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Die Erfindung der Brille und ihre Bedeutung für die wirtschaftliche Entwicklung Europas

Hausarbeit 2013 18 Seiten

VWL - Geschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Wirtschaftsordnung im hochmittelalterlichen Europa
2.1 Kaufleute und der Wirtschaftswandel
2.2 Innovation und technischer Fortschritt
2.3 Demographische Entwicklung

3 Die Erfindung der Brille
3.1 Lesesteine als Vorläufer
3.2 Aus Steinen werden geschliffene Gläser
3.3 Der Siegeszug der Brille

4 Wirtschaftliche Auswirkungen
4.1 Inventionsschub
4.2 Verlängerung der Lebensarbeitszeit

5 Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

„Die Schätze von Krösus würden nicht ausgereicht haben, ihm eine Tasse Kaffee und ein Zeitungsblatt zu verschaffen, wenn er alle Operationen, die zu dem Zweck notwendig sind, individuell für sich hätte vornehmen lassen wollen. Ein Armer wird heute für wenige Groschen von mehr Menschen auf allen Teilen der Erde bedient als Krösus, wenn er seine ganze Schatzkammer hätte ausleeren wollen.“[1]

Die Menschheit hat sich seit Krösus Zeit – der Antike – enorm weiterentwickelt. Grundlage für hierfür war zu jeder Zeit auch der ökonomische Fortschritt[2], welcher seinerseits auf Arbeitsteilung und technischem Fortschritt basiert.[3] So gab es immer wieder technische Neuerungen und damit verbundene Umwälzungen in Produktion und Organisation, welche die Lebensbedingungen der Menschen verbesserten und für Bevölkerungswachstum und steigenden Wohlstand sorgten.[4] Eine Vielzahl dieser Innovationen lässt sich im Europa des Mittelalters[5] verorten. So gelten insbesondere die Nutzbarmachung der Wasserkraft, die Erfindung der Brille, die Entwicklung der mechanischen Uhr und schließlich die Erfindung des Buchdrucks als Meilensteine, deren nachhaltige Folgen für die ökonomische Entwicklung in Europa und der ganzen Welt bis heute spürbar sind.[6]

In der vorliegenden Arbeit soll der Frage nachgegangen werden, ob und inwieweit sich die Erfindung der Brille auf die wirtschaftliche Entwicklung Europas ausgewirkt hat. Hierzu wird zunächst die Wirtschafts- und Sozialordnung im hochmittelalterlichen Europa beleuchtet, um dann in diesem Kontext die Erfindungs- und Entwicklungsgeschichte der Brille nachzuzeichnen. Abschließend soll der Versuch unternommen werden, die mittelbaren und unmittelbaren wirtschaftlichen Folgen dieser Erfindung abzuschätzen und zu interpretieren.

Der Arbeit liegen als Quellen insbesondere Werke der Geschichtswissenschaft zugrunde. Für die Recherche wurden die gängigen Onlinedatenbanken und Kataloge[7] verwendet, für die Beschaffung der Literatur, welche online nicht verfügbar war, die Universitätsbibliothek der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt und der Technischen Hochschule Ingolstadt. Für die Verwaltung der Quellen und Zitationen kam die Software Citavi[8] zur Anwendung.

2 Wirtschaftsordnung im hochmittelalterlichen Europa

Die europäische Wirtschaftsordnung des Hochmittelalters[9] kann als solche nicht klar definiert werden. Sie ist, wie die ganze mittelalterliche Wirtschaft, geprägt vom langen Übergang der einen grundlegenden Wirtschaftsordnung zur anderen, nämlich von der antiken zur neuzeitlichen.[10] So ist die Entwicklung der Wirtschaft in dieser Epoche immer im Spannungsfeld zwischen neuen ökonomischen Elementen einerseits und archaischen verfassungsrechtlichen, politischen und mentalen Strukturen andererseits zu betrachten und zu verstehen.[11] Allerdings verortet die moderne Wirtschaftsgeschichtsschreibung in der Zeit zwischen den Jahren 1000 und 1250 grundlegende Änderungen in den Herrschafts- und Wirtschaftsstrukturen des Reiches[12]: Die Entstehung der ausgeprägten und vernetzten Städtelandschaft, grundlegende Umwälzungen im kaufmännischen Betrieb durch Sesshaftwerdung und Verschriftlichung – was in seiner Summe als wirtschaftspolitischer Wendepunkt bezeichnet wird; als Bruch mit den Ordnungen und Abläufen der Antike und des Frühmittelalters.[13] Diese gezogene Epochengrenze gilt als Geburtsstunde der modernen Wirtschaft.[14] Dieser Strukturwandel soll im Folgenden etwas näher beleuchtet werden.

