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Herausforderung Stress. Entstehung, Wahrnehmung, Erklärung und Bewältigung

Mit einer Untersuchung der Relevanz von Stress bei helfenden Fachkräften

von Jana Bott

Bachelorarbeit 2014 102 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Diagramme der Ergebnisse der Befragung

1 Einleitung, Aufbau der Arbeit

2 Definitionen, Modelle, Bestandteile
2.1 Stressmodelle
2.2 Arbeitspsychologische Stresskonzepte
2.3 Bestandteile von Stress: Stressor, Stressreaktion, persönlicher Stressverkehr

3 Stress und das Individuum
3.1 Individuelle Faktoren
3.2 Gesundheit
3.3 Stress und die Psyche

4 Stress und Arbeit
4.1 Arbeitsbedingungen
4.2 Stress im Arbeitsumfeld, ereignisbezogener Stress, selbstinduzierter Stress
4.3 Belastungen bei der Ausübung helfender Tätigkeiten
4.4 Emotionsarbeit

5 Stressbewältigung, Stress-Resistenz
5.1 Work-Life-Balance
5.2 Coping
5.3 Stressbewältigungsverfahren
5.4 Individuelle Stressbwältigung und Ressourcen
5.5 Achtsamkeit und Aufmerksamkeit
5.6 Stress-Resistenz-Konzepte
5.7 Resilienz
5.8 Salutogenese, Kohärenz

6 Empirie: Untersuchung der Relevanz von Stress bei helfenden Fachkräften
6.1 Hypothesen
6.2 Erstellen des Fragebogens
6.3 Auswahl der Stichprobe
6.4 Methodik
6.5 Deskriptive Ergebnisse
Block 1: Allgemeine Daten
Block 2: Berufliche Daten
Block 3: Stressanalyse
Block 4: Ressourcenanalyse
letzte Seite des Fragebogens
6.6 Beantwortung der Hypothesen
6.7 Diskussion und Kritik

7 Zusammenfassung/ Fazit

8 Quellenverzeichnis
8.1 Literatur
8.2 Literatur zur Erstellung des Fragebogens
8.3 Forschung
8.4 Zeitschriftenartikel

Anhang I
Fragebogen II

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: transaktionales Stressmodell (vgl. Lattmann 2003, S. 98)

Abbildung 2: Beanspruchung und Ressourcen bei Stressprozessen (vgl. Bernhard/ Wermuth 2011, S. 13)

Abbildung 3: Ebenen von Stress in Anlehnung an Kaluza 2011, S. 13

Abbildung 4: Kastenmodell nach Vester 2003, S. 122

Abbildung 5: Arbeitsplatzstress (vgl. Rensing/ Rippe/ Koch 2006, S. 30)

Abbildung 6: Ressourcentransaktionsmodell (vgl. Lattmann 2003, S. 35)

Abbildung 7: Rahmenmodell Resilienz (vgl. Fröhlich-Gildhoff/ Rönnau-Böse 2009, S. 38) 51

Abbildung 8: Zusammenhang der Komponenten (vgl. Antonovsky/Franke 1997, S. 37) .

Abbildung 9: Aufbau des Fragebogens

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Verhaltensstile nach Hofmann 2013, S. 123 ff

Tabelle 2: Entwicklungen der modernen Arbeitswelt nach Vester 2003, S. 109

DIAGRAMME DER ERGEBNISSE DER BEFRAGUNG

Diagramm 1: Altersverteilung

Diagramm 2: Familienstand

Diagramm 3: Berufsbezeichnung

Diagramm 4: Arbeitsbereich

Diagramm 5: Beschäftigungsdauer

Diagramm 6: Wochenarbeitszeit

Diagramm 7: Daten zum Arbeitsplatz

Diagramm 8: höchster persönlicher Alltagsstressor

Diagramm 9: mittlerster persönlicher Alltagsstressor

Diagramm 10: geringster persönlicher Alltagsstressor

Diagramm 11: Klientenzentrierter Stress

Diagramm 12: Stress im Arbeitsumfeld

Diagramm 13: Ereignisbezogener Stress

Diagramm 14: Selbstinduzierter Stress

Diagramm 15: Körperliche Reaktionen

Diagramm 16: Psychische Reaktionen

Diagramm 17: Verhaltensreaktionen

Diagramm 18: Eigenaktivität in der Stressprävention

Diagramm 19: Unterstützungen im Berufsalltag

Diagramm 20: Unterstützungen nach dem Berufsalltag

Diagramm 21: Achtsamkeitsskala

Diagramm 22: stressfreies Arbeiten [Einleitung, Aufbau der Arbeit]

1 EINLEITUNG, AUFBAU DER ARBEIT

„Leben ist Alltag. Und Alltag ist häufig Stress. Für viele von uns.“ (Esch/ Esch 2013, S. V Vorwort)

In der vorliegenden Bachelor-Thesis wird das Thema Stress als Herausforderung näher betrachtet, weshalb Entstehung, Wahrnehmung, Erklärung und Bewältigung mit erfasst werden. Die Betrachtung von Stress als Form der Herausforderung ist getroffen worden, weil das Individuum einen wesentlichen Anteil am Stressgeschehen hat, wodurch ein Umgang mit dieser Belastung gefunden werden muss. Neben dem individuellen Ver- schulden am Stressgeschehen tragen auch gesellschaftliche Bedingungen hierzu bei. Zur vollkommenen Erfassung von Stress als Herausforderung gilt somit die Berücksichtigung individueller Faktoren, arbeitsbezogener Anforderungen und gesellschaftlicher Verhältnis- se. Wobei anzumerken ist, dass der Fokus auf den individuellen Faktoren und dem ar- beitsbezogenem Stress liegt und sich durch die ganzen Kapitel durchzieht. Als wissen- schaftliche Fragestellung ist folgende gewählt und am Ende diskutiert worden:

Darf Stress als Herausforderung betrachtet werden, wozu es vermehrt der gesellschaftlichen Wahrnehmung und Sensibilisierung bedarf und hierzu ergänzend die Bewältigung zunehmend den Fokus bilden sollte?

„Daß früher nicht so häufig über Stress gesprochen wurde, hat auch mit einer Lebensweise zu tun, wie sie sich nach dem Krieg herausgebildet hat, sowie mit den Anforderungen eines kapitalistischen Wirtschaftssystems.“ (Briese-Neumann 1997, S. 25)

Das gewählte Zitat von Briese-Neumann zeigt die Notwendigkeit einer Auseinanderset- zung mit dem Thema Stress auf, gerade auch durch die gestiegene gesellschaftliche Re- levanz in den letzten Jahren. Stress als ein negativ geprägter Begriff wird synonym als Bedrohung des Wohlbefindens betrachtet. Überanstrengung, Überforderung und Überlas- tung werden ihm gleichgesetzt, wobei er unvermeidlich zu sein scheint. Hieraus ergibt sich der Bedarf, einen angemessenen Umgang zu finden. Sowohl die positiven, als auch die negativen Wirkungen von Stress gilt es zu betrachten. Die Auswirkungen von Arbeits- tätigkeiten auf die Gesundheit und das Wohlbefinden sind heutzutage bestätigt und kön- nen direkt mit krankheitsbedingten Fehlzeiten von Individuen in Verbindung gebracht wer- den. Hierdurch entstehende Folgekosten für das Unternehmen sind enorm, gerade auch, weil u.a. der Personalmangel zu arbeitsbedingten Beeinträchtigungen führen kann.

Stress als ein Modewort ist in aller Munde und Informationen hierzu genügend vorhanden. Allerdings wird der aktiven Umsetzung des Themas Stressabbau nur ungenügend Auf- merksamkeit geschenkt. Gründe hierfür sind möglicherweise, dass Stresssignale häufig nicht als Krankheitszeichen erkannt werden oder Stress negativ behaftet ist und mit Unbelastbarkeit und somit mit Versagen verbunden wird. Hierdurch werden Interventions- zeitpunkte verpasst und die Annahme bleibt bestehen, dass sich die Stressanspannung selbstständig wieder löst, was allerdings gerade bei starken Stressauswirkungen unmög- lich ist.

Die vorliegende Arbeit soll zum einen zur Sensibilisierung für das immer häufiger auftretende Phänomen Stress führen und zum anderen diesen als zu bewältigende Herausforderung betrachten.

In der Arbeit werden deshalb folgende Fragestellungen beantwortet:

- Was ist Stress und wie kann dieser erkannt werden?
- In welcher Verbindung stehen individuelle Verhaltensweisen, Persönlichkeits- merkmale und belastende Arbeitsbedingungen mit Stress?
- Wie kann Stress bewältigt werden und warum sind Stressanfälligkeiten bei Indivi- duen ganz unterschiedlich?
- Wie wirkt sich Stress auf helfende Fachkräfte, die häufig in sehr belastenden Tä- tigkeitsfeldern beschäftigt sind, aus?

