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David Arnold: "Colonizing the Body". Die Gesundheitspolitik in Indien und die Pestepidemie 1896 bis 1921

Seminararbeit 2014 19 Seiten

Geschichte - Sonstiges

Leseprobe

Inhalt:

1. Einleitung

2. Die Gesundheitspolitik in Britisch-Indien

3. Hintergrundinformationen über die Pest
3.1. Symptome der Pest
3.2. Theorien zur Übertragung der Pest

4. Die Pestepidemie in Indien
4.1. Ausbreitung der Pest in Indien
4.2. Maßnahmen der Regierung gegen die Pest
4.3. Widerstand der Bevölkerung
4.4. Gerüchte über die europäische Medizin

5. Andere Aspekte des Buches
5.1. Andere Krankheiten
5.2. Theorie der Krankheitsentstehung
5.3. Medizin als Werkzeug des Kolonialismus

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In dieser Arbeit soll das Buch "Colonizing the Body" von David Arnold vorgestellt werden. Dieses Buch ist 1993 erschienen und hat die Gesundheitspolitik in Britisch-Indien zum Thema, die anhand von drei großen Epidemien untersucht wird: Pocken, Cholera und Pest.

Es soll hier zunächst ein kurzer allgemeiner Überblick über die Gesundheitspolitik in Britisch-Indien gegeben werden. Wie hat diese sich im Laufe der Zeit verändert, und durch wen wurde dort die medizinische Versorgung sichergestellt? Gab es Unterschiede in der Behandlung von Indern und Europäern?

Dann soll eine der drei im Buch behandelten Epidemien exemplarisch vorgestellt werden, und zwar die Pestepidemie. Die Pest brach in Indien 1896 aus und war dort bis 1921 weit verbreitet. Noch heute ist die Pest in Indien endemisch und es kommt dort immer noch zu vereinzelten Krankheitsfällen.

Die Maßnahmen der Regierung gegen die Pest sowie die Reaktionen der indischen Bevölkerung darauf sind ebenso Teil dieser Arbeit, wie die damals geltenden Theorien der Krankheitsentstehung.

Auch der Frage, inwiefern sich das Verhalten der medizinischen Fachleute in Indien von dem in Großbritannien unterschied, widmet sich diese Arbeit. Kann man auch die Medizin als Werkzeug des Kolonialismus ansehen?

2. Die Gesundheitspolitik in Britisch-Indien

Schon seit 1600 gab es britische Ärzte in Indien. Diese kamen als Schiffsärzte auf den Schiffen der East India Company ins Land. 1763 wurde der „Bengal Medical Service“ und damit die erste offizielle Vereinigung britischer Ärzte in Indien gegründet. Ähnliche Organisationen entstanden in Bombay und Madras.[1]

Die Verwaltung Indiens unterstand bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts noch der East India Company, also einem Handelsunternehmen. Doch 1857 gab es einen Aufstand der Inder gegen die britische Kolonialregierung, und als Folge davon wurde das Land ab 1858 von der britischen Krone verwaltet.[2]

Ab 1868 wurde nun auch die Gesundheitspolitik in der Kolonie neu organisiert, denn die Kolonialmacht hatte erkannt, dass die Gesundheit der Europäer wegen der räumlichen Nähe nicht getrennt von derjenigen der einheimischen Bevölkerung betrachten werden konnte.[3]

Eine wichtige Rolle spielte hierbei der Indian Medical Service (IMS), dessen Aufgabe es in erster Linie war, die indische Armee medizinisch zu versorgen.[4] Es kamen jedoch auch indische Zivilisten von weit her, um sich von Ärzten des IMS behandeln zu lassen – und das trotz aller Abneigung gegen die britische Armee.[5]

Der IMS beschäftigte von Ende des 18. Jahrhunderts bis 1855 übrigens nur weiße Ärzte. Dann wurde zwar ein Test eingeführt, der auch indischen Bewerbern eine Aufnahme in den IMS ermöglichte, doch innerhalb von 15 Jahren bestanden diesen nur drei Bewerber.[6]

Es gab in Indien Ende des 19. Jahrhunderts nur wenige westliche Ärzte. In Kalkutta beispielsweise waren im Jahr 1900 nur 100 westliche Ärzte zugelassen, obwohl die Stadt zu diesem Zeitpunkt etwa eine Million Einwohner hatte.[7] Zum Vergleich: In Deutschland liegt die Ärztedichte derzeit bei 36 Ärzten auf 10.000 Einwohner.[8] Eine Stadt mit einer Million Einwohnern hätte also etwa 3.600 Ärzte.

