Lade Inhalt...

Die Verschriftung des Französischen im Mittelalter. Der Begriff der "Skripta"

Seminararbeit 2008 39 Seiten

Romanistik - Französisch - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A. Zielsetzung der Arbeit

B. Die Verschriftlichung des Französischen im Mittelalter – der Begriff der ‘Skripta’

1 Ausgangsbedingungen zur Herausbildung einer altfranzösischen Schriftsprache
1.1 Inner- und außersprachliche Veränderungen nach dem Zusammenfall des weströmischen Reiches
1.2 Die Entstehung der dialektalen Sprachlandschaft des französischen Mittelalters
2 Die ersten überlieferten Texte in altfranzösischer Sprache
2.1 Grenzen der sprachwissenschaftlichen Forschung
2.2 Die Straßburger Eide (Les Serments de Strasbourg)
2.3 Die Eulaliasequenz (La Séquence de Sainte-Eulalie)
2.4 Weitere Beispiele früher altfranzösischer Schreibtradition
3. Die geschriebene Sprache – eine Abbildung der Dialekte? Zur Abgrenzung von ‘Dialekt’ und ‘Skripta’
3.1 Die Altfranzösische Schreibsprache – eine „ langue extrêmement diversifiée
3.2 Der Begriff der ‘Skripta’ in Abgrenzung zum ‘Dialekt’
3.3 Die Skriptologie – eine Bereicherung für die Sprachwissenschaft und zugleich
4. Die Urkundensprache
4.1 Die Bedeutung der Urkunden für die Sprachwissenschaft
4.2 Zeitliche und räumliche Verteilung der Urkunden
4.3 Die sprachliche Entwicklung nicht-literarischer Texte
5. Die sprachliche Bedeutung von Paris und der Ile-de-France
5.1. Die Entwicklung des ‘Franzischen’ zur literarischen Norm und zum „parler directeur“
5.2 Gründe für die sprachliche Ausstrahlung von Paris und der Ile-de-France
5.3 Diskussion um den Zeitpunkt der sprachlichen Ausstrahlung
6. Die Herausbildung der französischen Schriftsprache – ein Prozess
6.1 Der Begriff der ‘Koiné’
6.2 Verschiedene Ansätze und Hypothesen zum Prozess der Verschriftlichung

C. Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

A. Zielsetzung der Arbeit

Ein Forschungsfeld der Sprachwissenschaft – die Skriptologie – beschäftigt sich, ohne hier bereits den Kern der Problematik vorweg greifen zu wollen, mit Struktur und Entwicklung altfranzösischer Schreibsprachen. Für den Laien mag hier bereits die Pluralform ‘Schreibsprachen’ ungewöhnlich klingen, denkt man an die strikt festgesetzte Schreibnorm, die den Schreibern der Gegenwart klare Regeln vorgibt.

Ziel dieser Arbeit soll es sein, einen Überblick über die Entstehung und Entwicklung der französischen Schriftsprache zu geben und die damit verbundene Problematik zu verdeutlichen. Hierfür soll zunächst auf die Bildung der dialektalen Sprachlandschaft eingegangen werden, bevor versucht wird, anhand erster überlieferter Schriftzeugnisse auf die Diversifikation und Vielfalt altfranzösischer Schreibtradition hinzuführen. Des Weiteren sollen, nach Erklärung und Einführung notwendiger Begrifflichkeiten, verschiedene Fragen, Ansätze und Schwierigkeiten der Skriptologie aufgezeigt werden, wodurch die Wichtigkeit und Notwendigkeit dieses Forschungsbereichs deutlich werden soll.

Sich mit der Verschriftlichung des Französischen zu beschäftigen, bedeutet, zu dem Ursprung der heutigen französischen Standardsprache zurückzukehren. Bezüglich dieses Ursprungs äußerte sich Auguste Brun wie folgt: „Dans toute les provinces, à l’origine, c’est le dialecte local qui a d’abord remplacé le latin.“[1] Ein Ziel dieser Arbeit soll sein, die Richtigkeit dieser Äußerung, welche zweifellos als Ausgangspunkt zahlreicher Diskussionen in der Skriptaforschung angesehen werden kann, zu überprüfen und deren Grenzen aufzuzeigen.