Hierzu ist der Aufbau der Arbeit wie folgt strukturiert worden:

In vier großen Kapiteln erfolgt eine theoretische Annäherung an das Themenfeld. Begon- nen wird hierbei mit Definitionen, Modellen und Bestandteilen von Stress, also Stressoren, der Stressreaktion und dem persönlichen Stressverkehr. Hierdurch sollen einleitend wich- tige Grundlagen für das Verständnis der darauf aufbauenden Kapitel gegeben werden. Die vielschichtigen Zugänge zum Stressgeschehen sollen verdeutlichen, dass sich hinter dem Begriff Stress eine Bandbreite an Theorie und jahrelanger Forschungsarbeiten ver- birgt. Darauf aufbauend folgt ein Kapitel, welches Stress und das Individuum beschreibt. Hierbei werden individuelle Faktoren, die Gesundheit und Stress und die Psyche behan- delt. Der Fokus richtet sich auf das Individuum und die verschiedenen Persönlichkeits- merkmale, wodurch Stresseinwirkungen ganz unterschiedlich sein können. Im dritten Ka- pitel wird der Stress im Arbeitskontext näher betrachtet. Hierzu werden einführend Ar- beitsbedingungen aufgezählt, gefolgt von Stress im Arbeitsumfeld, welcher in ereignisbe- zogenen und selbstinduzierten Stress unterteilt wird. Anschließend werden Belastungen bei der Ausübung helfender Tätigkeiten und die Emotionsarbeit beschrieben. Nachdem sowohl die individuelle, als auch die arbeitsspezifische Ebene von Stress betrachtet wor- den ist, werden im abschließenden theoretischen Kapitel die Stressbewältigung und die Stress-Resistenz behandelt. Zuerst wird die Work-Life-Balance, anknüpfend an das vor- herige Kapitel zum Stress an der Arbeit, beschrieben. Dann folgt das Coping als Form der Stressbewältigung, gefolgt von allgemeinen Stressbewältigungsverfahren und individuel- len Stressbewältigungen und Ressourcen. Weiter werden auf die Achtsamkeit und die Aufmerksamkeit eingegangen. Darauf folgen Stress-Resistenz-Konzepte, wobei das Kapi- tel an dieser Stelle eine Teilung erfährt. Stressbewältigung behandelt den Aspekt, dass Stressgeschehen vorhanden ist und bewältigt werden soll. Dahingegen wird bei der Re- sistenz der Frage nachgegangen, weshalb manchen Individuen die Gesundheitserhal- tung, trotz gleicher Belastungen wie auch bei anderen Menschen, eher gelingt. Nach den Konzepten folgt die Erklärung der Resilienz und schließlich werden die Salutogenese und die Kohärenz beschrieben. Nach dieser theoretischen Übersicht des Themas Stress folgt eine empirische Annäherung. Die Untersuchung der Relevanz von Stress bei helfenden Fachkräften wird ausgewertet und diskutiert. Hierzu wird die Erstellung des Fragebogens beschrieben, die Auswahl der Strichprobe und die Methodik. Die deskriptiven Ergebnisse werden vorgestellt und schließlich werden die Hypothesen beantwortet. Die Befragung helfender Fachkräfte ist durchgeführt worden, sodass theoretische Beschreibungen durch Aussagen bestätigt werden können oder eben nicht. Da es sich nicht um eine repräsenta- tive Befragung handelt, sind die Ergebnisse eher als Zusatz zur theoretischen Themener- arbeitung zu bewerten. Den Schluss der Thesis bilden eine Zusammenfassung und ein Fazit.

Die vorliegende Arbeit hat nicht den Anspruch, das komplette Stressgeschehen in seiner biologisch-medizinischen Vollständigkeit zu erklären. Vielmehr geht es um einen kurzen Abriss von Stress und den Auswirkungen, sodass Anknüpfungen für mögliche Interventio- nen und Präventionen sichtbar werden. Ebenfalls kann die Befragung möglicherweise weitere Anwendung in Betrieben zur Gesundheitsförderung finden.

2 DEFINITIONEN, MODELLE, BESTANDTEILE

„Laut WHO ist das Stress-Burnout-Syndrom inzwischen die weltweite Gesundheitsgefährdung Nr. 1, häufiger anzutreffen als die bisher führenden Herz-Kreislauf-Erkrankungen.“ (Schnack 2012, S. 16) Hieraus ergibt sich die Notwendigkeit, Stress als Herausforderung zu betrachten und entsprechend mit diesem umzugehen.

In der Literatur sind die unterschiedlichsten Stressdefinitionen zu finden, wobei allen die körperliche Reaktion aufgrund eines vorangegangen Reizes gleich ist. Außerdem wird überwiegend die subjektive Bewertung des Stressgeschehens betont. Geringe Unterscheidungen gibt es zwischen den einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen.

Briese-Neumann beschreibt die Bezeichnung Stress ganz allgemein als eine Reaktion des Organismus auf unterschiedliche Reize, wobei die Homöostase gestört wird. (vgl. Briese-Neumann 1997, S. 15) Im alltäglichen Sprachgebrauch kann der Begriff Stress in mancher Hinsicht als Beschreibung eines Zustand verwendet werden, aber auch die stressauslösende Situation bezeichnen. (vgl. Hofmann 2013, S. 13) „Stress ist die phy- siologische und emotionale Reaktion auf einen „Stressor“, d.h. auf eine erhöhte Bean- spruchung, die unsere Balance gefährdet.“ (Ondracek/ Romanenkova/ Rückert 2006, S. 53) Gesellschaftlich betrachtet wird der Fokus des Stressgeschehens im europäischen Raum auf die psychosozialen Auswirkungen gelegt, wohingegen in anderen Ländern vor- wiegend existenzbedrohender Stress vorherrscht. Naturwissenschaftlich definiert bedeu- tet Stress eine Schädigung durch physikalische, chemische oder biologische Faktoren. Dahingegen ist in der Psychologie der Stressbegriff weniger präsent, wobei Begriffe wie Störungen oder Spannungen ein Hinweis für Stressgeschehen sind. Zentral sind in die- sem Bereich eher stressbegleitende Emotionen und Stressfolgeerscheinungen. Beispiele sind Angst, Furcht, Wut, Hilflosigkeit oder Depressionen. (vgl. Rensing/ Rippe/ Koch 2006, S. 2)

Eine weitere Definition von Stress ist, dass es „ein subjektiv intensiv unangenehmer Spannungszustand [ist], der aus der Befürchtung entsteht, dass eine stark aversive, subjektiv zeitlich nahe (oder bereits eigetretene) und subjektiv lang andauernde Situation sehr wahrscheinlich nicht vollständig kontrollierbar ist, deren Vermeidung aber subjektiv wichtig erscheint.“ (Bamberg/ Mohr/ Busch 2012, S. 119)

Der Biochemiker Selye (1907-1982) mit seinem Modell des Allgemeinen Anpassungssyn- droms, welches als ursprüngliches Stresskonzept zählt, gilt als Begründer der neueren Stressforschung. In mancher Literatur wird er als „Vater der modernen Stressforschung“ bezeichnet. (vgl. Kaluza 2012, S. 18) Der Schwerpunkt seiner Untersuchungen basierte auf der Wirkung von lang andauerndem Stress auf den Organismus, also die Anpas- sungsreaktionen bedingt durch die Herausforderungen. (vgl. Allwinn 2010, S. 49) Nach ihm wird Stress als eine unspezifische körperliche Reaktion in Form von Aktivierung auf- grund eines Reizes definiert, wobei eine Anpassung an die Belastung erfolgt. (vgl. Litzcke/ Schuh/ Pletke 2013, S. 2; Lattmann 2003, S. 74; Kaluza 2012, S. 19) Durch die hierbei entstehenden Anspannungszustände, Anpassungszwänge und Verzerrungen erfährt das Individuum seelischen und körperlichen Druck. (vgl. Vester 2003, S. 15) Auslösende Rei- ze können positive oder negative Erlebnisse, Anforderungen oder Bedrohungen sein, die auf den Organismus einwirken. (vgl. Litzcke/ Schuh/ Pletke 2013, S. 2; Ondracek/ Romanenkova/ Rückert 2006, S. 54) Als körperliche Reaktionen beschreibt Selye drei Phasen: die Alarmreaktion oder Anforderungsphase, den Widerstand oder die Leistungs- phase und das Erschöpfungsstadium oder die Ermüdungsphase. (vgl. Bamberg/ Mohr/ Busch 2012, S. 116; Vester 2003, S. 89; Briese-Neumann 1997, S. 32; Allwinn 2010, S. 50; Ondracek/ Romanenkova/ Rückert 2006, S. 54) In der ersten Phase werden durch den Stressor physische und psychische Abwehrmechanismen aktiviert, eine Alarmreakti- on wird ausgelöst, sodass eine mögliche Bedrohung abgewehrt werden kann. Es ist eine Situation der allgemeinen Aktivierung. Als nächstes wird aktiv gegen einen Stressor vor- gegangen, wobei die Anpassung an diesen eintreten kann, wenn seine Einwirkung lange anhält. Diese Funktion dient dem Überleben trotz Stressor. Schließlich tritt die Erschöp- fungsphase ein, wobei der Körper nicht mehr gegen den Stressor wirken kann. (vgl. Brie- se-Neumann 1997, S. 32; Lattmann 2003, S. 78 f.; Rensing/ Rippe/ Koch 2006, S. 5; Bu- risch 2013, S. 77) Kommt es zu dieser Phase, besteht die Gefahr des Zusammenbruchs bzw. der Krankheitsentstehung wie z.B. Bluthochdruck, Diabetes oder Geschwüren. Ist der Stress psychischer Herkunft, beschreibt diese Phase das Burnout. (vgl. Briese- Neumann 1997, S. 32; Ondracek/ Romanenkova/ Rückert 2006, S. 55) Je nach Länge und Intensität der Stressreaktion kann eine solche stimulierend oder schädigend wirken, weswegen Stress in Eustress und Distress differenziert wird. (vgl. Rensing/ Rippe/ Koch 2006, S. 7; Vester 2003, S. 15; Briese-Neumann 1997, S. 16; Lattmann 2003, S. 73) An- zumerken hierbei ist noch, dass bei jeder Stressreaktion Energie für den Anpassungspro- zess benötigt wird, weswegen Regenerationsphasen von enormer Bedeutung sind. (vgl. Burisch 2013, S. 77) Eustress kann auch als notwendige Herausforderung für ein Indivi- duum gesehen werden, gerade in Hinblick auf die Entwicklung. Erst Distress, also zu lan- ge und intensiv einwirkender Stress, ist möglicherweise schädlich. (vgl. Allwinn 2010, S. 50) Zu berücksichtigen ist abschließend, dass beim Stressgeschehen mehrere Stressoren auf ein Individuum einwirken, sodass die Resultate von Stress das Zusammenwirken mehrerer Faktoren und nicht nur einer Belastungssituation zuzuordnen sind. (vgl. Burisch 2013, S. 77)

