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Auf der Suche nach Authentizität im globalen Dorf

Der Individualtourist im Identitätskonflikt zwischen Vernetzung und Abgrenzung

Masterarbeit 2013 62 Seiten

Medien / Kommunikation - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung

1 Einleitung

2 Reisen im Zeitalter der Globalisierung
2.1 Entortung, Entdifferenzierung und Verlust des Einmalig-Echten
2.2 Reizsteigerung, Individualisierung und ständiges Unterwegssein

3 Die Frage nach dem Warum
3.1 Reisen als Flucht
3.2 Reisen als Metamorphose
3.3 Reisen als unlinearer Prozess

4 Abgrenzung von der „trägen Masse“
4.1 Reisen vs. Tourismus
4.2 Alternativ reisen
4.3 Rucksacktourismus als Identitätskonstrukt

5 Die unerschöpfliche Suche nach Authentizität
5.1 Wonach suchen wir eigentlich?
5.2 Inszenierte Tourismusräume
5.3 Der touristische Blick

6 Virtuality meets Reality
6.1 Neue Wege zu alten Zielen
6.2 Lifeseeing statt Sightseeing

7 Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Zusammenfassung

Individuelle Reiseformen stehen in Zeiten von Globalisierung, Kommerzialisierung und digitaler Vernetzung vor der Herausforderung, sich ihre Individualität zu bewahren. Die ältesten Reisemotive der Menschheit, nämlich ein ‚Kontrastprogramm‛ zum Alltag zu schaffen, sich im Außeralltäglichen als anderer zu erfahren und in der Fremde Ganzheit und Sinn zu finden, werden immer wieder auf den Prüfstand gestellt. In dieser Masterarbeit wird insbesondere die Konfliktsituation beleuchtet, in der sich der Alternativreisende bei seinem Bestreben, authentische Erfahrungen zu sammeln, befindet. Hierzu werden Ansätze und Theorien verschiedener Geisteswissenschaftler hinzugezogen, gegenübergestellt und in den Kontext aktueller medialer und gesellschaftlicher Entwicklungen gestellt. Die vorliegende Untersuchung basiert auf einer rein theoretischen Literaturanalyse. Thematisch gegliedert ist die Arbeit in sieben Kapitel. Im ersten Kapitel werden der Forschungshintergrund und der Inhalt der Arbeit mit den dazugehörigen Fragestellungen dargestellt. Das zweite Kapitel zeigt die Bedingungen auf, denen das Reisen in einer globalisierten Welt ausgesetzt ist. Kapitel 3 setzt sich mit zwei populären und kontroversen Tourismustheorien auseinander, die dem Sinn des Reisens nachgehen. In Kapitel 4 wird dem Phänomen des ‚Anti-Tourismus‛, also der Distinktion zwischen Individual- und Massentourismus auf den Grund gegangen; spezielle Aufmerksamkeit kommt in diesem Rahmen dem Identitätskonstrukt des Rucksacktourismus zu. Kapitel 5 behandelt das grundlegende touristische Projekt der Authentizitätssuche, indem unterschiedliche Perspektiven beleuchtet werden, die allesamt die Frage gemeinsam haben, ob ‚das Echte‛ überhaupt existiert bzw. durch den Reisenden auffindbar und ‚real‛ erlebbar ist. Das sechste Kapitel widmet sich der Nutzung von Online-Communities und hinterfragt, welche Bedeutung sogenannte Gastfreundschaftsnetzwerke für das Konzept des Individualtourismus haben. Im letzten Kapitel werden zentrale Ergebnisse und daraus resultierende Denkansätze der Masterarbeit noch einmal aufgegriffen und reflektiert.

1 Einleitung

„People are tourists most of the time“, so John Urry 1995 in Consuming Places (148). Ob sie im wortwörtlichen Sinn mobil sind oder in dem „unglaublichen Fluss vielfältiger Zeichen und elektronischer Bilder nur simulierte Mobilität erfahren“ macht ihm nach in unserer modernen Gesellschaft einen kaum noch merklichen Unterschied (vgl. ebd, Übers. d. Verf.). Für Jana Binder spiegelt sich im Reisen der Wunsch des Individuums wider, die Welt zu „er-fahren“ (2005: 26). Sie verdeutlicht damit, dass Erfahrung im eigentlichen Wortsinn eng mit Bewegung verbunden ist.1 Bewegung und somit mobiles Verhalten wiederum ist seit jeher den Entwicklungen neuer Informations- und Kommunikationstechnologien ausgesetzt. Dieser Zusammenhang wird besonders hervorgehoben am Beispiel der Industrialisierung. Kurt Luger schreibt dazu 2005:

Kommunikation und Reise wurden früher als Synonyme verwendet. Die Kommunikationskanäle bildeten Postwege zu Lande und zu Wasser, später kamen Eisenbahntrassen dazu und in diesem Jahrhundert die Autobahnen und Flugkorridore. Das Tempo des Reisens bestimmte das Tempo der Kommunikation (83).