B. Die Verschriftlichung des Französischen im Mittelalter – der Begriff der ‘Skripta’

1 Ausgangsbedingungen zur Herausbildung einer altfranzösischen Schriftsprache

1.1 Inner- und außersprachliche Veränderungen nach dem Zusammenfall des weströmischen Reiches

Ferdinand Brunot bezeichnete den Übergang des gesprochenen Latein zum Französischen als eine „progression graduelle et régulière“[2]. Fraglich ist, inwieweit dies auf die Schriftlichkeit zutrifft, und wie sich die Verschriftlichung der französischen Sprache vollzogen hat. Um die Problematik in ihrer Gesamtheit erfassen zu können, sollen zunächst die Ausgangs-bedingungen für den Übergang zur Schriftlichkeit vorgestellt und Gründe für den Rückgang des klassischen Schriftlateins aufgezeigt werden.

Nach dem Zusammenbruch des weströmischen Reiches verschlechterten sich im Gallien des 5. Jahrhunderts die Überlieferungsbedingungen lateinischer Texte, was unter anderem darauf zurückzuführen ist, dass die Rhetorenschulen aufgelöst wurden. Außerdem hatte eine nichtlateinische, das heißt romanisch-germanische Oberschicht die Macht übernommen und es war ein genereller Verfall der römischen Kultur und Bildung zu verzeichnen gewesen. Dies wiederum hatte einen Anstieg der Analphabetenrate zur Folge. Im Frühmittelalter war es, mit wenigen Ausnahmen, Klerikern und Notaren vorbehalten, lesen und schreiben zu können, weshalb das ‘Bas Latin’ (Mittellatein), damals noch alleinige Schriftsprache, mehr und mehr auch als Vorlesesprache fungierte.

Zwar hatte man anfänglich noch keine Schwierigkeiten, dieses vorgetragene Schriftlatein zu verstehen, sei es bei Predigten oder öffentlichen Reden, jedoch neigte man beim Vorlesen der Texte immer mehr dazu, die Aussprache des Schriftlateins der romanischen Mündlichkeit anzunähern. So wurde etwa „ ratione, rationi, rationem als [raj'dzon] bzw. [raj'zon]“ ausgesprochen oder „ regem und regi als [rej]“.[3] Die lateinischen Texte selbst verloren ebenfalls an Qualität und wiesen häufig morphologische und syntaktische Formen auf, welche nicht mehr der klassischen Norm entsprachen, sondern zunehmend nähesprachliche Züge annahmen. Die bis zur Zeit Karls des Großen vorherrschende Diglossie – Schriftlatein wurde im Unterricht als Zweitsprache erlernt und galt als relativ stabil, während sich das Sprechlatein fern ab von jeglicher Spracherlernung oder vorgegebenen Normen kontinuierlich weiter entwickelte – wurde also nach und nach aufgehoben. Als Folge davon wurde das klassische Schriftlatein für immer weitere Kreise der Bevölkerung unverständlich. An dieser Stelle muss betont werden, dass die mündliche Nähesprache je nach Region unterschiedlich ausgesprochen wurde. Die Kirche reagierte schon sehr früh auf diese Situation: bereits im 6. Jh. n. Chr. forderten die Bischöfe, bei den Predigten eine für das Volk verständliche Sprache zu verwenden. Allerdings handelte es sich hierbei, im Unterschied zum Konzil von Tours, das zwei Jahrhunderte später folgen sollte, lediglich um einen einfacheren Stil innerhalb der lateinischen