Werke zu oder über Columbus zitiert werden.

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Details

Seiten
7
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656746560
ISBN (Buch)
9783656746553
Dateigröße
455 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v281339
Institution / Hochschule
Universität Erfurt – Institut für romanistische Literaturwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
intertextualität alejo carpentiers

Autor

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Titel: Intertextualität in Alejo Carpentiers "El arpa y la sombra"