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Das Pflege-Neuausrichtungs-Gesetz und seine Veränderungen für Personen mit eingeschränkter Alltagskompetenz

Hausarbeit 2014 17 Seiten

Gesundheit - Pflegewissenschaft - Pflegemanagement

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Zusammenfassung

1 Einleitung

2 Methode der Literaturrecherche

3 Demenz

4 Pflegeversicherung
4.1 Pflegebedürftigkeit
4.1.1 Von der Entwicklung des Pflegebedürftigkeitsbegriffes bis zur Bedeutung der eingeschränkten Alltagskompetenz
4.1.2 Das Neue Begutachtungsinstrument
4.1.3 Leistungen für dementiell Erkrankte nach dem Begriff der Pflegebedürftigkeit vor und nach in Krafttreten des Pflege–Neuausrichtungs–Gesetzes
4.1.4 Herausforderungen bei der Entwicklung des neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffes

5 Fazit und Diskussion

6 Literaturverzeichnis

Eidesstattliche Erklärung

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Pflegeleistung 2014

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Art und Richtung der finanziellen Auswirkungen für die Pflegeversicherung und Sozialhilfeträger

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Zusammenfassung

Seit 1995 besteht die soziale Pflegeversicherung als weiterer Pfeiler des Sozialversicherungssystems in Deutschland. Die vorliegende Arbeit befasst sich mit dem Pflege-Neuausrichtungs-Gesetz. Sie soll speziell die Situation dementiell Erkrankter in der Pflegeversicherung, als so genannte „Personen mit erheblich eingeschränkter Alltagskompetenz“ (im folgenden PEA) und die Veränderungen, die sich für diese Personen durch das Pflege-Neuausrichtungs-Gesetz (im folgenden PNG) ergeben haben, beleuchten. Den theoretischen Rahmen bildet die Pflegeversicherung. Es wird die Frage beantwortet, welche Änderungen sich durch das PNG ergeben haben. Als Quellen wurden das Bundesministerium für Gesundheit (im folgenden BMG), Literatur in einschlägigen Zeitschriften zum Thema Pflegerecht und die Gesetzestexte gewählt. In der Konsequenz hat das PNG tatsächlich nur marginale Veränderungen geschaffen. Die erhoffte große, ganzheitliche Veränderung, vor allem in einer tatsächlichen Neudefinition des Pflegebedürftigkeitsbegriffes ist unterblieben. Sicher ist durch das PNG eine punktuelle Verbesserung erreicht worden. Doch hat der Gesetzgeber keineswegs in allen Punkten den Empfehlungen des Expertenbeirates Folge geleistet. Schon die Deklaration als Übergangsregelung - eine vom Gesetzgeber selbst gewählte Formulierung - zeigt dass keiner der Beteiligten mit dem Ergebnis dauerhaft zufrieden sein kann.

Abstract

The social Long-Term-Care-Insurance exists as a pillar of the social system in Germany since 1995. The present paper deals with the care realignment law. Its determined goal is to point out the special situation of dementia sufferers within the social Long-Term-Care-Insurance, as so-called "people with severely impaired activities in daily living" and to clarify the changes that have occurred to them by the PNG. The theoretical framework builds the Long-Term-Care-Insurance. The paper names the changes that have resulted from the PNG. Sources for research were the BMG, literature in relevant journals on the topic of nursing law and law texts. Consequently, the PNG has actually created only marginal changes. The hoped-for big change, especially in an actual redefinition of the concept of nursing care was omitted. Since the PNG has come into force, certain improvements can be noticed. However the legislator has not - in all respects - followed the recommendations of the Expert Advisory Group. Even the declaration of a transitional arrangement, as it names the legislator itself, shows that none of the parties involved can be permanently satisfied with the result.

„Jeder Mensch hat als Mitglied der Gesellschaft Recht auf soziale Sicherheit; er hat Anspruch darauf, durch innerstaatliche Maßnahmen und internationale Zusammenarbeit unter Berücksichtigung der Organisation und der Hilfsmittel jedes Staates in den Genuss der für seine Würde und die freie Entwicklung seiner Persönlichkeit unentbehrlichen wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte zu gelangen."