2.1 STRESSMODELLE

Der Zusammenhang von Arbeitsbelastungen auf die Gesundheit kann anhand vieler Fak- toren beschrieben werden. Stressmodelle und arbeitspsychologische Konzepte geben Ansätze, um die Wirkung von Arbeit auf die individuelle Gesundheit und das Wohlbefin- den zu erklären. (vgl. Bamberg/ Mohr/ Busch 2012, S. 115; Allwinn 2010, S. 61) Das als grundlegend geltende Allgemeine Adaptionssyndrom nach Selye ist bei den Definitionen (Kapitel 2) bereits erläutert worden. Weiter wird es in der vorliegenden Arbeit nicht ausge- führt, gerade, da auch Selye kaum auf die im arbeitspsychologischen Kontext als sehr wichtig erachteten Stressoren eingeht. (vgl. Bamberg/ Mohr/ Busch 2012, S. 116)

Zu den grundlegenden Stressmodellen zählen das Belastungs-Beanspruchungskonzept und das transaktionale Stressmodell nach Lazarus. (vgl. ebd., S. 115) Das Belastungs- Beanspruchungskonzept ist 1975 von Rohmert und seiner Arbeitsgruppe für den deutsch- sprachigen Raum einheitlich definiert worden. Es gilt besonders der Untersuchung negati- ver physischer und psychischer Arbeitsauswirkungen auf das Individuum. (vgl. Sonntag/ Frieling/ Stegmaier 2012, S. 261) Bei diesem wird die zu beobachtende, objektive Belas- tung, die aus dem Arbeitsgeschehen resultiert von der Beanspruchung auf das Individuum unterschieden. Psychische Belastungen sind im Belastungs-Beanspruchungskonzept als äußere erfassbare Einflüsse, zum Beispiel das Arbeitsumfeld, die auf das Individuum zu- treffen und psychisch einwirken, definiert. Die direkten und zeitlich unmittelbaren Auswir- kungen einer Belastungssituation auf das Individuum werden als psychische Beanspru- chung zusammengefasst. Hierbei sind die Organismusvariable, also individuelle Voraus- setzungen, und der Zustand zu beachten. Durch das Belastungs-Beanspruchungskonzept können Feststellungen zu individuellen Unter- oder Überforderungen getroffen werden. Nachteile des Konzepts sind die weit gehaltene Definition von Belastung und die Nichtbe- achtung von langfristigen Belastungswirkungen. (vgl. Bamberg/ Mohr/ Busch 2012, S. 116 f.; Leidig 2006, S. 14; Sonntag/ Frieling/ Stegmaier 2012, S. 261 f.)

Das transaktionale Stressmodell nach Lazarus dient als Grundlage der psychologischen Forschung und für Konzepte im Rahmen von Arbeit und Gesundheit. Lazarus hat vorran- gig hierdurch die Sichtweise geprägt, dass Stress individuell von psychischen Faktoren abhängig ist. (vgl. Burisch 2013, S. 82) Die Transaktion zwischen dem Individuum und seiner Umwelt sind die Ansatzpunkte dieses Modells, wobei, ähnlich wie bei Selye, auch für Lazarus Stress nötig ist, um den Umgang mit schweren Situationen zu lernen. (vgl. Lattmann 2003, S. 89; Allwinn 2010, S. 62; BZgA 2001, S. 60) Dadurch, dass Stress so- mit im Kopf entsteht, lässt er sich auch an dieser Stelle bearbeiten und lösen. (vgl. Winter 2011, S. 41) Durch diese Grundannahme ist ein Perspektivewechsel von objektiver Belas- tungssituation hin zu subjektiven Bewältigungsstrategien möglich. (vgl. BZgA 2001, S. 60)

Drei wesentliche Merkmale für eine Stresssituation sind: Anforderungen, Beschränkungen und Ressourcen und, damit einhergehend, die individuelle Wahrnehmung dieser, wobei kognitive Bewertungen zentral sind. Hierdurch können tatsächlich existierende von den empfundenen Gefahren und Handlungsmöglichkeiten abweichen. Bei der Bewertung wird zum einen die Situation mit ihrer Anforderung betrachtet und zum anderen werden per- sönliche Bewältigungsfähigkeiten und -möglichkeiten eingeschätzt. (vgl. Allwinn 2010 S. 62; Kaluza 2012, S. 68) Das Stressgeschehen setzt also ein, wenn das Gleichgewicht zwischen Anforderungen und Bewältigungsmöglichkeiten gestört ist. (vgl. Briese- Neumann 1997, S. 17) Bewertungs- und Bewältigungsprozesse sind die wesentlichen Größen des Stressgeschehens. Bei dem transaktionalen Stressmodell erfolgt eine zwei- fache Bewertung einer Situation. Die Beschreibung des Stressgeschehens beginnt mit einer primären Situationsbewertung im Hinblick auf das Wohlbefinden des Individuums. Hierbei kann ein Ereignis als irrerelevant, günstig oder stressend bewertet werden. Liegt letztere Bewertung vor, so wird das stressende Ereignis unterschieden, ob es eine Schä- digung (z.B. Kündigung), Bedrohung (z.B. Gefahr von Scheitern) oder Herausforderung (z.B. Beweis der Fähigkeiten) ist, wobei meist stresstypische Reaktionen wie Angst, Ärger oder Selbstunterschätzung deutlich werden. Bewältigungsfähigkeiten und -möglichkeiten werden bei der sekundären Bewertung einer Situation beurteilt. Erfolgt anschließend eine instrumentale oder emotionale Bewältigung der stressauslösenden Situation, wird diese erneut bewertet. (vgl. Bamberg/ Mohr/ Busch 2012, S. 117; Sonntag/ Frieling/ Stegmaier 2012, S. 265; BZgA 2001, S. 60 f.)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

ABBILDUNG 1: TRANSAKTIONALES STRESSMODELL (VGL. LATTMANN 2003, S. 98)

