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Intrapsychische Konflikte von Soldaten bei der Bewältigung von Kriegserfahrung

Hausarbeit 2013 26 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Begriffserläuterung
2.1 Die Posttraumatische Belastungsstörung
2.1.1 Definition
2.1.2 Symptome
2.1.3 Statistische Signifikanzen
2.2 Der Soldat
2.3 Das Dilemma
2.4 Zusammenführung der Begrifflichkeiten

3. Die dilemmatische Situation des Soldaten oder auch das Bewusstsein über die Aufgaben des Soldaten
3.1 Entstehung eines intrapsychischen Dilemmas – In den Fängen des Gewissens
3.2 Das Interview
3.2.1 Auswahl der Methodik
3.2.2 Auswertung

4. Auflösung des Dilemmas

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

1. Einleitung

„Handle niemals gegen das Gewissen, selbst wenn der Staat es fordert!“

Bei diesem Zitat handelt es sich um einen Ausspruch des berühmten Mathematikers und Physikers Albert Einstein. Er beschreibt in aller Kürze eine Gegebenheit derer sich Soldaten im Kampfeinsatz gegenüber sehen.

In der vorliegenden Arbeit wird das Thema der Entstehung von intra-psychischen Konflikten bei der Bewältigung von Kriegserfahrungen behandelt. Im Fokus steht hier besonders der Soldat, der als solcher zum einen klar vordefinierten Befehlsstrukturen, zum anderen der Maßregelung seines eigenen Gewissens unterlegen. Besonders nach einem Kampfeinsatz bzw. nach einer kriegerischen Auseinandersetzung, unter anderem auch mit Waffengewalt, entwickeln Soldaten eine Posttraumatische Belastungsstörung. Diese Störung ist einerseits auf traumatische Erlebnisse zurückzuführen, andererseits haben die Soldaten eine gewissenhafte Verantwortung sich selbst als Menschen gegenüber. Unter der Annahme, dass der abgefeuerte, gar tödliche Schuss eines Soldaten eine reaktionäre Entscheidung ist, bedeutet dies, dass die Soldaten massive innere Konflikte und Diskussionen führen, die die ethische Korrektheit des eigenen Handelns in Frage stellen. Diese Arbeit beleuchtet, dass gedankliche Dilemma von Soldaten im Kontext einer schon entstandenen Posttraumatische Belastungsstörung. Da die Verarbeitung von Kampfeinsätzen im Ausland natürlich ein höchst individueller Prozess ist, wird anhand der Auswertung von drei Interviews versucht, eine hypothetische Aussage über die Auflösung des Dilemmas zu entwickeln. Zunächst bildet allerdings erst einmal die Definition einiger Begriffe die Grundlage zu dieser Arbeit. Darauf aufbauend werden die Begriffe in einen Gesamtkontext eingeordnet, um in einem nächsten Schritt die dilemmatische Situation eines Soldaten zu beschreiben. Mit Hilfe der Interviews, den Erkenntnissen der Fachtagung bei dem KSI Bad Honnef und geeigneter Fachliteratur soll dieses Dilemma schlussendlich aufgelöst werden.

2. Begriffserläuterung

Zum Verständnis dieser Arbeit ist es unerlässlich, einige Begrifflichkeiten vorab zu erläutern. Diese Notwendigkeit ergibt sich daher, dass die folgenden Begriffe im Laufe der Geschichte zum Teil neu definiert werden mussten. Darüber hinaus werden im Rahmen dieser Arbeit versucht, die Begrifflichkeiten „Posttraumatische Belastungsstörung“, „Soldat“ und „Dilemma in einen dependenten Kontext gestellt. Daher ist eine eindeutige Klarheit über die Begrifflichkeiten notwendig.

2.1 Die Posttraumatische Belastungsstörung

Soldaten können im Rahmen eines Auslandseinsatzes eine Reihe von psychischen Erkrankungen erleiden. Der Inhalt dieser Arbeit beschränkt sich allerdings auf die Posttraumatische Belastungsstörung.