Sprache. Um 800 n.Chr. ging Karl der Große, der sich als „renovator Imperii“[4] verstand und zudem eine große Begeisterung für Sprache und Kultur hegte, jedoch noch einen Schritt weiter: angesichts der zunehmenden sprachlichen Veränderungen und des sich inzwischen als Schriftsprache etabliertem „latinum circa romanicum“, „einem Kompromiss zwischen klassischem Latein und romanischer Umgangssprache“[5], sah er sich gezwungen, das klassische Latein im Zuge der Karolingischen Renaissance von den neuen Formen zu reinigen – er kreierte sogar eine einheitliche Schrift, die ‘karolingische Minuskel’ – und dem Qualitätsabfall im Bereich der Bildung entgegen zu steuern. In der Praxis bedeutete dies, religiöse Texte von orthographischen und grammatischen Fehlern reinigen zu lassen, sowie die Lesesprache wieder der klassisch lateinischen Orthographie anzunähern. Den Klerikern wurde es aufgetragen, diese Neuerungen zu kontrollieren. Jene Hinwendung zu den klassisch lateinischen Normen, das heißt zur korrekten traditionellen Grammatik und den korrekten Ausspracheformen, vergrößerte jedoch die Kluft zwischen Schrift – und Sprechsprache umso mehr, zumal die nun vorgetragenen Texte für den Großteil der Bevölkerung unverständlich wurden. Von nun an waren häufig Glossare zur Erklärung unbekannter Wörter notwendig und man wurde sich der Existenz zweier verschiedener Sprachen bewusst. Wieder waren es die Kirche und die Bischöfe des Karolingischen Reiches, die hier eine große Rolle spielten: sie forderten, die Messen in einer für jedermann verständlichen und zugänglichen Volkssprache abzuhalten, denn lesen bedeutete für sie zugleich auch verstehen: „ legere (« lire ») n’est pas séparable de intellegere (« comprendre »)“.[6] Eben dies wurde im Jahre 813 n. Chr. im Konzil von Tours beschlossen: „Et ut asdem omelias quisque aperte transferre studeat in rusticam Romanam linguam aut Thiotiscam, quo facilius cuncti possint intellegere quae dicuntur“ „[…] sie zu übertragen in bäurische romanische oder deutsche Sprache, damit alle Anwesenden leicht verstehen, was gesagt wird “.[7] Mit diesem oft zitierten Wortlaut war die romanische Volkssprache, die ‘lingua romana rustica’, als Sprechsprache offiziell legitimiert und anerkannt worden. Doch ein Wort dieses Ausspruchs war für die Weiterentwicklung der altfranzösischen Sprache von besonderer Bedeutung: transferre bedeutete im Lateinischen zur Zeit der Karolinger „traduire par écrit “.[8] So wurden die lateinischen Predigten bald nicht mehr nur mündlich, sondern auch schriftlich übersetzt, was letztendlich die Verschriftung der Volkssprache bedeutete. Ein Problem das dabei auftrat, war die Unkenntnis darüber, wie die romanischen Sprachformen mittels der lateinischen Grapheme ins Schriftliche umzusetzen waren. Auch der vor allem im Bereich der Abstrakta reduzierte Wortbestand des ‘romanz’ gestaltete sich bei der Übersetzung schwierig. Dies waren unter anderem Gründe für die in den kommenden Jahrhunderten stark voneinander abweichenden Schreibweisen in altfranzösischen Texten.