2.1 Kaufleute und der Wirtschaftswandel

Der Handel als Teil des Tertiärsektors (Dienstleistungen)[15] macht im Mittelalter nur einen Bruchteil der Gesamtwirtschaft aus. Dominant ist allerorts die Landwirtschaft (als Teil des Primärsektors, der Urproduktion) – die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung im frühen Mittelalter ist direkt in der Landwirtschaft tätig und auf dem Land ansässig (95%), hat aber zudem kaum politisches Gewicht.[16] Das Gewerbe als Teil des Sekundärsektors, welcher die Verarbeitung der Erzeugnisse der Urproduktion umfasst, lässt sich durch Nennung dreier exemplarischer, großer Brachen dieser Zeit kurz umschreiben: Die Wolltuchherstellung als erste arbeitsteilige Großindustrie des Mittelalters, die Barchentweberei als Beispiel einer bewussten obrigkeitlichen Gewerbepolitik und die Montan- und Metallverarbeitungsindustrie mit hoch-kapitalintensiven industriellen Großanlagen.[17]

Der kaufmännische Handel wandelte sich im Hochmittelalter in mehreren Schritten. Zunächst vollzog sich im 12. Jahrhundert ein Übergang vom Luxusgut- zum Massenguthandel, es prägen sich weitreichendere Wirtschaftsräume (z.B. die Hanse[18] ) aus und machen in der Folge erstmals Güter des täglichen Bedarfs auch fernhandelsfähig (beispielsweise durch die Haltbarmachung von Fisch durch Salz).[19] Im 13. Jahrhundert wurden die Kaufleute sesshaft, d. h. sie begleiteten ihre Ware nicht mehr bis zum Zielort (Wanderhandel), sondern verblieben am Ort ihres Kontors und delegierten die Verbringung der Ware (durch Boten und Gesandte oder fahrende Händler), was eine zunehmende Verschriftlichung des Kaufmannsbetriebes mit sich brachte.[20] Dies gilt als Revolution des kaufmännischen Geschäftslebens, denn auf der Grundlage der Schriftlichkeit wurde der Einsatz von Fremdkapital und Giralgeld ermöglicht.[21] Da der Austausch von Ware und Geld oder selbst der Vertragsabschluss nicht mehr örtlich und zeitlich zusammenfielen, war man darauf angewiesen, Zahlungsversprechungen, Schulden, Vertragsbedingungen und Absprachen schriftlich niederzulegen und zu kommunizieren.[22] Darauf basierend ergab sich eine enorme Steigerung der Umsatzfähigkeit der Kaufleute und ebenso eine Rationalisierung des Kaufmannsberufs durch den neuen Organisationsfaktor Schriftlichkeit.[23]

2.2 Innovation und technischer Fortschritt

Die Organisation und Abwicklung des komplexer gewordenen Handels machte große Fortschritte und wurde zunehmend schriftlich dokumentiert. Wie bereits in der Einleitung erwähnt, verorten wir darüber hinaus in der Periode des Hochmittelalters zahlreiche technische Innovationen und Weiterentwicklungen bereits bestehender Technologien, welche sich ihrerseits ebenso drastisch auf die weitere wirtschaftliche Entwicklung Europas auswirkten wie die zunehmend komplexeren und expandierenden kaufmännischen Handelsstrukturen. Der britische Nationalökonom Adam Smith beschrieb bereits im 18. Jahrhundert,[24] dass Arbeitsteilung und Ausweitung der Märkte einen positiven Einfluss auf die technische Innovation haben.[25] Aber auch die pure Not macht sprichwörtlich erfinderisch: Gab es doch in Europa gerade nach der erheblichen Bevölkerungsdezimierung durch die Pest[26] Innovationsschübe; ausgelöst durch den Mangel an Arbeitskräften[27], da nur bessere Technik und effizientere Nutzung der Produktionsfaktoren die klaffende Lücke schließen konnten.[28]

