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Unterkonsumtion oder Überinvestition. Monetäre Konjunkturtheorien nach F.A. von Hayek und J.M. Keynes

Seminararbeit 2014 29 Seiten

VWL - Geldtheorie, Geldpolitik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Die Wiederkehr der Zyklen

2. Monetäre Konjunkturtheorie bei Hayek & Keynes
2.1. Hayeks Konjunkturtheorie – ein grober Abriss
2.2. Hayeks Reflektionen der Keynes’schen „Treatise“
2.2.1. Grundgleichungen von Keynes
2.2.2. Zirkulation des Geldes
2.2.3. Monetäres Ungleichgewicht
2.2.4. Ursachen des Monetären Ungleichgewichts

3. Würdigung der Theorien
3.1. Neuheitswert der Hayek’schen Konjunkturtheorie
3.2. Anwendungsfall: Subprime- Krise
3.3. Konsistenz der Hayek’schen Theorie
3.3.1. Methodologische Aspekte
3.3.2. Inhaltliche Aspekte
3.4. Im Lichte Moderner Makrotheorien

4. Schlussfolgerung

Anhang

Literaturverzeichnis

1. Einleitung: Die Wiederkehr der Zyklen

Noch vor gar nicht allzu langer Zeit beflügelte die Vision eines langanhaltenden und hohen wirtschaftlichen Wachstums, ohne größere Preissteigerungen und dem ständigen Auf und Ab der Konjunkturzyklen Wirtschaftsdenker und - lenker. Hohes und stetiges Wachstum, niedrige Inflation und eine Glättung der Konjunktur waren das Mantra der sogenannten „Great Moderation“, einer Geldpolitik, die ab Mitte der 1980er Jahre, unter der Ägide des US- Notenbank Vorsitzenden Greenspan eingeleitet wurde. Dabei wurde versucht die wichtigen Fundamentaldaten der Volkswirtschaft zu erfassen um daraus die optimale, konjunkturglättende Geldpolitik abzuleiten. Man glaubte die großen Wirtschaftskrisen ein für alle Mal überwunden zu haben. Der Machbarkeitsglaube dieses Vorhabens war groß, sehr groß. Man möchte meinen der Weg ins Paradies sei entdeckt worden, wenn man Paul Krugman aus dem Jahr 1997 vernimmt:

„If you want a simple model for predicting the unemployment rate in the United States over the next few years, here it is: It will be what Greenspan wants it to be, plus or minus a random error reflecting the fact that he is not quite God.”[1]

Doch plötzlich, im Jahre 2007, geschah etwas, dass die Anhänger der „Great Moderation“ kalt erwischte – die Immobilienblase in den USA platze und zog den Finanzsektor weltweit in den Sog der Krise. Die Immobilienkrise weitete sich zur Finanzkrise und letztlich zu einer, in ihrem Ausmaß mit der Depression der 1930er Jahre vergleichbaren, Wirtschaftskrise aus.

Die Vision, man könne die wirtschaftlich Entwicklung glätten, Wohlstand und niedrige Preise mit der „richtigen“ Geldpolitik erreichen, erwies sich als Illusion. Die Überraschung der (Mainstream- )Ökonomen, die keine Anzeichen für diese Krise gesehen hatten, offenbarte die Schwäche und den Missstand ihrer Theorien. Der Glaube an geldpolitisches „Fine- tuning“ mit Hilfe makroökonomischer Aggregate (Preisniveau, Arbeitslosigkeit etc.) und der unbekümmerte Umgang mit Geldmengenänderungen waren die labilen Pfeiler dieser Theorie.

In Zeiten der Krise hören wir oft Rufe nach höheren Staatsausgaben. Der Konsum müsse angeregt werden, damit wir uns aus dem Jammertal der Rezession befreien können, ganz im Sinne der Keynes’schen Unterkonsumtionskrise. Aber auch eine schon lange vergessene Theorie erlebt ein Comeback. Es handelt sich hierbei um Hayeks Überinvestitionstheorie. Diesen beiden Ansätzen möchte ich mich in der folgenden Arbeit widmen.

