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Die Göttinger Studie und ihre Auswirkung auf den Bildungsbegriff in Westdeutschland

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 16 Seiten

Pädagogik - Erwachsenenbildung

Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 Die „Hildesheimer- Studie“ als Pilotstudie

3 Die „Göttinger Studie“
3.1 Voraussetzungen
3.2 Durchführung
3.3 Ergebnisse

4 Auswirkungen auf den Bildungsbegriff in Deutschland

5 Fazit

6 Anhang

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Mitte der 1950 Jahre begann zuerst unter den Erwachsenenbildnern Westdeutschlands die Bildung ein neues Verständnis anzunehmen, was nicht zuletzt daraus resultierte, dass Deutschland von unterschiedlichen Besatzungsmächten geführt wurde. Durch die Außerkraftsetzung der alten Strukturen war für niemanden mehr ersichtlich was Bildung überhaupt leisten sollte, ebenso war nicht offensichtlich was von ihr verlangt wurde. Wolfgang Schulenberg nahm sich genau dieser Problematik an, nachdem er Pädagogik, Psychologie und Soziologie an der Göttinger Universität studierte. 1957 promovierte er dann mit der Studie „Ansatz und Wirksamkeit der Erwachsenenbildung“ an demselben Institut. Ein Jahr später schon beschloss er zusammen mit Willy Strzelewicz und Hans-Dietrich Raapke eine weitere Studie durchzuführen, die später für viel Aufsehen sorgte und für eine Reformation in der Erwachsenenbildung herbeiführte. Wie im Folgenden bewiesen wird, hat das Resultat der Studie den Bildungsbegriff völlig verändert. Diese Untersuchung hat aufgrund ihrer methodischen Vielfältigkeit neue Standards gesetzt, die jedoch bis heute in dieser Form nicht mehr realisiert werden konnten. Der vorherrschende Bildungsbegriff war der des Neuhumanismus, für den Wilhelm von Humboldt der Vorreiter war. Zu dieser Zeit stand der aufgeklärte Mensch im Mittelpunkt, womit das Ziel der Bildung als menschlicher Vervollkommnung verstanden wurde. Somit sollte der Mensch zu einem nützlichen Glied innerhalb der Gesellschaft geformt werden. Dadurch konnte Bildung nach Wilhelm von Humboldt nur durch die Wechselwirkung zwischen Ich und Welt erreicht werden, denn nur dadurch kann der Mensch sich vollkommen entwickeln. Die Bildung bezieht sich auf den Menschen und richtet sich gegen Funktionalität. Das heißt, dass der Mensch sich nicht zweckgebunden weiterbildet, sondern zwecklos und nur zum Nutzen des einzelnen Individuums. Der Bildungsbegriff hat über die Jahre, besonders in der Zeit des zweiten Weltkriegs, einen großen Bedeutungswandel durchleben müssen, wodurch er heute für einen lebenslangen und -begleitenden Entwicklungsprozess des Menschen steht, bei dem er seine geistigen, kulturellen und lebenspraktischen Fähigkeiten erweitert. Wie sich dieser Wandel vollziehen konnte, wird im Folgenden offengelegt. Zuerst wird auf die Pilotstudie Schulenbergs eingegangen, womit gezeigt werden soll, warum die Untersuchung „Bildung und gesellschaftliches Bewusstsein“ überhaupt durchgeführt wurde. Im größten Gliederungspunkt dieser Ausarbeitung „Die Göttinger- Studie“ soll ausführlich über die Voraussetzungen, die Durchführung und ihre Ergebnisse berichten, welche letztendlich zusammen mit dem Gutachten des Deutschen Bildungsausschusses und dem Strukturplan den oben angedeuteten Bedeutungswandel zur Folge hatten. Mit dem zuletzt erwähnten, wird im vorletzten Kapitel abgehandelt, um dann im Schluss ein zusammenfassendes Fazit zu ziehen.