Neben der Erfindung der Brille, welche im nächsten Kapitel genau beleuchtet werden soll, gelten zwei technische Innovationen und deren Auswirkungen als bahnbrechend: Die Erfindung der mechanischen Uhr und die Erfindung des Buchdrucks.[29] Die mechanische Uhr (auch Räderuhr) taucht erstmals um das Jahr 1300 auf, der genaue Erfindungshergang ist nicht bekannt.[30] Mit mechanischen Uhren wird die Messung und Einteilung der Zeit völlig revolutioniert. Die zuvor gebräuchlichen Instrumente und Mechanismen (Sonnenuhr, Wasseruhr) waren unzuverlässig und ungenau, eine exakte Zeitmessung war damit unmöglich und sogar die Länge der Stunden war nicht ständig gleich, sondern variierte je nach Jahreszeit mit der Länge des Tages. So war es nicht möglich, Produktivität einheitlich und nachweislich zu berechnen, denn die exakte Messung der Zeit ist Voraussetzung bei der ökonomischen Betrachtung der Arbeitsproduktivität.[31] Die Folgen dieser nun exakten Messbarkeit der Zeit und deren öffentliche Darstellung an Turmuhren in den Städten waren einerseits das Entstehen des Uhrmacherhandwerks (welches die Feinmechanik hervorbrachte) und andererseits die enorme Wirkung auf das öffentliche Leben.[32] Eine umfangreiche Standardisierung bestimmter Abläufe wurde möglich, exakte Verabredungen und Fristsetzungen wirkten sich auf das menschliche Handeln in ganz Europa aus. „Die Uhr dient nicht bloß dazu, mit der Zeit Schritt zu halten, sondern auch, die Handlungen von Menschen aufeinander abzustimmen. Die Uhr, nicht die Dampfmaschine ist die Urmaschine des modernen Industriezeitalters.“[33]

Die bereits erwähnte Verschriftlichung des Kaufmannsberufs und das explosionsartige Anwachsen der Stadtbevölkerungen führten zu expansivem Aufkommen an schriftlichen Aufzeichnungen und schriftlicher Kommunikation. Kaufleute waren auf umfangreiche schriftliche Dokumentation und Kommunikation angewiesen, Städte und deren wachsende Verwaltungen ebenso.[34] Somit mussten mit der Zeit immer mehr Menschen Lesen und Schreiben lernen und beherrschen. Geschrieben wurde von Hand, jedes einzelne Dokument war ein Unikat. Die Erfindung des Buchdrucks mit auswechselbaren Lettern und Druckerpresse in der Mitte des 15. Jahrhunderts durch den Mainzer Goldschmied Johannes Gutenberg änderte dies.[35] Der Buchdruck verbreitete sich innerhalb der nächsten 50 Jahre in ganz Europa.[36] Fortan war es möglich, Wissen und Information in hoher Auflage zu reproduzieren und zu verbreiten, was als Grundsteinlegung für die Entwicklung und Entfaltung der modernen Wissensgesellschaft gilt.[37]

2.3 Demographische Entwicklung

Die zahlenmäßige Entwicklung der Bevölkerung und deren Struktur im Hoch- und Spätmittelalter sind äußerst schwer zu beziffern. Genaue Erfassungen der Bevölkerung existierten nicht und so ist die Forschung auf Schätzungen angewiesen. Man geht heute davon aus, dass ab dem 9. Jahrhundert ein merkliches Wachstum der Bevölkerung in Europa einsetzte (Hinweise hierauf sind Vermehrung von Ortsnamen, Pfarrkirchen, Teilung von Bauerngütern und die Ausweitung von Einzelgehöften zu Dörfern).[38] Betrachtet man das Gebiet des Regnum Teutonicum [39], so lebten auf diesem zentraleuropäischem Gebiet um das Jahr 800 etwa 2,5 bis 3 Millionen Menschen, diese Zahl erhöhte sich bis zum 11. Jahrhundert um etwa 1 Million auf ca. 4 Millionen und wuchs bis zum Anfang des 14. Jahrhunderts auf etwa 13 bis 15 Millionen, was der damaligen Wachstumsgrenze entsprach.[40] Zu dieser Zeit ist von einer Übervölkerung Deutschlands zu sprechen, welche erst durch die Pest in der Mitte des 14. Jahrhundert beendet wurde.[41] Die Pest hatte die Bevölkerung nach heutigen Schätzungen um etwa ein Drittel dezimiert. Diese signifikante Reduzierung der Bevölkerung vermochte jedoch das Wachstum bestimmter Wirtschaftszentren, wie beispielsweise des vorindustriellen Handelszentrums Nürnberg, nicht aufzuhalten. Auch gab es keinen Mangel an Arbeitskräften und auch die Preise für Grundnahrungsmittel blieben stabil, was wiederum auf den vor den Pestwellen gegebenen Bevölkerungsüberschuss hinweist. Zuvor war ein Drittel der deutschen Bevölkerung ökonomisch überflüssig.[42]

[...]