Das Lebensgefühl der Menschen vollzog, so Luger, einen Wandel „vom Statischen zum Mobilen“ (ebd.: 90). Ihm nach wälzten die neuen Kommunikationsmittel „die Hierarchie zwischen Nähe und Ferne“ um und bildeten Identitäten heraus, „die das Fremde im Eigenen zu absorbieren versuchten“ (ebd.). Diese Innovationen führten dazu, dass Menschen mittlerweile in der Lage sind, innerhalb von nur vierundzwanzig Stunden beinahe jeden Ort dieser Welt zu bereisen. Die „totale Mobilmachung“ und eine „zumindest scheinbare Verfügung über Raum und Zeit“ sind Lugers Ansicht nach, die kennzeichnenden Merkmale des industrialisierte Zeitalters (ebd.). Medien, Kommunikation und Tourismus scheinen demnach nicht nur wechselseitig aufeinander einzuwirken, sondern auch in einer Abhängigkeit zueinander zu stehen. Die Identität des heutigen Reisenden2 ist Luger zufolge „ein Produkt jahrhundertealter Reisetätigkeit, einer unendlichen Folge immer neuer Abreisen, Passagen und Ankünfte“ (ebd.).

Obgleich Individualtourismus und insbesondere Backpacking3 in unserer gegenwärtigen Gesellschaft eine äußerst populäre und dynamische entwickelnde soziokulturelle Praxis4 darstellen, sind wissenschaftliche Studien auf diesem Gebiet bislang rar gesät. Ein Grund dafür könnte die nicht eindeutige Kategorisierung des Phänomens Tourismus zu einer spezifischen Forschungsfachrichtung sein. Der akademische Zugang zur Thematik zeigt die große Bandbreite diverser Theorien von Vertretern der beispielsweise Ethnologie, Soziologie, Anthropologie, Geographie, Philosophie, Wirtschafts- oder Medienwissenschaften auf. Es liegt somit nahe, den Tourismus als soziales Totalphänomen zu betrachten. Dieser Begriff wurde geprägt durch Marcel Mauss und bezeichnet gesellschaftliche Erscheinungen, die nicht nur einzelne Aspekte oder Bereiche des privaten oder öffentlichen Lebens betreffen, sondern sich auf sämtliche Dimensionen des Lebens beziehen, also beispielsweise rechtliche, moralische, politische, religiöse, ökonomische oder auch ästhetische (vgl. Mauss 1923/24). Die daraus folgende Multidisziplinarität ermöglicht die Betrachtung aus einem großen Spektrum von Blickwinkeln, erschwert aber auch die Etablierung der Tourismuswissenschaft als eigenständiges Forschungsgebiet. Zwar liegt ein allen Disziplinen übergeordnetes gemeinsames Forschungsobjekt vor, nämlich die Reise bzw. das Phänomen der Ortsveränderung und die damit zusammenhängenden Beziehungen zwischen Individuen, Gesellschaften, Medien, Institutionen usw., jedoch fehlt bisher ein Konsens über ein gemeinsames wissenschaftliches Paradigma, mit dem sich alle Fachrichtungen identifizieren können (vgl. Freyer 2005). Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Herausbildung des Individualtourismus als Reisestil, der sich bewusst vom Bild des ‚herkömmlichen‛ Tourismus abzugrenzen bemüht. Hierbei wird erarbeitet, wie Individualtourismus hergestellt wird, welchen Einfluss dabei Gesellschaft und Medien haben und welchen grundlegenden Konfliktsituationen der Individualtourist aufgrund seiner selbstgewählten Rolle ausgesetzt ist. Weiterhin wird beleuchtet, welcher Stellenwert reisetypischen Medien wie Reiseführer, Fotoapparat oder Internet beim Verfolgen der individualtouristischen ‚Mission‛ zukommt. In diesem Kontext gilt es auch zu hinterfragen, welche Bedeutung die reale, physische Erfahrung in Zeiten virtueller Mobilität für den Reisenden hat und ob Vernetzung im Sinne von Community-Bildung bei der Suche nach Authentizität eher ‚Segen‛ oder ‚Fluch‛ für den Individualtouristen darstellt.

2 Reisen im Zeitalter der Globalisierung

2.1 Entortung, Entdifferenzierung und Verlust des Einmalig-Echten

Marshall McLuhan prophezeite es bereits in den sechziger Jahren - die Welt wächst aufgrund moderner elektronischer Kommunikations- und Transporttechnologien mehr und mehr zu einer Gemeinschaft zusammen, in der die Individualität des Einzelnen schwindet und stattdessen eine kollektive Identität entsteht (vgl. McLuhan 1962). Die mediale Vernetzung bis hin in die ‚hintersten Winkel‛ der Welt modifiziert bzw. reduziert McLuhan zufolge maßgeblich Raum- und Zeitdimensionen: „'Time' has ceased, 'space' has vanished. We now live in a global village... a simultaneous happening” (1967: 63). Die Metapher des globalen Dorfes findet im modernen Internetzeitalter, insbesondere in Hinblick auf die Entwicklungen von Social Software5 treffende Verwendung. Die scheinbar kontinuierlich Homogenisierung der Welt und die Verschmelzung von Grenzen führen aus der Sicht vieler Wissenschaftler dazu, dass sich das Entdecken fremder Lebenswelten immer anspruchsvoller gestaltet. Einige postulieren sogar bereits ‚das Ende des Reisens im globalen Dorf‛, so beispielsweise Harald Wenzel:

Mit dem Aufkommen moderner Verkehrstechniken schrumpft die Zeit und damit auch die Entfernung zwischen Abreise und Ankunft immer mehr. Das Abenteuer, die intensive Erfahrung des Reisens, verschwindet. Die Welt schrumpft schließlich völlig ein, wenn wir in Echtzeit, in Lichtgeschwindigkeit, das heißt mit elektronischen Medien unterwegs sind (2001: 97).