Die schematische Darstellung des transaktionalen Stressmodells stellt die stressbeding- ten Vorgänge nach Lazarus dar. Nachdem ein potenzieller Stressor auf ein Individuum wirkt, folgen kognitive Bewertungsprozesse. (vgl. Lattmann 2003, 90 ff.) Abhängig sind diese von den Erwartungen eines Individuums in Bezug auf das Ergebnis einer Anforde- rungssituation mit der Umwelt. Allerdings unterliegt die Einordnung in primäre und sekun- däre Bewertung keiner zeitlichen Ordnung. (vgl. Sonntag/ Frieling/ Stegmaier 2012, S. 265) In der auf zwei Ebenen stattfindenden primären Einschätzung wird die Anforderung subjektiv bewertet und in Hinblick auf das Wohlergehen beurteilt. Wird auf erster Ebene eine Anforderung als stressirrelevant oder angenehm-positiv eingeschätzt, so wird kein Stressgeschehen ausgelöst. Anders, wenn eine Anforderung als stressrelevant bewertet wird. Auf dieser zweiten Einschätzungsebene wird die stressrelevante Anforderung unter- schieden in eine mögliche Herausforderung, Bedrohung oder Schädigung. (vgl. Lattmann 2003, 90 ff.; Burisch 2013, S. 82) Bei der sekundären kognitiven Einschätzung werden Bewältigungsfähigkeiten und Ressourcen hinsichtlich der Stressbewältigung beurteilt. Die individuelle Einschätzung ist folglich ausschlaggebend für die Bewertung einer Stresssitu- ation als Bedrohung oder Herausforderung. Die folgende Stressbewältigung wird unter- schieden in, wie bereits schon angedeutet, problemorientiertes- oder emotionsbezogenes Coping, wobei physische, soziale, psychologische und materielle Ressourcen einfließen. (vgl. Sonntag/ Frieling/ Stegmaier 2012, S. 265) Auf der motorischen Ebenen kommt es zu Angriff oder Flucht als Form der Bewältigung, emotional wird Ärger oder Angst sicht- bar. (vgl. Burisch 2013, S. 82) Zu einer Neubewertung einer Anforderung kann es durch Informationsgewinn kommen, woraufhin die Einschätzungsprozesse erneut durchlaufen werden. (vgl. Lattmann 2003, 90 ff.; Sonntag/ Frieling/ Stegmaier 2012, S. 265) Das transaktionale Stressmodell zeichnet eine Aktivität des Individuums bei der Transaktion mit seiner Umwelt aus. (vgl. Sonntag/ Frieling/ Stegmaier 2012, S. 266)

Kritik an dem transaktionalen Stressmodell Lazarus gibt es in dem einen Punkt, dass die auslösende Situation sehr gering beachtet wird. So ist die Anwendung des Modells auf arbeitsbedingten Stress in Hinblick auf die Gesundheit nur durch eine Erweiterung mög- lich. Außerdem ist es für eine empirische Überprüfung zu komplex. Zusammenfassend kann das transaktionale Stressmodell als Fundament der psychologischen Stressfor- schung bezeichnet werden, worauf viele Theorien aufbauen. (vgl. Bamberg/ Mohr/ Busch 2012, S. 118; Allwinn 2010, S. 71) Allwinn bringt einen weiteren Kritikpunkt, gerade für die Soziale Arbeit, an, denn „dadurch, dass Problemlagen und Ressourcen als subjektive Größen gesehen werden, besteht die Gefahr, dass „äußere“ Problemlagen und Ressour- cenmangel als reines Deutungsproblem interpretiert werden.“ (Allwinn 2010, S. 72)

Durch das grundlegende Verständnis des transaktionalen Stressmodells zur Bewertung und Bewältigung von Stressprozessen sind Bewältigungsprozesse in den Mittelpunkt gerückt. Ein Beispiel hierfür ist das Coping als ein Bewältigungsprozess, welches in einem späteren Kapitel (Kapitel 5.2) noch näher betrachtet wird. Bewältigungsverhalten wird hierbei, anlehnend an Lazarus, in problem- und emotionsorientiertes Verhalten unterteilt. (vgl. Bamberg/ Mohr/ Busch 2012, S. 118; Lattmann 2003, S. 95)

2.2 ARBEITSPSYCHOLOGISCHE STRESSKONZEPTE

Sowohl in dem Belastungs-Beanspruchungskonzept als auch im transaktionalen Stress- modell sind jeweils die stressauslösenden Situationen, die äußeren Einflüssen und die anschließende individuelle Bewertung zentral dargestellt worden. Die fehlende Balance zwischen Individuum und Situation, entstehend durch die Stresssituation und deren Be- wertung, wird in den folgenden Konzepten thematisiert. (vgl. Bamberg/ Mohr/ Busch 2012, S. 120)

Das Person-Environment-Fit-Modell (kurz: P-E-Fit-Modell) beschreibt Übereinstimmungen zwischen dem Individuum und einer Situation. Fehlen diese, so kann es zur physiologi- schen Stressreaktion und zu einer allgemeinen Negativstimmung kommen. Es werden im P-E-Fit-Modell zwei Möglichkeiten genannt, wodurch Widersprüchlichkeiten durch die fehlende Übereinstimmung nicht auftreten. Zum einen, wenn Fähigkeiten und Fertigkeiten einer Person den Arbeitsanforderungen entsprechen, sodass es nicht zu Über- oder Un- terforderungen kommt. Zum anderen, wenn die Arbeitsbedingungen zu den individuellen Bedürfnissen und Vorstellungen passen. Darüber hinaus unterscheidet das Modell zwi- schen objektiver und subjektiver Leistung. Der objektive Leistungsgrad wird anhand von Personeneigenschaften und Arbeitsbedingungen beurteilt, wohingegen der subjektive die individuelle Beurteilung der Person abfragt. Diese wird vorranging bei Analysen berück- sichtigt. (vgl. Bamberg/ Mohr/ Busch 2012, S. 120 f.; Sonntag/ Frieling/ Stegmaier 2012, S. 269; Kauffeld 2011, S. 232)

Ein weiteres arbeitspsychologisches Konzept ist das Effort-Recovery-Modell, welches, wie auch das P-E-Fit-Modell, Differenzen zwischen dem Individuum und einer Situation be- achtet. Durch das Verhältnis von Arbeitsanforderungen und -eifer einer jeden einzelnen Person werden Arbeitsaufträge, individuelle Beanspruchung und Entspannung bemessen. Widerspricht das Leistungsvermögen der einzelnen Person den Anforderungen, kann bei bestehender Handlungsfreiheit ein Ausgleich gefunden werden. Elementar beschreibt das Modell die Erholungsphasen bei Stressgeschehen zur Vermeidung von langfristigen Gesundheitsschädigungen. (vgl. Bamberg/ Mohr/ Busch 2012, S. 121)

Das Effort-Reward-Modell legt den Schwerpunkt auf die Unterschiedlichkeit zwischen Arbeitseinsatz und damit einhergehender Anstrengung des Individuums und nicht ausreichender Bestätigung oder Gratifikation dieses Einsatzes durch die Institution. Das Modell beschreibt als Resultat eine Gratifikationskrise, die Gesundheitsschädigungen mit sich bringt. (vgl. Bamberg/ Mohr/ Busch 2012, S. 122; Kauffeld 2011, S. 233)

Einen wichtigen Anstoß der arbeitspsychologischen Forschung hat Karasek (1979) mit dem Job-Demand-Control-Modell gegeben. Sein Modell ist in zwei Dimensionen, nämlich in demand und control, eingeteilt, die die Arbeitsanforderungen und den Entscheidungs- spielraum unterscheiden. Bei der Dimension demand werden die Stressoren und das Ausmaß der Tätigkeit eines Individuums bei der Arbeit betrachtet. Ein Beispiel für diese Dimension ist die Arbeitsauslastung. Die Dimension control umfasst arbeitsspezifische Faktoren wie den gegebenen Handlungsspielraum oder die Kompliziertheit von der Arbeit. Elementar dieses Modells ist die beeinflussende Wirkung der Kombination beider Dimen- sionen auf die gesundheitliche Verfassung und das Wohlergehen des Individuums. Es bestehen somit vier mögliche Schlussfolgerungen aus dem Job-Demand-Control-Modell: die wenig belastende Tätigkeit („hig strain job“), die passive Tätigkeit („passive job“), die stark belastende Tätigkeit („low strain job“) und die aktive Tätigkeit („active job“)1. Als „hig strain job“ wird eine Arbeitssituation bezeichnet, die kennzeichnend für gesundheitliche Auswirkungen ist, da hierbei die Intensität der Dimension control sehr gering und die von demand sehr hoch ist. Das Individuum ist hierdurch in Handlungsspielräumen stark ein- geschränkt und zur Selbstentfaltung kaum in der Lage, ist jedoch einer hohen Intensität von Arbeitsstressoren ausgesetzt. Eine Arbeitssituation, bei der die Intensitäten der Di- mensionen control und demand genau anders herum angeordnet sind, wird als „low strain job“ tituliert. Gesundheitliche Auswirkungen durch die Arbeitsbelastung sind gering, ge- nauso wie auch Herausforderungen oder Anforderungen durch die Arbeit. Bei gleich ho- her Intensität der Dimensionen wird die Arbeit als „active job“ benannt. Dem Individuum werden Herausforderungen und Aktivierungen genauso wie auch Weiterbildungsmöglich- keiten geboten. Ganz im Gegenteil ist es bei einem „passiv job“, der eine Arbeitssituation mit geringer Intensität beider Dimensionen beschreibt. Das Individuum wird hierdurch in seiner gesamten Aktivität gehemmt. (vgl. Bamberg/ Mohr/ Busch 2012, S. 122 ff.; Sonn- tag/ Frieling/ Stegmaier 2012, S. 267 f.) Nach dem Job-Demand-Control-Modell nimmt die Stressbelastung somit bei steigenden Arbeitsanforderungen zu, wobei der Entschei- dungsspielraum gering bleibt. Anders resultiert aus hohen Arbeitsanforderungen mit viel Entscheidungsspielraum eine gesteigerte Aktivität. (vgl. Sonntag/ Frieling/ Stegmaier 2012, S. 268; Kauffeld 2011, S. 230)