[1] Ihering, R., (Zweck 1877), o. S.

[2] Vgl. Landes, D., (Wohlstand 2010), S. 61

[3] Vgl. Smith, A., (Wohlstand der Nationen 2009), S. LII

[4] Vgl. Kondratjew, N., (Konjunktur 1926), S. 23 ff.

[5] Mittelalter ist die Bezeichnung für die Großepoche zwischen der ausgehenden Antike (Spätantike bis ca. 500 a. D.) und der Neuzeit (Frühe Neuzeit, ca. ab 1500 a. D.), somit also für den 1000jährigen Zeitraum zwischen 500 und 1500 a. D., vgl. Fried & Rader, (Welt des Mittelalters 2011), S. 13

[6] Vgl. Landes, D., (Wohlstand 2010), S. 62-76

[7] Beispielsweise: econics, statista, ifz-Opac, Historische Bibliographie Online, Google scholar

[8] Unter Lizensierung der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (Hochschulübersicht unter http://www.citavi.de/de/studierende.html)

[9] Als Hochmittelalter wird die mittlere Epoche (zwischen Frühmittelalter und Spätmittelalter) im Mittelalter bezeichnet, vgl. Fried & Rader (Welt des Mittelalters 2011), S. 12 f.

[10] Vgl. Jenks, S., (Grundlagen 2000), S. 15

[11] ebd.

[12] Heiliges Römisches Reich deutscher Nation

[13] Vgl. Jenks, S., (Grundlagen 2000), S. 31

[14] ebd.

[15] Vgl. Fisher, A. G. B., (Clash 1935), S. 4 f.

[16] Vgl. Jenks, S., (Grundlagen 2000), S. 41

[17] ebd., S. 53

[18] Die Hanse, auch Deutsche Hanse/Hansa teutonica, ist die Vereinigung norddeutscher Kaufleute im Mittelalter, die zunehmend auch politisch an Gewicht gewinnt und in Herausbildung der Hansestädte ihren Höhepunkt findet

[19] Vgl. Jenks, S., (Grundlagen 2000), S. 69

[20] Vgl. Roth, C., (Varietäten 2007), S. 5

[21] Vgl. Jenks, S., (Grundlagen 2000), S. 27 f.

[22] ebd.

[23] ebd.

[24] Vgl. Smith, A., (Wohlstand der Nationen 2009), S. 206 ff.

[25] Vgl Landes, D., (Wohlstand 2010), S. 61

[26] Als Pest oder auch „Schwarzer Tod“ wird eine europäische Pandemie bezeichnet, in deren Folge in den Jahren 1347 bis 1353 etwa ein Drittel der europäischen Bevölkerung (ca. 20-25 Mio. Menschen) umkam, vgl. Bergdolt, K., (Pest 2011), S. 34 ff.

[27] örtlich begrenzt, tatsächlich war insbesondere Deutschland vor den Pestwellen übervölkert und es herrschte somit auch nach der Pest kein ausgeprägter Mangel an Arbeitskräften, vgl. hierzu auch Abschnitt 2.3 Demographische Entwicklung

[28] Vgl. Jenks, S., (Grundlagen 2000), S. 105 f.

[29] Vgl. Landes, D., (Wohlstand 2010), S. 63 ff.

[30] ebd.

[31] Vgl. Wöhe, Günter; Döring, Ulrich (Betriebswirtschaftslehre 2010), S. 38

[32] ebd.

[33] Mumford, L., (Technics 2010), S. 14

[34] Vgl. Jenks, S., (Grundlagen 2000), S. 27 f.

[35] Vgl Landes, D., (Wohlstand 2010), S. 68

[36] ebd.

[37] Vgl. Bechmann, S., (Medienkultur Mittelalter 2009), S. 1

[38] Vgl. Jenks, S., (Grundlagen 2000), S. 35.

[39] Seit dem 11./12. Jahrhundert belegte (amtliche) lateinische Bezeichnung für das werdende Heilige Römische Reich, das als »Reich der Deutschen« (deutsches Regnum) aus dem Ostfränkischen Reich hervorgegangen ist. Vgl. Seibt, F., (Glanz und Elend 1999), S. 239

[40] Vgl. Jenks, S., (Grundlagen 2000), S. 36

[41] ebd., S. 37

[42] ebd., S. 38

Details

Seiten
18
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656725190
ISBN (Buch)
9783656725183
Dateigröße
487 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v279359
Institution / Hochschule
Private Fachhochschule Göttingen
Note
2,7
Schlagworte
erfindung brille bedeutung entwicklung europas

Autor

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