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Die Rekonstruktion des (Nicht-)Erlebten. Das False Memory Konzept

Hausarbeit 2012 24 Seiten

Psychologie - Allgemeine Psychologie

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Falsche Erinnerungen – Einführung und Grundlagen

3 „Sünden“ des Gedächtnisses - Wie entstehen falsche Erinnerungen?
3.1 Verblassen von Erinnerungen
3.2 Die Selektivität der Wahrnehmung und Aufmerksamkeit
3.3 Das „tip of the tongue“ Phänomen
3.4 Fehlzuordnungen und Fehlinformationen
3.5 Quellen-Überwachung, Quellenverwechselungen und Quellenam-nesien im Kontext der menschlichen Vorstellungsgabe
3.6 Suggestibilität und induzierte Fehlinformationen
3.7 (kulturelle) Schemata und die soziale Dimension
3.8 Die Persistenz von Erinnerungen

4 Fazit/Ausblick

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die Funktionalität des Gehirns ist für den Menschen schon immer ein sowohl faszinierendes als auch schwer greifbares Phänomen gewesen. Aus historischer Sicht ist die Darstellung häufig angelehnt an technische Errungenschaften der jeweiligen Zeit. Sigmund Freud sprach von einem „psychischen Apparat“, der Verhaltensforscher Konrad Lorenz empfand hinsichtlich des Instinktverhaltens den Vergleich zum Dampfkesselmodell als besonders sinnvoll und die amerikanischen Behavioristen sahen im Gehirn Analogien zu einer selbstständig arbeitenden Telefonschaltzentrale. Natürlich galt dies schließlich auch für die Erfindung des Computers in jüngerer Zeit. Es gibt durchaus Ansätze (zum Beispiel bei Faktenwissen), die Vergleiche zwischen menschlicher und maschineller Verarbeitungsweise erlauben. Ein bedeutender Unterschied ist jedoch zunächst die serielle Verarbeitungsweise des Computers, die der parallelen Verarbeitung von Informationen seitens des menschlichen Gehirns gegenübersteht. Der Computer kann den Menschen im Schach besiegen, scheitert aber bislang meistens bei der Unterscheidung von Hund und Katze (Kühnel & Markowitsch, 2009).

War der Vergleich zwischen Computer und Gedächtnis vor 20 Jahren noch wenig umstritten, wird heute vor allem die Sichtweise unterstützt, dass das Gedächtnis keineswegs als Archiv betrachtet werden kann, das sorgsam und verlässlich Vergangenes abspeichert. Forschungsarbeiten zu alltäglichen Irrtümern und Fehlbarkeiten legten nahe, wie wenig Verlass im Grunde auf das Gedächtnis ist. Schon Freud erkannte seinerzeit:

„Es gibt im Allgemeinen keine Garantie für die Richtigkeit unseres Gedächtnisses; und doch überlassen wir uns weit häufiger dem Anspruch, dass wir seinen Informationen Glauben schenken können, als es objektiv gerechtfertigt wäre“ (Freud, 1901, S.193)

Eine entscheidende Rolle für menschliche Gedächtnisleistungen spielt das autobiographische Gedächtnis. Es ist das einzig dem Menschen vorbehaltene Privileg, „ ‚ich’ sagen zu können und damit eine einzigartige Person zu meinen, die eine besondere Lebensgeschichte, eine bewusste Gegenwart und eine erwartbare Zukunft hat“ (Markowitsch & Welzer, 2005, S.11). Autobiographische Erinnerungen müssen, um sinnvoll genutzt zu werden, einen persönlichen Bezug besitzen und somit eine emotionale Note. Sowohl die Einspeicherung, als auch der Abruf von Erinnerungen wird durch die momentane Verfassung, Stimmung beeinflusst (Markowitsch, 2009). Dies ermöglicht uns auch, Situationen durch den Rückgriff auf Erinnerungen erwartbar zu machen. Allerdings ist das autobiographische Gedächtnis, wie man erkannt hat, anfällig für Verwechselungen der Umstände von Geschehnissen sowie der Quelle von Ereignissen (Markowitsch & Welzer, 2005). Es ist daher möglich, im Extremfall Erinnerungen an komplette Ereignisse bildlich und detailliert vor Augen zu haben, die nie geschehen sind.

