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Die Schöpfung im Prolog des Johannes-Evangeliums

Seminararbeit 2010 4 Seiten

Theologie - Biblische Theologie

Leseprobe

Die Bedeutung des Prologs im Hinblick auf das ganze Buch

Der Prolog stellt im Johannesevangelium den Anfang dar. In seiner Struktur und auch im Inhalt hebt er sich aber deutlich vom Rest des Buches ab. Dies wirft die Frage auf, in welchem Verhältnis der Prolog und das Evangelium zueinander stehen. Es ist äußerst wichtig, dies zu bedenken, da sich danach das Verständnis des gesamten Buches entscheidet. Die Interpretationen gehen dabei aber sehr auseinander.

W. Heitmüller sieht im Prolog eine Art Ouvertüre. Er stelle demzufolge einen Auftakt dar, in dem der Tenor des Buches sowie wesentliche inhaltliche Elemente schon aufgegriffen werden.1 A. v. Harnack hingegen meint, dass er eine Vorbereitung für den hellenistischen Leser auf das Folgende darstelle.2 Andere Meinungen gehen ähnlich wie Heitmüller davon aus, dass der Prolog bereits die Quintessenz des gesamten Textes enthalte.3 Für Schnelle erfüllt der Prolog die Funktion eines programmatischen Eröffnungstextes, der vor allem eine Lektüreanweisung darstellt.4 Auch Wengst vertritt die Auffassung, dass es sich beim Prolog eher um eine Einführung und auch Hilfestellung handelt.5 Theißen erklärt zudem, dass er schon den grundsätzlichen Erkenntnisgewinn des Evangeliums vorausnimmt.6 Es gibt aber auch eher abweichende Meinungen, nach denen der Prolog eine spätere Hinzufügung zum Evangelium ist und nicht das Zentrum der johanneischen Theologie darstellt.7 Wilckens führt an, dass ein Verständnis des Prologs nur dann möglich ist, wenn man zugleich das Gebet (Joh. 17, 1-26) betrachtet. Beide ergäben zusammen ein Gesamtbild. Der Prolog erzähle von der Herkunft und somit der Autorität Jesu und das Gebet von der Zukunft, die in der Wiedervereinigung mit Gott liegt.8 So stellen beide Teile den Weg von Gott zu Gott dar.

Daraus ergibt sich Wilckens Verständnis, dass der Prolog eine „Eröffnung des Weges der göttlichen Sendung Jesu“9 sei. Weiterhin vergleicht Wilckens in seinem Handkommentar den Prolog auch mit anderen neutestamentlichen Hymnen also Lobgesängen, da die Konzeptionen vergleichbar seien.10 Demzufolge sei der Prolog seiner Auffassung nach eine anfängliche Lobpreisung des Herrn und Jesu, was möglicherweise dazu dient, den Leser auf das Evangelium und dessen Theologie einzustimmen.

Obwohl es sehr verschiedene Interpretationen zu Bedeutung des Prologs gibt, sind sich doch alle einig, dass es sich um einen der bedeutendsten Texte des Johannesevangeliums oder sogar des gesamten Neuen Testaments handelt. Er beginnt beim Ursprung des kosmos und deshalb möchte ich mich im Folgenden weiter mit der Bedeutung der Schöpfung im Prolog auseinandersetzen.