2.1.1 Definition

Die Posttraumatische Belastungsstörung ist ein psychisches Krankheitsbild, zählt in den Oberkategorien des ICD 10 zu den neurotischen, belastungs- und somatoforme Störungen (F40-F48). Die genaue Kennnummer der Störung lautet F43.1. Bei dieser Erkrankung handelt es sich um „[…] eine verzögerte oder protrahierte Reaktion auf ein belastendes Ereignis oder eine Situation kürzerer oder längerer Dauer, mit außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigem Ausmaß, die bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde.“ (Dr. Krollner & Dr. med Krollner, 2012)

Das Trauma in diesem Kontext meint „[…] ein vitales Diskrepanzerlebnis zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und den individuellen Bewältigungsmöglichkeiten, das mit Gefühlen von Hilflosigkeit und schutzloser Preisgabe einhergeht und so eine dauerhafte Erschütterung von Selbst- und Weltverständnis bewirkt.“ (Fischer & Riedesser, 2009, p. 142)

Signifikant bei der Posttraumatischen Belastungsstörung ist, dass sie sich unter Umständen erst nach geraumer Zeit fernab von der eigentlich belastenden Situation manifestieren kann. Dies bedeutet im Umkehrschluss, dass etwaige Symptome die der Erkrankte erfährt als ich-dyston wahrgenommen werden. Gemeint ist, es treten Symptome auf, die der Erkrankte in keinen Bezug zu sich selbst setzen kann und als „nicht zu seiner Person zugehörig“ kategorisiert.

2.1.2 Symptome

„Die Posttraumatische Belastungsstörung ist durch die Symptomtrias Intrusionen, Vermeidung und Übererregung gekennzeichnet.“ (Knaevelsrud, et al., 2012, p. 17).

Intrusionen meinen sogenannte „Flash-Backs“ und Alpträume (vgl. Buss, 2007, p. 21). Knaevelsrud et al. schreiben zu dieser Symtpomgruppe:

„Intrusionen zeigen sich in Form von anhaltendem Wiedererleben der traumatischen Situation […]“ (Knaevelsrud, et al., 2012, p. 17)

Bei der Konstriktion (Vermeidung) geht es um eine vermeidende Grundhaltung gegenüber Angst und Panik auslösender Stimuli. Dies führt bei häufiger Anwendung von Vermeidungsstrategien zur sozialen Isolation.

Die letzte Symptomkategorie wird als Überregung definiert. Die sogenannte Hyperarousal wird in Schreckhaftigkeit, Hyperviglianz, Schlafstörungen und Reizbarkeit differenziert (vgl. Knaevelsrud, et al., 2012, p. 17 und Buss, 2007, p. 21).

2.1.3 Statistische Signifikanzen

Gemäß einer Ausarbeitung zum Thema „Inanspruchnahme psychiatrisch-psychotherapeutischer Behandlung“ engagiert sich die Bundeswehr seit Mitte der 1990er Jahre auf dem Balkan und seit 2002 in Afghanistan.

„Derzeit befinden sich rund 7700 Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr in […] Auslandseinsätzen.“ (Kowalski, et al., 2012, p. 569).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Kowalski, et al., 2012, p. 570)

Über 800 Soldaten suchen Fachärzte mehrmals auf. Das bedeutet wiederum, dass 10,5 Prozent aller derzeit im Ausland befindlichen Soldaten psychiatrische Unterstützung benötigen. „ Im Jahr 2008 wurde beispielsweise noch bei 255 Patienten eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert, 2009 waren es 455 Patienten, 2010 schon 729 und in 2011 wurden insgesamt [schon, d. Verf.] 922 Patientenkontakte gezählt.“ (Kowalski, et al., 2012, p. 573)

2.2 Der Soldat

Der Leistungsumfang des Soldaten ist in dem Gesetz über die Rechtstellung der Soldaten (Soldatengesetz – SG) geregelt.