Das Job-Demand-Control-Modell ist international beeinflussend, wobei weitere Modifikationen dieses Modells dazu geführt haben, dass auch soziale Einflussfaktoren hinzugezogen werden. So bezieht sich das Job-Demands-Ressources-Modell auf allgemeine Risikofaktoren und Ressourcen. Die negativen Einflüsse durch Risikofaktoren können durch positive Einflüsse der Ressourcen ausgeglichen werden. (vgl. Bamberg/ Mohr/ Busch 2012, S. 124; Sonntag/ Frieling/ Stegmaier 2012, S. 269)

2.3 BESTANDTEILE VON STRESS: STRESSOR, STRESSREAKTION, PERSÖNLICHER STRESSVERKEHR

Die beschriebenen Stressmodelle und -konzepte dienen grundlegend für das Verständnis des Zusammenhangs von Arbeitseinflüssen und Gesundheit. Auf dieses theoretische Wissen aufbauend, soll in den folgenden Kapiteln die Auswirkung von Arbeitsprozessen auf die Gesundheit und das Wohlbefinden näher betrachtet werden. Hierzu sind Grundla- gen nötig, auf die beginnend eingegangen wird, sodass ein Verständnis gegeben ist. Da- rauf aufbauend wird in den nächsten Kapiteln näher auf die stressbedingten Gesund- heitsauswirkungen (Kapitel 3) und auf arbeitsbezogenen Stress (Kapitel 4) eingegangen.

Bevor näher auf die einzelnen Bestandteile von Stress eingegangen wird, soll die nachstehende Grafik einige der Bestandteile der Entstehung und des Verlaufs von Stressprozessen aufzeigen und somit das nachstehende Kapitel einleiten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

ABBILDUNG 2: BEANSPRUCHUNG UND RESSOURCEN BEI STRESSPROZESSEN (VGL. BERNHARD/ WERMUTH 2011, S. 13)

Die individuelle Gesundheit, in der Grafik symbolisch als Wippe dargestellt, wird als körperliche, psychische, geistige und soziale Balance definiert, die eine Antwort auf Anforderungen gibt. Durch Beanspruchungen ist diese temporär gestört und kann durch verfügbare Ressourcen wieder ins Gleichgewicht kommen. Herausforderungen können qualitativer oder quantitativer Intensität, beruflicher oder privater Herkunft sein oder auch durch äußere Arbeits- und Lebensbedingungen aufkommen. Entscheidend zur Bewertung sind Aufgabencharakteristika. Zur Bewältigung der Anforderungen dienen soziale und personale Ressourcen. (vgl. Bernhard/ Wermuth 2011, S. 12 f.)

Stressauslösende Situationen und das Erleben von Stress sind bei jedem Menschen un- terschiedlich und können daher nicht objektiv beschrieben oder gemessen werden. (vgl. Hofmann 2013, S. 34) Ein grundlegendes Verständnis für das Stressgeschehen kann durch die Orientierung anhand der drei Ebenen von Stress entwickelt werden. Die Stres- soren, die Stressreaktion und die persönlichen Stressverstärker sind die drei Bestandteile, die beim Stress zusammenwirken und zu unterscheiden sind. Die Stressoren stellen die äußeren Anforderungsbedingungen dar, deren Folge eine Stressreaktion ist. (vgl. Kaluza 2011, S. 13 f.; Rensing/ Rippe/ Koch 2006, S. 6; Sonntag/ Frieling/ Stegmaier 2012, S. 263) Stressoren entstehen durch viele oder anspruchsvolle Aufgaben im beruflichen und privaten Kontext. (vgl. Kaluza 2012, S. 48) Die resultierende Stressreaktion kann zur kör- perlichen, behavioralen oder kognitiv-emotionalen Aktivierung führen. Die körperliche Ak- tivierung als Reaktion auf einen Stressor wird u.a. durch einen erhöhten Herzschlag oder Muskelanspannung deutlich. Auf der behavioralen Ebene wird die Stressreaktion ersicht- lich durch Taten oder Äußerungen der Person. Wohingegen die kognitiv-emotionale Ebe- ne der Stressreaktion verborgen durch intrapsychische Vorgänge abläuft und somit nicht direkt sichtbar ist. (vgl. Kaluza 2011, S. 13 f.; Briese-Neumann 1997, S. 21 f.; Lattmann 2003, S. 82 f.) Die persönlichen Stressverstärker als dritte Ebene tragen zur Auslösung und zur Intensität der Stressreaktion bei. Sie sind somit das Bindeglied zwischen Stressor und Stressreaktion. Hierzu gehören persönliche Motive, Bewertungen und Einstellungen, weshalb diese Ebene den individuellen Anteil einer Person am Stressgeschehen be- schreibt. (vgl. Kaluza 2011, S. 13 f.; Kaluza 2012, S. 7)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

ABBILDUNG 3: EBENEN VON STRESS IN ANLEHNUNG AN KALUZA 2011, S. 13

Die selbst erstellte Grafik soll die drei Ebenen von Stress noch einmal verdeutlichen.

Der körperlichen Reaktion gehen Stressoren als verschiedene Reize voraus. (vgl. Briese- Neumann 1997, S. 26; Hofmann 2013, S. 9) „Definiert als Herausforderungen, für die es keine unmittelbar verfügbaren oder automatisch adaptiven Reaktionen gibt, ist die wich- tigste Auswirkung von Stressoren, daß sie einen Spannungszustand erzeugen.“ (Anto- novsky/Franke 1997, S. 43) Stressoren können also mit erhöhter Wahrscheinlichkeit Stress oder eine Stressempfindung auslösen, dies muss aber nicht zwangsläufig bei je- dem Individuum so sein. (vgl. Leidig 2006, S. 15; Hofmann 2013, S. 14) Unterschieden werden Stressoren in: physische (z.B. Lärm, Hitze, Kälte, Infektionen, schwere körperliche Arbeit), aufgabenbezogene (z.B. Zeitdruck, Arbeitsüberlastung, Monotonie), arbeitsbezo- gene (z.B. Schichtdienst, Überstunden, lange Arbeitszeiten), rollenspezifische (z.B. Rol- lenkonflikte), soziale (z.B. Isolation, Konflikte, Umgang mit schwierigen Kunden), verände- rungsbezogene (z.B. Fusion, Stellenabbau) und traumatische Stressoren (z.B. Verletzun- gen, schwere Unfälle). (vgl. Litzcke/ Schuh/ Pletke 2013, S. 2; Bamberg/ Mohr/ Busch 2012, S. 127) Bei Untersuchungen haben mindestens 50 % der befragten Personen den Zeitdruck als belastenden Stressor angegeben, wobei anzumerken ist, dass ursächlich hiervon neben ein paar äußeren Bedingungen vielfach persönliche Verhaltensweisen und Einstellungen sind. (vgl. Kaluza 2012, S. 48) In der Literatur sind daneben noch weitere Systematisierungsvorschläge für Stressoren zu finden. Sie können zum Beispiel auch nach Selbstbeurteilung von Individuen nach Berufs- und Altersgruppen oder nach berufli- chen und privaten Ursachen unterschieden werden. (vgl. Lattmann 2003, S. 81) Briese- Neumann klassifiziert die Stressoren in drei Kategorien, nämlich die Mikrostressoren, die Makrostressoren und chronische Belastungen. Mikrostressoren sind individuelle, alltägli- che Belastungen. Eine Stressreaktion, hervorgerufen durch Makrostressoren, kann auf- grund kritischer Lebensereignisse erzeugt werden. Bei einer chronischen Belastung ist das Stressgeschehen langfristiger, wobei dem Individuum die Stressbewältigung nicht gelingt. (vgl. Briese-Neumann 1997, S. 26 f.; Antonovsy/Franke 1997, S. 44; Lattmann 2003, S. 76) Stressoren können eine endogene oder exogene Wirkung auf den Menschen haben. Die hieraus resultierenden Stresszustände sind ganz unterschiedlicher Qualität. Ausschlaggebend sind Gefühle, Hormone und zelluläre Veränderungen. So ist Angst- stress zum Beispiel ein anderer als Schmerzstress oder Ärgerstress und somit ist auch die Reaktion auf die unterschiedlichen Stresszustände ganz unterschiedlich. (vgl. Ren- sing/ Rippe/ Koch 2006, S. 5) Allen gleich ist jedoch ein mögliches negatives Resultat auf das Wohlbefinden und auf die Wirksamkeit von Leistung und Entfaltung. (vgl. Bamberg/ Mohr/ Busch 2012, S. 127) Diese beschriebenen Aspekte zusammengefasst, kann nach Antonovsky ein Stressor noch exakter definiert werden. „Zusammengefasst kann ein Stressor somit als ein Merkmal definiert werden, das Entropie in das System bringt, das heißt Lebenserfahrung, die durch Inkonsistenz, Unter- oder Überforderung und fehlende Teilhabe an Entscheidungsprozessen charakterisiert ist.“ (Antonovsky/Franke 1997, S. 44)