Teilweise gingen auch westliche Patienten zu traditionellen indischen Heilern, weil sie der Meinung waren, dass diese mit den in Indien auftretenden Krankheiten besser vertraut waren und daher eher eine entsprechende Therapie anbieten konnten.[9]

3. Hintergrundinformationen über die Pest

3.1. Symptome der Pest

Es gibt drei Erscheinungsformen der Pest mit jeweils unterschiedlichen Symptomen. Dies sind die Beulenpest, die Lungenpest und die Pestsepsis. Alle drei Formen werden von dem gleichen Erreger, Yersinia Pestis, verursacht.

Bei der Beulenpest bilden sich Eiteransammlungen in den Lymphknoten, die beispielsweise in der Leistengegend, in den Achselhöhlen oder am Hals sitzen. Diese Pestbeulen kann man auch auf Abbildungen von Pestkranken aus dem Mittelalter erkennen. Unbehandelt beträgt die Sterblichkeitsrate bei der Beulenpest etwa 50%.[10]

Die Symptome der Lungenpest sind hohes Fieber, Schüttelfrost, Kopfschmerzen und blutiger Husten.[11] Die Lungenpest wird durch ein Einatmen des Erregers übertragen.[12] Das bedeutet, dass hier auch eine Tröpfcheninfektion wie bei der Übertragung von einfachen Erkältungskrankheiten möglich ist.

Bei der Pestsepsis kommt es durch Störungen der Blutgerinnung zu Einblutungen in das umliegende Gewebe. Außerdem entstehen Gefäßverschlüsse in den kleinen Arterien der Finger und Zehen. Dadurch kann es hier zu einem Absterben des Gewebes kommen.[13]

Lungenpest und Pestsepsis verlaufen unbehandelt in nahezu 100% der Fälle tödlich.[14]

Zur Behandlung der Pest sind Antibiotika wirksam, beispielsweise Streptomycin,[15] das 1944 erstmals aus den entsprechenden Schimmelpilzkulturen gewonnen werden konnte.[16]

Seit 1938 behandelte man die Pest bereits mit Sulfonamiden, wodurch die Sterblichkeit von etwa 50% auf 10% sank.[17] Zur Zeit der Pestepidemie im Indien der britischen Kolonialzeit war eine wirksame Behandlung aber noch nicht verfügbar.

3.2. Theorien zur Übertragung der Pest

Die dritte Pestwelle hat sich über die ganze Welt verbreitet, unter anderem auch in die USA und nach Südafrika. In diesen beiden Ländern war man der Meinung, dass die Pest auf bestimmte Bevölkerungsgruppen beschränkt sei. Der genaue Übertragungsweg der Pest war ja noch nicht bekannt, und dass der Rattenfloh hier eine entscheidende Rolle spielt, wurde erst 1908 entdeckt.[18]

In den USA ging man zunächst fälschlich davon aus, dass nur Asiaten die Pest bekommen konnten, denn sie war dort schließlich im chinesischen Viertel ausgebrochen. Mit dieser Begründung untersagte man 1899 in San Francisco asiatischen Passagieren, an Land zu gehen.[19]

Außerdem riegelte man die chinesischen Viertel ab und verbrannte kontaminierte Gegenstände. Eines dieser Feuer geriet außer Kontrolle und zerstörte so im Jahr 1900 das chinesische Viertel von Honolulu komplett.[20]

In Südafrika waren es nicht die Asiaten, sondern die Schwarzen, die man für den Ausbruch der Pest verantwortlich machte. Man siedelte sie daher in besonderen Wohnvierteln an.[21] Die Pest war hier also ein Vorwand, um die Rassentrennung zu rechtfertigen, die sich ja später zur Apartheid weiterentwickelte und bis 1996 Bestand hatte.