Paragraph 1 Abs. 1 u. 2 des Gesetzes über die Rechtsstellung der Soldaten bezeichnen einen Soldaten wie folgt:

§ 1 Begriffsbestimmungen
(1) Soldat ist, wer auf Grund der Wehrpflicht oder freiwilliger Verpflichtung in einem Wehrdienstverhältnis steht. Staat und Soldaten sind durch gegenseitige Treue miteinander verbunden.

(2) In das Dienstverhältnis eines Berufssoldaten kann berufen werden, wer sich freiwillig verpflichtet, auf Lebenszeit Wehrdienst zu leisten. In das Dienstverhältnis eines Soldaten auf Zeit kann berufen werden, wer sich freiwillig verpflichtet, für begrenzte Zeit Wehrdienst zu leisten. Zu einem Wehrdienst in Form von Dienstleistungen kann außer Personen, die in einem Wehrdienstverhältnis nach Satz 1 oder 2 gestanden haben, auch herangezogen werden, wer sich freiwillig zu Dienstleistungen verpflichtet.“

Gemäß §7 des Soldatengesetztes ist der Soldat zur Treue gegenüber der Bundesrepublik Deutschland verpflichtet sowie zur Verteidigung des Rechts und der Freiheit des deutschen Volkes. Jeder Mann bzw. jede Frau, der/die sich entscheidet, Bundeswehrsoldat/in zu werden, ist beim Eintritt in die Bundeswehr dazu verpflichtet folgenden Eid zu schwören: „ Ich gelobe/schwöre, der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen, so wahr mir Gott helfe.“

Allerdings kann bei diesem Eid der Zusatz „ Sowahr mir Gott helfe “ weggelassen werden.

Der Soldat ist beim Eintritt in die Bundeswehr der Befehlsgewalt seines Vorgesetzten unterlegen. Diese Befehlsgewalt darf nur unter bestimmten Voraussetzungen gebrochen werden. Auch dies ist im Soldatengesetz festgehalten unter dem §11 Gehorsam und lautet wie folgt:

§ 11 Gehorsam

(1) Der Soldat muss seinen Vorgesetzten gehorchen. Er hat ihre Befehle nach besten Kräften vollständig, gewissenhaft und unverzüglich auszuführen. Ungehorsam liegt nicht vor, wenn ein Befehl nicht befolgt wird, der die Menschenwürde verletzt oder der nicht zu dienstlichen Zwecken erteilt worden ist; die irrige Annahme, es handele sich um einen solchen Befehl, befreit den Soldaten nur dann von der Verantwortung, wenn er den Irrtum nicht vermeiden konnte und ihm nach den ihm bekannten Umständen nicht zuzumuten war, sich mit Rechtsbehelfen gegen den Befehl zu wehren.

(2) Ein Befehl darf nicht befolgt werden, wenn dadurch eine Straftat begangen würde. Befolgt der Untergebene den Befehl trotzdem, so trifft ihn eine Schuld nur, wenn er erkennt oder wenn es nach den ihm bekannten Umständen offensichtlich ist, dass dadurch eine Straftat begangen wird.

Im Soldatengesetz der Bundesrepublik Deutschland sind darüber hinausnoch weit mehr Gesetze beschrieben. Dennoch soll die Anführung beider vorherigen Gesetze für diese Arbeit ausreichen, da der thematische Schwerpunkt dieser Arbeit auf diesen beiden Gesetzen beruht.