2 Die „Hildesheimer- Studie“ als Pilotstudie

Die Problematik, die den ganzen Forschungen vorausging, war die Nachkriegssituation Anfang der 1950er Jahre. Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte keine Einigung stattfinden, da sich in dieser Zeit die „Neuordnung“ (Raapke 2007, S. 411) und der „Wiederaufbau“ (ebd.) des Bildungswesens gegenüberstanden. Einerseits konnte sich im Schulwesen der Wiederaufbau durchsetzen, andererseits war in der Erwachsenenbildung eher eine Neuordnung in Hinsicht auf Politik und Konzeptionen zu verzeichnen, denn die Siegermächte wie Amerika und England wollten damit die Überwindung der nationalsozialistischen Ideologie erzeugen, um sich in Richtung Demokratie orientieren zu können. Nach und nach wurden Erwachsenenbildungseinrichtungen wie Volkshochschulen errichtet, die die neuen Grundsätze umzusetzen versuchten und für Bürger verständlich zu machen (vgl. ebd., S.412). Die Erwachsenenbildner fragten sich, mit wem sie es überhaupt in ihren Unterrichtungen zu tun hätten und was Bildung im eigentlichen Sinne für die Menschen bedeutet. Daher wurden Studien angestellt, um genau diese Fragen beantworten und um Klarheit innerhalb der Erwachsenenbildung schaffen zu können. Somit konnte auf die Bedürfnisse der Bürger eingegangen und die Bildung auf sie abstimmt werden. Ein weiterer Fakt die Studien durchzuführen, war genauere Erkenntnisse über die Bedingungen und Möglichkeiten der Volkshochschulen zu gewinnen (vgl. ebd., S.412). „Ansatz und Wirksamkeit der Erwachsenenbildung“ hieß die erste Studie Schulenbergs, die 1957 veröffentlicht wurde und mit der er zum Doktor der Philosophie promovierte. Sie galt später als Pilotstudie für die 1966 erschienene „Göttinger Untersuchung“. In der Stadt Hildesheim, nach der die Untersuchung benannt ist, begann Wolfgang Schulenberg 1954 mit wissenschaftlichen Gesprächen über Bildung, Kultur und Erwachsenenbildung mit den verschiedensten Gruppen der Bevölkerung (vgl. Raapke 2007, S. 412). Um die Studie so weit wie möglich verallgemeinern zu können, übernahm Schulenberg die Gruppendiskussion, welche am Frankfurter Institut für Sozialforschung entwickelt wurde.

Dazu hat er 63 Diskussionsgruppen gebildet und einen Leserbrief genutzt, der als Anreiz zur Diskussion diente. Somit konnten die Gruppen knapp zwei Stunden reden und lieferten dadurch ein sehr weites Feld an Erhebungsmaterial, da es schließlich nicht um die Beantwortung einzelner gezielter Fragen ging (vgl. Schlutz 1992, S.41). Die Studie wurde durch die freie Art und Weise der Gesprächsrunden kaum eingegrenzt und ließ einige Fragen offen. Durch die Diskussionen warfen die Gruppen ein neues Licht auf den Erwachsenen an sich, sowie auf sein Verhalten was die Bildung und dessen individuelle Wertschätzung dessen angeht. Aus diesem Grund der Erkenntnisse war diese Untersuchung relativ revolutionär und ebnete die Bahnen für weitere empirische Studien bezüglich der Bildung Erwachsener. Diese Studie überzeugte Wolfgang Schulenberg noch gezielter auf das Thema des Bildungsverhaltens Erwachsener einzugehen und somit Anschlussuntersuchungen unter neuen methodischen Gesichtspunkten durchzuführen, wodurch es dann zu der mehrstufigen „Göttinger Studie“ kam (vgl. ebd.).

