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Der politische Diskurs des Front National am Beispiel einer Rede von Marine Le Pen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 38 Seiten

Romanistik - Französisch - Linguistik

Leseprobe

Inhalt

1. Die Wahlkampfrede als besondere Form der politischen Rede

2. Sprache und Politik - zur Bedeutung der Sprache in der Politik

3. Der Front National
3.1 Die Parteientwicklung unter Jean-Marie Le Pen und Marine Le Pen
3.2 Der Kommunikationsstil und das Selbstbild des FN

4. Analyse
4.1 Eröffnung - Adressatenfixierung und Formulierung einer doxa
4.2 Argumentationslinie - die Notwendigkeit der Rettung Frankreichs
4.3 Schlusssentenz - indirekter Handlungsappell
4.4 „Aucun mot est innocent“ - das Vokabular des FN

5. „Une main de fer dans un gant de velours“ - Konklusion

6. Bibliografie

7. Anhang

1. Die Wahlkampfrede als besondere Form der politischen Rede

Politik ist Machterhalt, aber Machterhalt ist noch nicht Politik. Was ist Politik dann? - Freie Rede. Die freie Rede ist das wirksamste Instrument, den Selbststand der Politik sichtbar zu machen und durchzusetzen.1

Mit diesen Worten beschreibt Uwe Pörksen das Verhältnis von Sprache und Politik. Die politische Rede ist das Ergebnis eines Handlungskonzeptes, in dem sich politischer Willen und politische Auffassungen ausdrücken.2 Die Wahlkampfrede stellt eine besondere Form der politischen Rede dar. In ihr muss es einem Kandidaten gelingen, unter Konkurrenzbedingungen die Aufmerksamkeit und das Interesse seines Publikums zu gewinnen und es von seiner Botschaft zu überzeugen. Um darin erfolgreich zu sein, muss sie als Kampagnensprache zwar allgemeinverständlich und emotional aufgeladen sein, darf aber nicht phrasenhaft oder vage wirken.3 Die folgende Arbeit untersucht die politische Rede im Wahlkampf am Beispiel der Rede, mit der die Kandidatin des Front National, Marine Le Pen ihren Wahlkampf für das Amt des französischen Präsidenten im Dezember 2011 eröffnete. Wie kommuniziert sie bzw. der Front National als Partei? Welche Kommunikationsstrategien werden in ihrer Rede sichtbar, welche Inhalte propagiert sie, welches Bild von sich selbst und ihrer Partei versucht sie, zu verbreiten? Zur Beantwortung dieser Fragen wird in einem ersten Schritt zunächst die Rolle der Sprache in der Politik näher erörtert. Um sinnvoll über politische Rede reflektieren zu können, ist es darüber hinaus notwendig, die Person des Redenden, den Inhalt der Rede und die in ihr zum Ausdruck kommenden Überzeugungen zu betrachten. Daher wird in einem zweiten Schritt auf die Entwicklung des Front National und die Position Marine Le Pens innerhalb ihrer Partei eingegangen. Im Anschluss daran wird - basierend auf einem internen Parteidokument zur Kader-Ausbildung - gezeigt, wie die Partei von der Öffentlichkeit wahrgenommen werden möchte und wie sie daran ihre Sprache ausrichtet. Im Analyseteil der Arbeit werden diese Erkenntnisse dann auf die Rede Marine Le Pens bezogen. Marine Le Pen wirkt auf „vertrauenerweckende Weise normal [...], wie eine Frau, die man auf dem Sportplatz mit ihren Kindern antreffen könnte. Die Franzosen nennen sie bei ihrem Vornamen, wie eine gute Bekannte.“4 Inwieweit aber ist ihr Auftreten Ausdruck eines politischen Kurswechsels, eines Wertewandels der Partei? Um diesen Aspekt zu untersuchen, werden v. a. die Ergebnisse Judith Vissers zu Persuasionstechniken in Texten der französischen e xtr ê me droite bis 2005 miteinbezogen. Welche der von Visser nachgewiesenen Muster finden sich auch in der Rede Marine Le Pens wieder? Den Abschluss der Analyse bildet eine Betrachtung des Vokabulars und der Metaphorik des Front National.