2.3 Das Dilemma

„Wie man’s macht, macht man’s verkehrt.“ Diese umgangssprachliche Redensart beschreibt den Kern eines Dilemmas. Bei einem Dilemma findet sich eine Person in einer Situation wieder, bei der eine Handlung X geboten ist, die aber nicht mit den eigenen ethischen Grundsätzen korreliert oder aber eine Handlung Y eigentlich vorgeschrieben ist. In einem Dilemma befasst man sich mit der Entscheidung über zwei (DI-lemma) oder mehreren (Poly-lemma) Lösungen zu einer Problemstellung. Dabei ist entscheidend, dass sich im Regelfall für die Lösung mit den geringsten negativen Konsequenzen entschieden wird. Hierzu ein Beispiel im Kontext der Thematik: Ein Soldat ist laut Gesetz dazu verpflichtet, Gehorsam zu leisten. Der Soldat ist gemäß dem geschworenen Eid verpflichtet, die Freiheit des deutschen Volkes zu verteidigen. Er bekommt aber nun den Befehl zur Teilnahme an einer Aufklärungsmission in Afghanistan. Der Soldat sieht sich nun ggf. in dem Dilemma, dass er zum einen dem Befehl befolgen muss, zum anderen an einer Mission teilnehmen soll, deren Ausgang vordergründig mit der Freiheit des deutschen Volkes nichts zu tun hat. Voraussichtlich wird er sich für den Auslandseinsatz entscheiden, weil eine Befehlsverweigerung disziplinarische Strafmaßnahmen zur Folge hätte, die die Karriere des Soldaten negativ beeinflussen und evtl. sogar beenden könnte. Also ist die Aufklärungsmission die vordergründig günstigere Wahl. Die Wahl kann sich allerdings während des Einsatzes relativieren. Zurückkommend zur eigentlichen Definition des Dilemmas ist beizufügen, dass es in der Tradition der Philosophie keine moralischen Dilemmata gibt (vgl. Wildfeuer, 2011, p. 32). Sowohl Aristoteles als auch Thomas von Aquin und Immanuell Kant schließen ein moralisches Dilemma aus, wobei lediglich eine Berufung auf letzteren vorgenommen wird. Kant behauptet, dass eine Kollision von Pflichten nicht zu Stande kommen kann, da dem Begriff der Pflicht, eine objektive praktische Notwendigkeit einer Handlung inhärent ist. Das bedeutet, eine Kollision mehrere Pflichten könnte nicht existent sein (vgl. Wildfeuer, 2011, p. 35). Das setzt voraus, dass man sich über die Pflicht an sich in vollem Umfang bewusst ist. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass es in der Tat zu einem Dilemma bei Soldaten kommen kann, wenn sich der Soldat nicht über seine Aufgaben und Tätigkeiten bewusst ist. Solche Dilemmata lassen sich dann durch die Bewusstheit über die essentiellen Werte oder Pflichten eine Handlung betreffend auflösen.

2.4 Zusammenführung der Begrifflichkeiten

Elementar für diese Hausarbeit ist, die zuvor erläuterten Begrifflichkeiten in einen inhaltlichen Kontext zu setzen, um ein weiteres objektives Vorgehen zu gewährleisten.

„Die syndromatische Beschreibung von gesundheitlichen Veränderungen bei Soldaten nach Extrembelastungen hat bereits eine längere Geschichte, in deren Anfangszeit ein Zusammen zu psychodynamischen Prozessen häufig noch nicht hergestellt werden konnte.“ (Zimmermann, 2011, p. 360).

Die frühesten Dokumentationen von Persönlichkeitsveränderungen im Kontext militärischer Einsätze stammen aus dem amerikanischen Bürgerkrieg. Gemäß den Auswertungen bzgl. der Raten psychischer Erkrankungen nach einem Auslandseinsatz, belaufen sich auf 5-8% bei sogenannten „Peacekeeping Missions“. Gemeint sind solche Missionen, bei denen Kampfhandlungen nicht notwendigerweise auftreten, sondern Überwachung und Kontrolle eher im Vordergrund stehen (Katastrophenhilfe). Soldaten nach Einsätzen in Afghanistan und im Irak wiesen ein weitaus höheres Krankheitspotential auf (Afghanistan 11% aller Soldaten mit psychischer Erkrankung, Irak 19% aller Soldaten) (vgl. Zimmermann, 2011, p.361). Von diesen Soldaten begeben sich bei weitem nicht alle in Behandlung, trotz potentiell verfügbarer Möglichkeiten.

