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Hilfe- und Pflegebedürfnis im Alter. Sozialpädagogische Angebote einer Tagesbetreuungseinrichtung für Demenzkranke

Akademische Arbeit 2005 28 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Die demographische Entwicklung in Deutschland

Hilfe- und Pflegebedürftigkeit im Alter

1. Demenz – Vielschichtigkeit einer Erkrankung
1.1. Klinische Symptomatik
1.2. Formen und Risikofaktoren
1.3. Bedeutung der Tagesbetreuungseinrichtung für Demenzkranke

2. Sozialpädagogische Angebote und Ziele
2.1. Tagesstrukturierende Angebote
2.2. Angehörigenarbeit der Tagesbetreuungseinrichtung
2.3. Biografiearbeiten als Bestandteil des Betreuungskonzepts
2.4. Wahrnehmungsförderung durch Basale Stimulation
2.5. Gemeinsame Mahlzeiten
2.6. Gedächtnistraining
2.7. Bewegungstraining

Literaturverzeichnis (inklusive weiterführender Literatur)

Die demographische Entwicklung in Deutschland

Deutschland zählte im Jahr 2000 ca. 82 Mio. Einwohner gegenüber 69 Mio. im Jahr 1950. Das Bevölkerungswachstum wird sich so nicht weiter fortsetzen.[1]

Die Bevölkerungsstruktur in Deutschland wurde erheblich von der Entwicklung der Geburten und Sterbefälle und der Binnen- und Außenwanderungen beeinflusst. Der Bevölkerungsbestand konnte in den alten Bundesländern 1950 erhalten werden, weil eine Frau statistisch noch 2,1 Kinder bekam. Der Bevölkerungsrückgang erklärt sich durch die bis 1999 gesunkene Geburtenrate für Gesamtdeutschland auf ca. 1,4 Kinder/Frau.

Die Lebenserwartung der Bevölkerung stieg von 1950 bis 2000 kontinuierlich um mehr als zehn Jahre. Seit 1972 sterben pro Jahr mehr Menschen, als geboren werden. Die in den nächsten 50 Jahren zu erwartende demographische Alterung, ist eine Folge der natürlichen Veränderungen des Bevölkerungsstandes durch Geborene und Gestorbene. Die Differenz zwischen Neugeborenen und Gestorbenen ist in Rheinland- Pfalz seit 1972 fast ununterbrochen negativ. Der Überschuss an Gestorbenen wird bis zum Jahre 2050 kontinuierlich größer werden.[2]

Binnenwanderungen zwischen der alten Bundesrepublik und den neuen Bundesländern zählen auch zu den bevölkerungsverändernden Komponenten. Zwischen 1957 und 1999 sind rund 4,4 Millionen Menschen aus der ehemaligen DDR beziehungsweise den neuen Bundesländern zugewandert. Dem stehen 1,5 Millionen Fortzüge in die Gegenrichtung gegenüber.

Hauptursache des demographischen Alterns ist die Lebenszeitverlängerung. Die Altersstruktur verschiebt sich zu Gunsten älterer Bevölkerungsgruppen. Damit erhöht sich auch die Zahl derer, die potentiell an chronisch degenerativen Erkrankungen leiden. Menschen, die 80 Jahre und älter sind haben ein erhöhtes Risiko, pflegebedürftig zu werden. Langfristig stehen der wachsenden Zahl Pflegebedürftiger weniger mögliche Pflegende gegenüber. Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist zu erwarten, dass infolge des abnehmenden familialen Pflegepotentials die professionelle Pflege zunehmend an Bedeutung gewinnt.[3]

Hilfe- und Pflegebedürftigkeit im Alter

Im Januar 1995 wurde die Pflegeversicherung in Deutschland eingeführt. Hilfe und Pflegebedürftigkeit im Alter sind in § 61 Abs.1 SGB XII geregelt. Dort heißt es, dass Personen, die wegen einer körperlichen, geistigen oder seelischen Krankheit oder Behinderung für die gewöhnlichen und regelmäßig wiederkehrenden Verrichtungen im Ablauf des täglichen Lebens auf Dauer, voraussichtlich für mindestens sechs Monate, in erheblichen oder höherem Maße der Hilfe bedürfen, Hilfe zur Pflege zu gewähren ist.