2. Sprache und Politik - zur Bedeutung der Sprache in der Politik

In demokratischen Systemen lässt sich Politik definieren als ein Prozess der Willensbildung und seine Umsetzung in konkretes soziales Handeln, der sich vollzieht zwischen den Organen des staatlichen Herrschaftsapparates, den politischen Parteien, den verschiedenen sozialen Gruppen/ Schichten/- Klassen und ihren entsprechenden ökonomi- schen Interessen, den übrigen Interessengruppen und der öffentlichen Meinung des Staates nach innen und außen.5

Information, Meinungs- und Bewusstseinsbildung sind fundamentale Notwendigkeiten in Demokratien, die es zu gewährleisten gilt. Dies geschieht in der Regel durch sprachliche Äußerungen. Sprache prägt das Wirklichkeitsbild aller politisch Teilhabenden und beein- flusst deren Verhaltens- und Handlungsmöglichkeiten im sozialen Gefüge. Deshalb ist Sprache in der Politik nicht nur eine Bedingung für Machtausübung, sie ist selbst eine Macht.6 Die vorliegende Arbeit konzentriert sich auf die Untersuchung von Sprache als ei- ner an einen Akteur gebundenen Macht. Einer Betrachtung von Sprache als konzeptueller Macht, die Wirklichkeitswahrnehmung prägt, kann im Rahmen dieser Arbeit nicht geleistet werden. Im Folgenden wird politische Sprache als ein Instrument begriffen, das der Ände- rung, Stabilisierung und Steuerung von Meinungen, Einstellungen und Verhaltensweisen der Menschen mit dem Ziel des Machtgewinns, der Machtsicherung und der Machtkontrol- le dient.7 Anhand dieser Funktion ist die politische Kommunikation in vier Diskurstypen einteilbar.8 Der regulative Diskurs ist auf die Organisation, Steuerung und Regulierung ge- sellschaftlichen Verhaltens ausgerichtet. Dieser Diskurstyp regelt die Beziehung zwischen Regierenden und Regierten. Der instrumentale Diskurstyp beschreibt die Kommunikation, bei der die Regierten Widerstände gegen bestehende Gegebenheiten gegenüber den Macht- habern äußern. Als integrativ werden Diskurse bezeichnet, bei denen es um die Schaffung eines gruppenspezifischen Bewusstseins geht. Ziel dieses Diskurstyps ist es, eine Gruppen nach außen abzugrenzen und nach innen durch ein Solidaritätsgefühl zu stabilisieren und so dem Einzelnen zu ermöglichen, sich mit der Gruppe als Gemeinschaft des Denkens und Handelns zu identifizieren. Schließlich lassen sich informativ-persuasive Diskurse unter- scheiden, die der Bewusstseinsbildung und der Begründung, der Motivation und der Vorbe- reitung der Analyse, der Kritik und der Rechtfertigung politischen Werbens und Handelns dienen. „In modernen Demokratien wird das Machtinstrument Sprache durchweg persua- siv verwendet.“9 So ist auch die hier betrachtete Wahlkampfrede dem Bereich der integra- tiven und informativ-persuasiven Diskurse zuzurechnen. Sprache dient dem Sprechenden in diesem Kontext der Durchsetzung seines eigenen Deutungsrahmens, seiner eigenen Handlungskonzepte und seiner eigenen Begriffe in den Köpfen der Adressaten.10 Um diese Ziele durch Kommunikation zu realisieren, bedarf es zunächst einer von Redner und Publi- kum geteilten Kommunikationsbasis. Diese Basis wird durch eine gemeinsame Moral kon- stituiert, die doxa. Ihre Verwendung ermöglicht dem Redner in seiner Rede Tugenden dar- zustellen, die dem Publikum Vertrauen einflößen. Im Verlauf seiner Rede muss es dem Redner weiter gelingen, das Vertrauen, das das Publikum seiner Person entgegenbringt, auf die Positionen, die er vertritt, zu übertragen.11 Neben der Formulierung einer doxa ist die Wahrung der universal geltenden Kommunikationsethik eine zusätzliche Voraussetzung für eine erfolgreiche Kommunikation. Wie für andere Reden gelten auch für politische die Ge- bote der Informativität, Wahrhaftigkeit, Wohlbegründetheit, Klarheit, Verständlichkeit und der Konzentration auf das Wesentliche. Immer aber müssen sich Politiker auch mit dem Wettbewerb und der Konfrontation mit der politischen Konkurrenz, der eigenen Abhängig- keit von der Akzeptanz bei Wählerinnen und Wählern, wichtigen gesellschaftlichen Grup- pen und unkalkulierbaren Eventualitäten auseinandersetzen.12 Ihre Reden müssen sich so auch noch an einer parteistrategischen Kommunikationsmoral orientieren, die Josef Klein in folgende Maximen fasst: Stelle die eigene Position positiv dar! Stelle die gegnerische Position als ablehnenswert dar! Demonstriere Leistungsfähigkeit und Durchsetzungskraft! Mache dir durch deine Rede in relevanten Gruppen möglichst viele geneigt, vor allem aber möglichst wenige zu Gegnern! Halte dir Operationsspielräume offen!13

