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Postpartale depressive Erkrankungen

Akademische Arbeit 2006 22 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Allgemeine Begriffsbestimmung
1.1 Depressionen
1.2 Pränatal und postpartal/postnatal
1.3 Depressionen in der Postpartalzeit

2. Postpartale depressive Erkrankungen
2.1 Klassifikation
2.2 Postpartale Dysphorie Ursachen
2.3 Postpartale Depression Ursachen
2.4 Postpartale Psychose Ursachen

3. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis (inklusive weiterführender Literatur)

1. Allgemeine Begriffsbestimmung

1.1 Depressionen

Eine Depression (lateinisch: deprimere „niederdrücken“) ist eine psychische Erkrankung, deren Symptomatik sich durch eine bedrückte, niedergeschlagene und pessimistische Stimmung auszeichnet, die häufig mit einem Interessensverlust einhergeht. Internationale Studien belegen, dass Depressionen mittlerweile zu den häufigsten psychischen Erkrankungsbildern zählen, die zu verzeichnen sind. Bereits in Deutschland leiden ca. 10 bis 15 Prozent aller Menschen an depressiven Verstimmungen, wovon jede vierte Person eine schwere psychische Störung entwickelt (vgl. Der Brockhaus Gesundheit 2004, S. 269). Frauen sind deutlich häufiger von Depressionen betroffen als Männern. Die Ursachen werden sowohl biologischen als auch psychosozialen Faktoren zugeschrieben (vgl. Angst/Sellaro 2001, S. 63).

1.2 Pränatal und postpartal/postnatal

Die Bezeichnung „pränatal“ stammt aus dem lateinischen Wortschatz und bedeutet ins Deutsche übersetzt „vor der Geburt“. Vorzugweise wird dieser Begriff in der Pränataldiagnostik eingesetzt. Hierbei geht es um vorgeburtliche Untersuchungen, die zur Erfassung von genetischen Erkrankungen und Entwicklungsstörungen beim Fötus dienen sowie zur Früherkennung von Schwangerschaftskomplikationen eingesetzt werden (vgl. Der Brockhaus Gesundheit 2004, S. 974).

Demgegenüber stehen die Begrifflichkeiten postpartal und postnatal, die in der psychiatrischen Terminologie (Fachsprache) gleichbedeutend eingesetzt werden. Aus dem lateinischen abgeleitet, bedeutet „post“ „nach“ und „partus“ steht für die „Entbindung“. Der Ausdruck postpartal bedeutet somit „nach der Entbindung“, wohingegen „natus“, aus dem lateinischen übersetzt, für die „Geburt“ steht. Somit bedeutet postnatal „nach der Geburt“. In der deutschen Fachsprache ist man dazu übergegangen, vorzugsweise den Begriff postpartal zu verwenden, wohingegen sich im englischen Sprachraum der Begriff postnatal durchgesetzt hat (vgl. Rohde 2004, S. 21). Treten innerhalb des ersten halben Jahres nach der Entbindung Symptome einer psychischen Störung auf, dann wird dieser Zeitraum als postpartal bezeichnet.

Es gibt auch vereinzelte wissenschaftliche Meinungen, die diese Zeitspanne bis auf ein Jahr nach der Geburt erweitern (vgl. ebd., S. 27).

Im Hinblick auf die oben ausgeführte gängige Klassifizierung beziehe ich mich in meiner Diplomarbeit ebenfalls auf den Ausdruck postpartal, der an dieser Stelle gleichbedeutend mit dem Begriff postnatal eingesetzt wird.

1.3 Depressionen in der Postpartalzeit

Viele Frauen leiden im Wochenbett unter depressiven Verstimmungen, die durch biologische und psychosoziale Umstellungsprozesse während der Schwangerschaft und der Geburt begünstigt werden (vgl. Der Brockhaus Gesundheit 2004, S. 270). In zahlreichen Studien zu diesem Thema erkannte man, dass das Risiko, an einer psychischen Störung zu erkranken, zu keinem anderen Zeitpunkt so ausgeprägt ist, wie nach einer Entbindung. Die Erkrankungsrate steigt in dieser Zeit signifikant an, wohingegen das Risiko während der Schwangerschaft an Depressionen zu erkranken, verhältnismäßig gering ist (vgl. Unger/Rammsayer 2001, S. 153).