2. Monetäre Konjunkturtheorie bei Hayek & Keynes

Die „Reflections on the Pure Theory of Money of Mr. J.M. Keynes“ waren Hayeks Reaktion auf die Veröffentlichung von Keynes‘ Werk „Treatise on Money“. In dieser Rezension stellt Hayek einige der Ideen Keynes‘ zur Geldtheorie und zur Theorie der Konjunkturzyklen vor. Er beleuchtet diese und kontrastiert sie mit seinen eigenen, zum Teil fundamental von den Keynes’schen Gedanken abweichenden, theoretischen Ansätzen. Keynes, der Befürworter einer monetären Unterkonsumtionstheorie, und Hayek, der Vertreter der monetären Überinvestitionstheorie, stehen damit in verschiedenen Ecken des Rings im Wettstreit der Ideen. Wo der eine, Keynes, zu viel Sparen als Ursache von Krisen sieht, macht der andere, Hayek, zu wenige Ersparnisse als Grund für Rezessionen aus.

Beide eint jedoch, dass sie die Versorgung der Wirtschaft mit Geld und Krediten – dabei spielt der Zins, als Preis auf diesen Märkten, die zentrale Rolle – in den Fokus ihrer Betrachtung rücken. Beide vertreten damit Ansätze einer monetären Konjunkturtheorie. Den beiden Antipoden der Konjunkturtheorie geht es darum die dynamischen Entwicklungen einer Geldwirtschaft zu verstehen und zu ergründen – also warum und wie es zu Wirtschaftskrisen kommt. Wir wollen an dieser Stelle unsere beiden Protagonisten hinsichtlich ihrer konjunkturtheoretischen Konzeptionen zu Wort lassen:

„Es war mein Ziel, eine Methode zu finden, die nicht nur für die Darstellung der Eigenart des statistischen Gleichgewichts, sondern auch der des Ungleichgewichts von Nutzen ist, und die dynamischen Gesetze zu entdecken, welche den Übergang eines monetären Systems von einer Gleichgewichtsposition zur anderen beherrschen.“ (Keynes (1983), Vorwort)

Für Hayek muss sich eine angemessene Konjunkturtheorie durch folgendes auszeichnen:

„Eine solche Theorie, die nicht mehr eine Erklärung eines allgemeinen Geldwertes, sondern eine Erklärung des Einflusses des Geldes auf die Tauschrelationen zwischen allen Arten von Gütern sein will..“ (Hayek (1931), S. 28)

Bevor sich hier mit den Ideen, die Hayek in den „Reflections“ darstellt, auseinandergesetzt wird, soll zunächst das Augenmerk auf Hayeks theoretisches Fundament – der Hayek‘schen (österreichischen) Konjunkturtheorie – gelegt werden.

2.1. Hayeks Konjunkturtheorie – ein grober Abriss

Hayek versuchte die Wirkung monetärer Veränderungen auf die Gesamtwirtschaft zu untersuchen, also auch auf die realen Produktionsstrukturen[2], dabei entwickelte er eine Konjunkturtheorie die sich dadurch auszeichnet, dass sie Preistheorie, österreichische Kapitaltheorie und Geldtheorie als geeintes Fundament verwendet. Dies allein hat schon Seltenheitswert.

Hayeks Konjunkturtheorie tritt im Gewand einer klassischen Gleichgewichtsanalyse auf, ohne jedoch auf die spezifischen Elemente der Österreichischen Schule zu verzichten, die da wären: Investitionen werden, ganz wie bei Böhm- Bawerk, als lohnende Produktionsumwege verstanden. Wird mehr Kapital eingesetzt „verlängert“ sich die Produktion – sie wird durch die Investitionen kapitalintensiver –; wird weniger Kapital eingesetzt „verkürzt“ sich der Produktionsprozess. Damit bekommt die Theorie eine zeitliche Perspektive. Ein intertemporales Gleichgewicht ist hierbei der Orientierungspunkt der Analyse. Im Hinblick auf den Faktor Zeit spielt auch der Zins eine wichtige Rolle. Er ist der Ausgleich oder die Entschädigung des Kapitalgebers für den gegenwärtigen Verzicht auf Konsum. Der Zins ist daher Ausdruck für die Präferenz heutigen Konsums. Ist der Zins hoch lohnen sich nur recht „kurze“ Produktionswege, die Präferenz heute zu konsumieren ist hoch. Der Produktionsprozess teilt sich bei Hayek in aufeinanderfolgende Zwischenstufen ein[3]. Die Unterteilung des Produktionsprozesses in mehrere Zwischenstufen, trägt der österreichischen Erkenntnis Rechnung, dass Kapital heterogen ist. Auf Grundlage dieser Theorie lässt sich erklären wie es zu Auf- und Abschwung, Hochkonjunktur und Depression kommt.