Doch trotz der Aufnahme der bisherigen Sprechsprache in den Bereich des Schriftlichen, blieb die Stellung des Lateinischen als offizielle Schriftsprache unangefochten. Dies galt vor allem für den Bereich der Kirche, des Unterrichts, der Wissenschaften und der Verwaltung. Die romanische Volkssprache wurde im Gegensatz dazu meist in Texten verwendet, die der Unterrichtung des Volkes dienten und somit von bestimmtem Nutzen waren, wie etwa Protokolle, Urkunden oder Eide. Die Anerkennung einer nichtlateinischen Volkssprache wird – neben dem Einsetzen der ersten schriftlichen Überlieferungen – als Beginn der altfranzösischen Periode angesetzt.

1.2 Die Entstehung der dialektalen Sprachlandschaft des französischen Mittelalters

Die uns heute überlieferte altfranzösische Literatur ist „Dialektliteratur“[9]. Es ist falsch, von einer einheitlichen, alle Regionen übergreifenden Sprache auszugehen, denn bereits zur Zeit der Merowinger (448 – 751 n.Chr.) war Gallien in drei große, klar voneinander getrennte Sprachräume unterteilt: die wohl deutlichste Trennlinie teilte das Land in einen nördlichen (langue d’oïl) und einen südlichen (langue d’oc) Sprachbereich, wobei die Grenze etwa im Gebiet des Poitou verlief. Hier sei jedoch angemerkt, dass die Bezeichnungen ‘ langue d’oïl’ und ‘ langue d’oc ’, trotz der sehr frühen Aufteilung, erst ab dem 13. Jahrhundert belegt sind. Das Frankoprovenzalische bildete im Südosten des Landes einen weiteren Sprachraum. Diese sehr früh bestehende sprachliche Einteilung wurde vor allem in der spätkarolingischen Zeit noch weiter untergliedert. Als Folge der ab dem 9. Jahrhundert einsetzenden feudalen Zersplitterung des Landes, welches zudem über kein politisches Zentrum verfügte, sowie der Verschlechterung der Verkehrs- und Handelsverbindungen, begann jede Region, ihr Eigenleben zu führen und ihre eigenen sprachlichen Merkmale herauszubilden. Auch natürliche Grenzen, wie Gebirge und Flüsse, begünstigten diese mundartlichen Eigenentwicklungen. Jedoch konnte zwischen den einzelnen Dialekten meist keine klare Grenzlinie gezogen werden und so entwickelten sich die Dialekte zu heterogenen Mischgebilden, oder grenzten sich stärker voneinander ab, je nachdem wie ausgebildet die (natürlichen) Grenzen zwischen den einzelnen Regionen waren. Da der Ursprung der modernen französischen Sprache im nördlichen Bereich des Landes liegt, soll in dieser Arbeit nur auf die Dialekte der ‘ langue d’oïl ’ Bezug genommen werden. In der Sprachwissenschaft ging man unter anderem der Frage nach, in welchem Ausmaß eine dialektale Gliederung des nordfranzösischen Raumes bereits für das 9. Jahrhundert nachweisbar sei. Auch wenn Maurice Delbouille eher von einer relativen sprachlichen Einheit zur Zeit der Karolinger ausgeht („il y avait, en effet, entre les dialectes d’oïl beaucoup plus de ressemblances que de divergences“[10] ), bestreitet dieser nicht grundlegend eine dialektale Gliederung im 9. Jahrhundert. Nach Ansicht verschiedener Sprachforscher wie Louis Remacle, Carl Theodor Gossen und Gerold Hilty, besteht dennoch kein Zweifel mehr darüber, dass bereits zur Zeit der Karolinger eine dialektale Differenzierung Nordfrankreichs bestanden hatte: „en 800 déjà, dix traits différenciateurs, parmi lesquels plusieurs variations capitales, séparaient les dialectes envisagés“[11]. Die wohl bedeutendsten aus den Sprachdenkmälern bekannten Dialekte sind Folgende: im Norden sprach man normannisch und pikardisch (Amiens, Arras, Caen, Rouen), im Nordosten wallonisch (Liège), im Osten lothringisch (Metz), im Südosten burgundisch (Dijon), welches jedoch nicht häufig belegt werden konnte, im Zentrum sprach man ‘franzisch’ (Paris, Ile-de-France) und champagnisch (Troyes, Reims), im Nordwesten angevinisch (Anjou, Angers, Maine), und schließlich im südwestlichen Gebiet poitevinisch (Poitiers). Seit 1066 n. Chr. entfaltete sich mit der Eroberung Englands durch die Normannen ein weiterer Dialekt, der sich jedoch weitgehend isoliert und unabhängig vom Normannischen in England weiterentwickelte: das Anglonormannische. Diese dialektale Vielfalt spiegelte sich auch in der Schriftlichkeit wieder, denn je nach Region wichen die Schreibformen stark voneinander ab. Dass das Altfranzösische eine sehr heterogene Schriftsprache war, lässt sich anhand der uns heute überlieferten Texte nachweisen. Die dialektalen Differenzen zeigten sich häufig in der Phonemstruktur der Lexeme. So konnte zum Beispiel das altfranzösische Wort für ‘Nachtigall’ sowohl als lousignol, als auch als rousignol realisiert werden. Des Weiteren finden sich starke Unterschiede in der Orthographie, wie auch in der Morphologie, wie etwa bei den Verbformen. Der subjonctif présent des Verbs aller konnte so zum Beispiel drei verschiedene Formen annehmen: voise, alge oder aille.[12] Für die altfranzösische Verbform (je) vueil konnte Anthonij Dees in seinem Atlas des formes linguistiques des textes littéraires de l’ancien français 115 verschiedene Schreibungen nachweisen. An dieser Stelle sei jedoch gesagt, dass in einem Text, ja sogar auf ein- und derselben Seite, mehrere verschiedene dialektale Formen eines Wortes auftreten konnten, was bedeutet, dass die altfranzösischen Texte „heterogene Mischgebilde“[13] darstellten, mit regionalen, aber auch überregionalen Zügen. Die Tatsache, dass ein mittelalterlicher Text nicht eins zu eins die Mundart seines Schreibers abbildete, eröffnete ein weites Feld in der Sprachwissenschaft und genau dieses Phänomen soll Gegenstand dieser Arbeit sein.