Gerade den sozialen Stressoren wird eine immer wichtigere Rolle zugeschrieben, da sie durch Teamarbeiten, Projektarbeiten und enormen Kundenansprüchen immer mehr zu- nehmen. Durch konfliktbehaftete Beziehungen mit Kolleg*innen oder Vorgesetzten ent- stehen Stresssituationen, die zur Beeinträchtigung des Wohlbefindens und zur Gesund- heitsbeeinträchtigung führen können. (vgl. Sonntag/ Frieling/ Stegmaier 2012, S. 276)

3 STRESS UND DAS INDIVIDUUM

In den vorherigen Kapiteln ist bereits angedeutet worden, dass das Stressgeschehen in- dividuell ist. Hierauf näher eingehend soll im folgenden Kapitel das Stressgeschehen indi- viduell betrachtet werden und darauf aufbauend wird das Stressgeschehen mit der Arbeit (Kapitel 4) in Verbindung gebracht. Zur Auffassung des individuellen Stressgeschehens werden nachfolgend zwei Merkmale unterschieden: die Möglichkeiten des Stressgesche- hens, bedingt durch individuelle Faktoren (Kapitel 3.1) und die Gesundheit (Kapitel 3.2) zusammen mit dem Wohlbefinden. Außerdem wird kurz auf das psychische Stressge- schehen (Kapitel 3.3) eingegangen.

3.1 INDIVIDUELLE FAKTOREN

Das individuelle Stressgeschehen ist anhand vieler Faktoren messbar und ersichtlich. Äußere Reaktionen einer Stressreaktion sind zum Teil sehr einfach zu erkennen und be- nötigen kein medizinisches Fachwissen, wie zum Beispiel die Beschleunigung von Puls und der Atmung, erweiterte Pupillen oder auch Hautblässe. Anspannung, Angst oder auch die Angriffslust, die mit dem Stress einhergehen, werden durch die körperliche Haltung deutlich. Weiter können stressbedingte körperliche Veränderungen durch eine Blutunter- suchung festgestellt werden. So steigt bei Stress die Milchsäure an, ebenso der Fett und Zuckerwert, die Blutgerinnungsfaktoren sind erhöht und der Hautwiderstand ist erniedrigt. Ein weiteres Anzeichen für Stress ist das Hormon Adrenalin im Blut, genauso wie das Hormon Noradrenalin. (vgl. Vester 2003, S. 88; Hofmann 2013, S. 15 f.; Kaluza 2012, S. 19 f.)

Busch und Busch stellen in einer tabellarischen Übersicht Stresswarnsignale dar. Auf den fünf Ebenen körperlicher, emotionaler, kognitiver Symptome, Verhaltenssymptome und sozialem Verhalten ordnen sie Ausprägungen für ein Stressgeschehen zu. Hinweise für Stress können demzufolge körperlich Muskelverspannungen, Zähneknirschen, Kopf- schmerzen, Müdigkeit oder Unlust sein. Emotionale Symptome sind u.a. Aggressivität, Angst, Anspannung, Langeweile, Einsamkeit oder Kontrollverlust. Konzentrationsstörun- gen, Humorlosigkeit, Entscheidungsschwäche oder die Fluchttendenz sind Anzeichen für kognitive Symptome. Verhaltenssymptome sind durch Vermeidungsverhalten, Schlafprob- leme, ungesundes Ess-, Trink- und Suchtverhalten oder auch durch Weinen und ange- strengt sein ersichtlich. Auf der sozialen Ebene wirkt sich Stress in Form von sozialem Rückzug, dem Bedürfnis nach Nähe, einer ungesunden Beziehung oder der Abnahme der Beziehungsqualität aus. (vgl. Busch/ Busch 2013, S. 14 f.; Bernhard/ Wermuth 2011, S. 20) Für Betroffene und Außenstehende ist es sehr schwierig, diese Signale als Stressfol- ge zu bewerten, gerade weil wahrgenommene Signale auch andere Ursachen haben können. Außerdem werden Folgen von Stress, hierbei vor allem die Ohnmacht und die geringe Belastbarkeit, gerade von der betroffenen Person negativ bewertet, wobei ein Widerstandsgefühl gegen aktives Handeln aufkommt. (vgl. Bernhard/ Wermuth 2011, S. 21)

Wie bereits bei den Stresskonzepten (Kapitel 2.1 und 2.2) deutlich geworden ist, sind in- dividuelle Faktoren Einflussgrößen bei der arbeitsbezogenen Stressverarbeitung auf die Gesundheit. Zu nennen sind hierzu viele Merkmale, die Wirkungen auf die Gesundheits- erhaltung haben, so zum Beispiel Grundlegendes wie Geschlecht, Alter, Lebensverhält- nisse, Persönlichkeitseigenschaften aber auch individuelle Erfahrungswerte, berufliche Befugnisse, Gesundheits- und Freizeitverhalten. Genau wie bei den Arbeitsbedingungen sind Ressourcen auch ein Schwerpunkt individueller Faktoren, weshalb es eine Vielzahl hiervon aufzuzählen gibt. (vgl. Bamberg/ Mohr/ Busch 2012, S. 128) Als wichtige persona- le Ressourcen können „nach Zapf und Semmer (2004) berufliche Kompetenzen, Selbst- wert, Selbstwirksamkeit, Kontrollkognitionen, Kohärenzsinn, Hardiness, Optimismus und Sinngebung“ (ebd., S. 128) aufgezählt werden. Neben den Ressourcen sind es die Risiko- faktoren, die individuelle Merkmale der Stressverarbeitung darstellen. Risikofaktoren sind personale Merkmale, die negative Auswirkungen auf das Wohlergehen eines Individuums haben. Hierunter zählen zum Beispiel ein negatives Gefühls- und Gemütserleben oder auch Misstrauen. (vgl. ebd., S. 128 f.)

Neben diesen allgemein gehaltenen Merkmalen und Ressourcen können genauere individuelle Unterscheidungen getroffen werden. Hofmann hat sich mit der Persönlichkeit eines Individuums als Auslöser für Stress beschäftig. Er zeigt sieben verbreitete Verhaltensstile auf, wobei die jeweiligen Eigenschaften, Befürchtungen und Bedürfnisse Potenziale für Stressquellen sein können. Die Verhaltensstile mit ihren jeweiligen Eigenschaften sind in der nachstehenden Tabelle aufgezählt. (vgl. Hofmann 2013, S. 122 ff.)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

TABELLE 1: VERHALTENSSTILE NACH HOFMANN 2013, S. 123 FF.

Die Reaktion auf Stress ist eine individuelle, weswegen die medizinische Einteilung in die drei Reaktionstypen A, B und C in Bezug auf das Verhalten und dessen körperliche Aus- wirkung auch auf Stresstypen angewandt werden kann. (vgl. Vester 2003, S. 110) Diese drei Stresstypen sind der Vagotoniker, der Sympathikotoniker, der Amphotoniker und der Indifferent, wobei die letzten beiden zusammengefasst werden.2 Beim Vagotoniker ist der Parasympathikus vornehmlich aktiv, wobei sich Stress überwiegend auf den Magen- Darm-Trakt auswirkt. Hierzu zählen allerdings nur wenige Menschen. Überwiegend sind die Sympathikotoniker vorzufinden, wobei der Sympathikus am stärksten arbeitet. Resul- tate sind Bluthochdruck, Kreislaufbeschwerden und ein erhöhtes Herzinfarktrisiko. Die beiden weiteren Stresstypen sind Zwischenstufen, wobei der Amphotoniker sowohl sym- pathische als auch parasympathische Auswirkungen zeigen kann, wohingegen der indiffe- rente Stresstyp keine Reaktion zeigt. (vgl. Vester 2003, S. 106; Briese-Neumann 1997, S. 33 f.) In der Literatur sind die drei Reaktionstypen jedoch meist mit den Bezeichnungen A, B und C vorzufinden. Gerade das Typ-A-Verhalten wird immer mehr erforscht, welches „ein Verhaltensmuster [zeigt], das durch Konkurrenzverhalten, Macht- und Kontrollbedürf- nis, durch Feindseligkeit und Ärger charakterisiert ist.“ (Bamberg/ Mohr/ Busch 2012, S. 129) Vor allem die Feindseligkeit wird zentral betrachtet. Eine Verknüpfung von Herz- Kreislauf-Erkrankungen und dem Typ-A-Verhalten wird vermehrt in Betracht gezogen, dies vor allem durch die fehlenden Erholungsphasen dieser Zielgruppe. (vgl. Bamberg/ Mohr/ Busch 2012, S. 129; Briese-Neumann 1997, S. 80; Antonovsky/Franke 1997, S. 24) Der Typ A ist mit dem Sympathikotoniker gleichzusetzten und gilt als besonders stressge- fährdet. Intervenierend ist das Einüben anderer Verhaltensweisen und Umstrukturierungen als wichtigster Schritt zur Stressvermeidung und Gesundheitserhaltung notwendig. Außerdem muss die Unfähigkeit zur Entspannung für diesen Stresstypen durch gezielte Maßnahmen wie Entspannungsverfahren ersetzt werden. Für den Verhaltenstyp B ist eine ausgeglichene und gemütliche Verhaltensweise charakteristisch, was dem Vagotoniker und dem Indifferenten entspricht und weswegen bei diesen Menschen kaum stressbedingte Herz-Kreislauf-Erkrankungen diagnostiziert werden. Personen, die bedingt durch Arbeitslosigkeit oder die Pensionierung aus dem Arbeitsprozess ausgeschieden sind, sind dem Typ C zugeordnet worden. (vgl. Vester 2003, S. 111)