Reise, Transport und Verkehr sind ihm nach „sowohl für die moderne Wissenschaft wie auch für den modernen Massentourismus zu einer Infrastruktur geworden, der man keine Beachtung mehr schenken muss“ (ebd.: 108). Dabei bezieht sich Wenzel darauf, dass das Reisen in vergangenen Zeiten noch ein durchaus mühevolles Unterfangen darstellte, welches aber gerade dadurch die Besonderheit und damit den Reiz des Reisens ausmachte. Er weist darauf hin, dass das englische travel und das französische travail in ihrem Wortursprung zunächst dasselbe meinten: „Arbeit, Mühe und Qual“ (ebd.). Bewegung war, so Wenzel, einst mit einem „unmittelbaren Leidens-, Erfahrungs- und Handlungscharakter“ verbunden (ebd.). Das Wort Tourismus6 hingegen suggeriert ihm nach „schon eine eher kontemplative, wenn nicht der Realität, so doch unmittelbarer Not entbundene, […] enthobene Wahrnehmung“ (ebd.). Welche hohe Bedeutung die Erfahrung von Raum und Zeit vor der Industrialisierung des Verkehrs für die bürgerliche Bildung hatte, hing Wenzel zufolge ebenfalls mit körperlicher sowie geistiger Anstrengung zusammen, durch welche die „räumliche Individualität der besuchten Orte“ erworben wurde (ebd.: 134f.). 7 Im Gegensatz dazu bedeutet die moderne Verkehrsinfrastruktur für ihn einen „Verlust des Abenteuers, dem ein Zugewinn an Sicherheit, Berechenbarkeit und Komfort des Reisens korrespondiert“ (ebd.: 108). Die ‚Vernichtung von Raum und Zeit‛ war tatsächlich bereits zur Zeit der Industrialisierung Thema in den Werken verschiedener Schriftsteller. Von Heinrich Heine etwa stammt folgender Kommentar:

Durch die Eisenbahnen wird der Raum getötet, und es bleibt uns nur noch die Zeit übrig […]. In viereinhalb Stunden reist man nun nach Orléans, in ebenso viel Stunden nach Rouen. Was wird das erst geben, wenn die Linien nach Belgien und Deutschland ausgeführt und mit den dortigen Bahnen verbunden sein werden! (Heine 1843, Zitat nach Schivelbusch 1977: 39; vgl. auch Spode 2005: 136).

Sozialökonomische Prozesse der Neustrukturierung sowie kommunikations-, medien- und transporttechnische Innovationen bringen, so Hasso Spode, „eine beliebige Machbarkeit […] von allem und jedem an jedem Ort und zu jeder Zeit“ hervor (2005: 139). Dieser Kausalnexus ist ihm nach verantwortlich für „den Niedergang des Einmalig-Echten und des distinkt verortbaren Raumes“ (ebd., vgl. auch Urry 1995). Welch komplexe Bedeutung der Begriff der Fremde heute für den Reisenden einnimmt, formuliert Sabine Boomers wie folgt:

Wie ein Paradox mutet es an, dass sich das moderne Individuum in vielfältigen Lebenssituationen fremd fühlt, obwohl die Welt, wie im Zuge von Entdeckungs-, Eroberungs-, Kolonisierungs-, Globalisierungsprozessen behauptet und in dem Phantasma vom Ende des Reisens zum Ausdruck gebracht, vermeintlich gar keine Fremdheit mehr in sich birgt (2004: 8).

Karlheinz Wöhler geht in seinem Essay Entfernung, Entfernen und Verorten davon aus, dass das, was der Tourist heutzutage an „Fremdheit erfährt“, gar nicht mehr an „raumfremde Kulturen, raumandere Menschen und fremde Landschaften“ gekoppelt ist (2005: 132). „Das erlebte Fremde“ resultiert ihm nach vielmehr aus „raumzeitunabhängigen Erlebnissen, durch die sich der Tourist anders möglich und selbst als Fremder erfahren kann“ (ebd.). Die Tourismusindustrie stellt dem Touristen dafür sogenannte „Erlebnisräume“ zur Verfügung (vgl. ebd.). Die bereisten Räume werden entsprechend der Erwartungshaltungen des modernen Menschen kreiert. Wöhler nimmt an, dass gegenwärtig keine Orte mehr auf der Welt existieren, „die sich in ihrer touristischen Ausrichtung nicht auf ein marketinggestütztes Konzept berufen, auf dessen Basis ein Tourismusraum entworfen und schließlich gestaltet worden ist“ (ebd.: 121). Er befürchtet, dass Touristen nicht mehr in der Lage sein werden, auf einen fremden Kulturraum zu stoßen, „wenn sich der Tourismus zusehends enträumlicht hat, sich also aus speziellen lokalen Wurzeln und Kontexten löst“ (ebd.: 123). Für den „sensuell und kognitiv wahrnehm- und erlebbaren Raum“, der jedoch nicht ‚real‛ ist, sondern eigens für den Touristen geschaffen wurde, führt Wöhler den Begriff script space ein (ebd.). Script space bedeutet, dass „das dem Raum auferlegte semantische Programm […] den Touristen via Information und sinnliche Wahrnehmungsobjekte zu ganz bestimmten materiellen, naturalen und personalen Teilbereichen“ lenkt, „die allesamt je spezifisch touristisch kontextualisiert sind“ (ebd.: 124). Wöhlers Theorie nach kann ein touristischer Raum jegliche thematische Atmosphäre verkörpern, die aus den Bedürfnissen des Touristen entspringt. Ein ‚gewöhnlicher‛ Strand könnte somit an ein und demselben Ort zu einem einsamen ‚Paradiesstrand‛, einem übervölkerten ‚Partystrand‛ oder einem gepflegten und überwachten ‚Familienstrand‛ umgestaltet werden. Solche „Raumbesetzungen und -aneignungen“ sind, so Wöhler, „konstruierte, nicht dem Raum innewohnende Wesenseinheiten und von den Bewohnern gelebte Welten, sondern in den Raum gesetzte Objektivationen, die der Tourist zuhause […] imagiert und sich erwünscht“ (ebd.: 124f.).