Diese Maximen finden sich auch in den von Judith Visser beschriebenen Strategien der po- litischen Rede wieder. Visser unterscheidet die Basisstrategie, die ausgerichtet an den Prä- ferenzen der relevanten Zielgruppen und in Abstimmung mit den massenmedialen Gege- benheiten versucht, die eigene Position auf- und die gegnerische Position abzuwerten. Er- gänzend dazu erkennt Visser die Kaschierstrategie, mit Hilfe derer Verstöße gegen die Prä- ferenzen relevanter Adressatengruppen und gegen die kommunikationsethischen Normen wie Wahrheit, Klarheit, Informativität und Relevanz vor den Adressaten verborgen werden sollen. Die Konkurrenzstrategie verfolgt das Ziel, die eigenen Sprachressourcen zu stärken, die des Gegners zu schwächen und in ihrer Meinung ungebundene Adressaten für sich zu gewinnen.14 Diese Maximen bzw. Strategien gilt es bei der Abdeckung der drei Handlungs- bezirke der politischen Rede: Orientierung, Rechtsordnung und Zukunftsentscheidung15 immer im Blick zu behalten. Untersucht man persuasive Reden auf ihre Komposition, kann man fünf rhetorische Elemente differenzieren: Die ethische Komponente soll dem Sprecher das Wohlwollen des Publikums sichern. Hierunter fallen Strategien, die das Publikum ver- zaubern und verführen sollen. Die argumentative Komponente nutzt die verschiedenen rhe- torischen Figuren und „procédés argumentatifs“16, um zu überzeugen. Die pathetische Komponente zielt darauf, durch „procédés d'amplification“17 und „procédés visant à sacra- liser le discours“18 beim Publikum Gefühle hervorzurufen. Eine weitere Komponente ist der Textaufbau und darin inbegriffen die Anordnung der verschiedenen Überzeugungsstra- tegien. Unter die aktionelle Komponente fallen Strategien, die die Wiedergabe und Verbrei- tung des Textes betreffen wie etwa Punktuation und Typografie.19

3. Der Front National

In der politischen Rede kommen immer auch die Person des Redenden und deren Qualitä- ten zum Ausdruck.20 Aristoteles fasst die Qualitäten eines Redners unter dem Begriff des Ethos zusammen. Er differenziert zunächst den diskursiven Ethos bzw. die „'moeurs ora- toires' de l'orateur, i.e. à l'image qu'il donne de lui à travers son discours, par la façon même dont il exerce son activité oratoire“21. Der Redehandlung vorausgehend und so nicht von ihr konstruiert, existiert der prädiskursive Ethos, der „renvoie quant à lui, à la réputati- on de l'orateur, à ses actions passées, à ses 'moeurs réelles'“22. Unmittelbar mit dem prädis- kursiven Ethos verbunden ist das Konzept der auctoritas, das in der Politik der römischen Republik eine wichtige Rolle spielte. Die auctoritas, also die Würde, das Ansehen, der Ein- fluss einer Person oder Institution wurde zur regulierenden Entscheidungsgrundlage, wenn keine verbindlichen juristischen Vorschriften vorhanden waren. Die Autorität, das Ansehen, über das ein Redner aufgrund seiner Vergangenheit verfügt, spielt auch im Wahlkampf eine wichtige Rolle. Daher soll vor der Analyse der Rede zunächst der Werdegang Marine Le Pens und ihrer Partei dargestellt werden, um dann im Folgenden auf wichtige Programminhalte und Positionen der Partei einzugehen.