Man glaubte in Indien zunächst daran, dass „attacks by environmental pollutants“ für die Pest verantwortlich seien. Es waren also die Überbelegung des Wohnraumes mit zu vielen Menschen, die Armut und der Schmutz dort, die zu einem Ausbruch der Pest führten. An dieser Theorie änderte auch die Entdeckung des Erregers nichts, denn dieser Erreger stellte nur die Erklärung dafür dar, warum der Schmutz schädlich war.[22]

Der Gedanke, dass die Umgebung einen Einfluss auf die Gesundheit hatte, lässt sich bis zu Hippokrates zurückverfolgen, wurde im 18. Jahrhundert von Montesquieu wieder aufgegriffen und kommt auch im indischen Ayurveda vor.[23]

4. Die Pestepidemie in Indien

4.1. Ausbreitung der Pest in Indien

In Nordindien hatte es bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts einzelne Fälle von Pest gegeben.[24] Die eigentliche Pestepidemie begann dann 1896 in Bombay und dauerte bis 1921 an,[25] wobei es in Indien jedoch bis heute vereinzelte Fälle von Pest gibt.[26] Von Bombay aus verbreitete sich die Krankheit zunächst in andere große Städte wie Pune, Karachi und Kalkutta. Innerhalb von zwei bis drei Jahren erreichte sie dann auch Kleinstädte und schließlich ländliche Gebiete.[27]

Die Weltgesundheitsorganisation wurde zwar erst 1948 gegründet, aber es gab auch im 19. Jahrhundert schon Reaktionen aus dem Ausland auf diese Pestepidemie in Indien. Und zwar fanden ab 1851 in unregelmäßigen Abständen internationale Gesundheitskonferenzen statt.[28] Auf der Gesundheitskonferenz in Venedig wurde nun im Frühjahr 1897 aufgrund der Pestepidemie dort zu einem Boykott indischer Waren aufgerufen.[29]

Die indische Kolonialregierung sah sich also zu einem schnellen Handeln gezwungen, um diese Krankheit, die nun den Handel mit dem Ausland gefährdete, wieder unter Kontrolle zu bringen.[30]

4.2. Maßnahmen der Regierung gegen die Pest

Zunächst einmal wurde die Stadt im Auftrag der Behörden gründlich gesäubert. Die Kanalisation wurde mit Meerwasser gespült oder mit Karbolsäure desinfiziert.[31] (Karbolsäure, auch Phenol genannt, war das erste verfügbare Desinfektionsmittel. Ab 1865 wurde es auch zur Hautdesinfektion bei chirurgischen Eingriffen eingesetzt, obwohl es zu Hautirritationen führte.[32] )

Der Beauftragte der Gemeinde, der municipal commissioner von Bombay, hatte außerdem ab dem 6.10.1896 das Recht, Patienten bei einem Verdacht auf Pest in ein Krankenhaus zwangseinweisen zu lassen.[33] Die Patienten durften dort keinen Besuch ihrer Angehörigen erhalten:

The relatives of the sick man find it extremely difficult even to send word to him, not to speak of approaching him and assuaging his distress by loving attendance and affectionate words.[34]

Außerdem wurde keine Rücksicht auf religiöse Faktoren oder auf die Kastenzugehörigkeit genommen.[35] Daher gab es gegen diese Zwangs-einweisungen entschiedenen Widerstand von Seiten der Bevölkerung. So griffen im Oktober 1896 etwa 1.000 Fabrikarbeiter das Arthur Road Infectious Diseases Hospital an, da dort eine Frau unter Pestverdacht eingeliefert worden war.[36] Auch an anderen Orten kam es zu Aufständen gegen die Maßnahmen der Regierung zur Eindämmung der Pest.[37]

Einige Inder sahen die Pest als Strafe Gottes an und waren deswegen der Meinung, dass ein Krankenhausaufenthalt unnötig oder sogar schädlich sei. Anderen gefiel es nicht, dass „ihre“ Frauen nach der Zwangseinweisung in ein Krankenhaus auch mit männlichen Angestellten in Kontakt kamen:

How could a husband be expected to tolerate the sight of his wife's hand being in the hand of another man?[38]

Am 4.2.1897 wurde „An Act to Provide for the Better Prevention of the Spread of Dangerous Epidemic Disease“ verabschiedet. Diese Regelung hatte in ganz Indien Gültigkeit und erlaubte es, Reisende zu untersuchen, sowie den Besitz von Pestkranken und deren Häuser zu desinfizieren oder zu zerstören. In Slums wurden tatsächlich mehrere hundert Häuser abgerissen.[39] Diese Maßnahmen wurden also vor allem für diejenigen Bevölkerungsschichten zu einem Problem, deren finanzielle Situation es nicht erlaubte, den zerstörten Besitz zu ersetzen.