Hayeks Theorie sieht die Unterscheidung zwischen freiwilligem und erzwungenem Sparen vor. Im Falle des freiwilligen Sparens[4] ist eine Erhöhung der Sparquote Ausdruck verminderter Zeitpräferenz. Es gibt nun mehr Ersparnisse (das Angebot an Investitionsmitteln steigt), der Zins sinkt. Eine kapitalintensivere Produktion wird rentabel – die Produktionsprozesse verlängern sich. Die lohnenswerten Umwege (Investitionen) führen zu mehr Wohlstand. Sparen und kapitalintensivere Produktion sind Quelle wirtschaftlichen Fortschrittes.

Unfreiwilliges Sparen jedoch werde ausgelöst durch Geldschöpfung der Geschäftsbanken und Geldmengenerhöhung der Zentralbank. Dies führe zu einem künstlichen Anstieg der Investitionen, was zunächst einen Aufschwung auslöse. Während des Aufschwungs geht die Konsumgüterproduktion zurück, es kann und muss nun weniger konsumiert werden, daher erzwungenes Sparen. Dieser künstliche Aufschwung findet jedoch zwangsläufig ein jähes Ende, da die vorhandenen Ersparnisse nicht ausreichen um alle Investitionsvorhaben zu beenden. Der Abschwung setzt ein. Auf diesen Prozess werden wir im Laufe dieser Darstellung noch genauer eingehen.

2.2. Hayeks Reflektionen der Keynes’schen „Treatise“

Hayek würdigt in seiner Besprechung von Keynes „Treatise“, dass dieser, vor allem für die englischen Ökonomen[5] seiner Zeit, einen innovativen Ansatz in der Geldtheorie verfolge, der darin besteht den Zins und sein Verhältnis zu Sparen und Investieren in den Fokus zu rücken[6]. Dies sieht Hayek als großen Fortschritt in der britischen Theorie an. Zunächst geht Hayek auf einige Begrifflichkeiten ein, die Keynes im Dritten Buch seiner Abhandlung aufgreift.

Gewinne

Für Beide, Hayek und Keynes, stellen Gewinne die Triebfeder wirtschaftlicher Veränderungen dar[7]. Doch kritisiert Hayek bei Keynes, dass sich Gewinne als Differenz, der Preise des gesamten aktuellen Outputs, minus den Preisen für die dafür benötigten Produktionsfaktoren, ergeben. Keynes betrachte nur den Gesamtgewinn – eine Aggregatsgröße.

Hayek lehnt diese aggregierte Sichtweise ab. Für ihn ist die Gesamtproduktion kein monolithisches Ganzes, sondern ein, sich aus vielen unterschiedlichen Gütern zusammensetzender und sich in mehrere Produktionsstufen aufgliedernder, Prozess. Relative Änderungen in den Zwischenstufen, sei es auf der Angebots- oder der Nachfrageseite, beeinflussen die Produktion auf allen Stufen und stets die Gewinne.

Der einfache Vergleich zwischen Aggregatsgrößen blende die entscheidenden Veränderungen innerhalb der Aggregate aus. Selbst wenn die aggregierten Gewinne unverändert blieben, können relative Änderungen eine stark gewandelte Produktionsstruktur hervorbringen[8]. Keynes‘ Betrachtung der Gewinne als Aggregat (Gesamtgewinne) verschließe sich einer Analyse der relativen Änderungen, und damit auch, so Hayek, den „grundlegenden Mechanismen des Wandels[9] “.

Investitionen und der Prozess des Investierens

Auch hinsichtlich des wohl entscheidendsten Begriffs der „Treatise“ – der Investition – sind sich Hayek und Keynes nicht einig. Der Investitionsprozess bei Keynes zeichne sich durch die Eigenart aus, dass hierbei die Erneuerung alten Kapitals von der Hinzugabe neuen („zusätzlichen“) Kapitals getrennt werde[10]. Die Erneuerung alten Kapitals werde bei Keynes einfach zur aktuellen Konsumgüterproduktion gezählt[11]. Diese Trennung zwischen Kapital dass zur Aufrechterhaltung der aktuellen Konsumgüterproduktion genutzt werde, und Kapital welches den Kapitalstock ergänze – also „zusätzliches“ Kapital – und zur Investitionsgüterproduktion gezählt werde, schaffe das Problem wie dieses „zusätzlichen“ Kapitals bestimmt werden soll.

