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Friedrich Nietzsche. Eine Annäherung an sein Denken

Seminararbeit 2012 12 Seiten

Philosophie - Philosophie des 19. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Welt des Werden

3. Die Frage nach der Dialektik

4. Mensch und Moral

5. Philosophie - Wahrheit und Erkenntnis

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Diese Arbeit versteht sich - wie der Titel bereits verrät - als eine Annäherung an das Denken Friedrich Nietzsches. Dabei habe ich versucht, einige der wichtigsten Aspekte herauszunehmen und anhand dieser einen groben Überblick zu geben. Einer dieser Aspekte ist der 'Wille zur Macht', der das Prinzip bezeichnet, welches nicht nur dem Menschen innewohnt, sondern der Welt als solcher. Es dient Nietzsche sowohl als Grundlage für seine Kritik an den üblichen Moralvorstellungen, als auch für seine, wenn man es so nennen möchte, Ontologie. Durch verschiedenste Formulierungen und Aspekte seiner Gedanken ist die Annahme, den Willen zur Macht als dialektisches Prinzip zu sehen zunächst naheliegend. Zudem misst Nietzsche dem antiken Philosophen Heraklit, bei welchem die 'verborgene Harmonie' der Welt des Werdens im Konflikt der Gegensätze besteht, viel Bedeutung zu, was er in Formulierungen wie z.B.: „Denn die Welt braucht ewig die Wahrheit, also braucht sie ewig Heraklit [...]“1, zum Ausdruck bringt. Michaela Masek schreibt in ihrem Buch „Geschichte der antiken Philosophie“, Heraklit könne „als Vater der Dialektik angesehen werden“ und Nietzsches Lehre vom Willen zur Macht lasse „zweifelsfrei seine Gedankenwelt wiedererkennen“2. Gegen Deutungen wie diese erheben sich jedoch auch Einsprüche. Für einen ersten Blick auf Nietzsches eigene Beschreibungen von der Welt halte ich folgenden (verkürzten) Paragraphen für sehr geeignet: -

2. Die Welt des Werden

Diese Welt: ein Ungeheuer von Kraft, ohne Anfang, ohne Ende, […] welche nicht größer, nicht kleiner wird, die sich nicht verbraucht sondern nur verwandelt, als Ganzes unveränderlich groß,[...] als Spiel von Kräften und Kraftwellen zugleich Eins und 'Vieles', hier sich häufend und zugleich dort sich mindernd, […] ein Werden, das kein Sattwerden, keinen Überdruß, keine Müdigkeit kennt -: diese meine dionysische Welt des Ewig-sich-selber-Schaffens, des Ewig-sich-selber- Zerstörens, […] - Diese Welt ist der Wille zur Macht - und nichts außerdem! Und auch ihr selber seid dieser Wille zur Macht - und nichts außerdem!3

An einer anderen Stelle ist es die innere Welt der Kraft, die Nietzsche als 'Willen zur Macht' Friedrich Nietzsche, Über das Pathos der Wahrheit - Vorrede, in: KSA, hg. von Giorgio Colli / Mazzino Montinari, München / New York 1980, S. 759.

Michaela Masek, Geschichte der antiken Philosophie, Wien 2011, S. 40.

Friedrich Nietzsche, Nachgelassene Fragmente Juni - Juli 1885, in: KSA, hg. von Giorgio Colli / Mazzino Montinari, München / New York 1980, S. 610 - 611.

bezeichnet4, was bei der Interpretation dieses Gedankenflusses (s.o.) gewissermaßen als Orientierungspunkt dienen kann.

Im ersten Moment einleuchtend erscheint es, in der Kraft ein dynamisches Zugrundeliegendes zu sehen, ein fundamentales Bewegungsprinzip, welches die Welt des 'Vielen', das Spiel der 'innerweltlichen' Kräfte in sich als 'Einem' schließt. Die Gegensätze des 'Schaffens' und 'Zerstörens' wirken zunächst, mit Rückblick auf 'den Vater der Dialektik', wie jenes Bewegungsprinzip des 'Werdenden', so dass man annehmen könnte Nietzsche bringe die metaphysischen Systeme der 'Welt als Werden' (in einem heraklitischen Sinn) und der 'Welt als Sein' (in einem parmenideischen Sinn) miteinander in Einklang. Dagegen spricht jedoch, dass bei Nietzsche jegliches 'Sein', gewissermaßen als Funktionsweise der Erkenntnis, bloß eine Vereinfachung und Verfälschung „des Vielartigen und Unzählbaren zum Gleichen, Ähnlichen, Abzählbaren“5 darstellt. Sofern der Begriff 'Sein' in Bezug auf Nietzsches Denken überhaupt einen Sinn hat, besteht er in der Einheit des sich stetig Verwandelnden, diese ist das was 'ist'. Somit könnte man nun sagen das Zugrundeliegende ist die Einheit des Verwandelbaren, welches Bedingung des Entstehens und Vergehens des Werdenden seiner inneren Welt ist. Dies ist m.E. kohärent mit folgender Aussage Nietzsches: „Alle Organisation ist nur als Organisation und Zusammenspiel Einheit: nicht anders wie ein menschliches Gemeinwesen eine Einheit ist: also Gegensatz der atomistischen Anarchie; somit ein Herrschafts-Gebilde, das Eins bedeutet, aber nicht eins ist“6.