3.1 Die Parteientwicklung unter Jean-Marie Le Pen und Marine Le Pen

Der Front National (FN) ist, abgesehen von l'Oeuvre française von Pierre Sidos, die älteste aktive Formation der extremen politischen Rechten, die durchgehend unter gleichem Na- men firmiert.23 2012 beging die Partei den 40. Jahrestag ihrer Gründung. Der FN ging 1972 aus der rechtsextremen Bewegung Ordre nouveau (ON) hervor, die ihre Mitglieder haupt- sächlich aus den gewaltbereiten Kreisen der Pariser Juristischen Fakultät rekrutierte. Das Programm der ON war auf die Errichtung einer autoritären Staats- und Gesellschaftsord- nung durch Terror und Gewalt ausgerichtet. Nachdem die Bewegung 1973 staatlich aufge- löst wurde, avancierte der FN zum Sammelbecken der Anhänger rechtsextremer Positio- nen. Kurzfristiges Ziel war, durch die Bündelung der verschiedenen Formationen wieder aus der politischen Isolation herauszutreten. Langfristig sollte eine ideologisch-program- matische Erneuerung der Gesellschaft herbeigeführt werden. Als „droite nationale, sociale et populaire“24 wollte man ein möglichst breites Wählerspektrum erreichen. Doch statt po- litisch zu agieren, war der FN zunächst in Kämpfen zwischen den verschiedenen Strömun- gen um die innerparteiliche Vormachtstellung befangen. Die ehemaligen Aktivisten der ON betrachteten die Partei als Zwischenstufe auf dem Weg zu einer nationalistischen, neofa- schistischen Massenpartei, ihnen war der FN unter Führung Jean-Marie Le Pens zu mode- rat. Le Pen hingegen lehnte den konspirativen Aktionismus der radikalen Aktivisten ab. Die Richtungskämpfe schwächten den FN und führten zu schlechten Wahlergebnissen bei den Parlamentswahlen 1973 und schließlich zur Abspaltung des radikalen Flügels, der in Parti des forces nouvelles (PFN) aufging.25 Um den Einfluss des PFN zu mindern, band Jean-Marie Le Pen die extremsten Tendenzen der französischen Rechten in den FN ein: ehemalige Mitglieder der Waffen-SS und der parafaschistischen Liga Francistes wie Pierre Bousquet, Neofaschisten wie François Duprat und katholische Fundamentalisten wie den Gründer der Bewegung Chrétienté-Solidarité, Bernard Antony.26 Weder der FN noch der PFN konnte jedoch mit ihrer Strategie bei der Kommunal- und Parlamentswahl 1978 Erfol- ge verbuchen. Von 1979 bis 1981 spielte der FN auf der politischen Bühne keine Rolle. Erst bei den Wahlen von 1983 und 1986 gelang dem FN der Durchbruch. Gründe dafür wa- ren die Enttäuschung über die Politik der sozialistischen Regierung unter François Mitter- rand, die Beteiligung der Kommunisten an der Regierung und die Zerstrittenheit der Oppo- sitionsparteien. Diese Faktoren sorgten für „ein Protestwählerpotenzial, das sich für polari- sierende und plakative Themen wie Immigration, Arbeitslosigkeit und Kriminalität gewin- nen ließ“27. Eine weitere Ursache für diese Wende lag aber auch im zwischenzeitlich er- folgten Ausbau und in der Straffung der Parteistruktur, die das Vordringen in urbane und später auch ländliche Wählerschichten ermöglichte. Der FN vermochte, die Gegner der Re- gierungskoalition auf sich zu vereinen und indem die Partei an allen Wahlen, vor allem auch auf lokaler Ebene teilnahm, ihren Bekanntheitsgrad und ihre Mitgliederzahl zu ver- größern.28 So gelang dem FN bei den Kommunalwahlen 1983 ein spektakulärer Wahler- folg. Er verzeichnete massive Stimmgewinne auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene: 11,2% bei den Pariser Kommunalwahlen im März, 55% bei den Stadtratswahlen im Sep- tember in Dreux mit der gemeinsamen Oppositionsliste mit RPR und UDF und 12,2% bei den Nachwahlen zur Nationalversammlung in Morbihan im Dezember. Bei den Wahlen zum europäischen Parlament 1984 stellte der FN mit 11% für die Liste des Front d'opposi- tion pour l'europe des patries zehn Abgeordnete. Damit hatte der FN die