[Artikel 22 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948]

1 Einleitung

Der Bedarf an professioneller Pflege gewinnt in Deutschland immer mehr an Bedeutung. Durch die zunehmende Alterung der Bevölkerung und der damit einhergehenden Zunahme chronischer Krankheiten steigt das Lebensrisiko pflegebedürftig zu werden (Pick; Brüggemann; Grote; Grünhagen; Lampert 2004, S. 9). Seit der ersten Erhebung war auf Bundesebene durchgängig ein Anstieg bei der Zahl der Pflegebedürftigen zu beobachten: Sie betrug im Jahr 1999 ungefähr 2,02 Millionen und stieg auf 2,25 Millionen im Jahr 2007 an (Statistische Ämter des Bundes und der Länder 2010, S. 21). Im Dezember 2011 waren 2,50 Millionen Menschen im Sinne des Sozialgesetzbuches XI (im folgenden SGB XI) pflegebedürftig (Pfaff 2013). „Das Thema Pflege wird für immer mehr Menschen wichtig. Experten gehen davon aus, dass im Jahr 2030 weit über drei Millionen Menschen Hilfe benötigen werden. (...) Heute werden mehr als zwei Drittel der Pflegebedürftigen zu Hause versorgt. Meist von Angehörigen, oft dem Partner, den Kindern oder Enkeln.“ (BMG 2012, S. 6) Am 29. Juni 2012 beschloss der Deutsche Bundestag das Gesetz zur Neuausrichtung der Pflegeversicherung (Pflege­Neuausrichtungs­Gesetz). Die wichtigsten Regelungen des Gesetzes traten am 1. Januar 2013 in Kraft. Ab diesem Zeitpunkt standen verbesserte und neue Leistungen zur Verfügung (BMG 2012, S. 1). „Das vom Kabinett verabschiedete Gesetz zur Neuausrichtung der Pflegeversicherung (PNG) sieht unter anderem Leistungsausweitungen für Personen mit Demenzerkrankungen vor. Ebenso wie die weiterhin verschobene Einführung eines neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffes ist dies aus pflegewissenschaftlicher Sicht notwendig.“ (Roth und Läufer 2012, S. 288)

Zielsetzung der Arbeit

Diese Hausarbeit beleuchtet speziell die Situation dementiell Erkrankter in der Pflegeversicherung als Personen mit erheblich eingeschränkter Alltagskompetenz. Insbesondere die Änderungen für diese Personengruppe, die sich durch das PNG ergeben haben werden in der vorliegenden Arbeit aufgezeigt. Des Weiteren werden die Herausforderungen auf dem Weg zur Definition eines neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffes und der Implementierung des neuen Begutachtungsinstrumentes dargestellt. Da es den Umfang dieser Hausarbeit überschreiten würde, kann und soll hier nicht auf alle Leistungsveränderungen des PNG eingegangen werden.

Aufbau der Arbeit

Nach der Einleitung wird das methodische Vorgehen zu der Erstellung dieser Hausarbeit beschrieben. Anschließend erfolgt eine Beschreibung des Krankheitsbildes Demenz, deren daran Erkrankte als eine große Gruppe Leistungsberechtigter, als so genannte Personen mit eingeschränkter Alltagskompetenz gelten. Das vierte Kapitel beschreibt die sich aus der Pflegeversicherung ergebenden Begrifflichkeiten der Pflegebedürftigkeit als Leistungsgrundlage. Anschließend wird das vom „Expertenbeirat zur konkreten Ausgestaltung des neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffes“ empfohlene Neue Begutachtungsinstrument (im folgenden NBA) vorgestellt, bevor dann das Leistungsspektrum vor und nach in Kraft treten des PNG erörtert wird. Den Abschluss des vierten Kapitels bilden die Herausforderungen auf dem Weg zu einem neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff. Das fünfte Kapitel bildet mit einer kritischen Auseinandersetzung des Status Quo und einer kritischen Würdigung dieser Hausarbeit, den Abschluss.