Im SGB XI wird der Pflegebegriff spezifiziert. Demnach sind Personen pflegebedürftig, die wegen einer körperlichen, geistigen oder seelischen Krankheit oder Behinderung für die gewöhnlichen und regelmäßig wiederkehrenden Verrichtungen im Ablauf des täglichen Lebens auf Dauer, voraussichtlich für mindestens sechs Monate, in erheblichen oder höherem Maße (§ 15 SGB XI) der Hilfe bedürfen (§ 14 SGB XI). Die Stufen der Pflegebedürftigkeit werden im § 15 SGB XI beschrieben. Die Pflegekassen haben durch den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung prüfen zu lassen, ob die Voraussetzungen der Pflegebedürftigkeit erfüllt sind und welche Stufe der Pflegebedürftigkeit vorliegt.

Die Ausgaben der Pflegeversicherung werden durch Mitgliederbeiträge von Arbeitgeber, Rentenversicherungs- und anderer Sozialleistungsträger finanziert.

Die demographischen Veränderungen führen auch zu Veränderungen in den Familienstrukturen. Haushalte, die kein oder nur ein Kind haben, nehmen zu. Folglich gibt es immer mehr alte Menschen, die keine Enkel haben. Vom Geburtsjahrgang 1960 an wird ein Drittel enkellos sterben, ein Achtel wird nur einen Enkel haben. Bei jüngeren Menschen, werden die Verhältnisse noch gravierender sein, ein Fünftel der Bevölkerung wird keine Geschwister mehr haben. Verwandtschaftliche Beziehungen verschwinden.[4] Da der Anteil der älteren Menschen an der Bevölkerung weiter ansteigt, wird auch die Zahl der Pflegebedürftigen ansteigen. Für Pflege und Betreuung alter Menschen werden demnach verstärkt Dienstleistungsunternehmen in Anspruch genommen.

Die Pflegeversicherung gerät in Finanznot, wenn die Zahl der über 80jährigen von jetzt rund drei auf fünf Mio. im Jahre 2030 ansteigt. Pro Jahrzehnt steigt die Lebenserwartung um drei Jahre. Im Jahr 2040 wird der Durchschnittsdeutsche 50 Jahre alt sein. Dass die Bevölkerung einerseits schrumpft und andererseits altert, ist gewiss. Die Folgen sind es auch. Das ganze System der sozialen Sicherheit implodiert. Der gesamten Weltwirtschaft droht eine Krise. Immer weniger Erwerbstätige müssen immer mehr Rentner und Kranke unterhalten.[5]

1. Demenz – Vielschichtigkeit einer Erkrankung

In Deutschland leiden zurzeit ca. 1 Mio. Menschen an einer dementiellen Erkrankung. Demenz ist die häufigste und folgenreichste psychiatrische Erkrankung des Alters. Bei starker Ausprägung der Krankheit ist in der Regel eine selbständige Lebensführung nicht mehr möglich und eine Unterbringung in eine betreuende Institution wird notwendig.

In der Bundesrepublik wird, Prognosen zufolge, der Anteil der über 65jährigen von 23,6% im Jahr 2000 auf ca. 37,6% im Jahre 2050 ansteigen. 2005 wird diese Altersklasse 24,8% der Gesamtbevölkerung stellen.[6] „Entsprechend steigt auch die Zahl der Demenz- Erkrankungen. Experten erwarten, dass zukünftig jeder vierte über 80jährige an Alzheimer erkrankt.“[7] In Deutschland gibt es zurzeit mehr als 1 Mio. pflegebedürftiger Demenzpatienten. Bis zum Jahre 2020 wird, lt. Fritz A. Henn vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim, mit 2,2 Mio. Erkrankten zu rechnen sein.

