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Bill Viola. Die Dekonstruktion der Gesten

Ausarbeitung 2013 17 Seiten

Kunst - Fotografie und Film

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. The Passions
2.1. Silent Mountain
2.2. The Quintet oft the Astonished
2.3. Wiederkehrende Gebärden besonderer Ausdruckskraft bei Warburg und Viola

3. Bill Violas Videos als Mittel zur Forschung am Bilde

4. Zusammenfassung und Ausblick

5. Literaturverzeichnis

Der Zwang zur Auseinandersetzung mit der Formenwelt vorgeprägter Ausdruckswerte, - sie mögen nun aus Vergangenheit oder Gegenwart stammen - bedeutet für jeden Künstler, der seine Eigenart durchsetzen will, die entscheidende Krisis.1

1. Einleitung

Die folgenden Ausführungen sollen meinen Teil des Referats über den Künstler Bill Viola verschriftlichen, welches im Rahmen des Seminars “Gesten/ Affekte/ Emotionen. Konzepte zur Analyse visueller Kulturen (Von Aby Warburg bis…)“ in Zusammenarbeit mit Martha- Angel Gräbenitz erarbeitet und vorgetragen wurde.

Es soll hier keine bloße Reproduktion des Referats geliefert werden - stattdessen soll sich die Arbeit auf einige, als besonders wichtig erachtete Aspekte beschränken und diese tiefergehend beleuchten.

Besondere Beachtung fanden in meinem Teil des Vortrags die kurzen Videoarbeiten der Serie The Passions, an der Viola seit 2000 arbeitet. Die kurzen Videoarbeiten, welche durch die starke Verlangsamung (Slow Motion) auffallen und die der Künstler als Projektionen ausstellte, machen extreme Gefühlszustände in Form von ausdrucksstarken Gesten und Gebärden sichtbar.

Im Referat kam die Frage auf, ob es möglich sei, die Gesten bzw. Emotionen auf die sie verweisen, zu benennen. Von Seiten der SeminarteilnehmerInnen wurde die Möglichkeit der klaren Benennung vielstimmig in Frage gestellt. Die Ausarbeitung soll diese Frage aufgreifen und weiter problematisieren. Bill Viola greift bei seiner Arbeit, wie weiterhin herausgestellt werden soll, häufig auf historische Gebärden zurück, welche in den Videoarbeiten dargestellt werden. Kann hier ein Vergleich zu dem Kunstwissenschaftler Aby Warburg und dessen Sammlung von Gebärden (beispielsweise im Bilderatlas Mnemosyne) hergestellt werden? Die in Recherche und Diskussion als Schwerpunkt hervorgetretene Frage nach der Möglichkeit einer Dekonstruktion von Gesten durch die Videoarbeiten soll weiterhin thematisiert werden, um so einen brauchbaren Bezug zum Seminarthema zu gewährleisten und zu vertiefen.

Hinsichtlich der Möglichkeit einer Analyse und Beschreibung von Gebärden durch die verlangsamte Vorführung ihres Entstehens, soll die Besonderheit des verwendeten Mediums Film und dessen Potenzial im Vergleich zum unbewegten Bild hervorgehoben werden.

2. The Passions

Seit 2000 arbeitet Bill Viola an The Passions, einer Serie kurzer Videoprojektionen. Übersetzt bedeutet der Titel “Die Leidenschaften“. Der Begriff “Leidenschaft“ beschreibt laut Duden einen “sich in emotionalem, vom Verstand nur schwer zu steuerndem Verhalten äußernder Gemütszustand“2. Rudolf Eislers Wörterbruch der philosophischen Begriffe nähert sich dem Begriff wie folgt:

Leidenschaft (pathos, passio) ist ein dauerndes und heftiges (habituelles) Begehren, die starke Disposition, Bereitschaft zu Begierden, Trieben bestimmter Art, die auf Befriedigung warten und das Vorstellungsleben einseitig beherrschen, lenken.“3

Der gemeinsame Nenner vieler Definitionen des Begriffs “Leidenschaft“ besteht in der Unmöglichkeit ihrer Kontrolle durch den Verstand. Der Werktitel könnte also auf innere Zustände verweisen, die sich der Kontrolle des/der von ihnen betroffenen entziehen. Wie der Titel vermuten lässt, zeigen die kurzen Videoprojektionen allgemein gesprochen extreme menschliche Gefühlszustände bzw. deren körperlichen Ausdruck. In den kurzen Videos wird eine große Bandbreite an Gesten gezeigt, welche auf Emotionen verweisen, die sich zumeist nicht eindeutig benennen lassen. Die Videos sind stumm und extrem verlangsamt. Das Fehlen der Tonebene und die Verlangsamung konzentrieren die Aufmerksamkeit der BetrachterInnen auf das Sichtbare d.h. auf die Körper von Violas ProtagonistInnen, sowie deren Veränderungen im Laufe der Videoprojektionen.

