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Jan Hus als Kirchenreformator und das Verhältnis zu seinem Lehrmeister Wyclif

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 17 Seiten

Geschichte - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort und Einleitung

2. Forschungsdiskussion

3. Äußere Quellenbeschreibung

4. Innere Quellenbeschreibung
4.1. Kirchenreformatorische Grundzüge in dem Werk „Tractatus de Ecclesia“
4.2. Parallelen zu Wyclifs Lehre
4.3. Unterschiede zu Wyclif: Wer war der erfolgreichere Reformer?

5. Fazit

Quellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

1. Vorwort und Einleitung

„Mich ziehen seine Schriften an, durch die er alle Menschen zum Gesetz Christi zurückzuführen sucht, besonders die Geistlichen, daß sie die Pracht und die Herrschaft der Welt fahren lassen und mit den Aposteln leben, nach dem Gesetz Christi.[...]“1. Dieses Zitat ist für mich Ausdruck einer Faszination und Hingabe, die Hus verkörperte und für die der Tscheche sogar seinen eigenen Tod in Kauf nahm. Diese Fähigkeit, eine Wahrheit für sich zu entdecken, sie zu verinnerlichen und zu seinem ganzen Lebensinhalt werden zu lassen, fasziniert mich wiederum an Jan Hus. Nachdem ich vergangenes Semester eine Vorlesung über große Philosophen des 13. und 14. Jahrhunderts besucht habe, in der ich auch mit einigen theologischen Schriften Wyclifs in Berührung kam, war die Nähe zur hussitischen Lehre natürlich unverkennbar. Je intensiver ich mich allerdings mit Literatur zu dem Südböhmen und seinen Werken beschäftigte, desto deutlicher erkannte ich auch einen gewissen Dissens unter den Autoren, vor allem in Bezug auf die Bewertung der theologischen wie reformatorischen Eigenleistung des Jan Hus . Die Meinungen hierzu sind breit gefächert; einige unter ihnen fällen - vom reinen Schriftvergleich ausgehend - ein negatives Urteil über den tschechischen Theologen, andere schildern ihn als einzigen Grund für Wyclifs Berühmtheit post mortem. Diese Brisanz in der Forschung schien mir, wenn auch möglicherweise hier und da von regionaler Zugehörigkeit des jeweiligen Autors beeinflusst, äußerst interessant und bildete zusammen mit meinem allgemeinen Interesse an dem Verhältnis dieser beiden Theologen die Grundlage für meine Seminararbeit. Nun scheint es mir noch wichtig anzumerken, dass ich keinesfalls einen vollständigen Vergleich der beiden Theologen anstrebe, da dies die Lektüre und Interpretation der gesamten Literatur des Jan Hus und John Wyclif voraussetzt, was den Rahmen dieser Arbeit bei Weitem sprengen würde. Vielmehr möchte ich mir auf der Basis einiger wissenschaftlicher Meinungen zu meinem Thema und prägnanter Quellenauszüge ein eigenständiges Bild zum Verhältnis der beiden machen, welches ich anschließend belegen und erläutern werde. Am Anfang dieser Arbeit steht demnach eine Forschungsdiskussion, in der ich die Kernthesen einiger Historiker und Theologen zusammenfassend darstellen werde. Weiterhin gehe ich im Anschluss an die äußere Quellenbeschreibung des „Buches von der Kirche“ ausführlich auf einen Ausschnitt des Werkes von Jan Hus ein, in dessen Zusammenhang einige Grundzüge seiner kirchenreformatorischen Ideen zum Ausdruck kommen. Der nächste Abschnitt besteht aus einem Vergleich dieses Auszuges mit der Lehre des Engländers, woraufhin ich mich im dritten

Teil der inneren Quellenbeschreibung zunächst den Unterschieden zwischen Hus und Wyclif widmen werde, um mich dann an einem Urteil über deren reformatorische Wirkung zu versuchen.