Die Unterscheidung in diese drei Reaktionstypen ist weiterhin für die individuelle Reizver- arbeitung wichtig. Der Verhaltenstyp A ist oftmals von Konfliktstress betroffen, wobei Herz-Kreislauf-Erkrankungen die Folge sein können. Kennzeichnend für diesen Reakti- onstyp sind ein diszipliniertes, effizientes und verantwortungsbewusstes Leistungsverhal- ten und hiermit einhergehend einem psychophysischen Risikoverhalten. (vgl. Briese- Neumann 1997, S. 80) Überforderungen erfahren diese Personen durch die permanent geforderte seelische und körperliche Anpassungsfähigkeit während einer Stresssituation, aber auch chronisch durch unterbewusste Stressoren. Problematisch ist beim Typ A, dass seine reale Leistungsgrenze nicht seinen persönlichen Anforderungen entspricht und er zu unverarbeitetem Stress neigt. Dahingegen gelingt es dem Verhaltenstyp B eher mit solchen stressbedingten Belastungen umzugehen, gerade auch, weil er belastbarer ist. Bei einem solchen Menschen führen weniger individuelle Faktoren zur Überlastung und zu Stressauswirkungen, sondern vielmehr kommt es durch äußere Arbeitsplatzbedingun- gen zu Überforderungen. Zu verstehen sind diese durch das im Abschnitt zum Stress im Arbeitsumfeld (Kapitel 4.2) aufgeführten Peter-Prinzip. Deutlich wird durch diese Tatsa- chen das Zusammenwirken arbeitsspezifischer Bedingungen und persönlicher Faktoren, wodurch eine Situation individuell als Stress mit der jeweiligen Intensität wahrgenommen wird. (vgl. Vester 2003, S. 112 f.)

Weiter sind neben den genannten Faktoren und der Klassifizierung nach Reaktionstypen auch die Bewertung von Stress individuell zu betrachten. Das Erleben einer Stresssituati- on kann in zwei Bewertungsprozesse unterteilt werden. Zum einen kann eine Stresssitua- tion bedrohlich oder auch schädigend eingeschätzt werden, zum anderen sind die Reakti- onsmöglichkeiten abzuschätzen, die den Umgang mit der Situation bewerten. (vgl. Briese- Neumann 1997, S. 62; Roming 2013 S. 26) Stress wird erst zu einer Schädigung, wenn Belastungen als nicht zu bewältigend von einem Individuum eingeschätzt werden. Gründe für das so entstehende Stressgeschehen können die Ressourcenübersteigerung, die feh- lenden Entspannungsphasen oder das fälschliche Nutzen vorhandener Ressourcen sein. (vgl. Bernhard/ Wermuth 2011, S. 15)

Der individuelle Verlauf einer Stressreaktion ist neben den genannten Faktoren auch von Coping-Strategien (Kapitel 5.2) abhängig. (vgl. Biese-Neumann 1997, S. 35) Diese werden in einem späteren Kapitel zur Stressbewältigung (Kapitel 5) näher erläutert.

3.2 GESUNDHEIT

Auf der ersten Konferenz zur Gesundheitsförderung in 1986 der WHO ist eine Verknüp- fung von Gesundheit mit der Lebenswelt vorgenommen worden, da eine enge Verbindung zwischen dem Individuum und seiner Umwelt besteht. (vgl. Lattmann 2003, S. 25) „Die sich verändernden Lebens-, Arbeits- und Freizeitbedingungen haben entscheidenden Einfluss auf die Gesundheit. Die Art und Weise, wie eine Gesellschaft die Arbeit, die Ar- beitsbedingungen und die Freizeit organisiert, sollte eine Quelle der Gesundheit und nicht der Krankheit sein.“ (ebd., S. 25)

In einem vorherigen Kapitel (Kapitel 2.3) sind bereits Stressoren, Stressreaktion, persönli- cher Stressverkehr als die drei Faktoren für Stress definiert worden. Systematisch be- trachtet lassen sich die stressinduzierten Folgen von Arbeit in kurzfristige und langfristige Wirkungen unterteilen. Diese Wirkungsintensitäten werden auf drei Ebenen, nämlich beim Individuum, bei dessen Bezugssystem und der Institution, betrachtet. Die individuelle Ebene wird nochmals in die somatische, kognitiv-emotionale und verhaltensorientierte Ebene unterteilt. Somatische Auswirkungen der Arbeitsbedingungen beim Individuum sind kurzfristig betrachtet kardiovaskuläre Aktivitäten und hormonelle Aktivitäten. Unter lang- fristigen Auswirkungen sind psychosomatische Beschwerden, Erkrankungen des Herz- Kreislauf-Systems, Magen-Darm-Erkrankungen oder auch eine Schwächung des Immun- systems zu verzeichnen. Bei den kognitiv-emotionalen Auswirkungen eines Individuums zählen unter kurzfristigen arbeitsbedingten Folgen Anspannungszustände, Nervosität und innere Unruhe, Ärger und Frustration und auch Ermüdungs- und Sättigungsgefühle. Lang- fristig betrachtet führen die vorher beschriebenen kurzfristigen Folgen zu psychischen Beeinträchtigungen wie Depressivität, Unzufriedenheit oder auch einem herabgesetzten Selbstwertgefühl. Im Bereich des individuellen Verhaltens zeichnen sich kurzfristige Fol- gen im Arbeitsverhalten wie Leistungsschwankungen oder Konzentrationsschwierigkeiten ab. Langfristig gesehen beziehen sich die Folgen auf ein verändertes Gesundheitsverhal- ten wie zum Beispiel erhöhter Nikotin-, Koffein- oder Alkoholkonsum. Möglich ist auch ein andersartiges soziales Auftreten, was deutlich werden kann durch Aggressivität oder Rückgezogenheit. Neben der individuellen Ebene gibt es auch auf der Bezugsgruppen- ebene und der institutionellen Ebene Folgen. Soziale Interaktions- und Beziehungsstö- rungen sind Auswirkungen der Arbeitsbeziehung auf der Ebene der Bezugsgruppe. Institutionell sind die Folgen in der Effektivität und dem Engagement zu verzeichnen. (vgl. Bamberg/ Mohr/ Busch 2012, S. 129 f.; Vester 2003, S. 114 f.; Winter 2011, S. 42)

Neben den beschriebenen Wirkungsintensitäten auf den drei Ebenen können die stress- bedingten Erkrankungen auch auf die bereits erwähnten Verhaltenstypen A, B und C be- zogen werden. Zwischen dem Vagotoniker und dem Sympathikotoniker gibt es deutliche Unterschiede bei den Stresserkrankungen. Während beim Vagotoniker Magen-Darm- Erkrankungen häufig diagnostiziert werden, sind es beim Sympathikotoniker vorwiegend Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Allerdings kommen, wie bereits erwähnt, noch weitere Fak- toren zum Stressgeschehen hinzu. Wichtige sind wie der Mensch eine Stresssituation auffasst, wie er sich anpassen kann und wie seine Persönlichkeitseinstellung ist. Hinzu kommen noch weitere, äußere Risikofaktoren, die Erkrankungen mit bedingen wie zum Beispiel Rauchen, Bewegungsarmut oder Übergewichtigkeit. Es ist daher schwierig, or- ganische Leiden direkt auf das Stressgeschehen zu beziehen. (vgl. Vester 2003, S. 114 f.) Hilfreich hierzu kann das Kastenmodell sein, welches im Kapitel zum Stress im Ar- beitsumfeld (Kapitel 4.2) beschrieben ist.