Die Schöpfung im Prolog des Johannesevangeliums

Der Prolog berichtet, dass im Anfang lediglich Gott und der logos waren. Es wird an keiner Stelle gesagt, dass Gott das Wort geschaffen hat und so wird die Bedeutung des Wortes betont, das quasi gleichartig und gleichwirksam bei Gott verweilt. Das zeigt auch deutlich, dass Gott und das Wort eine enge Beziehung zueinander haben.11 Im Schöpfungsbericht des Alten Testament (Gen. 1,1-2,4) erschafft Gott die Welt auch auf magische Weise nur mit Hilfe des Wortes. Daran zeigt sich auch in diesem älteren Bericht, dass das Wort nicht einfach nur ein Wort ist, sondern etwas Magisches besitzt. Auch Joh. 1,3 betont, dass allein das Wort, welches bei Gott war, alles erschaffen hat. Gleichzeitig bezieht es sich aber auch auf die Mittlerrolle, die das Wort innehat.12 In Joh. 1,4 schließt sich nun die Erschaffung des Lebendigen an. Im zweiten Schöpfungsbericht bläst Gott dem Menschen den Lebensatem ein und erweckt sie so zum Leben (Gen. 2, 7). Das Leben des Menschen ist also sozusagen aus dem Leben Gottes entstanden. Auch Johannes schreibt, dass in Gott das Leben war. So ergibt sich eine doppelte Verbindung zwischen Gott und den Menschen, da zunächst das Wort den Menschen geschaffen hat und im zweiten Bericht Gott dem Menschen den Lebensatem spendet. Auch Joh. 1,4 nimmt Bezug auf einen Teil der alttestamentlichen Schöpfung. So war das Leben zunächst Licht. Die Vergangenheitsform zeigt hier, dass sich dieser Zustand geändert hat. Im Bericht vom Garten Eden leben die Menschen anfangs in einer guten Beziehung zu Gott und haben Zugang zu ihm, bis sie vom Baum der Erkenntnis essen und Gott sie verbannt. Licht und Finsternis sind im Prolog Metaphern. So leben die Menschen am Anfang im Licht Gottes, bis sie verbannt werden. Anschließend erscheint die Finsternis. Doch sie kann das Licht nicht ganz vertreiben und so tragen die Menschen das Licht13 weiterhin in sich (Joh. 1,5). Diese Interpretation erteilt der Gnosis eine Absage, da diese davon ausgeht, dass von Anfang an ein Dualismus bestand. In Gen. 1,1 herrscht im Anfang auch Finsternis. Wenn man das Licht nun weiterhin metaphorisch betrachtet, könnte es sein, dass Gott als Licht in der Finsternis bereits geleuchtet hat. Diese Interpretation wäre mit der Gnosis vereinbar, erscheint aber unschlüssiger als die Vorherige. Joh. 1,10 wird zumeist in Hinblick auf den Gottessohn gedeutet. Er stellt das Licht dar, was die Menschen nicht erkannten. Es ist aber durchaus möglich, diesen Vers auch auf den Sündenfall zu beziehen. Die Menschen haben trotz der Nähe zu Gott dessen Licht nicht erkannt und gegen seine Regeln verstoßen. Ähnliches passiert dem Gottessohn. Auf diese Weise stellt es eine Wiederholung der Geschichte dar, die im Paradies begann und sich später fortsetzt. In den folgenden Versen des Prologs schließen sich weitere Bezüge zu der alttestamentlichen Geschichte Israels an.14

Die Bedeutung der Schöpfung im Prolog des Johannesevangeliums

Der Prolog ist äußerst bedeutsam für das Verständnis des gesamten Evangeliums. Der Bezug auf die alttestamentliche Schöpfung dient in diesem Sinne verschiedenen Zwecken. Zunächst dient sie als Legitimation des Gottessohnes. Er ist der Hauptakteur des Evangeliums und er stellt die zentrale Theologie vor. Der Leser soll ihm natürlich glauben. Dafür ist es zunächst wichtig, ihn zu autorisieren. Dies geschieht sehr strukturiert aus der Schöpfung heraus. Jesus ist das Licht der Menschen, welches schon immer existierte und nun zu Fleisch wird. Es zeigt quasi den Weg des logos in die Welt,15 der das Heil und die Gnade den Menschen bringen wird.16 Der Prolog fordert den Leser auf, dem Wort gut zu lauschen, da es die ewige Weisheit und somit auch die Weisheit des Anfangs im Paradies in sich trägt. Es stärkt zudem Jesus Position gegenüber den anderen alttestamentlichen Personen. Nur Gott und somit auch sein Sohn haben Anteil an der ewigen Weisheit von Anfang an. Dies hatten Personen wie Mose nicht, da sie die Wahrheit nur offenbart bekommen haben und nicht Teil davon sind. Die Legitimation des Gottessohnes ist wohl der wichtigste Grund für den Aufgriff der Schöpfung im Prolog, aber dennoch lassen sich noch andere Gründe finden.

Das Evangelium nach Johannes stellt das letzte der vier neutestamentlichen Evangelien dar. Vermutlich kannte er die anderen Texte. Alle Evangelien beginnen mit einer Legitimation des Gottessohnes. Matthäus begründet diese in der Stammfolge, die er beim Stammvater Abraham beginnt. Markus und Lukas ziehen sie jeweils aus Johannes dem Täufer, der den Gottessohn erkennen wird.17 Mit der Legitimation aus der Schöpfung heraus übertrumpft Johannes alle anderen Evangelien und bietet die unschlagbare Legitimation.18

Weiterhin ist die johanneische Schule wahrscheinlich von der griechischen Philosophie beeinflusst worden. Dies zeigt der Aufgriff des logos-Begriffs.19 Mit der Verbindung des Logos und der Schöpfung schafft er es also gleichzeitig zwei verschiedene Kulturräume zu verbinden. Vor allem die hellenistischen Juden wurden wahrscheinlich von diesem Eingang in das Evangelium stark angesprochen.