Die Posttraumatische Belastungsstörung, als eine der häufigsten Erkrankungen nach einem Auslandseinsatz, entstehen wie oben in Kapitel 2.1 beschrieben, in der Regel unter Umständen erst Jahre nach dem traumatischen Erlebnis. Immer wieder erleben die Soldaten die traumatisierenden Ereignisse im Rahmen intrapsychischer Auseinander- setzung. Dabei kommt es zu den oben genannten Symptomen. Auslöser für eine Posttraumatische Belastungsstörung müssen nicht unbedingt Einsätze sein, die mit Waffengewalt einhergehen. Es kann sich bei der Entstehung auch um erlebte (also gehörte oder gesehene) Situationen handeln, die in keinem Zusammenhang mit den Wertvorstellungen des Soldaten stehen. Kennzeichnend für die symptomatische Ausbreitung der Posttraumatischen Belastungsstörung sind Gedanken, bei denen das eigenen Gewissen die Handlung des Soldaten in Frage stellt. Also Fragen wie: „Habe ich richtig gehandelt?“, „Hätte ich anders handeln können/müssen?“, „Was ist, wenn ich in Situation XY, anders reagiert hätte?“ etc., werden häufig gestellt. Daraus bildet sich ein Gedankenkonstrukt, welches eine brutale ethischen, wie moralische Diskussion beinhaltet. Der Soldat ist in Folge seines Erlebens der traumatischen Situation ständig dazu gezwungen, sich selbst zu reflektieren, in einer Art und Weise, die fernab jeder Objektivität steht. Hierzu allerdings mehr in dem Kapitel 3.1

3. Die dilemmatische Situation des Soldaten oder auch das Bewusstsein über die Aufgaben des Soldaten

Wie Eingangs erläutert ist jeder, der Soldat werden möchte zum Schwur eines Eides verpflichtet, der beinhaltet, dass der Soldat Treue zu schwören hat. Allerdings möchte ich hier an dieser Stelle die Hypothese aufstellen, dass sich Soldaten nicht eindeutig über die Tragweite dieses Eides bewusst sind. Insbesondere wenn es sich um einen Auslandseinsatz / Kampfeinsatz handelt, stellen sich Soldaten häufig die Frage, welcher Sinn hier dem Eid gegenübersteht. Aus den Berichten eines Soldaten der in Kunduz, Afghanistan stationiert worden war, wird ersichtlich, dass jeder Soldat vor einem Auslandseinsatz auf „Herz und Nieren“ geprüft wird, durch das Kreiswehrersatzamt, durch die Zentren für Nachwuchsgewinnung, bei Offiziersbewerberprüfzentralen und bei verschiedenen Lehrgängen. (vgl. Timmermann-Levanas & Richter, 2005, p. 64). Diesen Vorbereitungen steht dann die kriegerische Situation gegenüber. Aus dem Buch von A. Timmermann–Levanas, Oberstleutnant a.D. und Staats- und Sozialwissenschaftler sowie A. Richter, Historikerin, Journalistin und Autorin, geht hervor, dass die Vorbereitung der Soldaten nicht im geringsten ausreicht um psychischen Erkrankungen vorzubeugen. Das folgende Kapitel beschäftigt sich demnach mit der Entstehung intrapsychischer Dilemmata.

3.1 Entstehung eines intrapsychischen Dilemmas – In den Fängen des Gewissens

Auf eine vollständige Betrachtung von intrapsychischen Dilemmata und deren Entstehung wird aufgrund der thematischen Schwerpunktsetzung an dieser Stelle verzichtet. Dennoch wird sich in diesem Kapitel an die Entstehung eines intrapsychischen Dilemmas anhand eines selbstkonstruierten Beispiels angenähert.