2 Methode der Literaturrecherche

Zur Bearbeitung der Thematik wurde mittels Internetrecherche, vor allem beim Bundesministerium für Gesundheit, über die Datenbank „CareLit“ und den Online-Katalog (OPAC) der Fachhochschule Frankfurt am Main nach den Schlagwörtern: Pflegeversicherung, Pflege-Neuausrichtungs-Gesetz, Pflegebedürftigkeit und Demenz recherchiert. Außerdem wurde in der deutschen Nationalbibliothek nach deutschsprachigen Veröffentlichungen zum Thema Pflege-Neuausrichtungs-Gesetz gesucht. Um den Rahmen dieser Hausarbeit nicht zu überschreiten, wird an entsprechender Stelle auf weiterführende Literatur verwiesen.

3 Demenz

Dieses Kapitel soll einen Einblick in die Diagnose Demenz geben, um abgeleitet von ihr, auf den Begriff und die Situation der eingeschränkten Alltagskompetenz der Betroffenen als ein zentrales Element der Pflegeversicherung und Hauptthema dieser Arbeit, hinzuleiten.

Der ICD 10 Katalog (Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme 10. Revision) definiert Demenz wie folgt: „Demenz (F00-F03) ist ein Syndrom als Folge einer meist chronischen oder fortschreitenden Krankheit des Gehirns mit Störung vieler höherer kortikaler Funktionen, einschließlich Gedächtnis, Denken, Orientierung, Auffassung, Rechnen, Lernfähigkeit, Sprache und Urteilsvermögen. Das Bewusstsein ist nicht getrübt. Die kognitiven Beeinträchtigungen werden gewöhnlich von Veränderungen der emotionalen Kontrolle, des Sozialverhaltens oder der Motivation begleitet, gelegentlich treten diese auch eher auf. Dieses Syndrom kommt bei Alzheimer-Krankheit, bei zerebrovaskulären Störungen und bei anderen Zustandsbildern vor, die primär oder sekundär das Gehirn betreffen.“ (Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) 2012) Der Begriff „Demenz“ kommt aus dem lateinischen und bedeutet wörtlich übersetzt „der Geist ist weg“. Wie auch schon im ICD 10 beschrieben wurde, nimmt die geistige Fähigkeit der Betroffenen immer mehr ab, bis hin zum Verlust von allem im Leben Erlernten und schließlich zur völligen Abhängigkeit von Anderen. In der Endphase können dann nur noch die Grundbedürfnisse der Betroffenen befriedigt werden. Die Erkrankung selbst wird durch Störungen der Gehirnfunktion verursacht, die je nach Form unterschiedliche Ursachen haben können. Der Abbau der Gehirnzellen erfolgt in den meisten Fällen schleichend, da anfangs noch genug Gehirnzellen funktionsfähig sind und andere Bereiche des Gehirns die Aufgaben übernehmen können. Mit der Zeit werden immer weitere Teile des Gehirns angegriffen und der Steuerungsmechanismus des Körpers kommt vollkommen durcheinander. Was folgt, sind immer auffälliger werdende Veränderungen im Denken und Verhalten der Betroffenen, sowie eine Kombination aus kognitiven, psychischen und körperlichen Symptomen und Beschwerden. Der Alltag der Betroffenen wird immer weiter beeinträchtigt und die Erkrankten verlieren zunehmend ihre Selbständigkeit. Die Diagnosekriterien einer Demenz sind nach ICD 10 in die Stufen A-D unterteilt. Dabei gilt für eine eindeutige Diagnose:

- A: eine zunehmende Verringerung der Gedächtnisleistungen liegt vor und die kognitiven Fähigkeiten nehmen ab,
- B: eine Bewusstseinstrübung muss fehlen (zum Ausschluss eines Verwirrtheitszustand),
- C: die Affektkontrolle muss vermindert sein und
- D: die kognitiven Störungen müssen seit mindestens 6 Monaten bestehen (Förstl 2012, S. 27).

Die Demenzdiagnose ist immer nur eine Wahrscheinlichkeitsdiagnose, da niemand genau sagen kann, wie genau die Veränderungen im Gehirn ablaufen und fortgeschritten sind. Eine eindeutige, jedoch auch dann nie hundertprozentig Diagnose, kann letztendlich immer erst nach dem Tod durch eine Autopsie gestellt werden (Buijssen 2008, S. 14f.).