2 Die ersten überlieferten Texte in altfranzösischer Sprache

2.1 Grenzen der sprachwissenschaftlichen Forschung

Bei der Untersuchung altfranzösischer Schriftstücke ist es unabdingbar sich zu vergegenwärtigen, dass die Produktion geschriebener Texte im Mittelalter nicht mit der heutigen Situation vergleichbar ist. Erschwerte Produktions- und Rezeptionsbedingungen (der Großteil der Bevölkerung bestand aus Analphabeten) sind Gründe dafür, dass sich die Sprachwissenschaft mit einer spärlichen Überlieferung romanischer Texte konfrontiert sieht. Kleriker und Notare, welche zu den wenigen Schriftkundigen zählten, hatten die wichtige Funktion, „Gehörtes zu Protokoll zu nehmen und Geschriebenes vorzulesen“.[14] Hinzu kommt, dass das Lateinische weiterhin den Status der offiziellen Schriftsprache innehatte (im Bereich der Kirche sogar bis ins 16./17. Jahrhundert) und die meisten uns vorliegenden altfranzösischen Texte aus der Zeit vor 1200 lediglich Einschübe in lateinische Handschriften darstellen. Dennoch gewähren einige Dokumente Einblick in den damaligen Sprachstand, sowohl in phonetischer und morphologischer, als auch in syntaktischer Hinsicht. Erschwerend kommt jedoch hinzu, dass die meisten Schriftstücke nicht eindeutig lokalisierbar sind, zumal sie, wie bereits oben erwähnt, viele überregionale Züge aufweisen: „(…) aucun des plus anciens textes français ne possède une forme dialectalement homogène“. Eine Weiterführung dieser von Gerold Hilty gemachten Beobachtung gewährt einen noch tieferen Einblick in die Problematik, mit der sich die Sprachwissenschaft heute auseinandersetzt: „Les premiers monuments littéraires contiennent tous des traits qui ne s’expliquent pas par la langue de la région d’où proviennent ces textes (…)“.[15]

Mittels einer Untersuchung der ersten in altfranzösischer Sprache überlieferten Schriftstücke lässt sich gut der sprachliche und kulturelle Wandel der damaligen Gesellschaft veranschaulichen.

2.2 Die Straßburger Eide (Les Serments de Strasbourg)

Nach den Reichenauer Glossen und der Formule de Soissons, welche beide in das 8. Jahrhundert zu datieren sind und keinen durchgehenden romanischen Text enthalten, sondern lediglich als erste volkssprachliche Spuren in lateinischen Texten zu werten sind (die Formule de Soissons enthält den wohl ersten in französischer Sprache formulierten Satz: „ tu lo juva[16] ), fand in den Serments de Strasbourg, die am 14. Februar 842 von den Enkeln Karls des Großen, nämlich Karl dem Kahlen (Charles le Chauve) und Ludwig dem Deutschen (Louis le Germanique), geleistet wurden, zum ersten Mal eine romanische Volkssprache Einzug in den Bereich des Schriftlichen: „Preuve importante, car ce texte, de par son exceptionnelle antiquité […] peut donner un aperçu […] de ce qu’était la langue vulgaire, en France, au IXe siècle“.[17] Bei den Straßburger Eiden handelt es sich um einen lateinischen Bericht, in den die in der Volkssprache, das heißt Altfranzösisch und Althochdeutsch, geleisteten Eide von dem Historiker Nithard, einem Cousin der beiden verfeindeten Brüder, als Zitate eingefügt wurden. Aus sprachwissenschaftlicher Sicht erscheint der Text jedoch als nicht sehr aufschlussreich, zumal er aufgrund seiner formelhaften Abfassung nur über einen sehr begrenzten Wortschatz verfügt und zudem viele Latinismen aufweist. Eine exakte Zuweisung zu einer der damaligen romanischen Dialekte ist aufgrund mangelnder sprachlicher Merkmale nicht möglich. Man kam zu dem Ergebnis, dass es sich bei der Sprache in den Serments de Strasbourg vielmehr um eine Art „Mischsprache“[18] handelt, welche Regionalismen weitgehend zu vermeiden versucht und welche stark an der lateinischen Orthographie orientiert ist. So fällt zum Beispiel auf, dass der in den romanischen Volkssprachen üblicherweise gebrauchte bestimmte Artikel weggelassen wurde („Si Lodhuuigs sagrament, que […]“ anstatt „ lo sagrament“)[19], außerdem viele rein lateinische Lexeme enthalten sind (pro, nunquam oder in damno sit) oder der Schreiber auf jegliche Diphthongierung verzichtet hatte, obwohl die Entwicklung der altfranzösischen Diphtonge schon im 3. Jh. n. Chr. eingesetzt hatte. Dennoch lassen sich einige volkssprachliche Züge erkennen, welche die Eide zu einem nichtlateinischen Text machen, wie etwa ein auffallend französisches Vokabular (dreit < dirēctum statt iūs (Recht), savir < săpere statt scīre (wissen), avant < abănte statt ănte (vor)) oder der Gebrauch des neuen romanischen Futurs: salvarai, prindrai.[20]