3 Die „Göttinger Studie“

3.1 Voraussetzungen

Während sich Ende der 1950er Jahre die Gebundenheit an Stände begann aufzulösen, haben Bildung und Erziehung immer mehr an Bedeutung gewonnen, weshalb diese Zeit als „Entstehung der pädagogischen Theorie“ (Raapke 2007, S. 414) verstanden wird. Der Grund zur Durchführung dieser Studie war es herauszufinden, was Bildung im Allgemeinen für die Bevölkerung Westdeutschlands bedeutet und welchen Stellenwert sie in Zukunft im Leben eines Erwachsenen einnehmen soll. Denn das zählte zum Lebensmittelpunkt der einzelnen, sowie zum Gesellschaftsmittelpunkt aller Menschen (vgl. ebd.). Um den Zusammenhang zwischen Bildung und gesellschaftlichem Bewusstsein zu erforschen, musste vorher der deutsche Bildungsidealismus betrachtet werden, der die Abwendung von der Aufklärung, sowie von der demokratischen Ideenfindung, beinhaltete. Bildung wird als Individualisierung, also als Ausbruch aus dem Hauptstrom verstanden, denn nur so konnten sich die Menschen zu dieser Zeit voneinander abheben. Weiterhin zählt zu den Merkmalen die Entfaltung zu einer vollkommenen Persönlichkeit durch die eigene Bildung. Darüber hinaus wurde die Gesellschaft betrachtet, wo sich große Unterschiede aufgetan haben. Die einen entwickelten ein neues Persönlichkeitsideal, was vorgab gebildet zu sein um dadurch eine hohe politische, wie auch soziale Stellung zu erlangen. Damit verbunden war die Unterdrückung der anderen Seite, die die Personen beschreibt,welche keine Wege und Mittel aufzusteigen hatten. Da das Entstehen von Bildung von „gewissen historischen Gegebenheiten abhängt“ (Strzelewicz 1966, S. 4), wurde offensichtlich, dass die Vorstellung von Bildung unter anderem von dem gesellschaftlichen Bewusstsein beeinflusst wird. Dazu kam noch die nähere Betrachtung der „Romantisierung des deutschen Bildungsidealismus“ (ebd., S. 19), die die Abwendung vom klassischen, sowie rationalen Persönlichkeitsideal und damit die Hinwendung zu weltlichen Traummustern, was als typisch deutsche Erscheinung bezeichnet wurde (vgl. ebd.). Die Bildung hat sich zu einem vorbildlichen Muster für die Gesellschaft und Lebensführung entwickelt, wodurch immer wieder innergesellschaftliche Spannungen entstanden sind, die mit Hilfe der Erkenntnisse solcher Studien behoben werden sollten (vgl. Raapke 2007, S. 414f.). Somit offenbart sich die Bildung als neues gesellschaftliches Bewusstsein und zieht einen eventuellen sozialstrukturellen Wandel in der deutschen Gesellschaft mit sich (vgl. Strzelewicz 1966, S. 37), was im letzten Kapitel „Auswirkungen auf den Bildungsbegriff in Deutschland“ noch genauer beleuchtet wird.