4 Pflegeversicherung

„Am 1. Januar 1995 wurde die letzte große Lücke in der sozialen Versorgung geschlossen: Seither gibt es die Pflegeversicherung als eigenständigen Zweig der Sozialversicherung.“ (BMG 2014a, S. 9) Dieses Kapitel soll einen Einblick in die Schritte zur Reform der Pflegeversicherung geben, indem es zunächst Pflegebedürftigkeit und eingeschränkte Alltagskompentenz als essentielle Begrifflichkeiten der Pflegeversicherung erörtert und dann retro- und prospektiv auf Leistungen der Pflegeversicherung für PEA blickt.

4.1 Pflegebedürftigkeit

Nach § 14 Abs. 1 SGB XI sind ausschließlich solche Personen leistungsberechtigt, „(...) die wegen einer körperlichen, geistigen oder seelischen Krankheit oder Behinderung für die gewöhnlichen und regelmäßig wiederkehrende Verrichtungen im Ablauf des täglichen Lebens auf Dauer (...) von mindestens sechs Monaten (...) der Hilfe bedürfen“.

4.1.1 Von der Entwicklung des Pflegebedürftigkeitsbegriffes bis zur Bedeutung der eingeschränkten Alltagskompetenz

„Bis zu 1,4 Millionen Menschen sind heute in Deutschland an Demenz erkrankt. Ihre Versorgung stellt vor dem Hintergrund des demographischen Wandels eine immer größere Herausforderung für das Gesundheits- und Sozialwesen dar. In Abhängigkeit von statistischen Grundannahmen (z.B. zur zukünftigen Entwicklung der altersbezogenen Prävalenzraten) könnte sich die Zahl der Demenzkranken bis zum Jahr 2030 auf etwa 2,2 Millionen erhöhen.” (BMG 2014b) Da die Definition der Anspruchsvoraussetzungen für Pflegeversicherungsleistungen sehr knapp gewählt wurde, standen der Pflegebedürftigkeitsbegriff und das darauf basierende Begutachtungsverfahren recht zeitnah unter fachlichen Gesichtspunkten als unzureichend in der Kritik. Pflegebedürftigkeit sei, so der Kern der Kritik, im SGB XI zu eng, zu verrichtungsbezogen und zu einseitig somatisch definiert (Wingenfeld; Büscher; Schaeffer 2011, S. 15). Die Ausblendung anderer Problem- und Bedarfslagen – etwa des Bedarfs an allgemeiner Betreuung und Beaufsichtigung – führe dazu, dass die wachsende Zahl Hilfebedürftiger mit demenziellen Erkrankungen oder anders verursachten Einschränkungen der Alltagskompetenz keine adäquate Unterstützung durch Leistungen der Pflegeversicherung erhalte. Es folgte daher im Jahr 2002 das Pflege-Ergänzungsgesetz (im folgenden PflEG). Im § 45b SGB XI wurden erstmals zusätzliche Betreuungsleistungen für „Personen mit eingeschränkter Alltagskompetenz“ eingeführt. Mit dem im Jahr 2008 in Kraft getretenen Pflege-Weiterentwicklungs-Gesetz (im folgenden PfWG) wurden die Leistungen auf PEA ausgedehnt, die nicht mindestens erheblich pflegebedürftig waren und daher keine anderen Leistungen aus der Pflegeversicherung beziehen konnten. Damit wurden erstmalig Menschen Leistungen zugebilligt, die nicht im Sinne des Gesetzes als pflegebedürftig galten. Systematisch war diese Lösung unbefriedigend, hatte das BMG doch bereits 2007 den „Expertenbeirat zur konkreten Ausgestaltung des Pflegebedürftigkeitsbegriffes“ eingerichtet. Dieser hatte 2009 zwei Berichte vorgelegt, in denen er einen neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff korrespondierend zu einem NBA vorgeschlagen hatte. Dieser Vorschlag sah vor, dass nun zum Ausgangspunkt nicht mehr die Defizite bei den alltäglichen Verrichtungen herangezogen werden sollten, sondern, dass vielmehr benötigte Hilfestellungen, mit dem Zwecke der Möglichkeit der Pflegebedürftigen zur gesellschaftlichen Teilhabe am Leben, geprüft werden sollen. Die Berücksichtigung kognitiver Beeinträchtigungen, wie sie bei dementiell Erkrankten zum Tragen kommen, würden dadurch besser erfasst werden können (Rothgang; Iwansky; Müller; Sauer; Unger 2011, S. 18 f.).