Obwohl die sprachlichen Erkenntnisse, die man durch die Straßburger Eide gewonnen hat, relativ begrenzt sind, ist deren historischer und symbolischer Wert nicht von der Hand zu weisen, zumal dieses juristische Schriftstück einen wichtigen Einschnitt in der (Sprach-) Geschichte darstellt: „[c’est le moment], quand on fonda la France, l’Allemagne l’Europe – mais surtout le français écrit“.[21]

2.3 Die Eulaliasequenz (La Séquence de Sainte-Eulalie)

Der Übergang von den Straßburger Eiden zur Eulaliasequenz, dem ersten altfranzösischen literarischen Text, der etwa vierzig Jahre nach den Straßburger Eiden entstanden ist (ca. 880 n. Chr.) und die spanische Märtyrerin Eulalia in der Form eines aus 14 assonierenden Verspaaren bestehenden Gedichtes besingt, erscheint trotz der zeitlichen Nähe der beiden Schriftstücke enorm. Dies weist einmal mehr darauf hin, dass es sich bei den Eiden nicht um die Wiedergabe eines französischen Dialekts handeln kann. Obwohl die Séquence de Sainte Eulalie auch einige Latinisierungen enthält (clementia, post, deo, anima oder rex)[22], trifft man bei einer sprachlichen Untersuchung auf eine schon sehr weit entwickelte Darstellung der Phonie, sowie auf morphologische und syntaktische Strukturen, die auch in den französischen Texten des 11. und 12. Jahrhunderts auftreten. So werden zum Beispiel für das Altfranzösische typische Diphthongierungen konsequent wiedergegeben (ciel < célum, bellezour < bellatiórem, buona < bóna).[23] Dieser beachtliche sprachliche Unterschied, der sich in einem Zeitraum von nur vierzig Jahren ergeben hat, ist nicht als Ergebnis einer sprachlichen Weiterentwicklung zu werten, sondern stellt einen kulturellen Wandel dar, nämlich einen „Wandel in der Auffassung und Handhabung der Diglossie“.[24] Eine besondere Bedeutung erfährt die Séquence de Sainte-Eulalie jedoch, wenn man versucht, sie einem bestimmten sprachlichem Gebiet und somit einem bestimmten Dialekt zuzuordnen. Fraglich dabei ist, ob und inwiefern die von Auguste Brun zu Beginn des 20. Jahrhunderts gemachte Äußerung vertreten werden darf: „Dans toutes les provinces, à l’origine, c’est le dialecte local qui a d’abord remplacé le latin“.[25] Zur Veranschaulichung wird hier der altfranzösische Text der Eulaliasequenz wiedergegeben[26]:

1 Buona pulcella fut Eulalia,
2 Bel auret corps, bellezour anima.
3 Voldrent la veintre li Deo inimi,
4 Voldrent la faire diaule servir.
5 Elle no'nt eskoltet les mals conselliers,
6 Qu'elle Deo raneiet, chi maent sus en ciel,
7 Ne por or ned argent ne paramenz
8 Por manatce regiel ne preiement;
9 Niule cose non la pouret omque pleier
10 La polle sempre non amast lo Deo menestier.
11 E por o fut presentede Maximiien,
12 Chi rex eret a cels dis soure pagiens.
13 Il li enortet, dont lei nonque chielt,
14 Qued elle fuiet lo nom chrestiien.
15 Ell'ent adunet lo suon element;
16 Melz sostendreiet les empedementz
17 Qu'elle perdesse sa virginitét;
18 Por os furet morte a grand honestét.
19 Enz enl fou lo getterent com arde tost;
20 Elle colpes non avret, por o nos coist.
21 A czo nos voldret concreidre li rex pagiens;
22 Ad une spede li roveret tolir lo chieef.
23 La domnizelle celle kose non contredist:
24 Volt lo seule lazsier, si ruovet Krist;
25 In figure de colomb volat a ciel.
26 Tuit oram que por nos degnet preier
27 Qued auuisset de nos Christus mercit
28 Post la mort et a lui nos laist venir
29 Par souue clementia.[27]