Im Hinblick auf die Gegensätze des Schaffens und Zerstörens als dialektische Bewegungsprinzipien, spricht m.E. das 'dionysische' dagegen, dass es sich dabei um wirkliche Gegensätze handelt. Eher, so glaube ich, soll damit das Zerstören als Teil des Schaffens verdeutlicht werden, sowie das Leben in seiner höchsten Form, den Tod nicht als Gegensatz sondern als Teil seiner selbst in sich trägt7. Ein weiterer Aspekt der gegen eine dialektische Auslegung spricht, besteht m.E. in Nietzsches absoluter Ablehnung des 'Seins', da durch diese auch die Gegenüberstellung von 'Sein' und 'Nicht-Sein' überwunden und dem 'Werden' sowie dem 'Wandel' das letzte Wort gegeben wird, denen nichts mehr entgegen steht. Um sein Weltbild zu verdeutlichen nutzt Nietzsche häufig das Symbol des Kreises, aber auch Formulierungen, welche eher die Vorstellung eines 'pulsierenden Universums' hervorrufen, wobei folgendes beides zum Ausdruck bringt:

Friedrich Nietzsche, Nachgelassene Fragmente Juni - Juli 1885, in: KSA, hg. von Giorgio Colli / Mazzino Montinari, München / New York 1980 S. 563

Friedrich Nietzsche, Nachgelassene Fragmente, April - Juni 1885, in: KSA, hg. von Giorgio Colli / Mazzino Montinari, München / New York 1980, S. 506

Friedrich Nietzsche, Nachgelassene Fragmente Herbst 1885 - Herbst 1886, in: KSA, hg. von Giorgio Colli / Mazzino Montinari, München / New York 1980, S. 104

Harald H. Zimmermann, Forschungsprojekt „Nietzsche Online“, http://nietzsche.is.uni- sb.de/faq/xsl/faq_04019.xml (Zugriff 29.3.2012).

[…], aus dem Stillsten, Starrsten, Kältesten hinaus in das Glühendste, Wildeste, Sich-selber-widersprechendste, und dann wieder aus der Fülle heimkehrend zum Einfachen, aus dem Spiel der Widersprüche zurück bis zur Lust des Einklangs, […] ohne Ziel, wenn nicht im Glück des Kreises ein Ziel liegt, ohne Willen, wenn nicht ein Ring zu sich selber guten Willen hat […].8

In wieder anderen Passagen steckt die Idee der systemtheoretischen Begriffe der 'Selbstreferenzialität' bzw. der 'Autopoiesis' der Welt, indem er sie etwa „als ein sich selbst gebärendes Kunstwerk“9 beschreibt. Ebenfalls ist diese Idee in seiner Beschreibung der 'neuen Welt Konzeption' die Leitende: „Die Welt besteht; sie ist nichts, was wird, nichts, was vergeht. Oder vielmehr: sie wird, sie vergeht, aber sie hat nie angefangen zu werden und nie aufgehört zu vergehen - sie erhält sich in Beidem... Sie lebt von sich selber: ihre Exkremente sind ihre Nahrung...“10 Ich denke die autopoietischen Beschreibungen dienen der Verbildlichung der Bewegung des Entstehens und Vergehens, also des Werdens, wohingegen die Metapher des Kreises und des Pulses bzw. der Frequenz, die Bewegung des Wandels verbildlichen. Die Unterscheidung von 'Wandel' und 'Werden' konnte ich bei Nietzsche in einer solch direkten Weise nicht finden, weshalb es sich lediglich um meine Interpretation handelt. Unter 'Wandel' verstehe ich dabei die Verwandlung im Ganzen, das kein größer oder kleiner werden bedeutet, sondern lediglich in der Verminderung hier und der Vermehrung dort besteht, d.h. der Wandel betrifft die Organisation als Einheit. 'Werden' habe ich hingegen als das Kräftespiel der 'Körper' bzw. der ganzen 'Innenwelt' der Einheit der Organisation interpretiert.

Friedrich Nietzsche, Nachgelassene Fragmente Juni - Juli 1885, in: KSA, hg. von Giorgio Colli / Mazzino Montinari, München / New York 1980, S. 611

Friedrich Nietzsche, Nachgelassene Fragmente Herbst 1885 - Herbst 1886, in: KSA, hg. von Giorgio Colli / Mazzino Montinari, München / New York 1980, S. 119

Friedrich Nietzsche, Nachgelassene Fragmente, Frühjahr 1888, in: KSA, hg. von Giorgio Colli / Mazzino Montinari, München / New York 1980, S. 374

[...]

Details

Seiten
12
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656736202
ISBN (Buch)
9783656736240
Dateigröße
457 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v279916
Institution / Hochschule
Universität Wien – Philosophie
Note
1
Schlagworte
Wille zur Macht Nietzsche werdende Welt Welt des Werdens Mensch und Moral Wahrheit und Erkenntnis Philosophie Dialektik Entstehen und Vergehen

Autor

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Titel: Friedrich Nietzsche. Eine Annäherung an sein Denken