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Otto Brunners Konzept des „Ganzen Hauses“ und die Wirtschaft der Frühen Neuzeit

Hausarbeit 2011 15 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

I. Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Hauptteil
1 Die Person Otto Brunner
2 Die Bedeutung von Wilhelm-Heinrich Riehl
3 Das Konzept des „Ganzen Hauses“ im Überblick
a) Herkunft und Merkmale vom „Ganzen Haus“
b) Wirtschaftseinheit und die Personen im „Ganzen Haus“
c) Begriff der Subsistenz bzw. „Selbstversorgung“
d) Entwicklung vom „Ganzen Haus“ zur bürgerlichen Familie“
e) Kritik am Konzept des „Ganzen Hauses“

Fazit/Schluss

Literaturverzeichnis

Einleitung

„Die Ökonomik als Lehre vom Oikos umfasst eben die Gesamtheit der menschlichen Beziehungen und Tätigkeiten im Hause, das Verhältnis von Mann und Frau, Eltern und Kindern, Hausherrn und Gesinde (Sklaven) und die Erfüllung der in Haus- und Landwirtschaft gestellten Aufgaben. […] Die alteuropäische Ökonomik ist die Lehre von der „Wirtschaft“ im bäuerlichen Sinn, vom ,ganzen Haus“[1].

Wenn man die soziale Organisation und den Begriff der „Familie“ in der Frühen Neuzeit näher betrachtet, begegnet man unweigerlich dem Historiker Otto Brunner und seinem Forschungskonzept des „Ganzen Hauses“, das in dieser Form erstmals 1956 in seiner Aufsatzsammlung „Neue Wege der Verfassungs- und Sozialgeschichte“ Erwähnung findet.

Er versteht unter diesem Begriff einen auf Subsistenzwirtschaft ausgerichteten und auf Produktion, sowie Konsumtion eingestellten Haushalt, bei dem sämtliche „Familienmitglieder“, angefangen von der Hausmutter, über die Kinder bis hin zum Gesinde, unter der patriarchalischen Führung des Hausvaters stehen. Was sich genau hinter dieser Definition des „Ganzen Hauses“ verbirgt, werde ich in den folgenden Kapiteln näher charakterisieren und durchleuchten. Hierbei liegt mein Hauptaugenmerk auf den Merkmalen, der Herkunft dieses historischen Phänomens und vor allem auf die Personen im „Ganzen Haus“. Des Weiteren zähle ich jene Kritikpunkte auf, die das Konzept im Laufe der vergangenen Jahre einstecken musste. Wie im anfänglichen Zitat geschildert, liegt Brunners Schwerpunkt hier auf den landwirtschaftlichen, also bäuerlichen Schichten, wodurch dieses Modell nicht generell auf alle Haushalte zu beziehen ist. Darüber hinaus wird nicht nur der Zeitraum der Frühen Neuzeit behandelt. Die Grundidee des „Ganzen Hauses“, die nicht von ihm selbst, sondern ursprünglich von dem Soziologen Wilhelm-Heinrich Riehl stammt, geht weit bis in die Antike zurück. Welche konkrete Bedeutung Riehl für Otto Brunners Konzept hat, werde ich ebenso beantworten, wie die Frage, was unter dem Begriff der „Subsistenzwirtschaft“ verstanden wird und welche Entwicklung diese Familienform im Laufe der Neuzeit eingeschlagen hat.