Im Allgemeinen ist man sich darüber einig, dass der Entstehungsort der Sequenz im nordfranzösischen Raum zu suchen ist. Einige sprachliche Formen erlauben eine Zuordnung des Textes zu einem Grenzgebiet zwischen der Wallonie und der Picardie, wie etwa das Weglassen des prothetischen [ε] bei Wörtern, die mit [s] + Konsonant anlauten (spede, Vers 22), oder die Reduzierung von Thriphthongen zu Diphthongen, wobei jeweils der erste Vokal eliminiert wird: lei (V. 13), raneiet (V. 6), fou (V. 19) oder coist (V. 20).[28] Auch Formen wie diaule (V. 4) oder seule (V. 24) lassen auf einen wallonisch-pikardischen Sprachraum schließen.[29] Entscheidend ist jedoch, dass in der altfranzösischen Fassung der Eulaliasequenz auch Formen auftreten, die weder wallonisch, noch pikardisch sind – ein Phänomen, welches die vieldiskutierte und zentrale Frage bezüglich der Herkunft jener unbekannten Sprach-formen aufbrachte. Es war der Gebrauch von Gleitkonsonanten, was eine eindeutige dialektale Zuordnung der Sequenz unmöglich machte. Formen wie sostendreiet (V. 16) oder voldre(n)t (V. 4, 21) waren im Nordosten und Osten Frankreichs unbekannt und mussten daher aus anderen Regionen stammen.[30] Gerold Hilty erklärte dies in Anlehnung an die von Max Pfister unternommenen Untersuchungen[31] wie folgt: die Gleitkonsonanten, in diesem Fall d, seien bereits ab dem 7. Jahrhundert, ausgehend von einem Gebiet zwischen der Seine und dem Zentralmassiv, in die Dialekte anderer Regionen ausgestrahlt worden. Obgleich diese Diffusion die östlichen und nordöstlichen Gebiete im Hinblick auf die dialektale Mündlichkeit nicht erreicht hätte, so wäre dies sehr wohl im Bereich des Schriftlichen geschehen. Dabei seien auch kulturelle Zentren wie Saint-Riquier, Corbie oder Saint-Amand beeinflusst worden.[32] Diese Untersuchungen zeigen, dass die altfranzösische Schriftsprache, welche von Region zu Region klare Differenzen aufweist, nicht einfach mit dem Dialekt der jeweiligen Region gleichgesetzt werden darf, sondern „dass zwischen der schriftlichen Überlieferung und den gesprochenen Dialekten des Mittelalters eine Kluft [besteht]“.[33]

[...]


[1] Brun, Auguste (1905): Histoire de la langue française du XIIIe siècle à 1500, I, Paris. S. 364

[2] Zit. n. Brunot, Ferdinand (1907): Histoire de la langue française, I, Paris: A. Colin. In: Cerquiglini, Bernard

(1991): La naissance du français – Paris, Presses Universitaires de France, S 25

[3] Geckeler, Horst/Dietrich, Wolf (2003): Einführung in die französische Sprachwissenschaft – Berlin: Schmidt,

S. 185

[4] Kesselring, Wilhelm (1973): Grundlagen der französischen Sprachgeschichte. – Tübingen, S. 182

[5] Kesselring, Wilhelm (1973): Grundlagen der französischen Sprachgeschichte. – Tübingen, S. 182

[6] Cerquiglini, Bernard (1991): La naissance du français – Paris, Presses Universitaires de France, S. 41

[7] Cerquiglini, Bernard (1991): La naissance du français – Paris, Presses Universitaires de France, S. 41f.

[8] Aus Gründen der Genauigkeit wurde hier der französische Wortlaut der zitierten Quelle übernommen:

Cerquiglini, Bernard (1991): La naissance du français – Paris, Presses Universitaires de France, S. 42

[9] Kesselring, Wilhelm (1973): Grundlagen der französischen Sprachgeschichte. – Tübingen. S. 196. Vgl. hierzu

Kapitel 3.1 dieser Arbeit. S.15

[10] Delbouille, Maurice (1970): „Comment naquit la langue française?“. In: Mélanges offerts à M.Georges Straka.