Die postpartalen psychischen Erkrankungen verfügen über unterschiedliche Ausprägungsgrade, die von einem leichten Stimmungstief bis zu einer gravierenden Depression reichen können (vgl. Dalton 2003, S. 12). In der Regel handelt es sich um eine kurzlebige Erscheinung, die als postpartale Dysphorie (Baby-Blues) klassifiziert wird. Erst wenn sich die Symptomatik verfestigt und über einen längeren Zeitraum andauert, kann sich hieraus eine postpartale Depression entwickeln. Im schlimmsten Fall entsteht eine postpartale Psychose, die mit schwerwiegenden Verhaltensstörungen einhergehen kann. Die hier skizzierten Ausprägungsformen gehören zu den klassischen Störungen der Postpartalzeit. Eine eindeutige Abgrenzung untereinander ist oft schwer zu vollziehen, weil es innerhalb der einzelnen Krankheitsbilder zu zahlreichen Überschneidungen kommt (vgl. Gröhe 2003, S. 41).

Im nachfolgenden Kapitel möchte ich mich mit den zahlreichen biologischen und psychosozialen Veränderungsprozessen auseinandersetzen, die mit der Geburt eines Kindes einhergehen. Alle Eltern eines neugeborenen Kindes haben mit den Folgen dieses Umbruches zu kämpfen. Die Auswirkungen dieser Belastung werden jedoch unterschiedlich wahrgenommen. Eine Ernüchterung in der Beziehung, Unzufriedenheit, ein eingeschränktes Wohlbefinden, psychosomatische Symptome sowie Depressionen können die Folge sein (vgl. Eckert 1999, S. 71).

2. Postpartale depressive Erkrankungen

2.1 Klassifikation

In den letzten zwanzig Jahren hat man anhand von zahlreichen Studien eine Definition für postpartale psychische Erkrankungen gefunden. Anhand dieser Klassifikation lassen sich drei psychogene Störungsbilder unterscheiden. Die postpartale Dysphorie sowie die postpartale Depression und Psychose. Diese Unterteilung in einzelne Bereiche wird anhand des Störungsbeginns, der Dauer und dem Ausprägungsgrad der Symptomatik festgemacht (vgl. Unger/Rammsayer 2001, S. 153).

Eine eigenständige Klassifikation dieser Störungsbilder ist in internationalen Manualen nicht ersichtlich. Im „Diagnostischen und Statistischen Manual Psychischer Störungen“ (DSM IV) wird lediglich die Zusatzcodierung „mit postpartalem Beginn“ aufgeführt, welche im Bedarfsfall an die Diagnose einer Störung angehängt werden kann, solange diese in einem Zeitraum von vier Wochen post partum auftritt (vgl. Saß u.a. 2003, S. 471f.). Entsprechend hierzu findet man in der „Internationalen Klassifikation psychischer Störungen“ (ICD-10) die Kategorie F53, die als „psychische oder andere Verhaltensstörung im Wochenbett“ gekennzeichnet ist. Laut ICD-10 soll diese Codierung nur vergeben werden, wenn sich die Erkrankung innerhalb von sechs Wochen post partum herausbildet und keinem anderen Störungsbild zugeordnet werden kann (vgl. Dilling /Mombour/Schmidt 2005, S. 218).

2.2 Postpartale Dysphorie

Für die postpartale Dysphorie gibt es innerhalb der Literatur eine Reihe unterschiedlicher Begrifflichkeiten wie Heultage, Fünftagestränen oder postpartales Stimmungstief. Die Bezeichnung Baby-Blues stammt aus dem amerikanischen Wortschatz und hat sich mittlerweile auch in Deutschland eingebürgert (vgl. Dalton 2003, S. 50).