politische Isolati- on überwunden. In den folgenden Jahren gelang es ihm immer mehr, sich im politischen System Frankreichs zu etablieren. Von 1986 bis 1988 war die Partei mit 35 Abgeordneten in der Nationalversammlung präsent, was seit 30 Jahren keiner anderen rechten Gruppie- rung mehr geglückt war. Auch auf kommunaler Ebene baute die Partei ihre Präsenz aus: Bis 1992 war der FN in 21 von 22 Regionalversammlungen vertreten. Durch Kooperatio- nen mit dem Rassemblement pour la République (RPR) und der Union pour la démocratie française (UDF) etablierte sich der FN auch zunehmend in administrativen Strukturen wie der Commission fonci è re. Diesen neu gewonnenen Einfluss nutzte die Partei im kommuna- len Bereich beispielsweise, um maghrebinische Bürger zu isolieren, indem sie aus den Alt- stadtkernen in Sozialsiedlungen am Stadtrand umgesiedelt wurden. Der Erfolg des FN setzte sich auch bei den Präsidentschaftswahlen 1988 fort: Vier Millionen Wähler, 14,4% der Wahlberechtigten, stimmten für Jean-Marie Le Pen.29 Eine Zäsur stellte die Parlaments- wahl im gleichen Jahr dar. Der FN erzielte lediglich 9,7% Stimmanteil und kam durch die Wiedereinführung des zweitourigen Mehrheitswahlrechts auf nur noch einen Sitz im Parla- ment. Dieses enttäuschende Ergebnis führt zu einer Parteikrise, infolge derer Jean-Marie Le Pen seine vermeintlichen Parteifeinde kurzerhand aus der Partei ausschloss.30 Doch der Abwärtstrend bestätigte sich bei den Kantonatswahlen 1988 und den Kommunalwahlen 1989. Hier zeigte sich, dass es der Partei in kleineren Gemeinden immer noch an Kandida- ten mangelte. Anfang der 1990er Jahre konnte die Partei wieder Stimmzuwächse verzeich- nen: Bei den Regional- und Kantonatswahlen 1992 stimmten im Durchschnitt 14% der Wähler für den FN, bei den Wahlen zur Nationalversammlung 1993 12,41%, was sich durch das absolute Mehrheitswahlrecht jedoch nicht in Sitzen niederschlug. Ab Mitte der 1990er Jahre stabilisierte sich der Wähleranteil des FN bei 15%. Insgesamt waren die 1990er Jahre für den FN durch massive innerparteiliche Spannungen gekennzeichnet, die 1999 in der Spaltung der Partei gipfelten. Der Generaldelegierte Bruno Mégret und seine Mitstreiter, die den FN schrittweise den anderen Rechtsparteien annähern wollten, was von Jean-Marie Le Pen abgelehnt wurde, gründeten das Mouvement national républicain (MNR).31 Bei der Präsidentschaftswahl 2002 konnte Jean-Marie Le Pen seinen bis dato größten Triumph verzeichnen: Im ersten Wahlgang vereinte er 16,86% der Stimmen auf sich und stand damit als Zweitplatzierter Jacques Chirac in der Stichwahl gegenüber. Le Pen war es gelungen, von der Zersplitterung der Linksparteien und der schlechten geführ- ten Kampagne Lionel Jospins zu profitieren, das medial hochgespielte Thema der inneren Sicherheit für sich einzunehmen und so nicht nur das klassische Wählerklientel des FN, Bauern, Handwerker, Arbeiter, Arbeitslose und Wähler mit niedrigen Bildungsabschlüssen, sondern auch Wähler aus dem Mittelstand und sogar Einwanderer anzusprechen. Doch der Triumph währte nicht lange: Die Betroffenheit der Franzosen über das überraschende Re- kordergebnis der Rechtsextremen war groß und führte in den Folgejahren zu einer Distan- zierung vom FN, was sich in der erneuten Verschlechterung der Wahlergebnisse nieder- schlug. So erhielt die Partei bei den Regionalwahlen 2004 nur etwa 12% der Stimmen und bei den Präsidentschaftswahlen 2007 schied Jean-Marie Le Pen mit 10,44% der Stimmen bereits im ersten Wahlgang aus. 2010 wurde das Jahr der größten Krise: bei den Parla- mentswahlen stimmten nur 4,3% der Franzosen in der zweiten Runde für den FN. So schlecht hatte die Partei seit ihrer Gründung nicht abgeschnitten. Nur Marine Le Pen war es als einziger von 577 Kandidaten gelungen, überhaupt in die zweite Runde zu gelangen.