3.2 Durchführung

Wie im vorherigen Kapitel beschrieben, ging der Studie „Bildung und gesellschaftliches Bewusstsein“ oder kurz der „Göttinger Studie“ einiges an Erkenntnissen, vor allem durch die „Hildesheimer Studie“ voraus, die mit dieser neueren Untersuchung auf der einen Seite fortgesetzt, aber andererseits auch verifiziert werden sollte. Mit der „Göttinger-Studie“ sollten die verschiedensten Vorstellungen von Bildung innerhalb der Bevölkerung Westdeutschlands festgestellt und deren Zusammenhang mit der Gesellschaftsauffassung herausgestellt werden. Da zur genaueren Erforschung dieses Themas die Erhebungsweise der Gruppendiskussion nicht ausreichte, musste methodisch vielfältiger gearbeitet werden. Deshalb wurde in der mehrstufigen soziologischen Untersuchung, eine dreistufige Erhebungsmethode angewendet. Dabei handelt es sich um die Repräsentativumfrage, die Gruppendiskussion in modifizierter Form und letztendlich um Intensivinterviews. In der ersten Welle der Erhebung, die im Juni 1958 am Göttinger soziologischen Institut stattfand, wurde die repräsentative Umfrage mit Hilfe eines von Schulenberg, Strzelewicz und Raapke erstellten Fragebogens von einer Frankfurter Firma für Markt-, Meinungs- und Sozialforschung durchgeführt. Dabei umfasste die Befragung, die zwischen dem 8. und dem 30. Juni 1958 durchgeführt wurde, 1850 Personen im Alter von 16 bis 79, deren Auswahl durch eine zufallsgeleitete Stichprobe stattfand (vgl. Strzelewicz 1966, S. 53). Der Fragebogen (Siehe Anhang) hatte 17 konkrete Fragen mit 19 Unterfragen, der in persönlichen Interviews durch 169 geschulte Befrager an die zu Befragenden herangetragen wurde. Es gab bei der Umfrage zwei verschiedene Fragetypen, einerseits die geschlossen und andererseits die offenen Fragen. Erstgenannte ließen sich sehr einfach auswerten, da sie dafür Skalen zum Einordnen hatten. Doch letztgenanntes stellte die Bildungsforscher vor eine neue Herausforderung, denn für die offenen Fragen mussten sie Listen erstellen, in die die Antworten eingeordnet werden sollten, denen jedoch vorher Codes zugeteilt werden mussten (vgl. Strzelewicz 1966, S.54). Trotz dessen, dass diese Umfrage viel Datenmaterial erbracht hat, waren diese nicht aussagekräftig genug. Deshalb folgten danach noch zwei weitere Erhebungsteile. Die zweite Stufe war die Gruppendiskussion, an der insgesamt 476 Personen in 34 Gruppen aus zwanzig verschiedenen westdeutschen Orten und aus Westberlin teilnahmen. Alle Teilnehmenden wurden vor der Diskussionsrunde eingeweiht, dass es sich dabei um eine größere Untersuchung der Universität Göttingen handelt und das es um Probleme in der Bildung geht, die eigentlich die ganze Bevölkerung der Bundesrepublik etwas anzugehen hat. Somit haben die Diskussionsleiter die Diskutanten überzeugt mitzuhelfen und das Gefühl des „Ausgeforschtwerdens“ (Strzelewicz 1966, S. 190) wurde vermindert. Deshalb hatten die Bildungsforscher es viel leichter das Einverständnis für Tonbandaufnahmen zu bekommen. Die Zusammensetzungen der Befragten wurden wiederum in drei verschiedene Typen von Gruppen unterteilt. Daher gab es acht Gruppen, die das Institut aufgrund ihrer Antworten im ersten Befragungsteil eingeladen hat. Weitere elf Gruppen wurden aus Fachkreisen der Erwachsenenbildung, sowie von Volkshochschulen herangezogen. Der übrige Gruppentyp bestand aus fünfzehn weiteren Personen, die die verschiedensten sozialen Gruppierungen der Bevölkerung repräsentierten (vgl. Raapke 2007, S. 418). Wie vorher erwähnt haben die drei Versuchsleiter Strzelewicz, Schulenberg und Raapke die Methode der Gruppendiskussion modifiziert. Dies gelang indem sie innerhalb der Diskussionen sechs verschiedene Anreize einwarfen, somit lenkten sie den Blickwinkel der Gespräche in die Richtung, die sie auch wirklich untersuchen wollten, anders als bei der „Hildesheimer Studie“. Da die Forscher bemerkten, dass ein Grundreiz durch eine Tonbandaufnahme oder einen vorgelesenen Zeitungsausschnitt nicht von den Befragten angenommen wird und deshalb nicht zur Diskussion führt, musste eine neue Methode erprobt werden. Somit stellten sie in diesem Schritt gleich die Antworten der vorherigen Repräsentativumfrage in Form von sechs verschiedenen Anreizen zur Diskussion, was ihnen dadurch einen tieferen Einblick in die Thematik verschaffte (vgl. ebd., S. 419). Dieses Verfahren sollte insgesamt zwei Stunden umfassen, deshalb gab es für jeden Anreiz eine genaue Zeitangabe. Der Diskussionsleiter musste auf die Zeiteinhaltung achten und hatte die Aufgabe die einzelnen Anreize zu verlesen und somit zur Diskussion zu stellen. Außerdem sollte er auch einzelne Fragen zwischendurch stellen, um die Gespräche weiter anzustacheln, aber er sollte auch zusehen, dass die Diskussionen nicht überhand nehmen. Während am Ende der Gesprächsrunde der Leiter ein Protokoll anfertigen musste, um einzelne Reaktionen verbaler und non-verbaler Art

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Details

Seiten
16
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656743149
ISBN (Buch)
9783668101333
Dateigröße
438 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v280169
Institution / Hochschule
Universität der Bundeswehr München, Neubiberg
Note
1,7
Schlagworte
göttinger studie auswirkung bildungsbegriff westdeutschland

Autor

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Titel: Die Göttinger Studie und ihre Auswirkung auf den Bildungsbegriff in Westdeutschland