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"Reise um die Welt". Georg Forsters Kritik an der europäischen Zivilisation anhand seiner Auffassung vom ‚edlen Wilden’

Hausarbeit 2013 21 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der ‚edle Wilde’ im 18. Jahrhundert – Begriffsklärung

3. Der ‚edle Wilde’ bei Forster
3.1 Analyse der Tahiti- Aufenthalte
3.2 Forsters Gebrauch dieses Topos

4. Forsters Zivilisationskritik

Zusammenfassung

Anhang II

1. Einleitung

Meine Absicht dabey war, die Natur des Menschen so viel möglich in mehreres Licht zu setzen […].[1]

In seiner Reise um die Welt, die 1777 auf englisch erschien und wenig später schon in deutscher Sprache, hat Georg Forster beschrieben, wie er in Begleitung seines Vaters mit der Expedition Kapitän Cooks um die Welt gesegelt ist, und dabei vor allem Neuseeland, die Südsee und deren Bewohner kennen gelernt hat. Seine Beschreibung der Welt­umseglung hat schon zu Zeiten ihrer Veröffentlichung großes Aufsehen erregt und wurde von verschiedenen Größen der Zeit der Aufklärung, wie Alexander von Humboldt oder Friedrich Schlegel, rezensiert. Herausgeber der bei der vorliegenden Arbeit zugrunde gelegten Ausgabe der Reise, Gerhard Steiner, bezeichnet Forsters Reisebeschreibung sogar als „nach Gehalt und Schreibart beste von allen Darstellungen, die über die epochalen Entdeckungsreisen Cooks geschrieben wurden“.[2]

Forsters Anspruch in seiner „philosophische[n] Reisebeschreibung“[3] ist es, so objektiv und vorurteilsfrei wie möglich zu bleiben. Diese Zielsetzung ist umso interessanter, als es in der zeitgenössischen und besonders der deutschen Wahrnehmung fremder Kulturen, Naturvölker und besonders der Südseeinsulaner bereits ein klares, aber romantisiertes Bild von diesen Menschen gab. Diesem Klischee, dem der ‚edlen Wilden’, soll sich in dieser Arbeit angenähert werden.

Dazu ist es wichtig zu ermessen, wie dieser Topos entstand und inwieweit Georg Forster davon beeinflusst war. Dieser Frage wird anhand einer Textanalyse der beiden Tahitiaufenthalte in den Jahren 1773 und 1774[4] nachgegangen. Hierbei wird zu erforschen sein, wie er zu den Einwohnern Tahitis steht, und ob seine Auffassung von diesen Süd­seeinsulanern in das Bild passt, das seine Zeitgenossen vom ‚edlen Wilden’ hatten. Außerdem wird gezeigt werden, dass sich Forster nicht immer so objektiv verhalten hat, wie er ankündigt. Sondern, dass er sich durchaus Illusionen hingegeben hat und von der Schönheit der Insel so hat blenden lassen, dass ihn die Realität hart treffen konnte.

Kern der Untersuchung wird sein, wie Forster den Begriff des ‚edlen Wilden’ verwendet und was dieser für ihn bedeutet. Zudem wird zu klären sein, wie sich aus dieser Charakterisierung der Inselbewohner eine Bewertung der eigenen, westlichen Kultur ergibt.

Das Zitat eingangs erhellt die Absicht, die Georg Forster mit seinem Reisebericht primär verfolgt. Er nutzt das Kennenlernen fremder Kulturen, Sitten und Lebensweisen, um die allgemeine Natur des Menschen betrachten zu können und von verschiedenen Seiten zu beleuchten. Doch dadurch, dass er die Tahitianer nicht aus einer rein europäischen Warte aus beobachtet, sondern sich in ihre Sicht der Dinge hineinversetzt, schafft er zugleich eine gewisse Kritik an der eigenen, fortgeschrittenen Zivilisation Europas.