4.1.2 Das Neue Begutachtungsinstrument

Das NBA ermittelt mit Hilfe von acht Modulen die Beeinträchtigung der Selbstständigkeit und somit die Pflegestufe bzw. den Bedarfsgrad:

1. Mobilität
2. Kognitive und kommunikative Fähigkeiten
3. Verhaltensweisen und psychische Problemlagen
4. Selbstversorgung (Alltagsverrichtungen)
5. Umgang mit krankheits- / therapiebedingten Anforderungen
6. Gestaltung des Alltagslebens und soziale Kontakte
7. Außerhäusliche Aktivitäten
8. Haushaltsführung

Die ersten sechs Module dienen der Ermittlung des Grades der Pflegebedürftigkeit, die Module sieben und acht des Grades der Hilfebedürftigkeit. Die Ermittlung der Pflegebedürftigkeit erfolgt mit Hilfe einer vierstufigen Skala. Die Gewichtung der Module eins bis sechs sieht wie folgt aus:

- 10% Mobilität
- 15% Kognitiver Status und Verhaltensprobleme
- 40% Selbstversorgung (Alltagsverrichtungen)
- 20% Umgang mit krankheits- / therapiebedingten Anforderungen
- 15% Gestaltung des Alltagslebens

Die Einteilung der Pflegebedürftigkeit in Bedarfsgrade (BG) erfolgt nach Zusammenfassen aller Teilergebnisse und unter Berücksichtigung der Gewichtung dann in fünf Stufen auf einer Punkteskala von 0 - 100:

- BG 1: geringe Beeinträchtigung der Selbstständigkeit
- BG 2: erhebliche Beeinträchtigung der Selbstständigkeit
- BG 3: schwere Beeinträchtigung der Selbstständigkeit
- BG 4: schwerste Beeinträchtigung der Selbstständigkeit
- BG 5: BG 4 + besondere Bedarfskonstellationen

Mit Hilfe des NBA lässt sich auch der Bedarf an Rehabilitation feststellen (GKV-Spitzenverband 2011, S. 39 ff.). Nach einem umfangreichen Praxistest, in dem sich das NBA als reliabel und valide erwiesen hatte, wurden die Vorschläge des Beirates von Experten und Politikern positiv bewertet, so dass die Einführung des neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffes einhellig gefordert wurde (Rothgang et al. 2011, S. 19).

4.1.3 Leistungen für dementiell Erkrankte nach dem Begriff der Pflegebedürftigkeit vor und nach in Krafttreten des Pflege–Neuausrichtungs–Gesetzes

„Am 29.06.2012 hat der Deutsche Bundestag das Gesetz zur Neuausrichtung der Pflegeversicherung (Pflege-Neuausrichtungs-Gesetz - PNG - vom 23.10.2012, BGBl. I, S. 2246) verabschiedet, welches am 21.09.2012 auch den Bundesrat passierte.“ (Teubner 2013, S. 71) Laut Teubner ist der Bundesregierung hier keine grundlegende Reform gelungen. Eine neue Definition des Pflegebedürftigkeitsbegriffes konnte laut eigenen Angaben der Regierungskoalition aufgrund einer Vielzahl technischer Fragen, die eine längere Umsetzungsphase benötigt hätte, nicht erreicht werden. (Teubner 2013, S. 71) Dennoch sind punktuelle Verbesserungen erarbeitet worden, die in diesem Kapitel, beschränkt auf PEA, vorgestellt werden sollen.