Wenn man davon ausgeht, dass besonders die Zahl der Hochaltrigen zunimmt und um 2030 jeder dritte Bundesbürger älter als 60 Jahre ist, kommt eine große Herausforderung auf pflegende Familien, Kostenträger, Altenpflege und unsere gesamte Gesellschaft zu.[8]

1.1. Klinische Symptomatik

Die nach Alois Alzheimer 1906 benannte Krankheit ist die häufigste Form der Altersdemenz. Sie beginnt in der Regel schleichend und verläuft chronisch. Die Dauer vom Auftreten erster Krankheitsanzeichen bis zum Tod der Erkrankten dauert ca. 7 Jahre.[9] Erste Symptome werden häufig nicht als Krankheit erkannt. Später stellen sich kognitive Störungen in verschiedenen Bereichen ein. Persönlichkeitszüge verschärfen sich oder kehren sich ins Gegenteil, es findet sich eine Passivität mit Rückzug aus dem sozialen Leben nach vorher aktivem Lebenswandel. Im Wesentlichen bilden sich vier Persönlichkeiten heraus:

- Untrübbare und zugleich unverbindlich wirkende Freundlichkeit
- zunehmende Aggressionen
- Rastlosigkeit und Unruhe, wenn Desorientierung im Vordergrund steht
- Misstrauen bei späterem sozialen Rückzug

Orientierungsstörungen beginnen mit Zeit- Raum- Wahrnehmungsstörungen, situative und ichbezogene Störungen folgen in späteren Stadien der Erkrankung. Betroffene begrenzen ihren Raum aufgrund des Orientierungs- verlusts der Umgebung.

Das Gedächtnis ist von fortschreitenden Ausfällen betroffen, die intellektuelle Leistungsfähigkeit beeinträchtigt. Probleme entstehen im Umgang mit dem Erkennen von Symptomen, die Problemlösefähigkeit geht verloren. Fähigkeiten wie Essen, Anziehen und Körperpflege bleiben dagegen relativ lange erhalten. Erst im fortgeschrittenen Stadium gehen diese verloren, die Betroffenen sind kaum noch in der Lage, einfachen Anweisungen zu folgen.

Zu Beginn der dementiellen Erkrankung ist die Sprache kaum beeinträchtigt. Manchmal wird ein gesteigerter Redefluss erkannt. Allmählich verlangsamt sich die Sprache jedoch und Wortfindungsstörungen treten auf. Die Sprache wird floskelhaft und inhaltsleer. Der Prozess der Sprachverarmung führt letztendlich zum Sprachverlust. Störungen der Motorik beginnen sehr frühzeitig im Verlauf der Erkrankung. Typisch ist eine massive Rastlosigkeit (Lauf- und Sitzunruhe), die von Bettlägerigkeit abgelöst wird.[10]

Alte, an Depressionen leidende Menschen können als Demenzkranke fehldiagnostiziert werden. Die Fehldiagnoserate liegt bei 20%. Gründe dafür sind sozialer Rückzug, Gedächtnisprobleme, reduzierter Realitätsbezug und verminderte Selbstversorgungskompetenz. Zur sicheren Diagnose werden deshalb Depressionsskalen verwendet. Unterschiede sind eindeutig im Selbstbild des Betroffenen zu erkennen. Der an Demenz Erkrankte hat gegenüber einem Depressiven ein normales, ohne Selbstvorwürfe gekennzeichnetes Selbstbild.[11]

1.2. Formen und Risikofaktoren

Häufig wird Demenz, die lediglich ein Syndrom bezeichnet, pauschal mit der Alzheimer Krankheit gleich gesetzt. Demenz lässt sich grob in zwei Gruppen unterteilen. Man unterscheidet primäre Demenzen, hervorgerufen durch direkte Hirnschädigung und sekundäre Demenzen, die durch Krankheiten hervorgerufen werden. Degenerative und vaskuläre Gründe können Ursachen für eigenständige Hirnerkrankungen sein.

