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Ganztagsschulen als Kompensationsmodell

Ganztagsschulen als Lösung systemischer Probleme des deutschen Schulsystems?

Hausarbeit 2012 20 Seiten

Pädagogik - Schulwesen, Bildungs- u. Schulpolitik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsbestimmung

3. Geschichtlicher Abriss zur Entwicklung der Ganztagsschulen in Deutschland

4. Herausforderungen und Handlungsfelder der Ganztagsbildung

5. Konzeptionelle Kritik an ganztägigen Schulformen

6. Das Verhältnis zwischen Familie und Ganztagsschule

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

"Wenn eine Ganztagsschule gut ist, ist sie den ganzen Tag gut, wenn sie schlecht ist, ist sie den ganzen Tag schlecht."[1] Was der ehemalige Kultusminister des Landes Sachsen-Anhalt damit ausdrücken möchte ist eine einfache, aber eingehende Botschaft: Die Qualität eine Schule lässt sich nicht anhand ihrer Öffnungszeiten definieren. Vielmehr wird eine gute Schule die an sie gestellten Anforderungen auch in der bisher zur Verfügung stehenden Zeit erfüllen, während eine schlechte dies nicht zwangsläufig nur deswegen schafft, weil sie die Kinder auch nachmittags betreut.

Seit vielen Jahrzehnten existierte die Schulform der Ganztagsschule als Randerscheinung des deutschen Bildungssystems, mit einigen Zeitpunkten der Aufmerksamkeit durch die öffentliche und politische Diskussion, zumeist aber eher als alternativ und reformpädagogisch attribuiert. Mit der Auswertung der ersten PISA-Studie zu Beginn des 21. Jahrhunderts und dem anschließend rege geführten Diskurs über das vermeintliche Versagen des deutschen Schulsystems kam diese Schulform erneut in den Fokus der öffentlichen und wissenschaftlichen Betrachtung, nicht zuletzt, weil die Kultusministerkonferenz in ihren ersten Maßnahmen zur Bewältigung des PISA-Schocks eben jene Schulform als Ausweg aus der Bildungsmisere etablierte. In dieser Ausarbeitung soll nun der Frage nachgegangen werden, ob die Ganztagsschule dieser Anforderung überhaupt gerecht werden kann und ob sie tatsächlich zur Beseitigung der Defizite des deutschen Bildungswesens beitrage kann.[2]

Dazu soll zunächst eine Begriffsbestimmung durchgeführt werden, da die wissenschaftliche, wie auch die öffentliche, Verwendung des Begriffs in ihrer Bedeutung sehr weit gefächert ist. Daran anschließend erfolgt eine kurze, historische Darstellung zur Entwicklung der ganztägigen Schulformen in Deutschland. Im weiteren Verlauf sollen die verschiedenen Anforderungen an das Konzept der Ganztagsschule im Einzelnen identifiziert und dargestellt werden, um daran anknüpfend eine kritische Würdigung der verschiedenen Konzeptionen von ganztägigen Schulen vorzunehmen. Abschließend soll dargestellt werden, ob und wie sich das Verhältnis zwischen Familie und Schule durch die Erweiterung des Schulgeschehens in den Nachmittag hinein verändert und welche Auswirkungen das mit sich bringt, bzw. welche besonderen Herausforderungen sich dadurch für alle beteiligten Akteure ergeben.

2. Begriffsbestimmung

Aufgrund verschiedener, besonders regionaler Entwicklungen, ist eine einheitliche Definition des Begriffes der Ganztagsschule nur schwer möglich. Zudem findet sich eine Vielzahl an vergleichbaren Schulmodellen, welche wiederum eigene Bezeichnungen verwenden. Im deutschsprachigen Raum verwendet die Literatur beispielsweise die Begriffe Ganztagsschule, Tagesschule, Tagesheimschule, Tagesschulheim, Schule mit Tagesheim, offene Schule, erweiterte Schule [3], welche in der aktuellen Diskussion noch um ganztägig arbeitende Schulen, Schulen mit pädagogischer Mittagsbetreuung, Ganztagsschulen in Angebotsform und Ganztagsorganisationen [4] erweitert werden. Als Folge aus dieser Heterogenität lassen sich wissenschaftliche Befunde und Diskussionen nur schwer miteinander vergleichen.[5]

Einen ersten, einheitlichen Definitionsansatz lieferte das UNESCO-Institut für Pädagogik im Jahre 1961. Dieser umfasst alle ganztätigen Schulformen, wobei eine organisatorische Unterteilung in drei Modelle vorgenommen wird:[6]

In der Offenen Schule erfolgt eine, die am Vormittag stattfindende Unterrichtszeit ergänzende, Nachmittagsbetreuung, welche gemeinsames Mittagessen, Hausaufgabenbetreuung, verschiedene Kurse und Arbeitsgemeinschaften beinhaltet. Eine Auflösung der Trennung zwischen Unterricht und Freizeitgestaltung ist nur schwer möglich und findet meist nicht statt.