2. Der ‚edle Wilde’ im 18. Jahrhundert – Begriffsklärung

Der Begriff des ‚edlen Wilden’ und seine Bedeutung wurde nicht direkt von den See­fahrern des zweiten Entdeckungszeitalters wie Cook oder Bougainville und Forschern wie Georg Forster selbst geprägt. Er wurde erst populär, als sich Journalisten in der europäischen Heimat der Harmonie der Naturverbundenheit der Südseevölker annahmen.[5] In Deutschland wurde die Südseeromantik unter anderem durch den empfindsamen Reise­bericht des Barons George Anson und die Garten- Eden- Verklärung der Südsee von Bou­gain­­ville in seiner Weltreisebeschreibung Voyage autour de monde hervorgerufen.[6] Ebenso stilisierte der Botaniker Philibert de Commerson Tahiti gar als ‚Utopia’ hoch und schuf damit inhaltlich dieses Paradies, in dem Menschen wohnten, die dieses nicht zer­störten, sondern mit ihm im Einklang lebten.[7] Allerdings wurde dieser Umstand den Süd­see­völkern bereits vor ihrer Entdeckung durch Europäer zugeschrieben: Man ging davon aus, „dass es sich bei den dort zu erwartenden Völkern um Antipoden handeln musste, womit implizite deren Andersartigkeit, ja Gegensätzlichkeit betont und die Mög­lichkeit einer Alternative mit kulturkritischer Zielrichtung angedeutet wurde“.[8]

Aber was verbirgt sich überhaupt hinter der Bezeichnung des ‚edlen Wilden’? Und was ist demgegenüber ein ‚unedler’ oder gar ‚böser Wilder’? Urs Bitterli diskutiert in seinem Werk Die Wilden und die Zivilisierten in ausführlicher Form die verschiedenen Be­grifflichkeiten, was hier jedoch nur angeschnitten werden soll.

In Europa hat man fremde Kulturen zum einen ethnozentrisch, um anderen aber auch vorverurteilend mit Begriffen wie „Barbar“, „Heide“ oder „Wilder“[9] ohne nähere Be­schreibung bezeichnet, wenn sich die Europäer selbst nicht über die intellektuelle Trag­weite der Begegnungen mit der anderen Kultur im Klaren waren. Denn dies sind „Antonyme für das, wofür man sich hält“,[10] ohne jedoch den Zwang, sie erklären oder begründen zu müssen. Sie bedeuten schlicht die eigene Erhöhung über dem Fremden.[11] Während jedoch ein „Barbar“ etwas durchweg Negatives bedeutet, ist der mit dem Attribut des ‚Edlen’ ergänzte ‚Wilde’ das genaue Spiegelbild des „Barbaren“. Hieraus entspann sich eine Diskussion im 18. Jahr­hundert, ob die entdeckten Überseevölker eher zu den rohen oder den ‚guten Wilden’ zu zählen seien. Die Auffassung, dass Letzteres der Fall sei, obsiegte schließlich, womit dem Klischee reichlich Nahrung gegeben wurde.[12]

Ein guter, oder edler ‚Wilder’ bekommt diese Attribute zugewiesen, wie er gewisse Kriterien (oberflächlich oder tatsächlich) erfüllt: Er ist unschuldig, unvoreingenommen, ruhig und lebt in Harmonie mit Natur und anderen Menschen in einer lebensfrohen Weise.[13] Zudem wurden den ‚edlen Wilden’ im 18. Jahrhundert „naturgegebene ethisch- moralische Qualitäten, eine Sinnlichkeit und Vitalität zugeschrieben, von denen sich der rational geleitete Zivilisierte weit entfernt habe“.[14] Der natürlich elegante Auftritt, die feinen Gesichtszüge und die guten Manieren eines Tahitianers ließen sogar darauf schließen, solch ein Mensch müsse einem Adel angehören, so ungewöhnlich schien es den Europäern, dass ein Mensch sich so verhalte und aus keiner oberen Schicht stamme.[15]

Der ‚edle Wilde’ wurde derart hochstilisiert, dass viele die Lebensweisen von ihnen, die nicht in das perfekte Bild passten – wie zum Beispiel eine geschichtete Sozialstruktur – verschleierten.[16]

Die Tatsache, dass die Insulaner alles im Einklang mit natürlichen Gesetzen taten, sie dabei eine unbeschwerte Lebensfreude empfanden und ihr Dasein völlig zwanglos schien, machte diese quasi zum ‚idealen Menschen’, also den tatsächlichen „‚Gesitteten’“.[17] Michel de Montaigne stellt gar die Zivilisierten als die wahren Wilden dar, da diese sich so weit von der Natur entfernt haben, dass die wahre Natur nicht mehr sichtbar sei.[18] Dem hinzu kommt die Auffassung der Europäer, dass ein ‚guter Wilder’ einer sei, der sich nicht gegen eine Kolonisierung und Zwangszivilisierung wehrt.[19] Während sich hingegen ein ‚böser Wilder’ gegen Fremdherrschaft auflehnt und zudem von Anfang an wenig soziale Struktur in seiner Kultur aufweist.[20]

Die europäische Wahrnehmung von ‚Wilden’ ist also zum einen zweckgebunden, zum anderen stellt der ‚edle Wilde’ ein Sehnsuchtsobjekt und Kontrastbild dar. Die positiven Zuschreibungen von Eigenschaften und Lebensweisen, die zivilisierte Europäer verloren haben, die den vorverurteilenden Begriff des ‚Wilden’, der den Primitivling suggeriert, aufwerten, stellen gewissermaßen eine Tendenz zum Eskapismus[21] der Epoche der Auf­klärung dar.