Ouvrage publié avec le concours du Centre National de la recherche scientifique, I. Lyon-Strasbourg: Société de linguistique romane. S. 195

[11] Remacle, Louis (1948): Le problème de l’ancien wallon – Paris: Les Belles Lettres. S.141

[12] Perret, Michel (1998): L’introduction à l’histoire de la langue française. – Paris: Sedes S. 40f.

[13] Gsell, Otto (2001): „Französische Koine“ In: Holtus, Günter/ Metzeltin Michael/ Schmitt Christian (eds.): Lexikon der Romanistischen Linguistik (LRL), II,2. – Tübingen: Max Niemeyer Verlag, S. 284

[14] Lüdtke, Helmut (1964): „Die Entstehung romanischer Schriftsprachen.“ – In: Vox Romanica/23, 3-21. Basel/Tübingen: Francke. S. 12f.

[15] Hilty, Gerold (1993): „Les plus anciens textes français et l’origine du standard“ – In: Knecht - Pierre, Zygmund Marzys (eds.): Ecriture, langues communes et normes. Formation spontanée de koinès et

standardisation dans la Galloromania et son voisinage, 9-16. Neuchâtel, Genève: Faculté des Lettres, Droz.

[16] Cerquiglini, Bernard (1991): La naissance du français – Paris, Presses Universitaires de France, S. 58

[17] Cerquiglini, Bernard (1991): La naissance du français – Paris, Presses Universitaires de France, S. 19

[18] Berschin, Helmut; Felixberger, Josef; Goebl, Hans (1978): Französische Sprachgeschichte. – München: Hueber. S. 187

[19] Lüdtke, Helmut (1964): „Die Entstehung romanischer Schriftsprachen.“ – In: Vox Romanica/23, 3-21. Basel/Tübingen: Francke. S. 9

[20] Berschin, Helmut; Felixberger, Josef; Goebl, Hans (1978): Französische Sprachgeschichte. – München: Hueber. S. 189

[21] Cerquiglini, Bernard (1991): La naissance du français – Paris, Presses Universitaires de France, S. 67

[22] Rickard, Peter (1977): Geschichte der französischen Sprache. – Tübingen: TBL Verlag Gunter Narr. S. 38

[23] Rickard, Peter (1977): Geschichte der französischen Sprache. – Tübingen: TBL Verlag Gunter Narr. S. 38

[24] Lüdtke, Helmut (1964): „Die Entstehung romanischer Schriftsprachen.“ – In: Vox Romanica/23, 3-21. Basel/Tübingen: Francke. S. 11

[25] Brun, Auguste (1905): Histoire de la langue française du XIIIe siècle à 1500, I. Paris. S. 364

[26] Ein Abdruck des handschriftlichen Originals wurde dem Anhang zugefügt

[27] Hilty, Gerold (1993): „Les plus anciens textes français et l’origine du standard“. In: Knecht - Pierre, Zygmund Marzys (eds.): Ecriture, langues communes et normes. 9-16. Neuchâtel, Genève: Faculté des Lettres, Droz. S. 10/11

[28] Hilty, Gerold (1993): „Les plus anciens textes français et l’origine du standard“. S. 11

[29] Rickard, Peter (1977): Geschichte der französischen Sprache. – Tübingen: TBL Verlag Gunter Narr. S. 39

[30] Zur Veranschaulichung wurde eine Karte im Anhang beigefügt

[31] Pfister, Max (1973): „Die sprachliche Bedeutung von Paris und der Ile-de-France vor dem 13. Jahrhundert“ –

In: Vox Romanica 32. Basel/Tübingen: Francke. S. 234ff.

[32] Hilty, Gerold (1993): „Les plus anciens textes français et l’origine du standard“. S. 14

[33] Völker, Harald (2001): „Die Skriptaforschung als eine Philologie der Varietäten – Zur Negation mit (ne)…nient in den altfranzösischen Urkunden der Grafen von Luxemburg (1237-1281)“ – In: Gärtner, Kurt: Skripta, Schreiblandschaften und Standardisierungs-tendenzen. – Trier: Kliomedia. S. 75

[...]

Details

Seiten
39
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656725466
ISBN (Buch)
9783656741008
Dateigröße
701 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v279676
Institution / Hochschule
Universität Regensburg – Institut für Romanistik
Note
1,7
Schlagworte
verschriftung französischen mittelalter begriff skripta

Autor

Zurück

Titel: Die Verschriftung des Französischen im Mittelalter. Der Begriff der "Skripta"