3.3 STRESS UND DIE PSYCHE

Psychosomatische Zusammenhänge zwischen geistig-seelischen Zuständen eines Indivi- duums in einer Lebensphase und dem Auftreten körperlicher Beeinträchtigung liegen seit einigen Jahren im Interesse der Weltgesundheitsorganisation. (vgl. Vester 2003, S. 89 ff.) Gerade auch, weil bekannt ist, dass sowohl physische als auch psychische Stressoren oft zu psychischem Stress führen. Ein Grund hierfür ist die individuelle Bewertung des Stressgeschehens, wobei Stress vielfach weniger eine äußere Bedrohung als vielmehr eine Vorstellung des Individuums ist. (vgl. Briese-Neumann 1997, S. 40) So führt lang anhaltender Stress zu emotionalen Störungen, deren Folge oftmals körperliche Erkran- kungen sind. (vgl. Kaluza 2012, S. 38) Nur etwa 10 % von Belastungssituationen sind für die Stressauslösung verantwortlich. Die restlichen 90 % sind individuelle Bewertung und Wahrnehmung einer Situation. (vgl. Roming 2013, S. 25) Eine direkte Verknüpfung von Körper und Seele konnte durch verschiedenste Tierversuche belegt werden. Bei der menschlichen Stressreaktion gilt es die auslösenden Bedingungen zu bewältigen. Vester beschreibt das Auftreten von stressbezogenen Einschränkungen als selbst verschuldet. (vgl. Vester 2003, S. 89 ff.) Es sind „Probleme künstlicher Rangordnungen, falscher Auto- ritäten. Probleme von Ehrgeiz und Prestige. […] Probleme der sozialen Organisation. Probleme durch von Menschen erfundene Sitten und Umgangsformen, […].“ (ebd., S. 93) Die häufigsten auftretenden psychischen Störungen aufgrund von Stress sind Depressio- nen, wobei die Auftretenswahrscheinlichkeit im Laufe des Alters zunimmt, Angstzustände gerade in Bezug auf den Verlust des Arbeitsplatzes, Suchtprobleme und Verhaltensstörungen. (vgl. Bernhard/ Wermuth 2011, S. 60 f.) So ist die Bezeichnung „Stressdepression“ unter Psychiatern eine gängige und wird als häufigste zukünftige Krankheit weltweit gesehen. (vgl. Kaluza 2012, S. 39)

Bei der Betrachtung der beiden Geschlechter ist zu bemerken, dass Frauen mehr Stress als Männer wahrnehmen und vermehrt unter psychischen Beschwerden leiden. Dabei neigen Männer unter Stress, den sie vorzugsweise im Berufsleben wahrnehmen, zu Aggressivität. Frauen hingegen erleben Stress vermehrt in zwischenmenschlichen Beziehungen, wobei sich dieses Stressgeschehen durch Passivität und Depressionen auswirkt. (vgl. Bernhard/ Wermuth 2011, S. 59)

4 STRESS UND ARBEIT

Im nachstehenden Kapitel wird Stress in Verbindung mit dem Aspekt der Arbeit betrachtet. Hierzu werden nach einer kurzen Kapiteleinleitung Arbeitsbedingungen (Kapitel 4.1), Stress im Arbeitsumfeld (Kapitel 4.2), wozu auch ereignisbezogener und selbstinduzierter Stress gehört, Belastungen bei der Ausübung helfender Tätigkeiten (Kapitel 4.3) und schließlich die Emotionsarbeit (Kapitel 4.4) betrachtet.

Die Herausforderungen in der Arbeitswelt, unter besonderer Berücksichtigung der psychischen Arbeitsanforderungen, nehmen seit den letzten Jahren beständig zu. Gründe hierfür sind in der Veränderung der Arbeitswelt zu suchen, die mit den Schlagwörtern Tertiarisierung (Entwicklung zur Dienstleistungsgesellschaft), Informatisierung (Zunahme an modernen Kommunikationstechnologien), Subjektivierung, Akzeleration (Beschleunigung von Prozessen, Komplexitätssteigerung) und neuen Arbeitsformen charakterisiert werden kann. (vgl. Lohmann-Haislah 2012, S. 11)

„Die Weltgesundheitsorganisation hat beruflichen Stress zu einer der größten Gefahren des 21. Jahrhunderts erklärt.“ (Haislah-Lohmann/ Morschhäuser/ Stilijanow 2012, S. 42) Deutlich wird dies dadurch, dass bei einer Befragung fast die Hälfte der Beschäftigten über Stress geklagt hat. (vgl. Schnetzer 2014, S. 18) Sehr viel Zeit seines Lebens ver- bringt ein Individuum am Arbeitsplatz, wobei der berufliche Erfolg erheblich zum Wohlbe- finden eines Menschen beiträgt. Arbeitsbedingter Stress hingegen stellt eine Bedrohung für die Gesundheit dar, wobei hiervon Individuen mit zunehmendem Alter und in unteren Einkommensbereichen vermehrt betroffen sind. (vgl. Briese-Neumann 1997, S. 71; Ren- sing/ Rippe/ Koch 2006, S. 29) „Der Gesundheitsbericht für Deutschland bezeichnet die Veränderungen in der Arbeitswelt als historisch gravierenden Wandel der Belastungs- strukturen, (…).“3 (Leidig 2006, S. 11) Psychische Stressoren rücken aufgrund ihrer enorm zunehmenden Auftretenswahrscheinlichkeit vermehrt in den Fokus der Arbeitsme- dizin. (vgl. ebd. 2006, S. 11) Die Reduktion des Arbeitsplatzstresses hat hohe ökonomi- sche Wertigkeit, da dieser Krankheitsausfälle und damit einhergehende Produktionsaus- fälle zur Folge hat. (vgl. Rensing/ Rippe/ Koch 2006, S.29; Binnewies/ Sonnentag 2006, S. 39; Kauffeld 2011, S. 224) Die Europäische Agentur für Sicherheit und Gesundheits- schutz am Arbeitsplatz hat Stress als zweithäufigstes arbeitsbedingtes Gesundheitsprob- lem benannt, wobei 50-60 % der Fehlzeiten hierauf zurückzuführen sind. (vgl. Barthelmes/ Oster/ Fiedler 2012, S. 9; Kaluza 2012, S. 4) So gehen nach Angaben der Fachzeitschrift Initiative Gesundheit und Arbeit „13 Prozent aller betrieblichen Fehltage auf psychische Erkrankungen zurück, Tendenz steigend.“ (Barthelmes/ Oster/ Fiedler 2012, S. 7) Bei einer Befragung zu Stressursachen am Arbeitsplatz wurde an erster Stelle mit 52 % Ter- mindruck und Hetze genannt, gefolgt von Informationsüberflutung und ständiger Erreich- barkeit mit 33 %, dann ungenaue Anweisungen und Vorgaben, dicht gefolgt von zu ho- hem Arbeitspensum, als nächstes hohe Lärmbelastung gleichgesetzt mit Konflikten mit Kollegen oder Vorgesetzten und zuletzt wurden monotone Tätigkeiten, Unterforderungen und Konkurrenzkampf genannt. Von den befragten gaben 83 % an, dass es keine betrieb- lichen Maßnahmen zum Umgang mit arbeitsbedingten Stress gibt. (vgl. Barthelmes/ Os- ter/ Fiedler 2012, S. 7; Kaluza 2012, S. 54) Ähnliche Ergebnisse lassen sich auch im Stressreport 2012 wiederfinden, bei dem 20.036 Erwerbstätige telefonisch befragt worden sind. Bei der Auswertung der Anforderungen aus Arbeitsinhalten und -organisation in Verbindung mit der Belastung wurde an erster Stelle von 58 % der Befragten das gleich- zeitige Betreuen verschiedenartiger Arbeiten genannt, gefolgt von starkem Termin- und Leistungsdruck mit 52 % und ständig wiederkehrenden Arbeitsvorgängen mit 50 %. An den nächsten Stellen folgen Arbeitsstörungen (44 %), schnelles Arbeiten (39 %), Konfron- tationen mit neuen Aufgaben (39 %), Leistungs- und Zeitvorgaben (30 %) und die Arbeit an der Leistungsgrenze (16 %). Im Vergleich zu den Jahren 2005/2006 haben sich die erfragten Werte nur sehr geringfügig verändert. (vgl. Lohmann-Haislah 2012, S. 35 f.)

Ursächlich für Stress an der Arbeit allgemein können viele verschiedene Faktoren sein, wie zum Beispiel Probleme auf organisatorischer Ebene, ein schlecht bezahlter Arbeits- platz ohne Aufstiegschancen oder eine allgemein empfundene Unsicherheit. Daneben können strukturelle Faktoren zum Auftreten von Stress führen, worunter Körperbeanspru- chung, Verantwortlichkeiten, Arbeitsinhalte und -abläufe oder auch die Zeitstruktur aufzu- zählen sind.

[...]


1 Die Bezeichnungen „higt strain job“, „passive job“, „low strain job“ und „active job“ sind original entnommen aus Bamberg/ Mohr/ Busch 2012, S. 123 in Anlehnung an das Job-Demand-Control- Modell nach Karasek & Theorell 1990

2 Diese drei Stresstypen werden in der vorliegenden Arbeit nur sehr kurz erwähnt, da eine genauere Betrachtung zu sehr in das medizinische Fachgebiet eindringen und an dem Ziel der Arbeit vorbeidiffundieren würde.

3 Der hier erwähnte Gesundheitsbericht für Deutschland ist aus dem Jahre 1998.

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Titel: Herausforderung Stress. Entstehung, Wahrnehmung, Erklärung und Bewältigung