Alzheimer ist gekennzeichnet durch irreversible degenerative Hirnschäden, die mit dem kontinuierlich progressiven Abbau intellektuell- kognitiver sozialer Leistungen, wie Vergesslichkeit, Wortfindungs- und Sprachstörungen einhergehen. Man unterscheidet Demenz mit frühem Beginn von der mit spätem Beginn. Ungefähr 10% der erkrankten Menschen sind in frühen Jahren, also vor dem 60. Lebensjahr betroffen.

Demenz bei anderen Krankheiten wird der primären Demenz zugeordnet. Dazu zählen u.a. die Pick- Krankheit, Creutzfeld- Jakob, Chorea Huntington und Parkinson.[12]

Bei der Demenz vaskulären Typs oder Multi- Infarkt- Demenz (MID) geht man davon aus, dass arteriosklerotische Prozesse der kleinen intrazerebralen Blutgefäße ursächlich für die Erkrankung sind. Die MID ist die Folge zunehmender zerebraler Infarkte und der damit einhergehenden Zerstörung des Hirngewebes.

Alzheimersche Erkrankung und MID unterscheiden sich vor allem durch den Verlauf und den Zeitpunkt ihres Auftretens. Bei der MID ist das vergleichsweise früh, zwischen dem 40. und 60. Lebensjahr. Männer sind von MID häufiger betroffen, Frauen erkranken eher an Morbus Alzheimer.

Durch Depressionen bedingte Demenzen sind Pseudodemenzen, die 10% der Erkrankungen ausmachen. Bei an Parkinson erkrankten kann es vorkommen, das die Krankheit mit einer Demenz einhergeht.[13]

Risikofaktoren bzw. mögliche Ursache einer Demenzerkrankung vom Typ Alzheimer kann u.a. das Alter sein, da fast ausschließlich alte Menschen davon betroffen sind. Allein in Deutschland leiden ca. 1,2 Mio. an Demenz, wobei Frauen häufiger betroffen sind als Männer. Alle 5,1 Jahre verdoppelt sich die Prävalenz für die Erkrankung. Eine genetische Disposition kann ein möglicher Grund sein. Ein mögliches Risiko kann das Rauchen darstellen.[14]

Wissenschaftler haben herausgefunden, dass im Vorfeld einer Demenz typische Belastungs- und biographische Faktoren von Bedeutung sind. Eine starke psychische und physische Belastung, der Verlust von Sozialkontakten und der Wegfall wichtiger motivationaler Bereiche erhöhen die Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung.

[...]


[1] vgl. Statistisches Landesamt Rheinland- Pfalz 2050, Zeitreihen, Strukturdaten, Analysen; S. 51

[2] vgl. Statistisches Landesamt Rheinland- Pfalz 2050, Zeitreihen, Strukturdaten, Analysen; S. 113, 114

[3] vgl. Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung; Bevölkerung, Fakten - Trends - Ursachen; S.65, 66

[4] vgl. Miegel, Meinhard, „Die deformierte Gesellschaft“; S. 71/72

[5].DER SPIEGEL: Nr. 35 vom 30.8.99; S. 30ff)

[6] vgl.Statistisches Landesamt Rheinland- Pfalz 2050, Zeitreihen, Strukturdaten, Analysen; S. 63, Tabelle 2.5

[7] vgl. FAZ; Medica 2004, „Gesellschaftliche Herausforderung, Die wirtschaftlichen Folgen ...“ Nr. 272, Seite B7

[8] vgl. www.patientenleitlinien.de/Demenz/demenz.html

[9] vgl. Falk, Juliane „Basiswissen Demenz“; S. 40

[10] vgl. Beltz, „Demenz im Alter“; S. 52- 57

[11] vgl. Beltz, „Demenz im Alter“; S. 121

[12] vgl. Falk, Juliane, „Basiswissen Demenz“; S. 37- 39

[13] vgl. Beltz, „Demenz im Alter“; S. 29ff.

[14] vgl. Beltz, „Demenz im Alter“; S. 58ff

Details

Seiten
28
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783656732761
ISBN (Buch)
9783668137332
Dateigröße
915 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v280266
Note
gut
Schlagworte
hilfe- pflegebedürfnis alter sozialpädagogische angebote tagesbetreuungseinrichtung demenzkranke

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