3. Der ‚edle Wilde’ bei Forster

3.1 Analyse der Tahiti- Aufenthalte

Wie nun der junge Forster die Tahitianer in seiner Reise um die Welt darstellt, wird anhand der Tahiti- Besuche analysiert. Vorausgreifend kann erwähnt werden, dass Georg Forster zwar ein durchaus positives, jedoch nicht in jeder Form verblendetes Bild von Tahiti und seinen Bewohnern zeichnet, wie es beispielsweise bei Bougainville, der Tahiti stark antikisierend wahrnimmt, eher der Fall ist.[22] Urs Bitterli macht klar, dass die Beschreibungen des zwanglosen Lebens­rhythmus und der scheinbar paradiesischen Lebens­weise, die Forster, aber auch Bou­gainville abgeben, durchaus der Realität entsprochen haben.[23] Dennoch unterscheidet sich die Darstellungsweise von Forster von der anderer Reisebeschreiber, da er stärker differenziert und seine Beobachtungen wissen­schaftlich reflektiert.[24]

Der Naturforscher Georg Forster verdeutlicht schon bei seinem ersten Besuch Tahitis, dass die Menschen auf der Insel ein durchweg freundliches und sanftes Volk sind.[25] Allerdings kommt er nicht umhin, auch weniger angenehme Aspekte des Verhaltens der Insulaner zu schildern. So beschreibt er teilweise ziemlich emotionslos die Tatsache, dass die Tahitianer die europäischen Seeleute bestehlen und dafür von diesen bestraft werden,[26] während er anderswo den Umstand der Diebereien als sehr kritisch ansieht; wie die Szene, als zwei Insulaner von den Seefahrern zum Essen eingeladen werden, und einer dabei Besteck stiehlt. Forster sieht diesen Akt als eine schändliche Übertretung des Gastrechts.[27]

Insgesamt malt Forster beim ersten Tahitiaufenthalt ein weitgehend paradiesisches Bild von der Insel und ihren Bewohnern. Am meisten fällt hierbei auf, dass er die Menschen stets nach ästhetischen Maßstäben bemisst: Fast jeder Tahitianer, der eine größere Rolle spielt, wird ausführlich optisch beschrieben.[28] Es ist ihm also äußerst wichtig zu erwähnen, ob ein Tahitianer attraktiv aussieht oder nicht. Er schließt sogar vom angenehmen Au­s­sehen einer Insulanerin auf deren guten Charakter.[29] Das zumeist dem Auge schmeichelnde Äußere des Volks und ebenso dessen durchweg freundliches Wesen, welches wohl in Korrelation zur äußeren Erscheinung steht, scheint für die Europäer mit ein Grund zu sein, weshalb die Insel als ein solch idealer Ort zum Leben angesehen wird (dass laut Forster die Natur dies alles bedingt, wird an anderer Stelle erläutert).

Am deutlichsten wird diese Ideal- Beschreibung im ersten Aufenthalt bei einem alten Mann, der zum einen „etwas sehr Ehrwürdiges in seiner [Körper- ]Bildung“[30] hat, und vor Leben und Jugend, die Forster in seinem von sorglosem Dasein wenig gealterten Gesicht erkennt, nur so strotzt. Zum anderen verleben die Europäer in seinem Haus eine friedvolle und gesellige Zeit, in der sie mit reichlich Erfrischungen bedient und sogar mit Musik unterhalten werden.[31] Dieser ältere Herr veranlasst Forster aufgrund der wenigen Alters­anzeichen zu schließen, dass das Leben auf Tahiti eine besondere Leichtigkeit haben muss.[32]

[...]


[1] Georg Forster: Reise um die Welt. Hg. u. mit einem Nachwort von Gerhard Steiner. Frankfurt am Main 1983, S. 17.

[2] Gerhard Steiner: Georg Forsters ‚Reise um die Welt’. In: Georg Forster: Reise um die Welt. Hg. u. mit einem Nachwort von Gerhard Steiner. Frankfurt am Main 1983, S. 1015.

[3] Forster, S. 13.