Die Ganztagsschule erweitert den Ansatz der Offenen Schule, indem die Unterrichtselemente mit den betreuten Freizeitaktivitäten gemischt und in einem kinder- und jugendgerechten Lernrhythmus über den Tag verteilt werden.

Tagesheimschulen entsprechen im Wesentlichen den Ganztagsschulen, weisen jedoch ein gesteigertes Betreuungsangebot vor und nach der Schulzeit auf. Art und Umfang des zusätzlichen Betreuungsangebotes richten sich nach dem Bedarf der Eltern.

Für den aktuellen Diskurs liefert die Kultusministerkonferenz (KMK) eine deutschlandweit einheitliche Begriffsdefinition. Nach der KMK sind jene Schulen im Primar- und Sekundarbereich I als Ganztagsschulen zu bezeichnen, welche an mindestens drei Tagen der Woche ein ganztägiges Beschulungs- und Betreuungsangebot anbieten, welches wenigstens sieben Zeitstunden umfassen muss. Zusätzlich ist an den Tagen mit Ganztagsbetrieb ein Mittagessen für alle Schülerinnen und Schüler bereitzustellen. Für Konzeption und Durchführung ist die jeweilige Schulleitung verantwortlich, wobei sich das Ganztagsangebot an den jeweiligen Unterrichtsinhalten orientieren soll.[7]

Neben diesen, generellen Forderungen an eine Ganztagsschule unterteilt die KMK diesen Oberbegriff in drei untergeordnete Ausprägungsformen. Diese stellen sich im Einzelnen wie folgt dar:[8]

Alle Schüler sind zur Teilnahme am siebenstündigen Angebot der Schule an mindestens drei Wochentagen verpflichtet. Diese Form bezeichnet man als voll gebunden.

Die zweite Form ist der voll gebundenen sehr ähnlich, jedoch haben die Schüler hierbei die Wahl, ob sie dieses Angebot nutzen wollen oder nicht. Diese Entscheidung ist allerdings in der Folge bindend. Die Bezeichnung für diesen Typ lautet teilweise gebunden.

In der dritten, der offenen Form, erklären die Schüler ihre Teilnahme am Ganztagsprogramm für jeweils ein Schuljahr. Die zeitliche Ausprägung entspricht hierbei den beiden anderen Formen.

Neben weiteren ganztägigen Angeboten, welche hauptsächlich durch die Jugendhilfen in Form von Betreuungszentren oder Horten gestellt werden, bilden diese drei Organisationsformen im Wesentlichen die Landschaft der Ganztagsschulen in Deutschland ab. Es wird jedoch darauf verwiesen, dass diese Kriterien nur ein Mindestmaß darstellen und dass sowohl die konkrete Ausgestaltung, als auch die jeweilige Bezeichnung regional unterschiedlich ausfallen.[9]

Während die Definition des UNESCO-Institutes für Pädagogik den Schwerpunkt der Begriffsbestimmung auf den konzeptionellen Aspekt richtet, fokussiert sich die KMK auf organisatorische Gesichtspunkte und überlässt die konkrete Ausgestaltung den entsprechenden Schulleitungen. Ausgehend von der eingangs angeführten Heterogenität der Ganztagsangebote in der deutschen Schullandschaft, soll für die weiteren Betrachtungen im Rahmen dieser Arbeit der Ansatz der KMK als Arbeitsdefinition verwendet werden, um die konzeptionelle Vielfalt der ganztägigen Schulformen erfassen zu können.

3. Geschichtlicher Abriss zur Entwicklung der Ganztagsschulen in Deutschland

Nachdem bis zum 19. Jahrhundert die Ganztagsschule noch die vorherrschende Schulform war, tauchten sie, nachdem sich die Halbtagsschule am Ende des 19. Jahrhunderts nahezu vollständig durchgesetzt hatte, vorerst nur noch als reformpädagogische Einzelfälle auf. Die wesentlichen Strukturelemente der damaligen Ganztagsschulen, wie „Mittagsmahlzeit, Freizeitangebote, Arbeitsgemeinschaften, Förderunterricht, Integration der Hausaufgaben in die Schule, neue Unterrichtsformen, Rhythmisierung, Kooperationsaufbau zum Elternhaus, Intensivierung des Schullebens, Ausgestaltung als Lebensraum, Schulöffnung zum Nahraum, mehr Gelegenheiten für Schüleraktivitäten und Wandel der Lehrerrolle“[10] finden sich auch in den aktuellen Ganztagsschulen als Konzeptmerkmale wieder.[11]