2.2 Reizsteigerung, Individualisierung und ständiges Unterwegssein

Trotz vieler pessimistischer Sichtweisen der Wissenschaftler scheint das Fernweh in modernen Industriegesellschaften ungebrochen. Boomers schließt aus der zu beobachtenden kontinuierlichen „Ausweitung der Reiseperipherie“, dass ein Ende der „Erlebnisspirale“ (noch) nicht in Sicht ist (2004: 80). Sie nimmt an, dass das von vielen Wissenschaftlern kritisch betrachtete „Inszenieren von touristischen Erlebnissen“ gegenwärtig als eine Art „Motor der Tourismusentwicklung“ wirkt (ebd.). Nach Aussage des World Travel and Tourism Council sind im Jahr 2012 tatsächlich erstmals eine Milliarde Menschen weltweit verreist. Als Gründe für den weiterhin steigenden Tourismus-Boom wird die Kombination aus neuem Wohlstand in bevölkerungsreichen Regionen wie beispielsweise China und den durch die hohe Konkurrenz der Anbieter ausgelösten stetig sinkenden Flugpreisen genannt.8 Da das Reisen infolge dessen für immer mehr gesellschaftliche Gruppen zur Norm wird, vermindert sich, so Boomers, mehr und mehr der Besonderheitsstatus einer „privilegierten Möglichkeit“, sich aus dem Alltagsleben loslösen zu können (2004: 88). Aus dieser Situation heraus kristallisiert sich ihr zufolge ein immer stärker ausgeprägter Wunsch nach individuellen Reiseformen (ebd.: 85). Die Suche nach Originalität, Reizsteigerung und Individualisierung wird insbesondere medial stetig reproduziert und potenziert, so dass sich Flexibilität bzw.

Veränderungsbereitschaft als grundlegendes Charakteristikum eines modernen Menschen definieren lässt (vgl. auch Boomers 2004). „Individuelle Identität herzustellen und als eine Besonderung, also als Abweichung von anderen zu präsentieren“, kann auch Boomers nach als gesellschaftliche Aufforderung verstanden werden, die zu dem Impuls führt, „rastlos nach immer neuen Anregungen zu suchen“ (ebd.: 64). Die Tugend der Orientierungslosigkeit nennen Goebel und Clermont 1998 den Lebensentwurf junger Generationen, die nicht nur die Möglichkeit haben, die ganze Welt zu bereisen, sondern auch völlig selbstverständlich mit Computer und Internet als ständige Begleiter aufwachsen:

Die tugendhaft Orientierungslosen stehen zwischen verwildernden Lebenswerten und dem klaren Anspruch auf Selbstentfaltung. Indem sie das Chaos der Werte zulassen und für sich immer neu ordnen, geraten sie zwischen Außen- und Innenorientierung […]. Ich-bastelnd werden sie zum virtuellen Trennzeichen zwischen ‚User‛ und ‚Host‛, zwischen Ich und Welt (Schüre 1997).