Daraus folgt, dass der Prolog nicht nur dem Erschließen des Inhalts durch die Legitimation Jesu dient, sondern vielmehr auch deshalb den logos in Verbindung mit der Schöpfung aufgreift, um einen möglichst großen Leserkreis anzusprechen.

[...]


1 Schnelle (1998): Theologischer Handkommentar zum Neuen Testament: Das Evangelium nach Johannes. S. 35.

2 Schnelle (1998): Theologischer Handkommentar zum Neuen Testament: Das Evangelium nach Johannes. S. 35.; Tatsächlich greift der Prolog die alttestamentliche Schöpfung auf. Dies ist wahrscheinlich der Punkt, an dem die hellenistischen Juden leicht anknüpfen konnten und somit auch den Einstieg des hellenistischen Lesers in das Evangelium erleichterten.

3 Schnelle (1998): Theologischer Handkommentar zum Neuen Testament: Das Evangelium nach Johannes. S. 35.; Quintessenz bezieht sich in diesem Zusammenhang wahrscheinlich weniger auf den Inhalt als auf die johanneische Theologie.

4 Schnelle (1998): Theologischer Handkommentar zum Neuen Testament: Das Evangelium nach Johannes. S. 11.

5 Wengst (1993): Das Johannesevangelium. S. 34.; Während Schnelle vor allem hervorhebt, dass es sich um einen Text handle, der dem besseren Verständnis diene, sieht Wengst im Prolog vor allem Hinweise, aus welcher Perspektive er gelesen werden soll.

6 Theißen (2008): Die Religion der ersten Christen: Eine Theorie des Urchristentums. S. 340.; Hier ist der Erkenntnisgewinn vom Unverständnis hin zum Verständnis gemeint.

7 Schnelle (1998): Theologischer Handkommentar zum Neuen Testament: Das Evangelium nach Johannes. S. 35.; siehe z.B. M. Theobald: Evang. habe ursprünglich mit Einsetzung des Täufers begonnen und sei erst später erweitert worden.

8 Wilckens (2000): Das Evangelium nach Johannes. S. 20f.; Der Prolog erzählt von der Herkunft und dem Heilswirken Jesu, der dann weiterhin im ersten Teil des Buches beschrieben wird. Das Gebet hingegen knüpfe daran an, indem es vom Abschied Jesu berichtet. Es bereitet somit auf den folgenden zweiten Teil des Buches vor.

9 Wilckens (2000): Das Evangelium nach Johannes. S. 21.

10 Wilckens (2000): Das Evangelium nach Johannes. S. 21.; Als vergleichbaren Hymnus sieht er beispielsweise den Philipperbrief 2,6-11 (V. 5 könnte auch noch dazu gezählt werden),

11 Schnelle (1998): Theologischer Handkommentar zum Neuen Testament: Das Evangelium nach Johannes. S. 38.

12 Schnelle (1998): Theologischer Handkommentar zum Neuen Testament: Das Evangelium nach Johannes. S. 41.; πɳντα betont Mittlerrolle sowohl zwischen Gott und den Menschen, aber auch zwischen der Schöpfung insgesamt. Wilckens betont weiterhin, dass das Wort auch in der Anfangsphase der Menschheitsgeschichte (Noah, Israel usw.) immer wirksam war.

13 Vielleicht zu bezeichnen als den göttlichen Funken, der sich im Menschen verbirgt.

14 Wilckens: Joh. 1, 10 Bund mit Noah, Joh. 1,11 Bund mit Israel.

15 Schnelle (1998): Theologischer Handkommentar zum Neuen Testament: Das Evangelium nach Johannes. S. 55.

16 Wilckens (2000): Das Evangelium nach Johannes. S. 26.

17 Markus 1,1-13. Johannes erkennt den Gottessohn; Lukas: Zunächst wird Zacharias die Geburt Johannes verkündet, der den Gottessohn erkennen wird.

18 Schnelle (1998): Theologischer Handkommentar zum Neuen Testament: Das Evangelium nach Johannes. S. 36.

19 Schnelle (1998): Theologischer Handkommentar zum Neuen Testament: Das Evangelium nach Johannes. S. 36.͖ „Ein Logos ist (in der griechischen Philosophie) das was klar macht, was etwas war oder ist.“

Details

Seiten
4
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656720959
ISBN (Buch)
9783656723110
Dateigröße
522 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v279284
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Institut für Lebensgestaltung - Ethik - Religionskunde
Note
1,0
Schlagworte
schöpfung prolog johannes-evangeliums

Autor

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