Zunächst wird in dieser Arbeit der Versuch unternommen, in die Thematik von „false memory“ (falsche Erinnerung/ Erinnerungsverfälschung) einzuführen und einen Eindruck der Bedeutsamkeit von Gedächtnis und Erinnerung für die lebensweltliche Orientierung des Menschen zu vermitteln. Dies kann in dem gegebenen Rahmen nur ansatzweise geschehen. Für ein tiefgreifendes Verständnis von falschen Erinnerungen ist eine intensive Auseinandersetzung mit evolutionsbedingten Gedächtnisentwicklungen, Gedächtnisprozessen und Verarbeitungszentren im Gehirn erforderlich, deren ausführliche Betrachtung hier nicht geleistet werden kann.

Kern dieser Arbeit wird im drauf folgenden Abschnitt die Betrachtung einiger unterschiedlicher Gedächtnisphänomene, die ursächlich mit der Entstehung falscher Erinnerungen in Verbindung gebracht werden. Es ist dabei beabsichtigt, die einzelnen Punkte durch Beispiele aus dem Alltag oder aus dazu existierenden Studien zu veranschaulichen. Eine Abgrenzung der einzelnen Teile erfolgt in erster Linie zum Zweck einer deutlicheren Illustration. Gerade im Bereich von Quellenverwechslungen und –amnesien, für die viele Beispiele aufgeführt werden, erweisen sich klare Abgrenzungen als schwierig. Eine Trennung erfolgt hier häufig nur, wenn sich der Schwerpunkt der Betrachtung verlagert, wie zum Beispiel hinsichtlich der Konzentration auf Schemata und Kategorienbildung. Es wird in den aufgeführten Punkten außerdem auf verschiedene Bereiche des Gedächtnisprozesses konzentriert, bei denen es zu falschen Erinnerungen kommen kann.

2 Falsche Erinnerungen – Einführung und Grundlagen

Die Zusammensetzung des Begriffs irritiert zunächst. Es ist kaum vorstellbar, dass detaillierte persönliche Erinnerungen an bestimmte Ereignisse „entweder nie oder auf eine andere Art und Weise“ erfahren wurden. Dabei gibt es im Grunde viele alltägliche Beispiele für falsche Erinnerungen. Wenn mit Freunden oder Familienangehörigen über Feiern und Urlaube in der Vergangenheit gesprochen wird, gehen die Meinungen, wie etwas abgelaufen ist, häufig bei bestimmten Punkten auseinander (Kühnel & Markowitsch, 2009). Keine zwei Menschen teilen die gleichen Erinnerungen, da jeder einen individuellen Blickwinkel auf das Geschehen besitzt. Es ist möglich, auch nach langer Zeit, neben ganzen Episoden Sinneswahrnehmungen zu bestimmten Situationen in der Vergangenheit erinnern, sei es ein Geruch, ein Geschmack oder ein Gefühl, das zu diesem Zeitpunkt empfunden wurde. „Nur der Mensch kann sich an seine Biographie bewusst erinnern, nur er weiß, wie er eine bestimmte Situation erlebt und wie er sich dabei gefühlt hat“ (Rollin zit. nach Markowitsch, 2006). Jedoch verändern sich Erinnerungen mit der Zeit.

Die persönliche Biographie eines Menschen ist grundlegend für seine Persönlichkeit und Identität, weswegen er sich auf den Wahrheitsgehalt seiner Erinnerungen verlässt. Dennoch sind Erinnerungen weder eine Kopie der Realität, noch sind sie endgültig und unveränderlich präsent und abrufbar. Der Prozess, der falschen Erinnerungen zugrunde liegt, unterscheidet sich nicht grundlegend von der Generierung wahrer Ereignisse. Bei Erinnerungen – ob wahr oder falsch – werden zunächst Informationen über die Sinnesorgane aufgenommen, anschließend im Gehirn verarbeitet, abgespeichert, gefestigt und wieder abgerufen (Promotionsprojekt Sina Kühnel, Uni Bielefeld). Fehler, die zu falschen Erinnerungen führen, können an verschiedenen Punkten der Generierung entstehen, zum Beispiel bei der Wahrnehmung von Umweltreizen, beim Abspeichern oder beim Abruf von Informationen.