Diese angedeuteten Unklarheiten im Keynes’schen Investitionsbegriff stellen für Hayek den Keim einiger Fehlschlüssel in der Analyse von Keynes dar. Ursächlich sei hierfür die fehlende Kapitaltheorie in Keynes Ansatz.

2.2.1. Grundgleichungen von Keynes

In den „Reflections“ geht Hayek zudem auf Keynes „Grundgleichungen des Geldes“ ein und stellt, die sich daraus ergebende, Geldzirkulation graphisch dar (siehe Anhang Abb. 3). Hierbei mache Keynes zwei wichtige Unterteilungen, auf die Hayek näher eingeht.

Dies ist zum einen die Unterteilung der Geldeinkommen in erstens, den Teil der durch die Produktion von Konsum- und Investitionsgütern erzielt wurde (Mittelherkunft) und zweitens, den Teil der für Konsumgüter und Ersparnisse verwendet wird (Mittelverwendung). Diese Unterteilung hält Hayek für richtig und bedeutend, denn gerade das Verhältnis zwischen Konsumgüter- und Investitionsgüterindustrie und den Konsum- und Sparneigungen sei entscheidend für die wirtschaftliche Entwicklung. Eine Divergenz dieser beiden Teile sei ein entscheidender Gegenstand der monetären Konjunkturtheorie (dies wird noch, wenn auf das monetäre Ungleichgewicht nähereingegangen wird, gezeigt werden). Dennoch halte Hayek die strikte Trennung der Produktion von Investitionsgütern und der Konsumgüter für irreführend. Der Investitionsprozess bestehe gerade nicht darin, dass „Seit an Seit“ mit alten Methode und neuen Investitionen Konsumgüter hergestellt werden[12], sondern vielmehr durch Investitionen, die die Produktion verlängern und nun andere, neue Maschinen und Ausrüstungen den Platz vorheriger, minderwertiger Maschinen einnehmen. Der Produktionsprozess ändert sich in seiner Struktur; er verlängert sich; es gibt neue Zwischenstufen. Diese Dynamik des realen Investitionsprozesses vernachlässige Keynes mit seiner scharfen Trennlinie jedoch, so Hayek.

Die zweite Unterteilung erklärt genauer was im Falle des Sparens passiert, denn sie hat die Aufgliederung der Ersparnisse in Sicherheiten, die für Investitionen zur Verfügung stehen, und Bankeinlagen, die in die Horte gehen, zum Inhalt. Dabei spielen die Banken eine wichtige Rolle, denn sie sind der entscheidende Faktor im Verhältnis zwischen effektiven[13] Ersparnisse und Investitionen. Die Banken bestimmen das Angebot von Sicherheiten und Bankeinlagen und damit auch das Verhältnis zwischen Sparen und Investitionen[14]. Dabei kommt dem Zins, zu dem die Banken Geld verleihen, eine entscheidende Bedeutung zu.

2.2.2. Zirkulation des Geldes

Betrachtet man nun den Umlauf des Geldes bei Keynes, so sind es drei Faktoren, deren Änderungen ferner spontane Veränderungen des gesamten Prozess der Geldzirkulation einleiten könnten[15]. Es sind Änderungen der folgenden Größen:

(i) Sparquote: Anteil des Geldes der gespart wird[16].

(ii) Investitionsquote: Verhältnis zwischen den Produktionsfaktoren die entweder in die Konsumgüter- oder aber in die Investitionsgüterindustrie fließen.

(iii) Angebot der Banken: Banken können an Investoren mehr oder weniger Geld ausgeben, als sie in Sicherheiten halten, so dass die Kredite die Gesamtersparnisse übersteigen oder unterschreiten.[17]