Die moderne „Unruhe und Unbehaustheit“, welche seit Ende des 20. Jahrhunderts vermehrt diskutiert wird, drückt sich laut Boomers in einem „fortwährenden Zustand des Unterwegsseins“ aus (2004: 65). Zu der Alltäglichkeit des physischen Reisens, der ständigen Raumveränderung, sei es durch Arbeitswege, Wohnungswechsel oder Urlaubsreisen, hat sich eine allzeit verfügbare Bewegung in virtuellen Welten addiert. Im ‚Modus elektronischer Dauerbewegung‛ suchen, finden, erforschen, dokumentieren, verirren und verlieren sich Menschen ähnlich wie im Zustand des Reisens (vgl. ebd.: 65f.). Die Konvergenz virtueller und physischer Mobilität wird auch anhand der bildreichen ‚Computersprache‛ deutlich. Das Computerbetriebssystem Windows beispielsweise öffnet Fenster zur (virtuellen) Welt , der Browser Internet Explorer lädt mit seinem Namen Nutzer wörtlich ein, auf ‚Entdeckungsreise‛ im Internet zu gehen und per Maus-Bewegung kann auf der ‚Online-Welle‛ gesurft werden. Auch wenn der Gebrauch elektronischer Netzwerke die körperliche Bewegung zunächst aufhebt, wird dennoch ein imaginäres (oder bei Nutzung mobiler Endgeräte sogar synchron stattfindendes) Unterwegssein produziert (vgl. auch ebd.). Wie sich im modernen Arbeitsleben zeigt, wird ständige Mobilität und die Bereitschaft, sie jederzeit einzusetzen nicht nur als selbstverständlich erachtet; Reiseerfahrung gilt inzwischen sogar nicht selten als Kompetenz für den Eintritt in die Berufswelt oder als sogenanntes ‚Karrieresprungbrett‛. Etabliert haben sich Reiseformen wie das Gap Year9 oder das Sabbatical10 . Kann ein Berufsbewerber eine solche Erfahrung im Lebenslauf vorweisen, gilt er aus Sicht vieler Arbeitgeber nicht nur als weltoffen und interkulturell erfahren, sondern es werden ihm auch Soft Skills zugeschrieben wie Selbstständigkeit, Stressbeständigkeit und Anpassungsfähigkeit. Individuelle Identitätsentwürfe in Form von Reisen bedeuten im globalisierten Zeitalter somit auch gesellschaftliches Integrations- und Aufstiegspotential (vgl. auch Sonnet und Obmann: 2012). Boomers resümiert, dass „Fantasien des Aufbruchs“ nicht trotz, sondern womöglich gerade aufgrund weltweiter Homogenisierungsprozesse „ihre Wirkkraft erhalten“ (2004: 68). Reisen in der heutigen Zeit kann ihr zufolge durch hochentwickelte Kommunikationstechnik die „ambivalenten Sehnsüchte“ aber auch Ansprüche und Anforderungen nach „innerer“ wie „äußerer Bewegung“ befriedigen (ebd.). Jana Binder macht in ihrer Ethnographieüber Backpacker darauf aufmerksam, dass das Erschließen neuer Personengruppen für das Segment Individualtourismus jedoch nicht nur durch das Konzept ununterbrochener Mobilität herbeigeführt wurde. Auch die Reisepraxis selbst hat sich durch die Möglichkeiten von Telepräsenz und kontinuierlicher Teilhabe an verschiedenen sozialen Gruppierungen über geografische Distanzen hinweg verändert (vgl. 2005: 147). Binder stellt fest, dass Internetcafés mittlerweile ebenso zur Grundausstattung der Infrastruktur von Reisedestinationen gehören wie günstige Übernachtungsmöglichkeiten: „Ob vom ältesten Regenwald der Welt oder von einer Insel ohne Elektrizität, von überall können dank Generatoren die Accounts ‚gecheckt‛ werden“ (ebd.). Dass die permanente Erreichbarkeit, die das Internet mit sich bringt, der individualtouristischen Idee des temporären Timeouts entgegenlaufen könnte, bestätigt sich Binders Forschungsergebnissen nach nicht. Durch Kommunikation über Raum-Zeit-Distanzen hinweg können Reisende während ihrer Mobilität an Gesprächen, Entscheidungen und Ereignissen an vielen verschiedenen Orten gleichzeitig teilnehmen. Diese Tatsache ermöglicht, dass trotz körperlicher Entfernung vom Alltagsleben soziale Beziehungen nicht aufgegeben werden müssen. Binder konnte herausfinden, dass die Nutzung virtueller Netzwerke für viele Menschen zwar keinen dauerhaften Ersatz für soziale Kontakte darstellt, jedoch eine temporäre Lösung für den Umgang mit ihnen bietet, die den Beschluss, ‚auf eigene Faust’, ‚in weite Ferne’ oder über einen sehr langen Zeitraum zu verreisen, maßgeblich erleichtern kann (vgl. Binder 2005).

3 Die Frage nach dem Warum

3.1 Reisen als Flucht

„Man reist ja nicht, um anzukommen“ lautet der Titel der 1998 erschienenen Publikation Reisen als kulturelle Praxis von Hlavin-Schulze. Diese These wirft abermals eine Frage auf, welche die universelle Ausgangsbasis sämtlicher Tourismustheorien darstellt: Warum verreisen Menschen - was macht ihr Motiv, ihren Antrieb aus? Glaubt man dem genannten Titel und Menschen reisen nicht, um anzukommen, dann liegt es nahe, zu vermuten, dass Menschen reisen, um von etwas ‚wegzukommen‛. Als eine der populärsten Theorien in diese Richtung hat sich bis heute die sogenannte Fluchtthese nach Hans Magnus Enzensberger durchgesetzt. Ihm nach entspricht Reisen dem klassischen Wunschtraum der Romantik - einem in die Ferne projizierten, bürgerlichen Begehren nach Freiheit (vgl. Enzensberger 1962). Touristisches Reisen ist Enzensberger zufolge der Versuch, sich aus der selbstgeschaffenen Wirklichkeit der Industriegesellschaften zu befreien - ein Versuch, der seiner Theorie nach jedoch vergeblich bleiben muss. Die Reise nämlich, welche aus den Normen und Zwängen der kapitalistischen Welt hinausführen sollte, ist mit der Entwicklung der Tourismusindustrie selbst zu einem erwerblichen Produkt mutiert:

Längst hatte sich inzwischen der Sieg des Tourismus als Pyrrhussieg erwiesen, längst war das Fernweh nach der Freiheit von der Gesellschaft, vor der es floh, in ihre Zucht genommen worden. Die Befreiung von der industriellen Welt hat sich selber als Industrie etabliert, die Reise aus der Warenwelt ist ihrerseits zur Ware geworden (Enzensberger 1958: 709).