Hauptteil

1 Die Person Otto Brunner

Otto Brunner wurde am 21. April 1898 in Mödling bei Wien geboren. Als Sohn eines Bezirkrichters besuchte er in seiner Jugend Gymnasien in Wien-Währing, Iglau und Brünn, ehe er im Ersten Weltkrieg an der italienischen Front kämpfte. Nach Beendigung des Krieges studierte Brunner Geschichte und Geographie am Institut für Österreichische Geschichtsforschung der Universität Wien. Innerhalb seines Studiums studierte er neben Kunstgeschichte, Soziologie und Wirtschaftswissenschaft auch Rechts- und Staatswissenschaft, deren Blickwinkel er in späteren Studien kombinierte. Nachdem er 1922 promoviert und 1923 seine universelle Abschlussarbeit ablegte. Daraufhin ließ er sich zum Archivar am Haus-, Hof- und Staatsarchiv in Wien ausbilden, wo er drei Jahre später verbeamtet wurde. 1929 fand Brunners Habilitation an der Wiener Universität statt, wo er zwei Jahre später zum außerordentlichen Professor für mittelalterliche Geschichte aufstieg. Nach dem Ableben seines Mentors Hans Hirsch, der bis dato der Leiter des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung war, erhielt Brunner 1940 dessen Position, als Folge Brunner nur ein Jahr später zum ordentlichen Professor für mittelalterliche und neuere Geschichte avanciert wurde. Sein 1939 erschienendes, bis dato wohl berühmtestes Werk „Land und Herrschaft“ erhielt in diesem Jahr den Verdun-Preis. Außerdem diente er als Hauptmann der Reserve knapp zwei Jahre im Zweiten Weltkrieg, währenddessen er 1943 der NSDAP beitrat. Aufgrund dessen wurde er in den einstweiligen Ruhestand versetzt. Aufgrund seines 1949 erschienen Werkes „Adeliges Landleben und europäischer Geist. Leben und Werk Wolf Helmhards von Hohberg 1612 – 1688“ wurde er fünf Jahre darauf nach Hamburg berufen, wo es 1968 zu seiner Emeritierung kam. In den Folgejahren war er als Herausgeber vieler Sozial- und Wirtschaftsgeschichtshefte tätig. Am 12. Juni 1982 starb Otto Brunner in Hamburg und wurde somit 84 Jahre alt.[2]

Durch Brunners nationalsozialistische Vergangenheit sind seine Werke bis zum heutigen Zeitpunkt nicht unumstritten. Sein offen demonstriertes Wohlwollen für den Nationalsozialismus, wie auch für das Dritte Reich, werden bis heute kontrovers diskutiert. Außerdem gilt er bei vielen Kritikern als Vertreter einer Ideologie völkischer Prägung und stand unter dem Vorwurf, schon Festgestelltes zu adaptieren, einen anderen Titel zu geben und es schließlich als wissenschaftliche Neuerung darzustellen, was speziell für sein Konzept des „Ganzen Hauses“ galt. Diese Studie über „das ,Ganze Haus’ und die alteuropäische Ökonomik“ wurde von Brunner im Jahre 1956 unter dem Titel „Neue Wege der Verfassungs- und Sozialgeschichte“ publiziert und gilt als meistzitierter Aufsatz aus dieser Sammlung.[3]

Dieses Konzept stammt, wie Brunner selbst mehrfach in diesem Aufsatz betont, jedoch nicht von ihm selbst, sondern von dem Soziologen Wilhelm-Heinrich Riehl, der diesen in seiner Studie „Die Familie“ erstmals entwickelt hatte.

Dennoch genießt Otto Brunner mit diesem Modell in der Soziologie und Wirtschaftswissenschaft hohe Anerkennung. Wie Claudia Opitz in ihrem Aufsatz „Neue Wege der Sozialgeschichte? – Ein kritischer Blick auf Otto Brunners Konzept des „Ganzen Hauses“ schreibt, ist es schließlich Brunner, der mit diesem Modell die „enge Verbindung von Familien- bzw. Hauswirtschaft und Gesamtwirtschaft, von Privatsphäre und Öffentlichkeit aufgezeigt und damit der modernen historischen Familienforschung einen Weg aus ihrer bis dahin allzu dynastie- und personengeschichtlichen Orientierung weist“.[4]

2 Die Bedeutung von Wilhelm-Heinrich Riehl

Der am 6. Mai 1823 in Biebrich geborene Kulturhistoriker Wilhelm Heinrich Riehl gilt als wissenschaftlicher Begründer der Volkskunde und des Konzepts des „Ganzen Hauses“.