2. Forschungsdiskussion

In seinem Werk „Huss und Wiclif. Zur Genesis der hussitischen Lehre.“ stellt Johann Loserth den Theologen aus Oxford gleich zu Beginn als einen der „reichsten Geister im alten England und der einzige in Wahrheit bedeutende Reformator vor der Reformation“ vor2. Der Fokus liegt in Loserths Werk deutlich auf dem direkten Vergleich der Originalschriften von Hus und Wyclif. So erkennt und belegt der Autor die kaum zu verleugnende Verbindung zwischen den Geistlichen und erklärt Wyclif beispielsweise als Quelle für die gesamten Predigten des böhmischen Reformators3. Letzlich steht laut Loserth auch Hussens „Buch von der Kirche“ auf den Grundpfeilern des gleichnamigen englischen Werkes von Wyclif, genauer gesagt wird es als eine Zusammenstellung aus der Flugschrift „De Fide Catholica“ und den Büchern „De Ecclesia“ und „De Potestate Pape“ beschrieben. Nach Loserth entstammen die hussitische Definition des Kirchenbegriffs, grundlegende Ideen von dem Verhältnis zwischen geistlicher und weltlicher Macht und die Vorstellung einer kirchlichen Hierarchie fast unverändert aus der Feder des Engländers4.

Melchior Vischer beschreibt in seiner zweibändigen Hus- Biographie wie dieser Wyclif zwischen 1393 und 1398 durch seine philosophischen Schriften erstmals kennen lernte, was er unter anderem durch Hus´ Randbemerkungen an Texten Wyclifs beweist5. Die geistige Wandlung vom treuen Kirchenanhänger zum richtenden Kirchtenkritiker fiele ebenfalls in diese Zeit, weshalb Hus auch selbst von sich sagte, alles Neue, ihm wahrhaftig Erscheinende, während seiner Studienzeit eifrig angenommen zu haben. Vischer sieht die Heirat Annas, Wenzels Schwester, mit dem englischen König Richard II. als Wegbereitung für den Gedankenaustausch zwischen Oxford und Prag, wobei Hus durch seinen damaligen Lehrer Stanislaus von Znaim mit den Schriften Wyclifs erstmals in Berührung gekommen sei6. Während die aufrührerischen Ideen in Prag auf fruchtbaren Boden fielen, so waren sie in ihrer Heimat schon weitgehend erledigt, so Vischer. Vor allem in dem behaglichen und ruhigen Leben des Urhebers sei das einzig Revolutionäre dessen tödlicher Schlaganfall gewesen7.

Letzlich sei Hus wie in einem Bann des John Wyclif gefangen gewesen, was er durch folgende Randnotiz des Böhmen von 1398 belegt: „ O Wiklef, Wiklef, Du wirst nicht nur einem den Kopf wackeln machen!“8. Hus´ Faszination für die Schriften aus Oxford hätte sich seit seiner Priesterweihe im Jahr 1400 auch in den theologischen Werken des John Wyclif fortgesetzt9.

Auch der Tscheche Rudolf Rican erkennt Wycilf als Vorbild für Hus an, von dem er erstmals lernte, „die verweltlichte Kirche zu kritisieren“10.