2.1. Silent Mountain

Die 27 sekündige, stumme Videoinstallation Silent Mountain (2001) zeigt eine männliche Person etwa mittleren Alters mit grau meliertem, wehendem Haar. Die Einstellungsgröße (Nah) und die Normalsicht, sowie der schwarze Hintergrund lenken die Aufmerksamkeit ganz auf Mimik und Gestik der gezeigten Person. Die extreme Verlangsamung macht die kleinsten Körperbewegungen sichtbar. Zunächst befindet sich die Person in einer aufrechten Haltung, mit wehendem Haar, nach oben gerichtetem Blick und angewinkelten Armen. Kurz darauf krümmt sich ihr Körper wie in einem Krampf nach vorn. Nach einem kurzen Verharren in dieser Position, schließt der Mann die Augen, ballt seine Hände zu Fäusten und wirft seinen Kopf in den Nacken. Der Mund ist die meiste Zeit weit aufgerissen, als stoße er einen Schrei aus, die Augen sind manchmal geöffnet, manchmal fest zusammengekniffen. Gegen Ende schließt er langsam den Mund und greift sich mit beiden Händen ins Haupthaar. Der Körper entspannt sich dabei scheinbar etwas und geht erneut in eine gebückte Haltung über, sodass zuletzt der Haarschopf zu sehen ist, in dem er seine Hände vergräbt.4

Die Intensität der Bewegungen verändert sich im Laufe des Videos, sodass ein Eindruck entsteht, als würden Wellen extremer Gefühlsregung die Person erfassen und wieder abebben, bis ein neues Extrem den Körper erreicht. Zu Beginn jedes dieser Schübe reißt die Person ihren Mund weit auf. Trotz des Fehlens des Tons, wird der Schrei körperlich erfahrbar, die Intensität der dargestellten Gesten affiziert die BetrachterInnen unmittelbar, sodass sie unweigerlich in das Werk einbezogen werden. Das Video regt zu dem Versuch an, die Gesten der sich krümmenden Person zu lesen, ihr Innerstes zu begreifen, was sich (wie auch von Seiten mehrere SeminarteilnehmerInnen geäußert wurde) in diesem, wie in den anderen Werken der Serie als unmöglich erweist. Im Falle dieses Werks bestand in der Diskussion wenigstens Einigkeit darüber, dass den hier abgebildeten Gesten sehr intensive, negative Emotionen zugrunde liegen müssen. Obwohl eine klare Bestimmung nicht möglich war und vielleicht auch gar nicht nötig ist, gewährleisten unsere emphatischen Fähigkeiten doch, dass uns das Werk erreicht, wenn auch bei jeder betrachtenden Person ein etwas anderes Gefühl entsteht. Wie in den anderen kurzen Videoprojektionen der Serie The Passions scheinen die Gesten des Darstellers auf ein affektgeleitetes, beinahe triebhaftes Verhalten hinzuweisen. Interessant ist der Umstand, dass die Situationen vom Künstler inszeniert und Schauspieler eingesetzt wurden. Wie wurden sie aber herbeigeführt und wieso werden gerade diese Gesten dargestellt? In 2.3. ist die Auseinandersetzung mit den Inspirationsquellen vorgesehen, die bei der Entstehung von Violas Videoarbeiten eine Rolle spielten. Im Falle dieses Werks kann lediglich festgehalten werden, dass die dargestellten Gesten die Betrachterinnen affizieren. Ihre eventuelle “Bedeutung“ soll hier noch vernachlässigt werden.

[...]


1 Aby Warburg (1929), Mnemosyne Einleitung, In: Aby Warburg. Werke in einem Band. Berlin, S. 634

2 Duden, Online im Internet: URL: http://www.duden.de/rechtschreibung/Leidenschaft - Zugriff am 05.08.2013

3 Rudolf Eislers Wörterbruch der philosophischen Begriffe, Online im Internet: URL: http://www.textlog.de/4364.html - Zugriff am 05.08.2013

4 Screenshots aus dem Video, Online im Internet: URL: http://www.youtube.com/watch?v=IEVZ1gN4fB8 4

Details

Seiten
17
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656742760
ISBN (Buch)
9783656742753
Dateigröße
937 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v280702
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg – Kunst und visuelle Kultur
Note
1,7
Schlagworte
Aby Warburg Bill Viola Gesten Gebärden Sprache Moderne Kunst Medien

Autor

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Titel: Bill Viola. Die Dekonstruktion der Gesten