Riehls wohl berühmtestes Werk ist die „Naturgeschichte des deutschen Volkes als Grundlage einer deutschen Socialpolitik“, welches in vier Bänden unterteilt ist. Es erlebte mehrere Neuauflagen und wurde zu einem viel gelesenen Werk im Bildungsbürgertum der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der dritte Band, „Die Familie“ erschien 1854, in jenem Riehl die „Familie“ als Basis für alle sozialen Entwicklungen und als Keimzelle der Gesellschaft untersucht, sowie deutet. Riehl vertritt damit die enge Verknüpfung von Sozialwissenschaft und Sozialpolitik. Die Familie nimmt als Basiseinheit des Gemeinwesens eine zentrale Rolle ein. Zunächst beschreibt er das „Ganze Haus“ als ein Zusammenschluss der „natürlichen Familienmitglieder, freiwilliger Genossen und Mitarbeiter der Familien“. Das „Ganze Haus“ sei, so Riehl, sozialromantisch strukturiert: Der Hausvater übt strenge, patriarchalische Herrschaft und Strafgewalt über die Hausangestellten aus, die sich durch ein Versorgungs- sowie Arbeitsverhältnis lebenslang an das „Ganze Haus“ binden. Im Gegenzug erhalten diese vom Hausvater Schutz und Haftung.[5] Die verschiedenen Gruppen des Hauses sind sowohl durch das Lohnverhältnis, als auch durch religiös legitimierte patriarchalische Strukturen verbunden.[6] Zudem ist das „Ganze Haus“ neben dieser hierarchischen Struktur durch eine interne Solidarität, sowie eine klare Arbeits- und Rollenverteilung geprägt.[7]

Riehl selber

kritisiert jedoch gleichzeitig in seinem Modell die Verstädterung in der Zeit der Industrialisierung, durch die der Hausvater immer weniger Funktionen, Rechte und Pflichten zugeteilt werden, und den damit verbundenen Verlust seiner patriarchalischen Herrschaft, der für den Zerfall des „Ganzen Hauses“, also für die Zerstörung der „Familie“ verantwortlich sei.[8] Dieses Konzept des „Ganzen Hauses“ dient als ein Leitbild, bei dem Riehl, aufgrund der mit der Industrialisierung zusammenhängenden, sozialen Umbrüche, überkommene und idealisierte Wertsysteme zu erhalten versucht. Bei diesem Modell handelt es sich jedoch, wie fälschlicherweise häufig angenommen, nicht um die realen Begebenheiten, sondern um die Idealvorstellungen Riehls. Aber auch diese mussten bereits Kritik einstecken, da seine Ideen als antimodernistisch angesehen werden. Dies ist bspw. an der Untergeordneten Rolle der Frau oder an den antidemokratischen Grundsätzen festzustellen.[9] Auch wenn seine Vorstellungen in der Wissenschaft somit äußerst kritisch gesehen wurden, waren diese für die Entwicklung der sozialen und auch kulturellen Geschichte Deutschlands entscheidend. Er galt somit schon früh als wissenschaftlicher Begründer und Pionier der Volkskunde des 19. Jahrhunderts.[10]

[...]


[1] Brunner, Otto: Das „Ganze Haus“ und die alteuropäische „Ökonomik“, In: Neue Wege der Verfassungs- und Sozialgeschichte, Göttlingen 1968, S. 105-107

[2] Conze, Werner: Nachruf Otto Brunner, In: Werner Conze/Hermann Kollenbenz/ Hans Pohl/Wolfgang Zorn (Hrsg.): Vierteljahrschrift für Sozialgeschichte und Wirschaftsgeschichte, Wiesbaden 1982, S. 452f.

[3] Opitz, Claudia: Neue Wege der Sozialgeschichte? – Ein kritischer Blick auf Otto Brunners Konzept des „ganzen Hauses“, In: Geschichte und Gesellschaft Bd. 20, 1994, S. 88

[4] Opitz, S.95

[5] Riehl, Wilhelm Heinrich: Die Familie, In: Die Naturgeschichte des Volkes als Grundlage einer deutschen Social-Politik, Stuttgart 1855, S. 187 f.

[6] Gestrich, Andreas: Geschichte der Familie im 19. und 20. Jahrhundert, In: Enzyklopädie deutscher Geschichte 50, München 1999, S. 6 f.

[7] Riehl, S. 164

[8] Riehl, S. 197 f.

[9] Mitterauer, Michael: Der Mythos von der vorindustriellen Großfamilie, In: Familie und Gesellschaftsstruktur, Materialien zu den sozioökonomischen Bedingungen von Familienformen, Baden-Baden, 1978, S. 129 f.

[10] Gestrich, S. 5 f.

Details

Seiten
15
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656720812
ISBN (Buch)
9783656722403
Dateigröße
424 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v279404
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Historisches Institut
Note
3,0
Schlagworte
Otto Brunner Wilhelm-Heinrich Riehl Subsistenz Subsistenzwirtschaft Ganzes Haus Bürgerliche Familie

Autor

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