Überdies ernennt Rican Wyclif zum Lehrmeister für alle tschechischen Realisten, die seinen Aufruf zur Kirchenreform durch weltliches Eingreifen verbreitet hätten11. In einigen Punkten erkennt der Autor der „Geschichte des tschechischen Protestantismus“ aber auch die geistige Eigenständigkeit des Jan Hus, so habe der Nationalheld die Remanenzlehre vom Heiligen Abendmahl, die in Wyclifs Schriften zu finden ist, beispielsweise nicht anerkannt. Stattdessen blieb er hier im Kontrast zu seinem Vorbild von der Transsubstantiationslehre überzeugt. In anderen Fällen habe er dennoch vollständige Teile aus Wyclifs Werken rezipiert und in seinen eigenen Predigten unverändert wiedergegeben, was allerdings nach Rican dem damaligen Usus entsprach12. Renate Riemeck widmet dem englischen Theologen in ihrer Hus Biographie nur wenige Seiten, vertritt sie doch den Standpunkt einer völlig selbstständigen tschechischen Reformation, die über eigene Wurzeln sowie über eigenes Gedankengut verfügt habe. Die Schriften Wyclifs hätten Hus und andere Prager Realisten lediglich in ihrer eigenen Auffassung, die vielmehr von tschechischen Vorläufern geprägt worden sei, bestätigt. Schon weitaus länger als die englischen Schriften sei beispielsweise die Lehre des Südböhmen Matthias von Janóv bekannt gewesen, ebenfalls ein überzeugter Vertreter der Heiligen Schrift als einzige Wahrheit für Glaube und Lehre13. Dennoch spricht auch Riemeck Wyclifs Schriften besonders im Universalienstreit keine Bedeutung ab, sondern sieht die revolutionären Ideen als große Inspiration für viele tschechische Gelehrte, unter denen sich eben auch Jan Hus befand. Nichtsdestotrotz sei Hus auch immer wieder kritisch mit Wyclif ins Gericht gegangen, als er zum Beispiel im Gegensatz zur Meinung des Oxforders an der kirchlichen Wandlungslehre festhielt14. So verleiht Riemeck ihrer Ansicht durch ein Zitat von Walter Nigg Gewicht, der einmal urteilte: „Nur Unverständnis kann Hus einen bloßen Kompilator Wycliffs nennen.“15. Mit der Frage nach dem Wind, welcher die böhmischen Funken entflammen ließ, leitet Joachim Dachsel seine Stellungnahme zum Verhältnis zwischen Hus und Wyclif ein. Seine Antwort lautet: „ […] das große Wehen kommt schräg über Europa aus England.“16. Wie das wyclifitische Gedankengut an den jungen Magister Hus gelangte, erklärt Dachsel durch die geistigen Oberhäupter der Wyclifanhänger, die gleichzeitig auch Hus sehr nahe standen und ihn so mit den bedeutenden philosophischen Werken in Verbindung brachte. Zu ihnen gehörten unter Anderen auch Stanislav von Znaim sowie Stefan von Kolín, der vor Hus an der Bethlehemskapelle gepredigt habe.17 Hieronymus von Prag importierte letztlich auch die theologischen Schriften des Oxforders, welche er seinem Freund Hus nicht vorenthielt und bei ihm „den großen Umbruch seines Lebens“18 angestoßen hätten. Nach Dachsel hat Jan Hus die Lehre Wyclifs sehr wohl zu großen Teilen übernommen, wie es auch genau diese Schriften waren, die den späteren Reformator und verurteilten Ketzer in seiner geistigen Haltung maßgeblich prägten, dennoch habe er dies nicht nur aus Verehrung zu seinem Vorbild getan, sondern weil ihn die Wahrheit Wyclifs eben aus tiefstem Herzen überzeugt hätten.19 Eindeutige Parallelen im Vergleich der Glaubensgrundsätze beider Theologen stellt auch Richard Friedenthal in „Ketzer und Rebell. Jan Hus und das Jahrhundert der Revolutionskriege.“ fest; vor allem in Fragen der kirchlichen Autorität und Hierarchie. Während die Durchschlagskraft seiner revolutionären kirchlichen Thesen in seiner Heimat ausgeblieben seien, habe verlieh Hus den Ideen Wyclifs erst das nötige Leben verliehen, um die Bewegung letztlich zum Abschluss zu bringen.20 Nach Gerhard Wehr haben sich die Prager Studenten, unter denen sich auch Hus befand, im Zuge der Auseinandersetzung um universale Begrifflichkeiten in die Schriften des bekennenden Realisten Wyclif eingearbeitet. Somit sei Hus seit spätestens 1398 mit dem Gedankengut des John Wyclif vertraut gewesen, welches ihm laut Wehr lediglich als Anstoß für einen eigenen Erkenntnisprozess diente.21 Vor allem die starke Zuneigung zur Heiligen Schrift, die Hus in Wyclifs Schriften erkannte, hätten ihn geradezu fasziniert.22 Der Wyclif- Forscher Manfred Vasold rückt das Verhältnis von Hus und Wyclif nocheinmal in ein anderes Licht, indem zwar auch er zunächst die Arbeit Wyclifs als ausschlaggebend für die Wandlung Hus´ vom „Mahner der Menschen zum Kritiker der Kirche und zum Reformer“23 anerkennt, bald aber eklatante Persönlichkeitsunterschiede feststellt: Während Wyclif vielleicht ein größerer Theologe gewesen sei, so sei er doch immer distanziert, geradezu unberührt von seinen Erkenntnissen gewesen. Hus hingegen sei ein talentierter Prediger, Politiker und Organisator gewesen, der es vermochte, Leute von seinem tiefen Glauben zu überzeugen und die schwer durchschaubaren Lehren des Wyclif in „geistige[n] Waffen“24 zu verwandeln.