Enzensberger erkennt im Tourismus die drei grundlegenden Elemente jeder industriellen Produktion: Normung, Montage und Serienfertigung (ebd.: 713). Der Tourismus „parodiert“ ihm zufolge daher „die totale Mobilmachung“, da er dem Reisenden nur eine scheinbare (Entscheidungs- und Bewegungs-) Freiheit bieten kann. Dem Tourist bleibt somit keine andere Chance, als in seinem Ausbruch aus der „Unfreiheit“ immer wieder aufs Neue zu scheitern (1962: 163f.). In Wirklichkeit findet sich der Tourist auf seiner Reise erneut Einschränkungen, Pflichten und Verhaltensregeln ausgesetzt (vgl. ebd.). Das Besichtigen von Sehenswürdigkeiten ist hierbei für ihn von ausschlaggebender Bedeutung:

Sehenswürdig ist, was man gesehen haben muss. Mit der Erfüllung dieser Pflicht gibt der Tourist die Schuld ab, die er heimlich in seiner Flucht vor der Gesellschaft erblickt. Mit seinem Gehorsam bekennt er ein, dass er die Freiheit, auf die er aus zu sein scheint, gar nicht erträgt (ebd.: 161).

Enzensberger stellt die These auf, dass die Heimkehr eine essentielle Rolle für den Touristen spielt, da sie ihn letztlich „selbst zur Sehenswürdigkeit werden lässt“: „Was ihm seine Ideologie als unberührte Ferne hinstellt, muss er nicht nur berühren, sondern auch publizieren. Die Zuhausegebliebenen verlangen von ihm, dass er ihnen von seinen Abenteuern erzähle“ (ebd.: 166). An dieser Stelle wird deutlich, dass neben der Alltagsflucht soziales Prestige ein Hauptmotiv des ‚touristischen Programms‛ für den Reisenden darstellt. Enzensberger zeichnet ein weitgehend resigniertes Bild des modernen Reisenden, indem er dessen selbstaufgenommene Urlaubsbilder lediglich als „Abklatsch“ der Werbeplakate ansieht, die den Touristen zu seiner Reise „verlockt“ haben und die er durch Reproduktion nun selbst nur bestätigt (ebd.). Enzensberger traut dem Touristen jedoch zu, das gesellschaftliche „System der

Unfreiheit“ zu „durchschauen“ und sein eigenes Fluchtverhalten reflektieren zu können: „Indem wir auf die Rückfahrtkarte in unserer Tasche pochen, gestehen wir ein, dass Freiheit nicht unser Ziel ist, dass wir schon vergessen haben, was sie ist“ (ebd.). Er geht davon aus, dass der Tourist sich damit abgefunden hat, „Freiheit als Massenbetrug hinzunehmen“ (ebd.: 168). Anhand seiner Ausführungen erhebt Enzensberger das Reisen einerseits als Gesellschaftskritik und Auflehnungsversuch, gleichzeitig reduziert er es aber zu einem Selbstbetrug, dem der Reisende nicht entrinnen kann. Trotz dessen sich viele Wissenschaftler noch heute, über fünfzig Jahre nach dem Erscheinen Enzensbergers Fluchttheorie, auf die von ihm entwickelten Ansätze stützen, können Enzensbergers Thesen auch als eine Momentaufnahme der damaligen Zeit betrachtet werden. Pagenstecher beispielsweise macht darauf aufmerksam, dass Enzensberger die Tourismusformen der fünfziger Jahre just zu dem Zeitpunkt beschrieb, als „die bürgerlichen Leitbilder ihre hegemoniale Gültigkeit“ verloren (1999). In den sechziger Jahren wurde das bürgerliche Tourismus-Ideal durch viele neue touristische Ausprägungen ergänzt und konnte somit nicht mehr die alleinige Definitionsmacht beanspruchen. Pagenstecher stellt zur Diskussion, ob womöglich die „Abkehr von Roms Kirchen zu Riminis Stränden“ als neue Form eines Auflehnungsversuchs von Seiten des Proletariats gegen das Bildungsbürgertum interpretiert werden kann (vgl. ebd.). Aber auch diese Überlegung betrachtet das Reisemotiv in erster Linie als gesellschaftlichen Auftrag und weniger als subjektives Bestreben des Individuums (vgl. auch Boomers 2004). An dieser Stelle wird deutlich, dass es nicht möglich ist, eine Tourismustheorie als allumfassend relevant heranzuziehen, vielmehr scheint die Frage nach dem Motiv eine Frage nach der Perspektive zu sein.