Seit den 1950er Jahren wurden verstärkt Bemühungen angestrebt, die moderne Ganztagsschule wieder in die deutsche Bildungslandschaft zu integrieren. Neben einer geringen Zahl an tatsächlich entstandenen Ganztagsschulen ist diese Entwicklungsphase von einer zunehmenden, wissenschaftlichen Bearbeitung dieses Themenfeldes gekennzeichnet. Im weiteren Verlauf empfahl auch der Deutsche Bildungsrat das ganztägige Schulmodell. In erster Linie wurde dabei die Bedeutung als Instrument zum Abbau von Bildungsungleichheit betont. Gleichwohl Ganztagsschulen zu diesem Zeitpunkt etablierter Bestandteil des deutschen Schulwesens waren, führte die Ähnlichkeit mit dem sozialistischen Schulmodell der DDR zu stetig anhaltenden Debatten. Ende der 1980er Jahre belegen empirische Studien erneut den Bedarf an Plätzen in Ganztagsschulen und beleben damit erneut die öffentliche Diskussion.[12]

Der aktuelle Diskurs begründet sich in der Hauptsache auf die Ergebnisse der ersten PISA-Studie aus dem Jahre 2001, welche dem deutschen Bildungssystem nur unzureichenden Erfolg im internationalen Vergleich attestierte.[13] Dieser sogenannte PISA-Schock löste eine breit geführte Diskussion über die Effektivität der deutschen Bildungslandschaft aus und generierte so vor allem einen politischen Handlungsbedarf.[14] Der im Dezember 2001 durch die KMK vorgestellte Handlungskatalog legt einen Schwerpunkt des ermittelten Handlungsbedarfes auf den „Ausbau von schulischen und außerschulischen Ganztagsangeboten mit dem Ziel erweiterter Bildungs- und Fördermöglichkeiten, insbesondere für Schülerinnen und Schüler mit Bildungsdefiziten und besonderen Begabungen“[15]. Dies macht deutlich, dass das Modell der Ganztagsschule sowohl bundeland- als auch parteiübergreifend als Ansatz zur Beseitigung der Defizite des Schulsystems angesehen wird. Kuhlmann/Tillmann (2009) betonen dabei besonders die politische Perspektive, wonach der durch die PISA-Studie ausgelöste, bildungspolitische Legitimationsdruck die bis dahin gegensätzlichen Standpunkte der großen Volksparteien vereinte und dadurch erst eine beschleunigte Entwicklung der Ganztagsschulen in Deutschland möglich machte.[16]

Es stellt sich daher die Frage, ob die Förderung der Ganztagsschulen lediglich ein Instrument bildungspolitischer Legitimationsbemühungen ist, oder ob diese Schulform tatsächlich geeignet ist, die festgestellten Defizite des deutschen Bildungssystems zu überwinden. Im Folgenden soll zunächst die Frage gestellt werden, was die entscheidenden Herausforderungen und Handlungsfelder sind um anschließend beurteilen zu können, ob dem mit dem Modell der Ganztagsschule zu begegnen ist.

4. Herausforderungen und Handlungsfelder der Ganztagsbildung

Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) beschreibt den Bildungsvorgang eines Kindes als kumulativen Vorgang, wobei dieser „umso erfolgreicher verläuft, je besser die Lernvoraussetzungen in den Anfängen des Lebenslaufs beschaffen sind und je besser die im Familiensystem vermittelten kognitiven und sozialen Kompetenzen mit den Erwartungen des Schulsystems, aber auch den Anforderungen der zukünftigen Arbeitswelt korrespondieren“[17]. Demnach sind der schulische Erfolg eines Kindes, sowie die spätere Erfolgsaussicht im Berufsleben, von wesentlich mehr Einflussfeldern geprägt als der rein formalen Kompetenzvermittlung des halbtäglichen Unterrichts. Das BMFSFJ beschreibt dazu drei Hauptkategorien, welche die Herausforderungen an die Ganztagsschule, nach Akteuren aufgeteilt, darstellen.[18]

[...]


[1] Olbertz 2002

[2] vgl. dazu Oelerich 2007; Kuhlmann/Tillmann 2009; Eisnach 2011

[3] vgl. Neumann/Ramseger 1990, S. 17

[4] vgl. Oelerich 2007, S. 15

[5] vgl. Neumann/Ramseger 1990, S. 17

[6] vgl. Radisch 2009, S. 13f.

[7] vgl. KMK 2008, S. 4

[8] ebd. S. 5

[9] ebd. S. 4

[10] Eisnach 2011, S. 64

[11] vgl. Eisnach 2011, S. 64; Oelerich 2007, S. 13f.

[12] ebd. S. 64f.

[13] vgl. Stecher/Krüger/Rauschenbach 2011, S. 2

[14] vgl. Stecher/Krüger/Rauschenbach 2011, S. 2ff.; Kuhlmann/Tillmann 2009, S. 42

[15] KMK 2001

[16] vgl. Kuhlmann/Tilmann 2009, S. 27ff.

[17] BMFSFJ 2006, S. 9

[18] vgl. BMFSFJ 2006, S. 11

Details

Seiten
20
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656727620
ISBN (Buch)
9783656727583
Dateigröße
526 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v279782
Institution / Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Note
1,3
Schlagworte
ganztagsschulen kompensationsmodell lösung probleme schulsystems

Autor

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Titel: Ganztagsschulen als Kompensationsmodell