Laut Vasold haben ihn diese Eigenschaften im Gegensatz zum Ideengeber Wyclif zu einem erfolgreichen Reformator gemacht.25

3. Äußere Quellenbeschreibung

Sein wohl umfassendstes Werk legte Jan Hus in Form des „Tractatus de Ecclesia“ im Jahre 1413 nieder, kurz nachdem er von seinem früheren Unterstützer König Wenzel von der Kurie gebannt wurde.26 Nachdem Hus im Oktober 1412 durch eine päpstliche Bulle zudem noch mit dem großen Kirchenbann belastet wurde, sahen kirchliche Autoritäten die stetig wachsende Anhängerschaft des Tschechen immer noch als erhebliche Bedrohung an, weshalb sie ihr härtestes Mittel gegen Hus und dessen Gemeinschaft einsetzte; es folgte das Interdikt über die Stadt Prag.

Sich dessen immenser Folgen für alle Stadtbewohner bewusst, beugte sich der Prediger letztlich den geistigen Autoritäten und floh Ende 1412 in Richtung seiner alten Heimat Südböhmen.

Dies tat er nicht um seines eigenen Schutzes willen, sondern aus Rücksichtnahme auf seine Anhängerschaft. Während Hus in Südböhmen weiterhin seine Predigertätigkeit verfolgte, schrieb er in diesem Umfeld einige seiner großen Werke, wie zum Beispiel eine Kritik am Ablasshandel, eine Auslegung des Glaubensbekenntnisses und der zehn Gebote sowie eine Postille.

[...]


1 Wehr, Gerhard: Jan Hus. Ketzer und Reformator. Gütersloh, 1979. S.23.

2 Loserth, Johann: Huss und Wiclif. Zur Genesis der hussitischen Lehre. München und Berlin, 1925. S. 1.

3 Vgl. Ebd., S. 131.

4 Vgl. Ebd., S. 163-165.

5 Vgl. Vischer, Melchior: Jan Hus. Sein Leben und seine Zeit. Band I. Frankfurt am Main, 1940. S. 174.

6 Vgl. Ebd., S. 175.

7 Vgl. Ebd., S. 176.

8 Ebd., S. 182.

9 Vgl. Ebd., S. 182.

10 Rican, Rudolf: Das Reich Gottes in den böhmischen Ländern. Geschichte des tschechischen Protestantismus. Stuttgart, 1957. S. 27.

11 Vgl. Ebd., S. 27.

12 Vgl. Ebd., S. 28.

13 Vgl. Riemeck, Renate: Jan Hus. Reformation 100 Jahre vor Luther. Frankfurt am Main. 1966. S. 13-14.

14 Vgl. Ebd., S. 19-24.

15 Ebd., S. 23.

16 Dachsel, Joachim: Jan Hus. Ein Bild seines Lebens und Wirkens. Seine Briefe vom Herbst 1414 bis zum Juli 1415. Ins Deutsche übersetzt in Zusammenarbeit mit Frantisek Potmesil. Berlin, 1964. S. 26.

17 Vgl. Dachsel: Hus. S. 33.

18 Dachsel: Hus. S. 34.

19 Vgl. Ebd., S. 35-36.

20 Vgl. Friedenthal, Richard: Ketzer und Rebell. Jan Hus und das Jahrhundert der Revolutionskriege. München, 1972. S. 61-92.

21 Vgl. Wehr, Gerhard: Jan Hus. Ketzer und Reformator. Gütersloh, 1979. S. 21.

22 Vgl. Ebd., S. 23.

23 Vasold, Manfred: Frühling im Mittelalter. John Wyclif und sein Jahrhundert. München, 1984. S. 297.

24 Vasold: Frühling. S. 298.

25 Vgl. Ebd., S. 295-303.

26 Vgl. Obermann, Heiko A. (Hg.): Kirchen- und Theologiegeschichte in Quellen. Ein Arbeitsbuch. Band II. Mittelalter. Neukrichen-Veuyn, 2001. S. 226.

Details

Seiten
17
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656735892
ISBN (Buch)
9783656735878
Dateigröße
521 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v280280
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden
Note
1,3
Schlagworte
kirchenreformer verhältnis lehrmeister wyclif

Autor

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Titel: Jan Hus als Kirchenreformator und das Verhältnis zu seinem Lehrmeister Wyclif