Betrachten wir zunächst den Fall einer ausschließlichen Änderung der Sparquote (i), also ohne Änderungseffekte der Investitionsquote oder des Bankenangebots. Der einzige Effekt, der von dieser Änderung ausgeht, ist, dass Konsumgüterproduzenten nun einer gestiegenen (falls die Sparquote sinkt) bzw. gesunkenen (falls die Sparquote steigt) Nachfrage gegenüberstehen[18]. Die Produzenten der Konsumgüter werden, im Zuge einer sinkenden Sparquote und damit einhergehenden höheren Gewinnen, ihre Produktion ausweiten. Die Investitionsgüterindustrie wird hingegen Verluste einfahren, die der Höhe nach genau den Gewinnen in der Konsumgüterproduktion entsprechen – die Gesamtgewinne verändern sich nicht–, und daraufhin ihre Produktion drosseln. Die Veränderung der Sparquote hat dabei auch einen Einfluss auf den Zins. Eine sinkende Sparquote etwa, würde steigende Zinsen bedeuten, um so Sparen wieder attraktiv zu machen. Zinsänderungen haben also auch ihre Ursache in realen Veränderungen wie der Änderung der Sparquote. Wenn wir also nur eine Änderung der Sparquote beobachten (Faktoren (ii) und (iii) bleiben im Gleichgewicht) kommt es also nur zu einer Änderung zwischen Konsumgüter- und Investitionsgüterproduktion[19]. Tritt eine Veränderung der Investitionsquote auf, ohne dass sich Sparquote und Bankenangebot ändern, ergibt sich der gleiche Effekt wie im ersten Fall, jedoch mit umgekehrten Vorzeichen. Eine Änderung der Spar- bzw. Investitionsquote repräsentiert freiwilliges Sparen in Hayeks Denken.

Ganz anders sieht es jedoch aus, wenn die Banken mehr oder weniger verleihen, als durch Ersparnisse gedeckt ist. Hierbei kommt es zu einem Auseinandertriften von Investitionen und Ersparnissen. Wenn also mehr investiert wird als gespart wurde, liegt der Fall des erzwungenen Sparens vor – es kommt zu wirtschaftlichen Verzerrungen.

Auf die Konsequenzen eines solchen Auseinanderklaffens von Investitionen und Ersparnissen wird im Folgenden, bei der Betrachtung des monetären Ungleichgewichts, näher eingegangen. Es soll jedoch an dieser Stelle deutlich gemacht werden, dass die Änderungen in den ersten beiden Größen zwar Veränderungen zwischen der Produktion von Konsumgütern und Investitionsgütern hervorrufen, aber die Gesamtprofite unberührt bleiben – der Gleichgewichtszustand wird nicht verlassen. Klaffen jedoch Ersparnissen und Investitionen auseinander, ergeben sich, wie Hayek klarmacht, zusätzliche Gewinne (oder Verluste)[20] – es kommt zu einem künstlicher Aufschwung (oder Abschwung) durch erzwungenes Sparen. Keynes hingegen betont die Auswirkungen dieser monetären Einflüsse auf das Preisniveau[21].

2.2.3. Monetäres Ungleichgewicht

Wir haben bereits gesehen, dass die Entscheidung des Bankensystems, wie viel bei vorhandenen Ersparnissen investiert wird, einen wichtigen Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung hat. In diesem Abschnitt soll darauf ein besonderes Augenmerk gelegt werden.

Die Banken bestimmen die Kreditbedingungen indem sie den Zins festlegen. Der effektive, am Markt herrschende, Zins wird bei Keynes Bankrate genannt. Keynes fügt an, dass, falls Investitionen und Ersparnisse im Einklang stehen, also ein monetäres Gleichgewicht herrscht, auch das durchschnittliche Preisniveau gesamtheitlich stabil bleibe. Seien die Kreditbedingungen nun aber lockerer als im Gleichgewicht, stiegen die Preise und Gewinne werden gemacht, umgekehrt verhalte es sich bei zu starren Kreditbedingungen[22].

Das Konzept der Bankrate und das theoretische Fundament der Analyse von Spar- und Investitionsentscheidungen bei Keynes basieren auf Wicksells Idee eines „natürlichen“ Zinses oder auch Gleichgewichtszins, also einen Zinssatz bei dem die neuen Investitionen genau den Ersparnissen entsprechen. Einer Idee, die auch die Grundlage für Hayeks Theorie bildet.

Keynes insistiert nachdrücklich darauf, dass das Abweichen des kurzfristigen Zinses (Bankrate) vom natürlichen Zins unabhängig von der effektiven Geldmenge sei, d.h. das Auseinanderklaffen von Investitionen und Ersparnissen könne auch ohne eine Änderung der, von den Banken in Umlauf gebrachten, Geldmenge auftauchen.