Die postpartale Dysphorie bezeichnet ein kurzlebiges Stimmungstief, welches in den ersten zwei bis fünf Tagen nach der Entbindung auftritt. Es handelt sich hierbei um eine vorübergehende Verstimmung, die meistens nur einige Stunden oder Tage anhält und sich in der Regel ohne therapeutische Hilfe wieder legt. In der Literatur gibt es erhebliche Schwankungen bezüglich der Auftretungswahrscheinlichkeit. So spricht Riecher-Rössler (1997) von 25 bis 40 Prozent (vgl. Gröhe 2003, S. 41), wohingegen Rohde 50 bis 70 Prozent anführt (vgl. Rohde 2004, S. 32). Charakteristisch für diese Phase sind Symptome wie Weinerlichkeit, Reizbarkeit und eine erhöhte Labilität. Die Mütter unterliegen extremen Stimmungsschwankungen und reagieren sehr emotional auf äußere Einflüsse. So können z.B. anfängliche Stillprobleme, die durchaus als normal einzustufen sind, eine Katastrophenstimmung auslösen. Zudem zeigen sich oft Verunsicherungen im Umgang mit dem Säugling, Erschöpfungszustände sowie eine erhöhte Schlaf- und Appetitlosigkeit. In dieser Phase ist es wichtig, dass den Müttern mit viel Liebe, Geduld und Verständnis begegnet wird, bis sich ihr seelisches Gleichgewicht wieder eingestellt hat. Leider sind solche Bedingungen in der Praxis nicht immer vorfindbar. Das Personal im Krankenhaus hat in der Regel nur einen sehr geringen zeitlichen Spielraum, weshalb die pflegerischen Tätigkeiten im Vordergrund stehen und die Bedürfnisse der verunsicherten Frauen nur unzureichend befriedigt werden können (vgl. Nispel 2001, S. 40-42).

Ursachen

Die Entstehung des Baby-Blues wird fast vollständig auf die Umstellung des Hormonhaushaltes zurückgeführt, der mit einem drastischen Abfall des Östrogens und Progesterons in der Postpartalzeit einhergeht (siehe Abschnitt 3.1.2) (vgl. Rohde 2004, S. 36). Neben diesen biologischen Ursachen dürfen die erheblichen psychosozialen Umstellungen nach der Entbindung nicht außer Acht gelassen werden. In einer Studie von Hartung und Hartung (1997) stellte sich heraus, dass vor allem Erstgebärende vermehrt unter Stimmungsschwankungen in der Postpartalzeit leiden. Darüber hinaus erkannte man, dass ein verlängerter Geburtsverlauf und die damit einhergehende Belastung das Auftreten einer postpartalen Dysphorie begünstigen kann. Diese Tatsache spricht dafür, dass die nachgeburtlichen Erschöpfungszustände und der überwältigende Gefühlseindruck des Geburtserlebnisses ein wesentlicher Auslöser sind. Stillproblematiken, psychische Labilität und Partnerschaftsprobleme begünstigen zudem das Auftreten einer postpartalen Dysphorie.

Riecher-Rössler (1997) verweist darauf, dass Frauen, die unter psychischen Problemen in der Schwangerschaft oder Anamnese gelitten haben, ein erhöhtes Risiko in sich tragen, einen Baby-Blues zu entwickeln (vgl. Gröhe 2003, S. 42f.).