Doch auch sie scheiterte. In den Hochburgen des FN wie dem Elsass oder Marseille musste die Partei große Stimmverluste hinnehmen. Dieses Wahldebakel hatte auch finanzielle Konsequenzen: Da der FN weniger als fünf Prozent der Stimmen erhalten hatte, verlor die Partei fast zwei Drittel ihrer staatlichen Subventionen, die sich bis dahin auf fast fünf Mil- lionen Euro jährlich belaufen hatten. Die Parteizentrale war gezwungen, die Wahlkampf- kosten für 300 Kandidaten selbst tragen. Unter dem Druck dieser Entwicklung und ange- sichts der schwindenden Integrationskraft der Partei kam es zu einem innerparteilichen „Erosionsprozess“32: Die unterschiedlichen rechtsextremen Strömungen, die seit den 1970er Jahren in einer Art ideologischen 'Synthese' vereint waren, brachen auseinander. Zwischen 2008 und 2009 bildeten sich ein halbes Dutzend Abspaltungen heraus, die das Zentrum der Partei unter Jean-Marie Le Pen stark geschwächt zurückließen. So bildete sich am 1. Juni 2008 die Nouvelle Droite Populaire (NPD). In ihr konzentrierten sich die Kader und ideologischen Hardliner, denen der FN unter dem Einfluss der 'Modernisierin' Marine Le Pen programmatisch zu moderat erschien. Im September 2008 gründete sich die Nou- velle Droite Républicaine (NDR), „die eher den pro-amerikanischen, wirtschaftsliberalen und thatcheristischen Flügel“ der FN vereinnahmte. Im Februar 2009 formierte sich mit der Parti de la France (LPDF) die bisher letzte Spaltpartei unter dem früheren FN-General- sekretär Carl Lang. Sie wollte sowohl rassistische Neuheiden - wie Lang selbst - als auch katholische Fundamentalisten für sich gewinnen. Sie warf dem FN ideologische Aufwei- chung und Prinzipienverrat vor.33

In diesem maroden Zustand übernahm Marine Le Pen am 16. Januar 2011 die Füh- rung der Partei. Sie hatte sich in der seit langem unterschwellig gärenden Auseinanderset- zung um die Nachfolge Jean-Marie Le Pens gegen die Nummer Zwei der Partei, den Gene- ralbeauftragten, Bruno Gollnisch durchgesetzt. Ihre politische Laufbahn hatte die Anwältin und zweifach geschiedene Mutter dreier Kinder 1998 als Leiterin des Justiziariats des FN begonnen. Ebenfalls 1998 war sie in den Conseil Régional der Region Nord-Pas-de-Calais gewählt worden. Dieses Mandat hatte sie bis 2004 und erneut seit 2010 inne. 2004 zog sie ins EU-Parlament ein. Seit 2008 vertritt sie ihre Partei zudem im Conseil Municipal des Wahlbezirks Hénin-Beaumont. Marine Le Pen steht als Parteivorsitzende vor schwierigen Aufgaben: Nach innen muss sie ihre Partei professionalisieren und weitere Abspaltungen verhindern, während sie den FN nach außen 'entdämonisieren' will, um ihn als ernstzuneh- mende Alternative für eine breite Wählerschaft aufzustellen, ohne dabei radikale Wähler zu verschrecken. Im Wahlkampf 2012 stand sie zudem vor der Herausforderung, ihre Partei gegenüber einer selbst sehr weit rechts stehenden Regierung zu positionieren und sich ein eigenes Profil zu geben. Es galt, sich von der regierenden konservativen UMP abzusetzen und deren enttäuschtes Wählerklientel an sich zu binden. Um dies zu erreichen, musste der FN zwei gegensätzliche Strategien verbinden. Einerseits präsentierte man sich als ultrakon- servative Partei und warb mit Maßnahmen zum Erhalt von Eigentum und traditionellen Werten, andererseits versuchte man sich als Partei des sozialen Protests zu profilieren. Letzteres barg allerdings das Risiko in sich, strategische Bündnisoptionen im konservati- ven Lager zu verlieren, sich dadurch zu isolieren und „eine dauerhafte 'Unfähigkeit zur Machtteilhabe' unter Beweis zu stellen“34. Offensichtlich gelang Marine Le Pen dieser Spa- gat: Bei den Präsidentschaftswahlen 2012 vereinte sie im ersten Wahlgang 17,90% der Stimmen auf sich, ein Rekordwahlergebnis.