Die Kontrollen an den Reisenden, die ja auch vorgesehen waren, liefen so ab, dass alle Passagiere einen Zug verlassen und sich in zwei Reihen aufstellen mussten - eine für Männer und eine für Frauen. Dann wurden diese Reisenden medizinisch untersucht, wobei man zu Beginn nicht einmal einen Wandschirm verwendete. Darüber hinaus wurden anfangs auch die Frauen von männlichen Ärzten untersucht.[40]

[...]


[1] Mark Harrison: Public Health in British India. Cambridge, 1994, S. 7.

[2] Harrison: Public Health in British India, S. 8/9.

[3] Harrison: Public Health in British India, S. 9.

[4] Donald McDonald: „The Indian Medical Service. A Short Account of its Achievements 1600 - 1947“, in: Proceedings of the Royal Society of Medicine, Vol. 49, S. 16.

[5] McDonald, S. 17.

[6] Deepak Kumar, Raj Sekhar Basu (Hrsg.): Medical Encounters in British India. Oxford, 2013,
S. 127-130.

[7] David Arnold: Colonizing the Body – State Medicine and Epidemic Disease in Nineteenth-Century India. Berkeley, Los Angeles, London, 1993, S. 3.

[8] https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/LaenderRegionen/Internationales/Thema/Tabellen/
Basistabelle_Aerzte.html (14.03.2014)

[9] Arnold: Colonizing the Body, S. 11.

[10] Thomas Jelinek: Kursbuch Reisemedizin – Beratung, Prophylaxe, Reisen mit Erkrankungen. Stuttgart, 2012, S. 149-151.

[11] Jelinek: Kursbuch Reisemedizin, S. 149-151.

[12] http://www.upmchealthsecurity.org/ (07.03.2014)

[13] Stephan Riesenberg: „Pest als bakterielle Krankheit des Menschen,” Stephan Riesenberg, Online im Internet unter http://www.yersiniapestis.info/krankheit.html (07.03.2014)

[14] http://www.upmchealthsecurity.org/ (07.03.2014)

[15] Jelinek: Kursbuch Reisemedizin, S. 151.

[16] Dr. Richard Brunner: „Die Entwicklungsgeschichte der Antibiotika“, S. 118. Vortrag vom 20.04.1966. Online im Internet unter: Landesmuseum.at (07.03.2014).

[17] J. N. Hays: Epidemics and Pandemics – Their Impact on Human History. Santa Barbara, Denver, Oxford, 2005, S. 342.

[18] Arnold: Colonizing the Body, S. 210.

[19] Hays: Epidemics and Pandemics, S. 339.

[20] Hays: Epidemics and Pandemics, S. 339.

[21] Hays: Epidemics and Pandemics, S. 341.

[22] Hays: Epidemics and Pandemics, S. 336.

[23] Arnold: Colonizing the Body, S. 29.

[24] Arnold: Colonizing the Body, S. 205/206.

[25] Arnold: Colonizing the Body, S. 200/201.

[26] Hays: Epidemics and Pandemics, S. 343.

[27] Arnold: Colonizing the Body, S. 200/201.

[28] http://ocp.hul.harvard.edu/contagion/sanitaryconferences.html (19.03.2014)

[29] Arnold: Colonizing the Body, S. 205.

[30] Arnold: Colonizing the Body, S. 205.

[31] Arnold: Colonizing the Body, S. 204.

[32] http://www.britannica.com/EBchecked/topic/455507/phenol (14.03.2014)

[33] Arnold: Colonizing the Body, S. 203.

[34] Mahratta, 21.11.1897, zitiert nach Arnold: Colonizing the Body, S. 213.

[35] Arnold: Colonizing the Body, S. 213.

[36] Arnold: Colonizing the Body, S. 214.

[37] Arnold: Colonizing the Body, S. 230.

[38] Gatacre 1897, 14, zitiert nach Arnold: Colonizing the Body, S. 214.

[39] Arnold: Colonizing the Body, S. 204.

[40] Arnold: Colonizing the Body, S. 215.

Details

Seiten
19
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656732402
ISBN (Buch)
9783656741435
Dateigröße
403 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v279438
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf – Institut für Medizingeschichte
Note
1,7
Schlagworte
arnold indien Pest plague Epidemie Gesundheit Medizin Kolonie Kolonialismus Krankenhaus

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