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Vom Wollen und Können. Das moderne Männerbild zwischen Partnerschaft und Vaterrolle

Essay 2012 9 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Der moderne Mann will Erfolg im Beruf haben, seine Partnerin im Haushalt unterstützen, aktiv am Aufwachsen der Kinder beteiligt sein und seinen persönlichen Interessen nachgehen - und das alles gleichzeitig. Er will nicht nur, sondern er muss, so fordert es die Gesellschaft, das Umfeld und nicht zuletzt die eigene Partnerin. Nicht selten werden Männer so zerrieben zwischen all den eigenen und fremden Ansprüchen, immer auf der Suche nach der idealen Balance zwischen Familie, Beruf und den eigenen Bedürfnissen. Die Schwierigkeiten „moderner Männer“ - warum sie oft wollen, aber nicht können - sollen im vorliegenden Essay diskutiert werden; ebenso die daran angeschlossene Frage, welche Lösungsansätze es für dieses Dilemma gibt und welchen Anteil Frauen daran haben.

Doch ist es überhaupt notwendig, Debatten darüber zu führen? Nach wie vor sind es vor allem Frauen, die sich um Haushalt und Kinder kümmern, während ihre Partner sich um beruflichen Erfolg bemühen. Und es sind Frauen, welche die mühsame Balance halten zwischen Familie und Beruf, weil sie arbeiten möchten oder aus ökonomischen Gründen arbeiten müssen. So ist der Anteil von Männern in Teil- oder Elternzeit ziemlich gering. Spätestens nach der Geburt der Kinder schlüpfen selbst emanzipierte Frauen in die traditionelle Rolle der Mutter und Hausfrau. Eine Entscheidung, die in Übereinstimmung beider Partner getroffen wird. Die vernünftigste Lösung ist oft eine Teilzeittätigkeit der Frau, denn nur so ist die (junge) Familie aufgrund des meist deutlich höheren Einkommens des Mannes finanziell abgesichert. Männer sind also diejenigen, welche abends nach einem anstrengenden Arbeitstag nach Hause kommen und am Wochenende bei der Erziehung der Kinder mithelfen. Doch ist das wirklich so? Nein, zeigt gerade der Blick auf die jüngeren Generationen des urbanen Raumes. Dort gehen immer mehr Frauen Berufen in immer höheren Positionen nach; Frauen, die deshalb auch immer mehr Beteiligung und Hilfe ihrer Partner bei Haushalt und Kindererziehung fordern. Dabei geht es um Forderungen hochqualifizierter Frauen, oft mit akademischem Hintergrund, die nicht länger auf ihre Karriere verzichten wollen und dennoch eine Familie gründen möchten. In einem langsamen, aber stetigen Prozess lässt sich beobachten, wie sich männliche Einstellungen bezüglich der eigenen Mithilfe wandeln und dementsprechend auch veränderte Praktiken nach sich ziehen, beispielsweise die Inanspruchnahme des Elterngeldes speziell durch Männer. Vor allem junge Väter opfern sogar eigentlich zur Erholung bestimmte Zeiträume, um sich neben der Erwerbstätigkeit noch ihren Kindern widmen zu können. Hinzu kommen längere Ausbildungszeiten, die an ein höheres Erstgeburtsalter der Kinder gekoppelt sind: aus biologischen Gründen fallen so Familiengründung und Karriereaufbau oft zusammen und müssen somit zwangsläufig miteinander konkurrieren. Auch ein Arbeitsmarkt, der zunehmend mehr Mobilität und ständige Erreichbarkeit fordert, verschärft die Problematik. Die Vereinbarkeit von Familienleben und Arbeit ist also längst nicht mehr nur Frauensache, sondern ebenfalls zum Problemgegenstand der Männer geworden.

Abgesehen von den Forderungen der Partnerinnen hinterfragen viele Väter, darunter vor allem junge Männer, ihre recht einseitige Lebensweise, deren Schwerpunkt die Erwerbsarbeit bildet. Sie möchten ihren Freundinnen und Ehefrauen nicht in erster Linie Arbeit abnehmen, sondern vor allem bewusst am Aufwachsen der Kinder teilhaben, deren Erziehung prägen und ihnen wichtiger Ansprech- und Freizeitpartner sein. Kein nur partiell anwesender Vater, wie es ihr eigener oft gewesen ist, sondern ein „moderner Vater“, ein Vollzeitvater. Auch legen sie immer mehr Wert auf qualitativ hohe Sozialbeziehungen - nicht nur zu ihren Kindern, sondern auch zur Lebenspartnerin. Was nicht bedeutet, dass haushälterische Pflichten nun tatsächlich egalitär verteilt werden. Zumindest aber möchten sich nicht nur Frauen von ihrer traditionellen Rollenzuweisung, sondern zunehmend auch Männer von der Rolle des schwer arbeitenden Brotverdieners lösen. Dies geschieht auch im Angesicht eines neuen Verständnisses von Lebensqualität, das unter anderem auf der Ausgeglichenheit von Privatleben und Beruf beruht, der oft erwähnten Work-Live-Balance. Dahinter stecken jedoch nicht nur individuelle Motivationen einzelner Männer, sondern ein neuer gesellschaftlicher Trend:

man spricht viel über den sogenannten familienaktiven Vater, ohne zu wissen, was eigentlich genau hinter diesem neuen Bild der Väterlichkeit stecken soll. Jedenfalls zeigen immer mehr wissenschaftliche Studien die Nachteile auf, welche Mädchen und insbesondere Jungen entstehen können, wenn sie sich nicht an männlichen Erziehern und Lehrern orientieren können. Generell fehlen im pädagogischen Bereich oft männliche Bezugspersonen. So wird der sehnsüchtige Ruf nach mehr Vaterbeteiligung an der Erziehung der Kinder in Gesellschaft, Medien und Politik immer lauter. Vor allem die Politik versucht, das Engagement von Vätern in der Kindererziehung durch finanzielle Anreize zu belohnen, auch wenn es wohl übertrieben wäre, von einem politischen Umdenkprozess sprechen zu können. In Deutschland werden beispielsweise zwei Monate länger Elterngeld bezahlt, wenn der Vater (mindestens) für diesen Zeitraum zu Hause bleibt.

Es sind zunehmend höhere Ansprüche, die an berufstätige Männer herangetragen werden: sie sollen nicht nur die Familie mit ihrem Gehalt ernähren können, sondern müssen sich aktiv in das Familiengeschehen, die Pflege und Erziehung der Kinder und die Haushaltsführung einbringen. Ansprüche und Erwartungen kommen von den Partnerinnen, aus der Gesellschaft und werden von den Vätern selbst aufgebaut. Der Druck, den der unglaubliche Spagat zwischen Familie und Beruf auf die Männer ausübt, kann sogar bis zu gesundheitlichen Problemen führen. Der Mann versucht, alle an ihn herangetragenen Erwartungen zu erfüllen: sich um die Kinder kümmern, ein guter Vater und Partner sein, fest im Berufsleben stehen, sich mit der Partnerin um Haushaltspflichten kümmern und immer noch „irgendwie männlich sein“.

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Details

Seiten
9
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656736875
ISBN (Buch)
9783656736868
Dateigröße
407 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v280340
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Institut für Soziologie
Note
1,3
Schlagworte
wollen können männerbild partnerschaft vaterrolle

Autor

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Titel: Vom Wollen und Können. Das moderne Männerbild zwischen Partnerschaft und Vaterrolle