Vor in Kraft treten des PNG resultierten Ansprüche auf Leistungen, wie in Kapitel 4.1.1 beschrieben, wenn eine Beeinträchtigung im Bereich Körperpflege, Ernährung, Mobilität und der hauswirtschaftlichen Versorgung nach § 14 Abs. 3 Nummer 1 – 4 SGB XI bestand. Unberücksichtigt blieben hier Personen, die eine eingeschränkte Alltagskompetenz aufwiesen und keine oder nur geringe körperliche Einschränkungen hatten. Es fehlte somit eine Leistungsgrundlage. Der fünfte Abschnitt des elften Sozialgesetzbuches (SGB) verankerte dennoch Leistungen für Menschen mit erheblichem allgemeinem Betreuungsbedarf. Nach § 45 b Abs. 1 Satz 2 SGB XI erhielten Personen die zwei der nach § 45 a Abs. 2 Nummer 1 – 13 SGB XI definierten Fähigkeitsstörungen erfüllten, (davon mindestens einmal aus dem Bereich 1-9), ein Betreuungsgeld von 100 Euro im Monat. Wenn Betroffene drei der vorgegebenen Items mit „JA“ beantworten konnten, erhielten sie eine Betreuungsleistung von 200 Euro monatlich. Das Betreuungsgeld wurde zusätzlich zu den Pflegesachleistungen nach § 36 SGB XI, beziehungsweise dem Pflegegeld nach § 37 SGB XI - jedoch zweckgebunden - ausgezahlt. Auch ohne Pflegestufe gibt es seit Einführung des PNG für PEA nun die Möglichkeit ein Pflegegeld in Höhe von 120 Euro oder Sachleistung in Höhe von 225 Euro oder eine Kombinationsleistung (§ 36-38 SGB XI) zu beziehen, auch wenn keine Pflegestufe vorliegt. (§ 123 Abs. 2 SGB XI).

Dennoch wurde die Einstufung in eine Pflegestufe durch eine Neudefinierung des Pflegebedürftigkeitsbegriffs für dementiell Erkrankte nicht vereinfacht. Nach wie vor ist die Bewertung des Unterstützungsbedarfes anhand des Pflegebedürftigkeitsbegriffes weiterhin zu verrichtungsbezogen und einseitig somatisch definiert, folglich immer noch eine große Hürde für dementiell Erkrankte (Wingenfeld et al. 2011, S. 15).

Zu beachten ist, dass diese Leistungen zusätzlich neben dem Anspruch aus § 45 b SGB XI (Zahlung bis zu 200 Euro) beantragt werden können. Auch der Anspruch auf häusliche Betreuung nach §124 SGB XI ist nur bis zur Einführung des neuen Pflegebegriffs gültig. Anspruch auf diese Leistungen haben Pflegebedürftige mit den Pflegestufen I bis III, sowie PEA. Voraussetzung ist aber, dass die hauswirtschaftliche Versorgung und Grundpflege gesichert ist. Ziel dieser Leistung ist nach §124 Abs. 2, die sozialen Kontakte der Pflegebedürftigen zu stärken, wie z.B. Begleitung bei Spaziergängen oder Pflege von Hobbys. Zudem soll auch eine Tagesstruktur unterstützt oder geschaffen werden. Die häusliche Betreuung kann auch von mehreren Personen im selben Wohnumfeld als gemeinsame Sachleistung in Anspruch genommen werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Pflegeleistungen 2014 (BMG 2014c)

Für PEA erhöhen sich die Leistungen gemäß § 45a SGB XI ab 1.1. 2013 gemäß § 123 Abs. 1 SGB XI übergangsweise. Diese Regelung gilt aber nur bis zum Inkrafttreten eines Gesetzes, welches die Leistungsgewährung aufgrund eines neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs und eines entsprechenden Begutachtungsverfahrens regelt. Mit dieser expliziten Deklaration als Übergangsregelung, möchte der Gesetzgeber vorbeugen, nach einer Neuregelung aufgrund von Vertrauenstatbeständen weiter leisten zu müssen, was nicht mehr geleistet werden soll. In seiner Begründung erklärt der Gesetzgeber, dass die Erhöhung der Leistungen weder des Inhalts noch der Art nach sowie in der Höhe präjudizielle Wirkungen auf die Arbeiten des Expertenbeirats und die künftigen Regelungen im Zusammenhang mit der Einführung eines neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs haben (Reimer 2013, S. 195).

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Details

Seiten
17
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656727019
ISBN (Buch)
9783656727002
Dateigröße
452 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v279630
Institution / Hochschule
Frankfurt University of Applied Sciences, ehem. Fachhochschule Frankfurt am Main
Note
1,0
Schlagworte
Pflegeversicherung Pflege-Neuausrichtungs-Gesetz Eingeschränkte Alltagskompetenz Demenz

Autor

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Titel: Das Pflege-Neuausrichtungs-Gesetz und seine Veränderungen für Personen mit eingeschränkter Alltagskompetenz