Erinnerungen verändern sich, so die Autoren Kühnel und Markowitsch (2009), mit jedem Tag. Informationen, die wir im Moment der Wahrnehmung nur sehr unscharf gespeichert haben, da es situativ eher unbedeutend schien, können sich zu einem späteren Zeitpunkt als wichtig herausstellen. Es entsteht dann das Bedürfnis die Wahrnehmung zu ergänzen. „Im Gespräch in der Familie oder unter Gleichgesinnten passen wir unsere Erinnerungen an einander an“ (Mayer, Glossar: false memory). Wiedererinnern und erneute Abspeicherung verändert die Erinnerung. Das gemeinsame Anschauen eines Fotoalbums in der Familie wird höchstwahrscheinlich die Erinnerung an die eigene Biographie verändern. Dies muss allerdings nicht nachteilig sein, denn die gemeinsamen Erinnerungen können somit auch den Zusammenhalt der Familie stärken, auch wenn sich die tatsächlichen Begebenheiten eines Ereignisses mit der Zeit verzerrt werden (ebd.). Das Re- Enkodierungsphänomen kennzeichnet die Dynamik des Gedächtnisses. Was einerseits eine Festigung der Information bedeutet, ist gleichzeitig Angriffsfläche für Verfälschungen, da die Erinnerung immer im Zusammenhang mit dem momentanen Zustand des Individuums beim Abruf mitgespeichert wird (Markowitsch, 2009). Markowitsch (ebd.) vergleicht die Verfälschung veranschaulichend mit der Übersetzung eines Gedichts aus dem Deutschen ins Französische, dann ins Japanische und schließlich zurück ins Deutsche und sieht im Ergebnis dramatische Veränderungen, auch wenn dabei der Grundinhalt weitestgehend erhalten bleibt. Die Quelle einer Erinnerung wird selten gespeichert. Im heutigen Medienzeitalter mit den unterschiedlichsten Möglichkeiten der Informationsbeschaffung fällt eine dauerhafte Unterscheidung zwischen eigenen Erlebnissen und den Erlebnissen anderer immer schwerer. Im Kontext von Quellenverwechslungen wird auf dieses Thema später näher eingegangen. Auch die Tatsache, dass Voreingenommenheit und Vorurteile grundlegend dafür sind, was oder wem wir Glauben schenken, wird später in den Bereichen der selektiven Wahrnehmung, der Kategorisierung und Suggestibilität angeschnitten.

Besonders aus der Kindheit gibt es häufiger Erinnerungen, an die sich Erwachsene erinnern, obwohl die Situation in Wirklichkeit gar nicht oder anders stattgefunden hat (Kühnel & Markowitsch, 2009). Allgemein wurde erkannt, dass autobiographische Erinnerungen anfällig sind, „für das Verwechseln der Umstände von Geschehnissen und der Quelle von Ereignissen“, was schließlich selbst zu kryptomnestischen, also nicht selbst erlebten Erinnerungen führen kann (Markowitsch & Welzer, 2005, S.26). Der Sozialpsychologe Harald Welzer beschreibt das korrekte Erinnern als Anomalie. Ein Ereignis sei nicht das, was passiert sei, sondern im Sinne eines kommunikativen Gedächtnisses das, was erzählt werden könne (Rollin zit. nach Welzer, 2006).

Die Psychologin Elisabeth F. Loftus hat sich in ihren Experimenten vornehmlich diesem Phänomen gewidmet. Das berühmte „lost-in-the-shopping-mall“-Experiment zeigte aufsehenerregend, wie leicht es möglich ist, falsche Erinnerungen in die Erinnerungen an die Kindheit einzufügen. Kinder, Jugendliche und Erwachsene bekamen dabei jeweils von einem Familienmitglied glaubwürdig eine konstruierte Geschichte aus ihrer Kindheit erzählt. Die Geschichte handelte immer davon, dass die betroffene Person im Alter von fünf Jahren in einem Einkaufszentrum seine Eltern verloren hatte, allein anfing zu weinen und schließlich von einer älteren Dame getröstet und wieder mit den Eltern zusammengeführt wurde. Dass sich viele der Personen schließlich lebhaft an die erfundene Geschichte zu erinnern glaubten, führte man insbesondere auf die Autorität der erzählenden Person, die familiäre Nähe, sowie das Gefühl des Vertrauens zurück (Kühnel & Markowitsch, 2009).