Das fiktive, aber durchaus realistische Beispiel wurde zusammen mit einem ehemaligen Soldaten konstruiert und lautet wie folgt:

Im Umfeld eines Lagers der Bundeswehr in Afghanistan hat es einen Anschlag durch eine Autobombe gegeben. Dabei sind drei deutsche Soldaten schwer verletzt worden. Das Lager ist durch diese Vorkommnisse in erhöhter Alarmbereitschaft und errichtet auf Befehl des befehlshabenden Kommandeurs eine Kontrollzone rund um das Lager. Diese Kontrollzone wird in regelmäßigen Abständen durch Patrouillen überwacht. Zu dieser Überwachung gehören nach dem Autobombenanschlag auch Fahrzeugkontrollen. Bei einer Überprüfung eines Fahrzeugs an einem Kontrollpunkt bemerkt ein Soldat, dass sich dem Kontrollpunkt ein fremdes Auto schnell nähert. Jegliche Versuche, das sich nähernde Auto zu stoppen, sind schlagen fehl. Auch abgefeuerte Warnschüsse, wie es das Reglement der Bundeswehr in solchen Situationen verlangt, bleiben schlicht erfolglos. Die Patrouille sieht sich nun einer Gefahrensituation gegenüber, bei der eine Lösung schnellstmöglich erforderlich ist. Hierbei befiehlt der Truppführer, das Feuer auf das sich nähernde Fahrzeug zu eröffnen. Das Fahrzeug kann gestoppt werden, allerdings mit zwei toten Fahrzeuginsassen.

Bei der nachfolgenden Untersuchung und einer eingehenden Fahrzeugkontrolle wird ersichtlich, dass es sich bei den Fahrzeuginsassen um Zivilisten gehandelt hat, die beide unbewaffnet waren. Auch am Fahrzeug selbst konnten keine terroristischen Hintergründe festgestellt werden. Es blieb ungeklärt, warum das Fahrzeug nicht angehalten hat.

Bei der Betrachtung dieses fiktiven Beispiels werden juristische Konsequenzen außen vor gelassen.

Das Dilemma ist augenscheinlich zunächst nicht sichtbar. Es geht hier elementar um die Frage nach dem „Richtig“ oder dem „Falsch“, die sich aber nicht während der eigentlichen Situation stellt, sondern im Nachhinein auch infolge der Untersuchung und der Erkenntnis, dass es sich um Zivilisten gehandelt hat, eine wesentliche Belastung für die Soldaten darstellen kann. Aus der gedanklichen Verfahrenheit des Soldaten und die intrapersonelle Uneinigkeit über die Pflichten des Soldaten sowie die Werte und Normen des eigenen Handelns und in der Funktion als Soldat, kann eine Posttraumatische Belastungsstörung entstehen. Allerdings unter der Voraussetzung, dass der Soldat keine Möglichkeit hat, dieses Dilemma im Nachhinein, bei der gedanklichen Rekonstruktion der Situation, aufzulösen.

3.2 Das Interview

3.2.1 Auswahl der Methodik

Zuvor muss betont werden, dass ich versucht habe, kampferfahrene Soldaten zu einem Interview zu bewegen. Dies konnte aber aus folgenden Gründen nicht geschehen: Während tiefer gehender informatorischer Arbeit über die Thematik dieser Hausarbeit, schien es mir nicht mehr adäquat und vor allem nicht verantwortungsbewusst, kampferprobte Soldaten zu dieser Thematik zu befragen. Die Gefahr, dass einstweilige Traumata in einem solchen Gespräch wieder erlebt werden, war zu groß und nicht zu verantworten. Daher beschränkte ich mich auf einen berufserfahrenen Soldaten, der aber bei seinen Ausführungen aus Gründen der Diskretion nicht namentlich genannt werden möchte. Dieses Interview soll, auch wenn es sich um hypothetische Reaktionen des Soldaten handelt, dazu beitragen, einen Auflösungsansatz für das zuvor konstruierte Dilemma zu liefern.

[...]

Details

Seiten
26
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668558175
ISBN (Buch)
9783668558182
Dateigröße
702 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v279804
Institution / Hochschule
Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen
Note
1,3
Schlagworte
Soldat Krieg Posttraumatische Belastungsstörung PTBS Depression Dilemma Psychologie Konflikt War Bewältigung Trauma Kriegserfahrung Ethik Army Soldier somatoforme Störung intrapsyche intrapsychische Konflikte Afghanistan Kunduz

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Titel: Intrapsychische Konflikte von Soldaten bei der Bewältigung von Kriegserfahrung