Hayek geht die Sache hingegen ganz anders an. Treu seinem österreichischen Ansatz, betont er die Bedeutung relativer Veränderungen. Wird die Geldmenge verändert, beeinflusst dies den Marktzins (Bankrate), damit würde sich wiederrum die relative Profitabilität des liquiden Kapitals in allen Produktionsstufen, aber auch die Preise des Betriebskapitals ändern. Hayek widerspricht zudem der These Keynes‘, dass eine Änderung des Zinses keinen bemerkenswerten Effekt auf die Erträge des fixen (gebundenen) Kapitals[23] habe. Auch wenn fixes Kapital nicht direkt durch die Zinsänderung beeinflusst werde, so stehe die Nutzung dieser Kapitalsorte immer in Verbindung mit der Nutzung des liquiden Kapitals. Der veränderte Gebrauch des liquiden Kapitals in den verschiedenen Produktionsstufen, beeinflusse auch die Grenzproduktivität des fixen Kapitals, da beide Kapitalarten im Produktionsprozess in einer Wechselbeziehung stehen.

[...]


[1] Zitat von Krugman aus Mayer (2013), S.2.

[2] Siehe Hayek (1931a).

[3] Siehe Anhang, Abb. 1.

[4] Hier wird vom Ideal des „neutralen Geldes“ ausgegangen. Es bedeutet, dass die Geldwirtschaft keinen Einfluss auf die reale Produktion hat. Es findet keine Geldschöpfung, die verzerrend auf die relativen Preise einwirkt, statt. Dies dient für Hayek jedoch nur als Referenzwert, nicht als zu verwirklichendes Ziel. Hayek (1933).

[5] Hayek verweist auf den Rückschritt der englischen Geld- und Konjunkturtheorie, vor allem in Cambridge, gegenüber der kontinentaleuropäischen Theorie. Hayek (1931b), S.270.

[6] “That the new approach, which Mr. Keynes has adopted, which makes the rate of interest and its relation t o saving and investment the central problem of monetary theory, is an enormous advance on this earlier position, and that it directs attention to what is really essential, seems to me to be beyond doubt.” Ebenda S.270.

[7] „When profits are positive (or negative) entrepreneurs will – in so far as their freedom of action is not fettered by existing bargains with the factors of production which are for the time being irrevocable – seek to expand (or curtail) their scale of operations.” Zitat von Keynes in Hayek (1931b), S.273.

[8] Wenn wir von einer Situation, in der die Gesamtgewinne null sind, ausgehen, muss das nicht notwendigerweise bedeuten, dass auf jeder Zwischenstufe der Produktion die Gewinne null sind. Es ist vorstellbar, dass auf den niedrigeren Stufen der Produktion (konsumnahe Güter) Gewinne erzielt werden, die in ihrem Umfang Verluste auf den höheren Stufen (konsumferne Güter) voll ausgleichen. Die unterschiedlichen Gewinne in den einzelnen Produktionsstufen würden zu einer Verschiebung von Produktionsmitteln zwischen den Stufen führen, denn für den Unternehmer ist es nun profitabler die Produktion der konsumfernen Güter herunterzufahren, und die freiwerdenden Produktionsmittel für die Produktion von konsumnahen Gütern zu verwenden. Dies geschieht solange bis die Gewinndifferenz in allen Stufen verschwunden ist. Trotz Null- Gewinnen finden erhebliche Anpassungsprozesse innerhalb der Aggregate statt.

[9] „Such an explanation can, however, only be reached by a close analysis of the factors determining the relative prices of capital goods in the different successive stages of production.” Hayek (1931b), S.277.

[10] Hayek kritisiert, dass die Reinvestitionen in altes Kapital und die neuen Investitionen komplett unterschiedlich behandelt werden. Dies sei problematisch, denn zum einen würden beide Größen auf demselben Markt gehandelt und zum anderen versperre diese strikte Trennung die Sicht auf die Wechselwirkungen zwischen beiden Kapitalarten (siehe S. 11, Hayeks Unterteilung in spezifische und nicht- spezifische Produktionsmittel).

[11] Ohne Kapitaltheorie sei dies nicht zu erklären und fast ein Akt theoretischer Willkür. Hayek hingegen, ausgerüstet mit der Österreichischen Kapitaltheorie, kann mit dem Konzept der Produktionsumwege aufwarten.

[12] „The alternative is not between producing consumption goods or producing investment goods, but between producing investment goods which will yield consumption goods at a more or less distant date in the future.“, Hayek (1931b), S.286.