Die postpartale Dysphorie sollte getrennt von der Wochenbettdepression und Wochenbettpsychose betrachtet werden. Die Symptomatik, die damit einhergeht, scheint angesichts der vielfältigen körperlichen und psychischen Belastungen während und nach der Geburt eine natürliche Reaktion zu sein. Trotz dieser Tatsache birgt auch die postpartale Dysphorie eine gewisse Gefahr in sich, die mit berücksichtigt werden sollte (vgl. ebd., S. 43). In unserer heutigen Zeit wird der Baby-Blues schon fast als „Normalzustand“ angesehen, weshalb ihm oftmals nur eine geringe Bedeutung beigemessen wird. Demzufolge neigen viele Fachleute dazu, alle Beschwerden, die im Wochenbett auftreten, als postpartales Stimmungstief abzutun. Diese einseitige und verkürzte Ausrichtung kann dazu führen, dass schwere Erkrankungen in der Postpartalzeit zu spät erkannt werden und somit eine gezielte Behandlung erst erfolgt, wenn sich die mütterlichen Problemlagen manifestiert haben (vgl. Nispel 2001, S. 42f.). In einer Studie von Cox (1986) fand man diesbezüglich heraus, dass etwa ein Viertel der Frauen, die unter einem schweren Baby-Blues leiden, im Anschluss eine postpartale Depression ausbilden (vgl. Gröhe 2003, S. 44).

2.3 Postpartale Depression

Einige Experten sind der Ansicht, dass sich die postpartale Depression (Wochenbettdepression) in ihrer Erscheinungsform und ihrem Verlauf nicht wesentlich von der klassischen Depression unterscheidet, die zu anderen Zeitpunkten auftritt (vgl. Nispel 2001, S. 46).

Die Häufigkeitsangaben der Wochenbettdepression schwanken zwischen 10 bis 15 Prozent, was in etwa jeder 7. bis 10. Entbindung entspricht (vgl. Rohde 2004, S. 32; vgl. Gröhe 2003, S. 48). Von diesen Prozentzahlen wurden aber nur Mütter erfasst, die man aufgrund depressiver Symptome behandelte, was darauf schließen lässt, dass die Dunkelziffer noch weitaus höher ist. In der Regel bildet sich die Symptomatik in den ersten zwölf Wochen nach der Geburt aus. Dieser Prozess kann sich aber in extremen Fällen bis auf ein Jahr hinauszögern. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass sich der Beginn der Depression nicht schlagartig vollzieht, wie im Fall der postpartalen Dysphorie, sondern meistens schleichend und langsam erfolgt (vgl. Nispel 2001, S. 45f.).

Die Erkrankungsdauer der Wochenbettdepression ist durchaus variabel. Sie kann Tage bis Monate anhalten und im Fall einer Chronifizierung kann sich die Symptomatik sogar über Jahre hin erstrecken (vgl. Wendt/Rohde 2004, S. 296).

Eine depressive und niedergeschlagene Stimmung muss nicht unbedingt zu den ersten Anzeichen einer Wochenbettdepression gehören. In einer Untersuchung, die diesbezüglich durchgeführt wurde, sollten 100 betroffene Frauen die ersten Tage ihrer Erkrankung beschreiben. Die Ergebnisse zeigten, dass zu Beginn einer Depression oftmals Symptome wie ausgeprägte Erschöpfungszustände, Schlafstörungen und eine erhöhte Ängstlichkeit stehen (vgl. Dalton 2003, S. 58). Darüber hinaus lassen sich folgende Symptome verzeichnen: ein bedrücktes und niedergeschlagenes Verhalten, häufiges Grübeln, Pessimismus, Konzentrationsstörungen, allgemeines Desinteresse, innere Leere, Energiemangel, Zwangs- und Angstsymptome, Veränderungen des Appetits, somatische Beschwerden und sogar Suizidgedanken (vgl. Nispel 2001, S. 46). Ein entscheidendes Kriterium ist die erhöhte Reizbarkeit, die auch bei anderen hormonell beeinflussten Syndromen (Krankheitsbildern) zu beobachten ist. Betroffene Frauen zeigen ein sehr ungeduldiges und streitsüchtiges Verhalten, dass sich sowohl in verbalen als auch in körperlichen Ausbrüchen äußern kann. Im schlimmsten Fall richten sich die angestauten Aggressionen gegen die Kinder (vgl. ebd., S. 47).

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Details

Seiten
22
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783656741770
ISBN (Buch)
9783668137660
Dateigröße
449 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v280829
Note
1,0
Schlagworte
postpartale erkrankungen
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Titel: Postpartale depressive Erkrankungen