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Cargo-Kulte. Der "Vailala-Wahn"

Essay 2008 7 Seiten

Theologie - Sonstiges

Leseprobe

Der Cargo-Kult bezeichnet neureligiös-synkretistische Bewegungen in Melanesien und Neuguinea. Der Begriff Cargo leitet sich von der englischen Entsprechung für Schiffsgüter ab, mit ihm sind die materiellen Reichtümer der Weißen gemeint, die für ihre moderne industrielle Zivilisation charakteristisch sind. Auch die im Busch lebenden Europäer sind mit diesen Reichtümern gesegnet, die von Schiffen oder Flugzeugen gebracht werden. Als Grund für die großen materiellen Unterschiede zwischen Schwarzen und Weißen wird die unterschiedliche Einstellung der Ahnengeister gegenüber beiden Bevölkerungsgruppen gesehen. Die europäischen Kolonisten erhalten von den Ahnen Hilfe und werden von ihnen mit Cargo beliefert. Die Schwarzen dagegen sind für ihr angebliches Fehlverhalten in der Urzeit zu einer unterlegenen Technologie verurteilt. Aus eigenen Kräften können sie den Vorsprung der Weißen nicht aufholen. Am Beginn der meisten Cargo-Kulte stehen Propheten, welche die bevorstehende Ankunft von Cargo vorhersagen. Die Farbigen sollen ihr bisheriges Leben aufgeben, die Welt wird durch eine Wasserflut vernichtet, ein Heilbringender wird erscheinen und die bisherige Weltordnung umkehren. Die Ahnen senden dann in Schiffen, Flugzeugen oder Lastwagen die ersehnten europäischen Güter.

Dies mag allerdings für das christlich-europäische Religionsverständnis als ein seltsames Motiv der Kultausübung erscheinen. Aber die Verbindung von Kulten mit anderen Religionen oder vielschichtigen Formen des Religiösen sind von regionalen Bedingungen abhängig.

Das in der Südsee liegende, von Papua im Norden von Australien bis zu den Fiji-Inseln reichende Melanesien ist der Hauptverbreitungspunkt des Cargo-Kultes. Am weitesten jedoch ist er auf Papua ausgeprägt, der drittgrößten Insel Melanesiens, welche jedoch politisch geteilt ist. Denn der Westen der Insel gehört zu Indonesien, während der Osten den selbstständigen Staat Papua-Neuguinea bildet. Auf dieser Insel leben ca. 5,3 Mio. Menschen mit insgesamt 790 verschiedenen Sprachen. Jedoch ist die Region Oropolo das Stammgebiet der Cargo-Kulte. Dort ist die Volksgruppe der Elema, bestehend aus fünf Dörfern und einer Einwohnerzahl von 20.000 Menschen, beheimatet. Zur Entstehung dieser Kulte kam es um 1919, nach dem Ersten Weltkrieg, war die Region zunächst eine deutsche Kolonie, kam aber bald darauf unter australische Oberherrschaft. Doch gab es weder Anlegeplätze für Schiffe, noch eine Infrastruktur, sodass ein Fußmarsch von der Küste bis zur Hauptstadt Fort Moresby bis zu drei Tagen dauern konnte. Die Haupteinnahmequelle lag in der Landwirtschaft, wobei der Kokosnuss, eine enorme Bedeutung beigemessen wurde. Dies wird bereits an den einhundert verschiedenen Bezeichnungen, welche die Ureinwohner für Kokosnüsse verwenden, deutlich. Einige Dörfer sind mit einem Durchmesser von 1,7 km relativ groß, allerdings leben die Menschen in sehr kleinen Häusern.

Das so genannte Männerhaus, das Ivara, beherbergt die Männer des Dorfes zu fast jeder Tageszeit, einzig zur Ausübung des Geschlechtsaktes, verkehren die Männer mit ihren Frauen. Unverheiratete Männer leben jedoch bei ihren Müttern. Die Aufteilung in vier Altersklassen, ermöglicht den Ältesten der Stämme bei Diskussionen und Entscheidungen das letzte Wort für sich zu beanspruchen.

Des Weiteren gehörten die so genannten Big Men, oder die Avai, zur gesellschaftlichen Elite der Elema, denn sie waren wichtiger, wie auch mächtiger als die Ahnen. Ihre Zuständigkeit reichte von ökonomischen bis hin zu rituellen Aufgaben oder Handlungen. Sie legten fest, wann Handel betrieben werden sollte, wann gepflanzt oder geerntet werden musste, oder auch wann Exkursionen durchgeführt werden mussten. Für diese Gruppe wurden insbesondere besonders große Menschen bewusst ausgewählt. Dazu dienten in erster Linie Initiationsrituale.

Ornamentale Verziehrungen, der Besitz von Schweine- oder Hundezähnen waren Symbole für großen Reichtum. Beim Aufkommen von europäischen Waren wurden diese Neuerungen zwar ebenfalls genutzt, doch wurde ihnen noch keine besondere Bedeutung beigemessen. Nach wie vor hatten die traditionellen Güter Vorrang, denn auch Geldwirtschaft war im Rahmen dieser Tradition, die sich auf Tauschhandel beschränkte, nicht praktisch.

Den Big Men stand neben wirtschaftlichen Entscheidungen auch allein das Wissen über wichtige Bräuche zu. Eine formale Kenntnis dieser Riten hätte nicht ausgereicht. Denn die von den Avai ausgeübten Rituale hatten Auswirkung auf die gesamte Gemeinschaft der Elema, während sonstige Zeremonien, welche von Nicht- Big Men vollzogen wurden, lediglich Einfluss auf Einzelpersonen zu geschrieben wurden. Die Big Men sollten sogar die Meeresungeheuer kontrollieren und somit für eine sichere Schifffahrt bürgen können. Diese Zauber der Avai führten zu einer internen Regulierung und verhinderte Auseinandersetzungen. Die größte Zauberkraft wurde demjenigen zugesprochen, welcher physisch gesund war. Zwar waren für rituelle Handlungen und das Wirken von Zaubern die speziellen Kenntnisse der Big Men von Nöten, doch auch in anderen Bereichen, ob nun bei ökonomischen oder politischen Entscheidungen, wurde das Handeln der Avai nie in Frage gestellt. Selbst bei militärischen Auseinandersetzungen lag die gesamte Befehlsgewalt bei den Big Men. Sie bildeten somit die Spitze der Gesellschaft.

Dem entgegengesetzt gab es die so genannten Rubbish Men. Ihnen wurden keinerlei Zauberfähigkeiten zugesprochen, auch durften sie an keinen Versammlungen teilnehmen und wurden selbst bei schwerwiegenden Delikten wie dem Ehebruch nicht bestraft.

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Details

Seiten
7
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656749189
ISBN (Buch)
9783656749202
Dateigröße
446 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v280894
Institution / Hochschule
Universität Potsdam
Note
1,7
Schlagworte
cargo-kulte vailala-wahn

Autor

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Titel: Cargo-Kulte. Der "Vailala-Wahn"