[13] Mit effektiv werden hier Ersparnisse bezeichnet, die für Investitionen zur Verfügung stehen, also in Form von Sicherheiten vorliegen. Horten zählt zwar zum Sparen, diese Kapitalien werden jedoch nicht investiert.

[14] Bieten Banken mehr Bankeinlagen als nötig an, werden womöglich zu viele Ersparnisse gehortet und fehlen als Sicherheiten. Da aber nur Sicherheiten zum Investieren verwendet werden, wird also zu wenig investiert. Die Schaffung zusätzlicher Bankeinlagen kann also zu einer Divergenz zwischen Ersparnissen und Investitionen führen. Banken können aber auch durch ihr Angebot von Sicherheiten und Bankeinlagen eine Tendenz zum Gleichgewicht zwischen Investitionen und Ersparnissen einleiten, so Keynes. Hayek (1931b), S.285.

[15] Ebenda, S.289.

[16] Dies entspricht der ersten Untergliederung, die wir im Abschnitt der Grundgleichungen kennengelernt haben.

[17] Diesen Zusammenhang haben wir bereits, als zweite Untergliederung, im vorherigen Abschnitt kennengelernt.

[18] Dies lässt sich auch mit den Keynes’schen Gleichungen ausdrücken: Bei einem Sinken der Sparquote, übersteigt nun der Term (E- S), der den Einkommensanteil darstellt, der für Konsumgüter ausgegeben wird, der Ausdruck (E- I‘). Der Gewinn aus der Konsumgüterproduktion (Q1) ist mit Q1= (E- S) – (E- I‘) demnach positiv. Der positive Gewinn wird die Produzenten der Konsumgüter anregen ihre Produktion auszuweiten. Damit stellt sich wieder ein Gleichgewicht ein und die Differenz aus (E- S) und (E- I‘) geht auf null zurück.

[19] Eine sinkende Sparquote lässt die Zinsen ansteigen, Investitionen werden nun weniger rentabel und die Produktionsprozesse verkürzen sich, die Konsumgüterindustrie profitiert. Die Änderung der Produktionsstruktur, lässt sich also auch über die, von der Änderung der Sparquote ausgehende, Veränderung des Zinses erklären.

[20] Die Gesamtgewinne lassen sich mit Keynes‘ Gleichungen zeigen: Falls I>S gilt, erhalten wir Q>0 mit Q=I- S.

[21] Wenn mehr investiert als gespart wird, erhöht sich das Preisniveau ceteris paribus. Siehe dazu im Anhang, Tabelle, Keynes’sche Gleichung zum Preisniveau Π.

[22] „Booms and slumps are simply the expression of the results of an oscillation of the terms of credit about their equilibrium position.”, Keynes (1930), S.183- 184.

[23] Damit keine Unklarheit über die verschiedenen Kapitalarten, die Keynes verwendet, herrscht, hier die drei Begriffe und ihre Bedeutung: „Fixes Kapital“ stellt die Güter in der Nutzung, die erst im Laufe der Zeit ihren vollen Nutzungsertrag liefern, dar; „Betriebskapital“ steht für die Güter die sich im Produktionsprozess befinden; und unter „Liquides Kapital“ firmieren die Güter auf Lager, die keinen Ertrag abwerfen, aber jederzeit genutzt oder verbraucht werden können. Hayek nimmt zwar Stellung zu den Auswirkungen auf die Kapitalarten nach Keynes, jedoch teilt er diese Kategorisierung nicht mit Keynes. Vgl. Keynes (1983), S.105. Hayek selbst spricht von spezifischen und nicht- spezifischen Produktionsmitteln, siehe S.11 dieser Seminararbeit.

Details

Seiten
29
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656744412
ISBN (Buch)
9783656744405
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v280201
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für Wirtschaftstheorie II (Makroökonomie)
Note
1,0
Schlagworte
Hayek Keynes Überinvestitionstheorie Unterkonsumtionstheorie Österreichische Konjunkturtheorie Konjunkturtheorie Konjunkturzyklen Wirtschaftskrise Kapitaltheorie Rezession Sparen Investitionen natürlicher Zins Wicksell Depression

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Titel: Unterkonsumtion oder Überinvestition. Monetäre Konjunkturtheorien nach F.A. von Hayek und J.M. Keynes