3.2 Reisen als Metamorphose

Für Christoph Henning lässt sich Enzensbergers Fluchtthese nicht mit geschichts- und sozialwissenschaftlichen Fakten vereinbaren. In seiner 1999 erschienenen Studie Reiselust. Touristen, Tourismus und Urlaubskultur verdeutlicht er, dass schon seit jeher vor allem diejenigen Mitglieder einer Gesellschaft reisen, die „zur Flucht am wenigsten Anlass“ haben, also gebildete und wohlhabende Bürger der Oberschichten (1999: 72). Besonders kritisiert er die Aussage Enzensbergers, dem Touristen sei „die Trostlosigkeit vertraut“ (ebd., vgl. im Original Enzensberger 1962: 167). Henning nach kennen Touristen an Stelle von Trostlosigkeit „Gefühle von Freiheit, Genuss und Lebensintensität“ (1999: 72f.). Das touristische Reisen kann ihm nach einer Realitätsflucht dienen - dieses Motiv ist jedoch nicht zwingend Voraussetzung dafür (ebd.). Anstelle „blinder Flucht“ sieht er die „Faszination des Reisens“ als „produktive menschliche Leistung, die neue Erfahrungen ermöglicht“ (ebd.). Dabei stellt Henning heraus, dass das „Erleben fiktiver Räume“ überhaupt erst durch die Bedingungen der globalisierten Industriewelt möglich gemacht wird. Materieller Wohlstand, günstige Infrastruktur, relative Sicherheit und mediale Vernetzungen bieten ihm nach die Chance „von Phantasiewelten nicht nur zu träumen, sondern sie physisch aufzusuchen“ (ebd.: 11). Zur näheren Erklärung seiner Theorie zieht er zunächst einen Vergleich zwischen Tourismus und Fest bzw. zwischen Reisen und Feiern. Beide Erlebnisse haben ihm zufolge tendenziell den Charakter von „Freiheit und Gleichheit“ (ebd.: 75). Die „Aufsplittung der Identitäten in verschiedene Rollen“ wird, so Henning, „zugunsten einer ‚Ganzheitserfahrung‛ überwunden“ (ebd.). Gewohnte Regeln des Alltags treten außer Kraft, das Erlebte wird - beim Fest wie auch im Urlaub - als besonders intensiv, emotional und inspirierend wahrgenommen. Weiterhin sieht Henning in der Bedeutung von Bräuchen eine wichtige Symbolfunktion: „Der moderne Tourismus, wie das Fest, kennt das ausgelassene und ungeregelte Amüsement, aber auch die seriösen Rituale“ (ebd.: 78). Die durch das Reisen ausgelöste Trennung von der gewohnten Umgebung des Alltags entwirft für den Reisenden nicht selten völlig neue Verhaltensregeln, prägt andere Identitätsmuster, ordnet vertraute Elemente neu, bringt Nähe und Distanz aus dem bekannten Verhältnis. Henning geht davon aus, dass es genau diese „Transformation und Erneuerung von Ritualen, Werten und Normen“ sind, die der Tourist auf Reisen sucht (ebd.: 84). Verwandelbarkeit und Rauschzustand sind ihm nach Spielformen, die vor allem in fremder Umgebung besonders intensiv hervorgerufen werden können (vgl. ebd.). Der Heimat den Rücken zu kehren, nichts und niemanden zu kennen und von niemandem erkannt zu werden, sich fremden Bedingungen auszusetzen - solche und ähnliche Faktoren können beim Reisenden eine Art Metamorphose auslösen, wie Paul Edward Theroux in seinem Buch Der alte Patagonien- Express in Worte fasst: „Wir waren weit weg von zu Hause und konnten sein, wer wir wollten. Reisen bieten wunderbare Entfaltungsmöglichkeiten für Amateurschauspieler“ (1995, zitiert nach Henning 1999: 86). Auch Aktivitäten auf Reisen tragen Hennings Vergleichstheorie nach spielverwandte Eigenschaften. Besonders sichtbar werden sie bei sogenannten Abenteuerreisen, wo Geschwindigkeit oder Nervenkitzel beispielsweise durch körperlichen Einsatz in Höhe (z.B. Klettern) oder Tiefe (z.B. Tauchen) auftreten (vgl. Henning 1999). Henning lenkt jedoch ein, dass Spiele in erster Linie Inszenierungscharakter haben, während Reisen in der Wirklichkeit, „der sozialen und materiellen Realität des fremden Lebens“ stattfindet (ebd.: 88).

3.3 Reisen als unlinearer Prozess

So sehr sich die These Hennings zu der von Enzensberger unterscheidet, so haben sie dennoch die Gemeinsamkeit eines eher statischen Touristenentwurfs. Die recht eng gesteckten Blickwinkel auf touristisches Verhalten kritisiert etwa Erik Cohen bereits 1979 in seinem wissenschaftlichen Beitrag Rethinking The Sociology Of Tourism. Er begreift hier die „Dynamik des Tourismus“ eher als „unlinearen Prozess“ (18ff.). Aufgrund der Diversität von touristischen Erfahrungen, die eine Reise bieten kann, differenziert er die möglichen Urlaubsmotive anhand fünf verschiedener Typen. Typ 1, Recreational, sieht er als die üblichste und ‚simpelste’ Urlaubsform an. Darin spiegelt sich der Versuch des Touristen wider, sich vom anstrengenden Berufs- und Alltagsleben erholen zu wollen. An zweiter Stelle steht der Diversionary - Modus . Hier wird Reisen als ‚Ablenkungsmanöver‛ betrachtet, bei dem die Flucht vor Langeweile und Routine des Alltags als Urlaubsantrieb gilt. In einer dritten Kategorie versteht Cohen den Touristen als eine Art ‚modernen Pilger auf der Suche nach Authentizität im Leben anderer Gesellschaften‛. Er nennt diese Kategorie Experiential. In diesem Fall liegt der Fokus stärker auf einer ‚Hin-zu’- als auf einer ‚Weg-von’-Bewegung. Im Unterschied zu den ersten beiden Kategorien nimmt das Motiv der Authentizitätssuche bei diesem dritten Urlaubstyp einen komplexen Stellenwert ein. Wo sich der Tourist genau hin bewegt, ist dabei weniger spezifiziert als die Zustände, von denen sich Typ 1 und 2 weg bewegen (Stress bzw. Langeweile). Wer auf Reisen die Auseinandersetzung mit fremden Lebensstilen anstrebt, gehört Cohen nach dem Typ Experimental an. Wie die Bezeichnung bereits auszudrücken versucht, geht das Reisemotiv hier über die ‚authentische Erfahrung’ hinaus, indem der Reisende das, was er in der Fremde antrifft, näher untersucht, also damit experimentiert und dabei so tief wie möglich ‚in die Materie eintaucht’. Zuletzt stellt Cohen das Motiv der ‚existentiellen Reiseerfahrung’ heraus, die eine völlig neue Lebensphilosophie zur Folge hat. Diese Reisemotivation, die Cohen Existential betitelt, stellt den größten Kontrast zu Typ 1 her. Während The Recreational lediglich hedonistische Beweggründe verfolgt, ist The Existential gewillt, sein Leben durch eine Reise völlig umzuwälzen. Er verzichtet daher auf typisch touristische Aktivitäten und strebt eher danach, sich ganz und gar mit der fremden Lebensweise zu identifizieren (1979: 18ff., vgl. auch Rotpart 1995). Cohen versucht anhand seiner Tourismustypologie eine Vielzahl von motivationalen Tendenzen von Touristen aufzuzeigen und voneinander abzugrenzen. Wie Binder resümiert, ist ein weiter Betrachtungsrahmen zum - selbst durch Unschärfe gekennzeichneten - Forschungsgegenstand des Reisens sinnvoller als die Beschränkung auf eine bestimmte Theorie (vgl. 2005: 39). Der „Impuls, die Ordnungsstruktur des Alltags zu verlassen und in andere Strukturen einzutreten“ gilt auch Henning zufolge als „universell verbreitet und in allen Kulturen nachweisbar“ (1999: 89). Wöhler bestätigt ebenfalls die wissenschaftlichen Sichtweisen, dass ‚Außeralltäglichkeit’ allgemein als Motor für touristisches Verhalten angesehen werden kann (vgl. 1999).