[4] Vgl. Tanja van Hoorn: Dem Leibe abgelesen. Georg Forster im Kontext der physischen Anthropologie des 18. Jahrhunderts. Tübingen 2004. (= Hallesche Beiträge zur Europäischen Aufklärung 23), S. 255f.

[5] Vgl. Urs Bitterli: Die Wilden und die Zivilisierten. München 1991, S. 388.

[6] Vgl. Steiner, S. 1028f.

[7] Vgl. Anja Hall: Paradies auf Erden? Mythenbildung als Form von Fremdwahrnehmung: Der Südsee- Mythos in Schlüsselphasen der deutschen Literatur. Würzburg 2008. (= Würzburger Wissenschaftliche Schriften, Reihe Literaturwissenschaft Bd. 638), S. 90.

[8] Bitterli, S. 382.

[9] Ich folge dahingehend der Begriffserklärung von Bitterli, S. 367f.

[10] Ebd., S. 374.

[11] Vgl. ebd., S. 374f. Dort ist auch ausführlicher die Debatte zwischen Befürwortern und Gegnern des Begriffs des ‚edlen Wilden’ dargelegt.

[12] Vgl. ebd., S. 374.

[13] Vgl. ebd., S. 373.

[14] Stefan Kaufmann, Peter Haslinger: Einleitung: Der Edle Wilde – Wendungen eine Topos. In: Der Alteritätsdiskurs des Edlen Wilden. Exotismus, Anthropologie und Zivilisationskritik am Beispiel eines europäischen Topos. Hg. von Monika Fludernik, Peter Haslinger und Stefan Kaufmann. Würzburg 2002. (= Identitäten und Alteritäten, Bd. 10), S. 14f.

[15] Vgl. Joachim Meißner: Mythos Südsee. Das Bild von der Südsee im Europa des 18. Jahrhunderts. Hildesheim, Zürich, New York 2006. (= Philosophische Texte und Studien, Bd. 86), S. 119f.

[16] Vgl. Bitterli, S. 387.

[17] Meißner, S. 131.

[18] Vgl. Michel de Montaigne: Von den Menschenfressern (1580). In: Die edlen Wilden. Die Verklärung von Indianern, Negern und Südseeinsulanern auf dem Hintergrund der kolonialen Greuel. Vom 16. bis zum 20. Jahrhundert. Hg. von Gerd Stein, Frankfurt am Main 1984. (= Ethnoliterarische Lesebücher, Bd. 1), S. 37f.

[19] Zu diesem Thema gibt es eine bezeichnende Begebenheit bei Forsters Reisebericht: Hier reißen sich verschiedene Tahitianer darum, Mitglieder der Expedition bei einem Landgang über einen Bach tragen zu dürfen (vgl. Forster, S. 252). Möglicherweise kann diese Szene, die sich vielleicht sogar genauso zugetragen hat, als (absichtlich eingefügtes) Symbol für ‚Wilde’ verstanden werden, die sich gern unterordnen, also ‚gute Wilde’ im oben erwähnten Sinne sind.

[20] Vgl. Meißner, S. 135.

[21] Vgl. Bitterli, S. 392.

[22] Vgl. Karl- Heinz Kohl: Entzauberter Blick. Das Bild vom Guten Wilden und die Erfahrung der Zivilisation. Berlin 1981, S. 211.

[23] Vgl.Bitterli, S. 385.

[24] Vgl. Steiner, S. 1029.

[25] Vgl. hierzu Forster, S. 243, 258, 262, 267f., 278, 292 und 295.

[26] Vgl. ebd., S. 249.

[27] Vgl. ebd., S. 257.

[28] Vgl. hierzu ebd., S. 245f., 261, 271 und 282.

[29] Vgl. ebd., S. 571: Begegnung mit Tohahs Frau beim zweiten Aufenthalt.

[30] Ebd., S. 271.

[31] Vgl. Forster, S. 271f. Eine weitere Szene zuvor beschreibt den bislang gastfreundlichsten Insulaner, welcher – natürlich – ebenfalls besonders wohlaussehend ist. (vgl. S. 261f.)

[32] Vgl. ebd. S. 271. An anderer Stelle jedoch verweist Forster darauf, dass die tahitischen Frauen im Gegensatz dazu besonders schnell altern (vgl. - S. 592).

Details

Seiten
21
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656743378
ISBN (Buch)
9783656743354
Dateigröße
490 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v280208
Institution / Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover
Note
2,0
Schlagworte
reise welt georg forsters kritik zivilisation auffassung wilden’

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Titel: "Reise um die Welt". Georg Forsters Kritik an der europäischen Zivilisation anhand seiner Auffassung vom ‚edlen Wilden’