In der Literatur wird mal mehr, mal weniger deutlich zwischen falschen Erinnerungen und falschen Überzeugungen unterschieden. Bei falschen Überzeugungen ist den Betroffenen anscheinend in der Regel eher bewusst, keine Erinnerung an ein Ereignis zu haben. Gleichzeitig glauben sie allerdings fest daran, dass es stattgefunden hat. Falsche Erinnerungen resultieren (in mehr oder weniger von einander abgrenzbaren Formen) aus Konfabulationen, Intrusionen und falschen Rekognitionen. Zu Konfabulationen gehören narrative Erzählungen und Erlebnisse, die meistens autobiographischen Ursprungs sind und nie stattgefunden haben. Eine Unterteilung wird dabei hinsichtlich der Art ihrer Auslösung vorgenommen. Spontanes Konfabulieren wird auf Hirnschädigungen vom Patienten zurückgeführt, wogegen das provozierte Konfabulieren meist durch suggestive Befragungstechniken ausgelöst wird und auch gesunde Personen betreffen kann. Bei Intrusionenzeigt sich mittels Testverfahren, dass zusätzlich zu gelernten oder erlebten Informationen nicht gelernte Informationen wiedergegeben werden. Es können beim Abruf gelernter Begriffe aufgrund von Assoziationen und Verknüpfungen „kritische Zielitems“ erinnert werden, worauf an späterer Stelle nochmals eingegangen wird. Falsche Rekognitionen beschreiben ein ähnliches Versuchssetting. Jedoch wird hierbei eine Wortliste vorgelegt, aus der Versuchspersonen auswählen sollen, welche der Wörter sie zuvor gelernt haben. Wird fälschlicherweise ein nicht gelernter Begriff aufgrund einer semantischen Verknüpfung als gelernt erinnert, handelt es sich um eine Fehlerinnerungim Sinne einer falschen Rekognition. Ein Beispiel: Der Begriff „Schlaf“ wird in der Wortliste fälschlicherweise als gelernt angegeben, obwohl sich unter den zu lernenden Begriffen nur semantisch ähnliche Begriffe wie „Nacht“, „Bett“, „müde“ und „Traum“ befanden (entnommen: Promotionsprojekt Sina Kühnel, Uni Bielefeld).

3 „Sünden“ des Gedächtnisses - Wie entstehen falsche Erinnerungen?

3.1 Verblassen von Erinnerungen

Erinnerungen verblassen. Wenn Erinnerungen nicht mehr aufgerufen werden, lösen sich, so nimmt man an, die für die Engramme zuständigen synaptischen Verknüpfungen (Markowitsch & Welzer zit. nach Schacter, 1999, S. 184). Informationen aus unserer Umgebung sind flüchtig, sowie allerdings auch Gelerntes vergänglich ist. Auch bewusstes und intensives Lernen, kann nach Wochen, Monaten oder Jahren möglicherweise nicht mehr ohne weiteres abgerufen werden. Vergessene Informationen sind für den Menschen nicht wieder zu erlangen. Flüchtiges Wissen beinhaltet jedoch Informationen, die sich durch erneutes Lernen oftmals leicht wieder aktivieren lassen. Wer damals in der Schule zum Beispiel Französisch gelernt hat, dem dürfte eine erneute intensivere Auseinandersetzung mit der Sprache leichter fallen, als Spanisch zu lernen. Auch können manchmal Hinweisreize nötig sein, um ehemalige Klassenkameraden namentlich korrekt zuzuordnen. Für manche Ereignisse hat das Gedächtnis nicht genug Informationen zur Verfügung, um eine Erinnerung dauerhaft aufrecht zu erhalten. Personen aus der Schulzeit, zu denen ein Mensch kaum oder gar keinen Kontakt hatte, verflüchtigen sich somit im Gedächtnis. Teilerinnerungen können auf verschiedensten Sinnesebenen existieren und somit in Form eines Dufts oder Songs im Radio ein plötzliches Wiedererkennen oder ein unbestimmtes vertrautes Gefühl auslösen (Kühnel & Markowitsch, 2009).

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Details

Seiten
24
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656725725
ISBN (Buch)
9783656725701
Dateigröße
456 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v279658
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Humanwissenschaftliche Fakultät - Department Psychologie
Note
1,0
Schlagworte
false memory Wahrnehmung und Erinnerung Rekonstruktion von Informationen

Autor

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Titel: Die Rekonstruktion des (Nicht-)Erlebten. Das False Memory Konzept