[...]


1 Unsere Alltagssprache beinhaltet auch gegenwärtig noch ein großes Spektrum von Ausdrücken aus dem Bereich der Mobilität. Der Ursprung des Ausdrucks bewandert beispielsweise lässt sich bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgen und meint eigentlich „viel gereist“. Weitere Metaphern mit dem Ursprung der Bewegung sind unter anderem abwegig, Grenzüberschreitung, Fortschritt, Ausweg oder auch Vorfahren (vgl. auch Hlavin-Schulze 1995).

2 In dieser Arbeit werden einer vereinfachten Lesbarkeit halber zum Teil maskuline Personenbezeichnungen genderübergreifend verwendet.

3 Der Begriff Backpacking bzw. Backpacker wurde 1990 durch Philipp L. Pearce in den wissenschaftlichen Diskurs eingeführt (vgl. Kröger und Vetter 2009; vgl. auch Pearce 1990). Die erste Monographie zum Thema im deutschsprachigen Raum wurde 2005 durch die Kulturanthropologin Jana Binder publiziert (vgl. Kröger und Vetter 2009, vgl. auch Binder 2005). Backpacker sind Kröger und Vetter nach definiert als „Individualreisende, die über längere Zeit von mehreren Monaten bis hin zu mehreren Jahren mit geringem Budget, möglichst spontan und unkonventionell die Welt erkunden“ (2009: 7). Erik Cohen beschrieb 1973 den sogenannten Drifter als Prototypen des Rucksackreisenden (vgl. 1973).

4 Der Begriff der soziokulturellen Praxis wird im Sinne Nejezchlebas verwendet (vgl. 2011).

5 Social Software kann als Oberbegriff verstanden werden für alle internetbasierten Anwendungen, „die Informations-, Identitäts- und Beziehungsmanagement in den (Teil-) Öffentlichkeiten hypertextueller und sozialer Netzwerke unterstützen“ (Schmidt 2006: 2).

6 Laut der Welttourismusorganisation (WTO) umfasst der Begriff Tourismus „Aktivitäten von Personen, die sich an Orte außerhalb ihrer gewohnten Umgebung begeben und sich dort nicht länger als ein Jahr zu Freizeit-, Geschäfts- und anderen Zwecken aufhalten, wobei der Hauptreisezweck ein anderer ist als die Ausübung einer Tätigkeit, die vom besuchten Ort aus vergütet wird“ (vgl. Opaschowski 1996).

7 vgl. hierzu auch Hlavin-Schulze (1998) zum Stichwort Grand Tour.

8 Ein Flugticket von New York nach London zum Beispiel kostet gegenwärtig lediglich noch ein Viertel des Preises aus dem Jahre 1960 (vgl. Spiegel ONLINE Reise, 2012).

9 Ein Gap Year (traditionell bekannt aus dem angelsächsischen Raum) füllt die Lücke zwischen zwei Lebensphasen wie Abitur und Studium beispielsweise in Form einer Weltreise, eines Sozialen Jahres oder eines Work & Travel -Aufenthaltes (vgl. auch Burger 2012).

10 Das Sabbatical, auch als Sabbatjahr bekannt, bezeichnet eine Auszeit vom Berufsalltag zum ‚Auftanken‛ neuer Energien (vgl. auch Sonnet/Obmann, 2012).

Details

Seiten
62
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656764458
ISBN (Buch)
9783656764441
Dateigröße
700 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v280385
Institution / Hochschule
Technische Universität Berlin – Geisteswissenschaften
Note
1,7
Schlagworte
suche authentizität dorf individualtourist identitätskonflikt vernetzung abgrenzung

Autor

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Titel: Auf der Suche nach Authentizität im globalen Dorf