3.2 Der Kommunikationsstil und das Selbstbild des FN

Nicht nur die Wahlergebnisse sprechen für Marine Le Pen. Eine Umfrage des Meinungs- forschungsinstituts TNS-Sofres35 belegte die wachsende Akzeptanz der Partei in der fran- zösischen Bevölkerung. Knapp ein Drittel der Befragten gab an, mit den Ideen der Partei einverstanden zu sein. 47% der Befragten und damit 6% weniger als im Vorjahr sahen in der Partei eine Gefahr für die Demokratie, 35% der Befragten und damit zehn Prozent mehr als noch vor zwei Jahren, hielten die Partei für regierungsfähig. Zugleich aber hielten 81% der Befragten nichts von den konkreten Vorschlägen Marine Le Pens zur Lösung poli- tischer Probleme. Genuine FN-Forderungen wie die Wiedereinführung des Francs oder der Todesstrafe fanden wenig Zustimmung Die Befragten signalisierten Zustimmung vor allem zu FN-Positionen, die auch von anderen konservativen Parteien geteilt werden, etwa, dass "dem Islam und Muslimen in Frankreich zu viele Rechte eingeräumt werden", oder dass es "zu viele Einwanderer in Frankreich gibt".36 Es sind also weniger die Positionen, die die Partei vertritt, als vielmehr die Art und Weise, auf die sie vertreten werden, die die Wähler für den FN einnimmt. Marine Le Pen hat verinnerlicht, was der FN Anfang der 1990er Jah- re in einem internen, vermutlich an Parteikader gerichtetes Strategiepapier formuliert hat:

Avec le développement des techniques audio-visuelles […] nous sommes entrés dans la civilisation du voyeurisme, où l'apparence compte plus que les réalités, le 'look' plus que les idées. Ce qui revient à dire que pour emporter l'adhésion, il ne suffit pas de prôner des idées contre d'autres idées, il faut encore veiller à l'image qu'on donne. Si le discours politique a pour objet de convaincre, le rôle de l'image est essentiellement de séduire. On peut ainsi très bien bien convaincre sans séduire. C'est un peu le cas du Front National. […] Pour séduire il ne faut […] pas faire des concessions sur le fond, il faut au contraire rester intransigeant dans ses idées mais le présenter à travers l'image que l'on donne de la façon la plus attrayante possible. Une main de fer (le discours) dans un gant de velours (l'image), voilà l'objectif.37

Das Kernstück des Dokuments bildet die Formulierung konkreter Leitlinien für das Verhal- ten in der Öffentlichkeit. Die Kader des FN sollen als Menschen mit Überzeugungen und Idealen wahrgenommen werden. Politiker anderer Parteien werden als Karrieristen, Tech- nokraten und Geschäftsmacher bezeichnet, die die Interessen des Apparates, aber nicht des Volkes vertreten. Da es Mut brauche, sich öffentlich zum FN zu bekennen und damit kei- nerlei materielle Vorteile verbunden seien, bewiesen die Mitglieder des FN eine ethische Überlegenheit, so dass Papier. Diese Überlegenheit ist essentiell für den FN, da er ein eher ungebildetes Wählerklientel anvisiert, das weniger durch vernünftige Argumentation als vielmehr durch eine gefühlsmäßige Ansprache zu erreichen ist. Die moralische Überlegen- heit soll das Alleinstellungsmerkmal der Partei bilden. Weiterhin sollen die Kader Kompe- tenz ausstrahlen. Der FN soll nicht länger nur als Partei gesehen werden, die Probleme an- spricht, sondern sie auch zu lösen vermag:

Il faut démontrer que nos idées sont globales et cohérentes, qu'elles sont ordonnées en un véritables projet et que nous avons dans nos rangs les hommes capables de gérer et de gouverner. Nous avons les sens des responsabilités, le sens de l'Etat et de l'intérêt général.38

Um dem verbreiteten Stereotyp des rechtskonservativen Politikers entgegenzutreten, sollen Parteikader sich als „dévoués, désireux de servir, assumant des responsabilités de famille et des responsabilités professionnelles, pondérés et sérieux dans [leur] langage et [leur] présentation“39 und vor allem als humorvoll zeigen. Statt als Partei reaktionärer Kriegsveteranen möchte sich der FN als junge und der Zukunft zugewandte Bewegung präsentieren. Ungefragte Äußerungen zur Französischen Revolution, zum Zweiten Weltkrieg oder zum Algerienkrieg gilt es daher zu unterlassen.

[...]


1 Pörksen (2002), S. 190.

2 Ebd., S. 14.

3 Klein (2010), S. 3.

4 Von Rohr, Mathieu (2011), URL: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-79303823.html [letzter Aufruf: 18. 04. 2013].

5 Grünert zitiert nach Visser (2005), S. 29.

6 Vgl. Klein (2010), S. 7.

7 Vgl. Grünert zitiert nach Visser (2005), S. 29.

8 Vgl. Grünert zitiert nach Visser (2005), S. 31.

9 Klein (2010), S. 10.

10 Klein (2010), S. 12.

11 Duteil-Mougel (2005), URL: http://corpus.revues.org/357 [letzter Aufruf: 18. 04. 2013].

12 Vgl. Klein (2010), S. 10. f.

13 Klein (2010), S. 11.

14 Vgl. Visser (2005), S. 383 f.

15 Vgl. Pörksen (2002), S. 16.

16 Duteil-Mougel (2005), URL: http://corpus.revues.org/357 [letzter Aufruf: 18. 04. 2013].

17 Ebd.

18 Ebd.

19 Vgl. ebd.

20 Vgl. Pörksen (2002), S. 16.

21 Duteil-Mougel (2005), URL: http://corpus.revues.org/357 [letzter Aufruf: 18. 04. 2013].

22 Ebd.

23 Vgl. Camus (1989), S. 17.

24 Zindell (1996), S. 187.

25 Vgl. Zinell (1996), S. 187 f.

26 Vgl. Loewe (2005[2]), S. 438.

27 Ebd.

28 Vgl. Zinell (1996), S. 189 f.

29 Vgl. ebd., S. 191 f.

30 Vgl. ebd., S. 192.

31 Vgl. Vgl. Loewe (2005[2]), S. 442.

32 Schmid, Bernhard (2009), URL: http://www.bpb.de/politik/extremismus/rechtsextremismus/41209/frankreich. [letzter Aufruf: 18. 04. 2013].

33 Vgl. ebd.

34 Vgl. ebd.

35 Vgl. Mestre (2013),URL: http://www.lemonde.fr/politique/article/2013/02/06/le-fn-se-banalise-aux-yeux- des-francais_1827548_823448.html [letzter Aufruf: 20.04.2013]. http://www.sueddeutsche.de/politik/krisenland-portugal-praesident-cavaco-silva-zweifelt-am-sparhaushalt- 1.1593216 [letzter Aufruf: 18.04.2013].

36 Ebd.

37 Matonti (1993), S. 140.

38 Matonti (1993), S. 141.

39 Ebd.

Details

Seiten
38
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656740001
ISBN (Buch)
9783656739999
Dateigröße
543 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v280178
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen – Romanistik
Note
1,0
Schlagworte
Front National Marine Le Pen Jean-Marie Le Pen Discours politique Politische Sprache Wahlkampf Frankreich

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Titel: Der politische Diskurs des Front National am Beispiel einer Rede von Marine Le Pen